Klimagipfel

Die Demokratie muss schneller werden

Die Öko-Diktatur ist ein Gespenst. Den Klimawandel bekommen nur freiheitliche Gesellschaften in den Griff.

Nun erwärmt sich das Klima, und der Mensch ist zumindest mit schuld. Die Anhänger dieser These haben sich weltweit durchgesetzt. Ihre verbliebenen Kritiker beklagen neuerdings, es habe sich global eine Art ökologische Korrektheit breitgemacht. Einwände gegen die herrschende Klimapolitik würden nicht mehr widerlegt, sondern diffamiert. Die Sieger der Debatte über die Klimaveränderung und ihre Ursachen übten sich, so die Kritik, in Intoleranz. Und das ist noch längst nicht alles. Vor genau einem Jahr verfasste etwa Edgar Gärtner in der Welt eine Kampfschrift »wider den Klima-Totalitarismus«. Andere warnen vor einer »Ökodiktatur«. Ist es so schlimm?

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Es wäre ein Leichtes, in solchem Vokabular die Kränkungen der Niederlage zu entdecken. Auch alte ideologische Schlachten aus dem vergangenen Jahrhundert echoen hier unüberhörbar in die Gegenwart. Da wird dann die Ökologie zur letzten Geheimwaffe der Antikapitalisten, das Grüne zur Tarnfarbe der Roten. Eine Debatte von gestern also, bloße Nachhutgefechte?

So leicht sollte man es sich nicht machen. Denn: Ganz unrecht haben die Antiökologen keineswegs. Ja, viele von denen, die heute vor dem Untergang der Welt warnen, freuten sich vor ein paar Jahrzehnten tatsächlich auf den Untergang des Kapitalismus, der dann freilich ausblieb. Und ja, ohne Zweifel pflegen zahlreiche Klimaschützer, nun, da sie die Schlacht um die geistige Hegemonie gewonnen haben, einen scharfen jakobinischen Ton gegenüber Andersdenkenden.

Nur, wenn das alles so sein sollte, was hilft es? Mit solcher Art Ideologiekritik lässt sich die Temperatur in der Klimadebatte zwar nach oben bringen, die Temperatur in der Erdatmosphäre bleibt davon jedoch völlig unberührt. Alles Reden ändert hier nichts am Wetter.

Weil die Ökologiekritiker das wissen, ziehen sie außerdem zu Felde gegen die erdrückende Macht des Faktischen. Lange behaupteten sie, das Klima erwärme sich gar nicht. Seit das empirisch allzu deutlich widerlegt ist, verlegen sie sich auf die Ursachen. Der Mensch sei nicht oder fast nicht schuld, sondern die Sonnenflecken seien es. Nun kann man schön darüber streiten, wie hoch der sogenannte anthropogene Anteil am Klimawandel ist. Fest steht jedoch, dass der Mensch nur diesen Anteil beeinflussen kann und also auch muss.

An dieser Stelle flüchten sich die Kritiker gern in eine romantische, wenn nicht gar naturreligiöse Vorstellung von der Anpassungsfähigkeit der Natur. Egal, was der Mensch so anstellt, die Natur wird es schon richten. Besagter Edgar Gärtner hat diesen Argumentationsgang so formuliert: »Es könnte sich zeigen, dass wir doch in einer offenen Welt leben und nicht in einem Treibhaus, in dem eine Bürokratie Emissionsquoten zuteilen muss.«

Gemeint ist hier natürlich, dass nicht sein kann, was nicht sein darf: Weil wir nicht in einer Welt leben wollen, wo der Staat über Emissionsquoten Lebenschancen zuteilt oder verweigert, weil wir uns also vor einem »Klima-Totalitarismus« fürchten, deswegen wünschen wir uns ganz kräftig, dass uns die Erde keine Grenzen setzt. Aber die Natur ist weder allmächtig noch liberal, sondern vollkommen gleichgültig uns Menschen gegenüber. Und leider spricht rein gar nichts dafür, dass dieser Wunschtraum in Erfüllung geht. Denn die Erde ist ein endliches System, in dem eine dramatisch wachsende Weltbevölkerung mit explosionsartig zunehmenden Bedürfnissen, Emissionen und Verbräuchen an Grenzen stoßen muss. Diese Phase hat begonnen, am deutlichsten bei der größten Müllhalde der Erde, in der Atmosphäre.

