Verlagswesen Ein Dampfer segelt in der Heide
Zum unglaublichen fünfzigsten Geburtstag des großen Kleinverlags Merlin.
Wenn Sie kein Geld haben, können Sie auch keine Geschäfte machen.« Mit diesen Worten komplimentierte ein Hamburger Banker den noch nicht dreißigjährigen Studenten Andreas J. Meyer, der um einen Kredit von fünftausend Mark gebeten hatte, Ende der fünfziger Jahre aus den heiligen Hallen seines Geldinstituts. Das ist die Urszene dieses Verlags, der nun, stolz, fünfzig Jahre alt wird.
Andreas J. Meyer tritt nicht geknickt auf die Straße, aus einem Nein der Obrigkeit wird ein Ja für seinen Verlag. Merlin soll er heißen. Merlin ist im mittelalterlichen Artus-Roman Zauberer, Sohn des Teufels und einer Königstochter. Königswappen für einen Verlag, der beides will: das in den fünfziger Jahren verschmähte Dunkel (Sexualität; Erinnerung an die Nazis) und die Hoffnung auf ein besseres, menschlicheres Leben.
Merlin ist im Französischen auch der kleinste unter den Falken. Um an Beute zu kommen, muss er Vögel im Fluge schlagen. Ja, das hat der Falke Merlin Meyer geschafft. Heute unverständlich, dass sich der Rowohlt Verlag den damals skandalisierten Autor Jean Genet (Homosexueller! Dieb! Knastologe!) entgehen lässt. Andreas J. Meyer greift zu. Nicht aus Lust an Krawall, sondern im sicheren Gefühl, hier entstehe eine neue Art von Literatur. Der von einer Bank keinen Kredit bekam (inzwischen hat er mehrere Geldinstitute hinschwinden sehen!), hat ein Gespür für Neues. Diese Nase hat den Kleinverlag zu einem der großen, literarisch bedeutenden Buchhäuser gemacht.
Kaum gegründet, am 30. November 1957, schien der Merlin Verlag schon am Ende. Die ersten vier Bücher, hektografierte Dramen von Genet, konnten im Theaterverlag vertrieben werden. Als Merlin 1960 sein fünftes Buch herausbringt, Genets Roman Notre-Dame-des-Fleurs, kommt es zum wichtigsten Literaturprozess der Nachkriegszeit im Westen Deutschlands – »wegen Vertreibung pornografischer Schriften«.
Nun geschieht Unglaubliches: Der hamburgische Generalstaatsanwalt, dessen Namen – Ernst Buchholz – niemand vergessen wird, der diese dumpfe Zeit erlebt hat, der Mann also, der die Anklage zu vertreten hat, wagt in seinem Plädoyer den Satz: »Es ist nicht entscheidend, ob der Normalbürger Anstoß nimmt, sondern ob es der literarisch Interessierte tut.« So ist mit dem Namen Merlin in Deutschland für alle Ewigkeit verbunden – ein Sieg für die Freiheit der Kunst.
Nun kommt Wind in die Segel, nun wird aus Merlin ein Steamer, auf den größere Verlage mit Neid blicken. Meyer hat seinem Hauptautor Genet Vorläufer gesucht in Mirabeau, Robespierre, dem Marquis de Sade, in Musset, Céline, Bataille. Und er hat, in solcher Nachfolge, Bücher verlegt von Unica Zürn, Jens Bjørneboe, Balduin Baas oder Elisabeth Alexander. Genauso wichtig: Andreas J. Meyer hat junge Autoren entdeckt und ihre ersten Bücher herausgebracht – Draginja Dorpat, Heike Doutiné, Fred Viebahn, John von Düffel.
Am höchsten zu rühmen: Der Verlegerzwerg Merlin hat, wie kaum ein anderes Haus, seinen Autoren die Treue gehalten, auch wenn mit ihnen nichts zu verdienen war. Wüssten wir sonst noch, wer Walter Bauer ist und wer Balduin Baas, der 1922 als Landsmann von Günter Grass in Danzig geboren wurde und dem zum Beispiel Joachim Kaiser, 1968, größeres Talent bescheinigte als dem späteren Nobelpreisträger?
Schließlich muss Andreas J. Meyer eine merkwürdige Erfahrung machen: Auch Erfolg ist gefährlich. Je mehr Titel er im Angebot hat, desto weniger kann er liefern. Aber der immer – und gern – am Rand gegrast hat, wo andere nur Unkraut wachsen sehen, hat eine Idee: Raus aus der Großstadt. Rin in die Wüste. Für Hamburger heißt sie: Lüneburger Heide. Dort, wo die alten Bauern ihre Höfe aufgeben, findet sich ein geräumiges Haus. Zur Not und über die Jahre bezahlbar. Die Rettung heißt Gifkendorf. Straßen? Wege? Gifft dat hie nich. Gifkendorf 38 heißt die Adresse – und zur Sicherheit noch den größeren Ort: Vastorf bei Lüneburg.
Heute ist die Tochter Katharina Eleonore die Verlegerin. Einmal doch hat der Übergang von einer zur nächsten Generation im deutschen Verlagswesen geklappt. Merlin hat schwere Zeiten hinter sich. Es gab Jahre, in denen das Geld gerade zu einem Buch gereicht hat. Nun liegt der Dampfer Merlin auf Sand – und ist doch flott. Mit geblähten Segeln in der Lüneburger Heide.
- Datum 29.11.2007 - 01:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 29.11.2007 Nr. 49
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"Mach dich nicht so klein, so groß bist du nicht." (Karl Kraus)Doch, doch! Der Verlag ist klein geblieben. Aber groß geworden. Was er auf den Markt zaubert, ist den Großverlagen zumeist verborgen geblieben. Diese maingestreamten Bücherkolosse sehen das Buch vor lauter Schinken nicht.Dem Merlin-Verlag gebührt Dank! Herzlichen Glückwunsch!Machen Sie weiter: Bücher kann man kaufen, Literatur nicht.
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