Kino Hilflos im Kosovo
Der neue deutsche Soldatenfilm muss noch viel lernen: Rudolf Schweigers "Mörderischer Frieden".
Pazifisten werden eine saure Miene machen. So skeptisch die Haltung dieses Films zum deutschen Kosovoeinsatz im Besonderen ist, so gutmütig ist sein Verhältnis zur Bundeswehr im Allgemeinen. Rudolf Schweigers Mörderischer Frieden, der im Sommer 1999 bei den deutschen KFor-Truppen im Kosovo spielt, zeigt eine fast zärtliche Sympathie für die jungen Soldaten, die sich allerdings im Volksgruppenkonflikt zwischen Serben und Albanern gefährlich verirren.
Aber auch die Bundeswehr, die das Filmprojekt anfangs mit Schwung, dann mit schwindendem Engagement unterstützte, hätte Gründe genug, sich zu distanzieren: Denn den Einstieg in die Verirrungen bildet, vorsichtig gesagt, ein recht unprofessionelles Verhalten der Soldaten Tom (Adrian Topol) und Charly (Max Riemelt). Man könnte auch von schweren Disziplinmängeln sprechen. Gegen alle gebotene Vorsicht und militärischen Befehle versucht Charly ein serbisches Mädchen (Susanne Bormann) zu retten, das von einem albanischen Heckenschützen angeschossen wurde. Wenig später stellt Tom den Heckenschützen, ein halbes Kind noch, und inhaftiert ihn im deutschen Stützpunkt. Und damit nicht genug: Die beiden Helden auf eigene Rechnung verlieben sich umgehend in die schöne Serbenbraut.
Mit anderen Worten: Die vorgeschriebene Neutralität der KFor-Truppen ist innerhalb von Minuten perdu. Sie haben im Konflikt eindeutig Stellung genommen. Jedoch schwant den deutschen Heißspornen bald, dass Gut und Böse nicht so einfach verteilt sind: Das Mädchen ist die Tochter eines serbischen Kriegsverbrechers (Peter Bongartz), auf dessen Befehl die Familie des kleinen Albaners ermordet wurde. Die Handlung, auch wenn ihre Ingredienzien von Liebe, Verrat und Heldenmut den trivialen Gesetzen der Kolportage gehorchen, hat mit einem Ruck den ganzen Schwindel der militärischen Friedensmission auffliegen lassen: es gibt keine Neutralität in dem Volksgruppenhass; es sei denn, man wollte den gegenseitigen Mordaktionen unbeteiligt zuschauen. Jedes Eingreifen zum Schutz der einen Seite befördert die teuflischen Pläne der anderen Seite.
Selten hat ein Film, der sich geradezu treuherzig auf die Gesetze der Kinounterhaltung verlässt, eine dermaßen brisante politisch-pädagogische Wirkung entfaltet. Alle Fragen, über die deutsche Politiker nicht reden wollen (und wahrscheinlich wieder nicht reden werden, wenn es im Dezember um Ende oder Verlängerung des Friedensmandats geht), werden von Rudolf Schweiger treuherzig zur Sprache gebracht: welche pazifizierende Wirkung Truppen haben können, die nicht schießen dürfen; ob deren Neutralität am Ende nur im Wegschauen bestehen kann, weil jedes Eingreifen im konkreten Fall parteilich sein wird; wie glaubwürdig schließlich überhaupt die Unparteilichkeit deutscher Truppen sein kann, die im Ersten wie im Zweiten Weltkrieg gegen Serben kämpften.
Es ist eine bezeichnende, geradezu ebenfalls pädagogische Schwäche des Films, dass er die historische Perspektive der Weltkriege, die auf dem Balkan noch immer herrscht, kaum streift. Der Film verhält sich darin nicht anders als die Bundesrepublik, die sich von allen militärischen Verfehlungen und Machtinteressen der Vergangenheit frei wähnt, aber mit Völkern umgehen muss, die an eine neue deutsche Unschuld nicht glauben wollen. Es liegt etwas töricht Weltfremdes in der deutschen Hoffnung, unbelastet militärisch auftreten zu können, aber auch eine Wahrheit, für die der Film verzweifelt nach Ausdruck sucht.
Dies betrifft vor allem das Bild des Soldaten. Das deutsche Nachkriegskino beherrscht alle Facetten des bösen, des verzweifelten, des irregeführten und des widerständigen Soldaten, des Wehrmachtssoldaten wie des DDR-Grenzsoldaten, es kann, mit anderen Worten, das Militär in der Diktatur, aber nicht das Militär in der Demokratie zeigen. Für den Bundeswehrsoldaten, wenn er nicht als gutmütiger Trottel einer kriegsunfähigen Friedensarmee gezeigt werden soll, fehlt jede Vorlage. Dem politisch Neuen der Auslandseinsätze entspricht das ästhetische Vakuum, in dem der Film agieren muss.
Dass Schweigers Figuren darin keinen Halt finden, zwischen Landserwitzen, pubertärer Kameraderie und verfehlten Heroentaten hilflos hin und her taumeln, ist geradezu ein Vorzug, jedenfalls ein ungeheurer, vielleicht unfreiwilliger Ehrlichkeitserfolg. Seine Bundeswehrsoldaten sind liebe Jungen, denen vieles, auch Richtiges beigebracht wurde, Moralisches und Militärisches, aber nicht, was es heißt, auf den einstigen Schlachtfeldern der Wehrmacht in internationaler Friedensmission unterwegs zu sein. Ihre Augen weiten sich schreckhaft angesichts von Verbrechen und Elend; aber dass Eingreifen aus Mitleid geradewegs ins moralische Zwielicht führt, das haben sie nicht gewusst.
Und so geht es auch dem Film, der als Koproduktion mit SWR, BR und Arte vielleicht ursprünglich nichts anderes als den Unterhaltungsauftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks erfüllen sollte. Unversehens ruht auf ihm die Last, ein neues militärisches Selbstverständnis zu erfinden, das von der Politik bisher nicht einmal ernsthaft als Frage formuliert wurde. Rudolf Schweigers Mörderischer Frieden , wenn wir ihn einmal als Keim zu einem neuen deutschen Soldatenfilm verstehen wollen, ist desorientiert wie ein junger Rekrut, der nicht weiß, welche Grimasse er zum erstmals geschulterten Sturmgewehr schneiden soll: eine alberne, eine Robin-Hood-hafte oder eine professionell erkaltete. Wir ahnen aber schon, welches die Miene sein wird, wenn die Öffentlichkeit keine der aufgeworfenen Fragen beantworten will: eine mörderisch verzweifelte.
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- Datum 29.11.2007 - 01:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 29.11.2007 Nr. 49
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Die Film-Kritik nimmt sich viel Raum für den politischen Inhalt des Films. Über die filmische Umsetzung erfährt man leider nichts. Ist der Film trotz inhaltlich streitbarer Positionierung visuell interessant? Welche Ästhetik wählt der Regisseur, um sich dem Thema anzunähren? Beherrscht der Regisseur sein Handwerk?Ausser der Meinung des Autors zu einem politischen Thema weiss ich nichts über den Film, und damit hat mir die Kritik nicht geholfen, eine Seh-Entscheidung zu treffen .Schade.
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