So leicht sind die Anti-Ökos also zu widerlegen. Allerdings gilt auch hier: Die Kritiker zu besiegen, heißt nicht, das Problem aus der Welt zu schaffen. Denn Reibungen zwischen Ökologie und Freiheit gibt es auch dann, wenn die Kritiker schweigen. Die wichtigsten Widersprüche sind:

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Leser-Kommentare

  1. Dem Autor gebührt das Verdienst, auf die demokratietheoretische Dimension der derzeitigen Klimapolitik hingewiesen zu haben. Verkürzt muß es dabei um die Frage gehen, was mit unserer Verfassung passiert, wenn aber doch das IPCC das letzte Wort hat. Diese sollte viel öfter gestellt werden.
    Nicht mitgehen kann ich in Ulrichs Bewertung der Thesen des Frankfurter Umweltexperten und Biologen Edgar L. Gärtner. Das liegt sicher daran, daß sich Ulrich zu sehr auf einen etwas veralteten Pressebeitrag Gärtners stützt, jedoch noch nie etwas von Gärtners neuestem Buch "Öko-Nihilismus. Eine Kritik der Politischen Ökologie" (ISBN 978-3-00-020598-9) gehört zu haben scheint.
    Darin stellt Gärtner seine Philosophie bezüglich einer wirklich nachhaltigen politischen Ökologie etwas ausführlicher, ohne Schaum vor dem Mund und überhaupt nicht "anti-ökologisch", zur Debatte, ergänzt um einige aktuelle Entwicklungen.
    Die Motivation der Politiker, Lobbyisten, Journalisten und NGO-Funktionäre, die sich gerade nach Bali aufmachen, wird hingegen von Gärtner wie Ulrich nicht angesprochen. Gut, dazu gibt es keine Studien.
    Aus eigener Erfahrung kann ich aber bestätigen, daß es sich den IPCClern oft um genau den Typ opportunistische Mitläufer handelt, denen demokratietheoretische Überlegungen oder Aspekte staatsbürgerlicher Grundrechte völlig fremd sind und die für einen Bali-Trip (in der Regierungsmaschine!) und diverse Eitelkeiten schon mal die eigenen Ideale über Bord werfen.
    Leider haben wir mit irregeleiteten Idealisten in unserer Geschichte schon mindestens zweimal sehr leidvolle Erfahrungen machen müssen. Wir sollten ihre Aktivitäten daher weiter sehr kritisch begleiten. Der Zeit gebührt Dank, daß sie diese Debatte zumindest angestoßen hat.


  2. Ich verstehe nicht, warum man noch beweisen muss, dass die Welt tatsächlich offen ist. Das kann doch im Zeitalter der Luft- und Raumfahrt jeder selber überprüfen! Die Offenheit bezieht sich zum einen auf den materiellen Austausch von Energie (und im geringeren Maße auch von Stoffen) zwischen Erde, Sonne und Weltall, zum andern aber auch auf unsere Zukunft. Menschliches Wissen (gerade auch in den Naturwissenschaften) gleicht immer einer kleinen Insel in einem Meer von Nichtwissen. Die Welt ist so komplex, dass wir trotz größter Anstrengungen nie genug wissen werden, um die Zukunft vorherzusagen und den gesellschaftlichen Entwicklungsweg zu planen. Das gilt in noch stärkrem Maße für die Klimapolitik. Diese stützt sich nicht auf analytische, sondern auf rein numerische Modelle. Deen Übereinstimmung mit der Realität ist rein hypothetisch. Was gibt uns die Gewissheit, dass dabei tatsächlich das Erwünschte herauskommt? Es ist vertane Mühe und Geldverschwenung, wenn wir versuchen, uns gegen hypothetische Risiken wie eine globale Erwärmung zu wappnen. Es ist gut möglich, dass es in den nächsten Jahrzehnten wieder kühler wird auf der Erde. Tatsächlich gibt es ja nun schon seit einem Jahrzehnt keinen Temperaturanstieg mehr. Wir können hier wie im Falle von Erdbeben nur gewisse Vorsichtsmaßnahmen treffen, die Naturprozesse, die möglicherweise zu Katastrophen führen, aber nicht gezielt beeinflussen. Statt uns über ungelegte Eier zu sorgen, sollten wir uns mehr Gedanken über eine Verbesserung unserer Anpassungsfähigkeit angesichts unvorhersehbarer Entwicklungen machen. Meines Erachtens steht es außer Frage, dass Gesellschaften, die auf persönlicher Freiheit und auf dem Schutz des Privateigentums gründen, deutlich anpassungsfähiger sind als Diktaturen mit Planwirtschaften. Näheres bei edgar Gärtner: Öko-Nihilismus. Eine Kritik der Politischen Ökologie, Jena 2007.

    • 03.12.2007 um 20:47 Uhr
    • Peter.

    Ein sehr guter Artikel, der sehr deutlich herausarbeitet, daß die ökologischen Probleme nur von demokratischen Gesellschaften gelöst werden können, von Gesellschaften, die wieder solidarisch sind; d.h., daß eine der Hauptaufgaben der politischen Führung darin besteht, die neoliberalen und rechtskonservativen Tendenzen in einen sozialen Ausgleich zu überführen. Dies ist eine Sysyphusarbeit in sehr hohem Zeitdruck - und das Ganze in der richtigen Richtung.

