Schon wieder Pisa! Am kommenden Dienstag werden weltweit die Ergebnisse der dritten internationalen Schulvergleichs-Studie insgesamt veröffentlicht, und egal wie die Ergebnisse im Detail ausfallen, eines lässt sich sicher sagen: Die ganze Aufregung geht dann von vorne los; der schrille Ton, der die bildungspolitische Debatte in Deutschland seit je prägt, wird noch ein wenig schriller werden. Nur eine naheliegende Frage wird gar nicht mehr gestellt: Warum gibt es eigentlich Pisa? Und wieso koordiniert ausgerechnet die OECD diese Vergleichsmessungen?

Schließlich steht das »E« bei OECD nicht für »education« – Bildung, sondern für »economic« : Das wichtigste Ziel dieser Organisation ist es, die wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung ihrer Mitgliedstaaten zu fördern – seit ihrer Gründung 1948, als sie die Marshallplan-Mittel verwaltete. Für einige Kritiker ist Pisa daher eine kapitalistische Verschwörung der reichen Industrieländer: Endlich soll auch die Bildung dem Markt unterworfen werden. Für andere ist Pisa hingegen das Werk eines Egomanen, Andreas Schleicher, der die Studie koordiniert. Beide Vorwürfe führen in die Irre. Dass die OECD diese Studie heute alle drei Jahre durchführt, beruht auf mehreren Zufällen und einer bemerkenswerten Koalition über nationale, transatlantische Gegensätze hinweg. Hinter der Geschichte von Pisa verbirgt sich keine Verschwörung, sondern ein Lehrstück über die Entgrenzung nationaler Politik.

Bereits 1964 – noch in der Zeit der Planungseuphorie – beauftragten die Mitgliedstaaten die OECD, nationale Bildungsstatistiken zu sammeln: Ausmaß und Art von Schülern und Studierenden im ganzen Bildungssystem sollten vorhersagbar werden. Doch die Daten waren lückenhaft und nicht über Ländergrenzen hinweg vergleichbar, das Projekt wurde eingestellt.

Erst 1981 wurde die Bildungspolitik wieder Thema in der OECD – diesmal mit weitreichenden Folgen. Die US-Regierung hatte eine Studie zum amerikanischen Bildungswesen bei einer US-Kommission in Auftrag gegeben. Das Ergebnis war verheerend. In A Nation at Risk zeigte sich 1983: Das amerikanische Bildungswesen war miserabel. 23 Millionen Erwachsene und 17 Prozent der Jugendlichen waren Analphabeten. Das entsprach in der Hochzeit des Kalten Krieges einer einseitigen US-Abrüstung und galt als nationales »Sicherheitsrisiko«. Ronald Reagan, der damalige Präsident, war besorgt. Er erklärte die Schulreform zu seiner vorrangigen Aufgabe – und stieß dabei auf den Widerstand der Bundesstaaten. Denn die Zuständigkeit für die Bildungspolitik liegt in den USA, genau wie in Deutschland, bei den Ländern, die mit Argusaugen über ihren Einfluss wachen.

Die US-Regierung wandte sich deshalb an die OECD: Sie solle international vergleichbare Statistiken erstellen und die Bildungslage in der industrialisierten Welt ermitteln. Durch ein »Hinauf«schieben der Auseinandersetzung in die internationale Politik wollte die US-Regierung das Bildungssystem in den USA zu einem Feld der Außenpolitik machen, in der allein der Präsident das Sagen hat.

Die OECD war nicht begeistert. Für die Mitarbeiter der OECD-Bildungsabteilung war Bildungspolitik Kultur: Das ließ sich nicht in Zahlen und Vergleichstabellen pressen. Doch die USA bekamen unerwartete Schützenhilfe aus Frankreich. Der neue Bildungsminister Jean-Pierre Chevènement war 1984 ins Amt gekommen und wollte gleiche Bildungs- und Lebenschancen für alle Franzosen, unabhängig von ihrer sozialen Herkunft, durchsetzen. Dem französischen Sozialisten ging es um ganz andere Reformen als dem Republikaner Reagan, aber er benötigte das Gleiche: Zahlen zum realen Bildungsstand, hier über französische Schüler und ihre Bildungsarmut, die Chevènement als Ergebnis des elitären französischen Bildungssystems interpretierte.

Diese ungewöhnliche Koalition von US-Republikanern mit den französischen Linken führte Mitte der 1980er Jahre direkt zu den neuen Bildungserhebungen der OECD. Jetzt fehlte nur noch eines: Expertise, um ein empirisches Vorhaben dieses Umfangs überhaupt durchzuführen. Die Bildungsabteilung der OECD war damals klein, ein Dutzend Mitarbeiter. Keiner wollte die neuen Indikatoren angehen. Ein Schweizer, ein Philosoph, schulterte schließlich das Projekt. Er hatte keine statistischen Vorkenntnisse und holte sich das nötige Wissen von Bildungsexperten aus der ganzen Welt. Man baute Netzwerke für einzelne Themen auf und entwickelte dort die nötigen Indikatoren. Neues Personal wurde eingestellt, unter anderem der deutsche Bildungsforscher Andreas Schleicher.