Warum ausgerechnet Cranach? Woher dieser Sog? Eben erst wurde die Ausstellung im Städel-Museum in Frankfurt eröffnet, schon drängen sich die Menschen vor den Bildern – und niemand scheint sich darüber zu wundern. Wo immer seine Bilder gezeigt werden, beginnt das große Strömen. Neben Dürer ist Lukas Cranach der ewige Renaissance-Held der Deutschen, unbestritten, unhinterfragbar.

Noch vor hundert Jahren war das unvorstellbar. Damals mussten Kunsthistoriker den Maler Cranach erst dem dunklen Vergessen entreißen, in das er nach seinem Tod 1553 gefallen war. Obwohl ihm eine der mächtigsten Bildmanufakturen der Reformationszeit gehörte und er viele Tausend Gemälde, Zeichnungen und Stiche hinterließ, hatte sich sein Ruhm bald aufgelöst, und noch im 20. Jahrhundert fand er nur gelegentlich die Anerkennung der Forscher. »Wie kann man sich nur so lange mit Cranach beschäftigen!«, spottete der große Kunsthistoriker Erwin Panofsky.

Und wirklich: Wie kann man nur? Warum will sich gerade unsere Zeit so für Cranach begeistern? Die Frankfurter Ausstellung glänzt zwar mit einem ungemein üppigen Bilderschatz; kaum jemals zuvor konnten derart viele und derart gute Leihgaben versammelt werden. Dennoch bleibt die Frage, was der profanierte Mensch von heute an dieser glaubensfrohen Bilderwelt, an all den Heiligen und Göttergestalten tatsächlich findet. Eigentlich müsste ihn diese Kunst rasch langweilen. Allzu oft ähneln sich Figuren und Landschaften, viele Bilder sind fast austauschbar, Cranach hatte nichts gegen das Wiederholen und Typisieren – ganz anders als viele Betrachter von heute, die größten Wert legen auf die Unverwechselbarkeit des eigenen Ichs.

Auch Cranachs Körperideal will in unsere Zeit nicht recht passen. Nicht selten stehen seine Menschen ein wenig steif und ungelenk in den verzogenen Bildräumen herum, kaum etwas ist zu spüren von der packenden Lebendigkeit, die ein Dürer auf seine Bilder brachte. Wie gepanzert sehen Cranachs Menschen aus, oft tragen sie ihre Röcke und Jacken, als wären es Rüstungen. Und wenn Cranach sie doch einmal in paradiesischer Nacktheit malt, stehen sie meist da wie ausgesetzt, fröstelnd vor dunkeldeutscher Landschaft.

Es gab also gute Gründe für die Kunsthistoriker vergangener Epochen, Cranach für zweitrangig zu halten. Doch gibt es für die Betrachter von heute ebenso viele Gründe, ihn zu lieben. Denn der Blick hat sich verschoben, unsere Vorstellung von dem, was ein gutes Bild ausmacht, ist eine andere geworden. Zu verdanken ist das nicht zuletzt den Künstlern des 20. Jahrhunderts, die das Serielle für sich entdeckten, wie es bei Cranachs immer gleichen Figuren vorgeprägt zu sein scheint. Ähnlich ist auch das Verzogene, das Unstimmige, das Naive seiner Bilder in der Kunst der Moderne wie beim Publikum der Moderne wohlgelitten. Und so greifen selbst die jungen Künstler, unbewusst oder nicht, auf Cranachs 500 Jahre altes Bildverständnis zurück, der 37-jährige Norbert Bisky zum Beispiel.

Ihn, den Jungen aus Berlin, mit dem großen Alten aus Wittenberg zu vergleichen mag merkwürdig erscheinen. Es ist nicht üblich, einen Gegenwartsmaler neben die Heroen der Vergangenheit zu stellen, zumal sie auf den ersten Blick nichts zu verbinden scheint. Die meisten Museen setzen daher auch lieber auf hagiografische Ausstellungen, räumen die Säle frei für das Werk je eines Künstlers oder ordnen ihre Sammlung streng chronologisch. Doch kann es durchaus aufschlussreich sein, den Blick einmal quer durch die Jahrhunderte schweifen zu lassen. Denn erst so wird deutlich, was Cranach auszeichnet – und was heute noch von ihm fortlebt.

Natürlich ist Bisky kein altmeisterlicher Traditionalist. Seine Kunst lebt vor allem von den heroischen Schönheitsidealen, die im Jugendstil aufkamen, die später die NS-Ästhetik grundierten und auch im DDR-Sozialismus noch fortbestanden. Etliche Bisky-Bilder zeigen die austrainierten Körper blonder Jungs, sorgfältig gebräunt, kein Gramm zu viel und einander zum Verwechseln ähnlich. Neuerdings sind auch einige Dunkelhaarige dabei, und der bisher ewig sommerblaue Himmel hat sich verfinstert. Doch reinlich und ganzkörperrasiert sind die Figuren noch immer, die Haut frisch eingecremt, auf den Lippen tiefroter Glanz. Mag die Welt um sie herum auch tosen und bersten, diese Männer sehen aus, als müssten sie gleich fort zum nächsten Fotoshooting, und alles andere sei ihnen von Herzen egal.