  3. zu langsam - angesichts all der Lobbykraten, die sich Demokraten nennen.
    Zwar werden die Bremser, die Veränderungen nicht wollen, langsam leiser - aber sie können genug Sand ins Getreibe werfen. (Leider gibt sich sogar Helmut Schmidt dafür her.)
    Die alte Aussage "Der Krieg ist der Vater aller Dinge" (d.h. aller Veränderung) wird wohl auch diesmal wieder wahr werden. Was sonst könnte die Trägheit überwinden?

  4. Ein interessanter Artikel!Zunächst ein Widerspruch: Klimawandel betrifft unsere nahe Zukunft. Letzte Woche habe ich mit Schülern diskutiert. Die sicher vorsichtige Aussage von Nicholas Stern: Ein weiter so werde im Jahr 2050 drei Mal so hohe Kosten verursachen wie konsequenter Klimaschutz. Dies beschreibt eine durchaus in der eigenen Biographie abbildbare Zukunft.Es gibt heute schon und es wird in Zukunft eine verstärkte Konkurrenz geben zwischen demokratischen und zentralistischen, verordneten Wegen des Klimaschutzes. Bekannte waren in Schanghai. Die stinkenden Zweitaktmofas sind verschwunden, verboten, verschrottet oder in die Provinz abgeschoben. Nur noch Elektro- und Gasmofas sind zugelassen. Effektive, schnell wirkende Ökodiktatur.Die Demokratien werden beweisen müssen, dass sie Umweltschutz wirksamer, schneller, kostengünstiger verwirklichen können als autoritäre Regime. Wir können es schaffen!Stefan StarkeEnergieberaterFriedrichshafen

  5. "Gott sei Dank, denn die Freiheit wäre ein zu hoher Preis für eine gesunde Natur."

    Mal sehen, wie wir darüber denken, wenn die Freiheit uns auch nix mehr nützt, weil die Gegend (für Menschen) unbewohnbar geworden ist. Ein langer Weg liegt noch vor uns.

  6. Ulrich schreibt :„Die Ökologie ist nicht das Ende der Freiheit, sie schreibt nur ein neues Kapitel in der langen Geschichte der Demokratie.“Die Ökologie kann aber sehr wohl zu Einschränkungen der Freiheit führen, besonders dann, wenn angeblich feststehende Wahrheiten für nicht mehr diskutierbar erklärt worden sind, die Kritiker in eine Ecke gestellt werden und als nicht mehr vollwertige Diskussionsteilnehmer bezeichnet werden.Wie so etwas gemacht wird : Lesen Sie einmal den Artikel von Richard Lindzen, einer der profiliertesten Klimaforscher, im Wall-Street Journal :Und dann auch einen Artikel über den Gebrauch von direkten Analogien, nicht durch irgendwelche kleine Ideologen, sondern durch die prominentesten Vertreter der Zunft, Al Gore und Hansen, Chef von GISS-Nasa. (Im nächsten Beitrag)Climate of Fear Global-warming alarmists intimidate dissenting scientists into silence.BY RICHARD LINDZEN Wednesday, April 12, 2006 12:01 a.m. EDT http://www.opinionjournal... der letzte Satz :Alarm rather than genuine scientific curiosity, it appears, is essential to maintaining funding. And only the most senior scientists today can stand up against this alarmist gale, and defy the iron triangle of climate scientists, advocates and policymakers.Mr. Lindzen is Alfred P. Sloan Professor of Atmospheric Science at MIT. Es wäre wünschenswert, wenn sich Autoren der ZEIT auch für diese Wissenschaftler energisch einsetzen würden. Es sind keineswegs Leute, die jede Klimaerwärmung leugnen, wie das ja so gerne allen Kritikern unterstellt wird.. 

  7. Die Klima-Alarmisten machen auch vor der Ausbeutung des „Holocaust“ nicht halt. Und wer steht mit an vorderer Front : Al Gore und Jim Hansen, Chef von NASA GISS, der vielleicht prominenteste Klimaforscher.November 30, 2007Global Warmists Exploit the HolocaustBy Marc Sheppardhttp://www.americanthinker.com/2007/11/green_fever_global_warming_and.htmlHansenIf we cannot stop the building of more coal-fired power plants, those coal trains will be death trains - no less gruesome than if they were boxcars headed to crematoria, loaded with uncountable irreplaceable species."

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  • Von Bernd Ulrich
  • Datum 5.12.2007 - 10:26 Uhr
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  • Quelle DIE ZEIT, 29.11.2007 Nr. 49
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  • Schlagworte Klimaschutz | Klimawandel
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