Regenwald
Kohle machen, nicht verbrennen
Am Amazonas steht der größte Regenwald der Erde. Beim Klimapoker auf Bali fordert Brasilien Geld für seine Erhaltung.
Eine schwarze Narbe im weiten Grün, so groß wie drei, vier Fußballfelder. Weißer Rauch über Baumwipfeln. Eine Sandpiste durchs Gelände, brennendes Unterholz, dazwischen vereinzelte Bäume, die verkohlt in den trüben Himmel ragen. Die Luftaufnahmen vom amazonischen Regenwald, die in der Greenpeace Dependance in Manaus auf den Tischen liegen, dokumentieren vor allem eins: eine Orgie der Zerstörung.
Mehr als 15.000 Flugkilometer von Manaus entfernt, auf der indonesischen Insel Bali, wo gerade die 13. Weltklimakonferenz stattfindet, geht es auch um das Wohl und Wehe dieses Waldes. Denn Bäume sind gut für das Klima – und nirgendwo stehen immer noch so viele wie am Amazonas. Ihren Schutz haben die Klimapolitiker bisher sträflich vernachlässigt. In Bali wollen sie das Versäumte nachholen, vielleicht.
»Vom Flugzeug aus hat man den besten Überblick«, sagt Andrew Murchie, der bei Greenpeace Amazonien penibel Buch über das Schicksal des riesigen südamerikanischen Tropenwaldes führt. In der Trockenzeit, von Juli bis September, kreisen die Umweltschützer regelmäßig und stundenlang mit ihrer Cessna Caravan über dem einst als »grüne Hölle« verschrienen Gebiet. Neuerdings haben sie dabei Überraschendes entdeckt. »Ja, die Entwaldung wird kleiner«, sagt Murchie.
Tatsächlich ist die Zerstörung des Amazonasregenwaldes im dritten Jahr hintereinander deutlich zurückgegangen: von Sommer 2006 bis Sommer 2007 auf weniger als 10.000 Quadratkilometer. Das ist zwar immer noch eine Fläche halb so groß wie Sachsen, aber für die Verhältnisse am Amazonas ist es eine gute Nachricht. Denn noch 2004 fiel fast drei Mal so viel den Kettensägen und Bränden zum Opfer.
»Mehr Kontrolle, mehr Polizei, mehr Alternativen für die Bevölkerung« – so erklärt Brasiliens Umweltministerin Marina Silva den Erfolg. Zufriedengeben will sie sich damit aber noch nicht. »Unser Ziel ist es, die illegale Entwaldung auf null zu drücken.« Selbstverständlich unterstützen sie Umweltschützer dabei. Anfang Oktober präsentierten neun brasilianische und internationale Verbände in Brasília ihren Plan für eine »Nullentwaldung« bis 2015.
Dass Brasilien beginnt, den Wald vor lauter Bäumen zu sehen, verleiht der Debatte einen ganz neuen Ton. Es gibt dafür viele Gründe. Die Stärke der heimischen Währung Real hat den Druck der Agrarindustrie auf den Regenwald geschwächt. Brasiliens Politiker begreifen langsam, dass Wald wertvoller sein kann als gerodetes Land. Obendrein aber setzt die Erkenntnis sich durch, dass Regenwald in den Zeiten des Klimawandels etwas ganz Besonderes sein kann: eine lukrative Quelle von Einkommen.
Tatsächlich zeigen neue Studien, dass der tropische Wald deutlich mehr Kohlenstoff aus der überhitzten Atmosphäre in Blättern und Bäumen einlagert als bisher gedacht – und auch deutlich mehr als der Wald auf der nördlichen Halbkugel. Forscher des National Center for Atmospheric Research in Boulder, Colorado, haben errechnet, dass der Regenwald jährlich bis zu 1,8 Milliarden Tonnen Kohlenstoff bindet, rund ein Viertel dessen, was durch die Verbrennung von Kohle, Öl und Gas anderswo in die Luft gepustet wird. Andere Ergebnisse belegen, dass tropische Wälder den Planeten auch dadurch abkühlen, dass sie einen Teil des Sonnenlichts reflektieren – auch wiederum deutlich mehr als die Wälder im Norden.
Der monetäre Wert für die Dienstleistung »Kühlung des Planeten« lasse sich errechnen, sagt Philip Fearnside, Biologe am Institut zur Erforschung des Amazonas (INPA) in Manaus und einer der besten Kenner des Amazonaswaldes. Nach seinem Kalkül speichert ein Hektar Tropenwald 160 Tonnen Kohlenstoff im Jahr. Berechnet man für die Tonne nur 60 Dollar, das wäre sogar etwas weniger als der Preis an der Emissionshandelsbörse, summiert sich die Arbeit des 6,7 Millionen Quadratkilometer großen Amazonaswaldes auf einen Wert von 60 Milliarden Dollar – mehr als ein Drittel des brasilianischen Staatshaushalts.
Das ist viel Geld. Brasilien und den anderen Waldländern wird es allerdings bislang verwehrt; im Kyoto-Protokoll zum Klimaschutz wird die Erhaltung von Wald nicht als Leistung anerkannt. Zu groß war damals, 1997 in Kyoto, die Angst davor, dass sich auf diese Weise die USA billig aus der Verpflichtung zum Klimaschutz stehlen könnten. Die Strategie endete in der Sackgasse: Die USA ignorierten die Abmachung von Kyoto – und der Regenwald verschwand in rasantem Tempo.
Jetzt, bei der Klimakonferenz in Bali, könnte dieser Fehler behoben werden. Der Tropenwald und sein Überleben sind dort eins der großen Themen. Denn bisher wurde der Einfluss der brennenden Wälder auf das Klima unterschätzt, die Daten dazu in den öffentlichen Statistiken hinter dem bizarren Kürzel LULUCF (Land use, land use change and forestry) versteckt. Rechnet man die Emissionen aus der Abholzung aber in die Gesamtsumme der Emissionen ein, verändert sich der Blick auf Täter und Opfer des Klimawandels: Plötzlich steht Indonesien an Platz drei der CO₂-Statistik, Brasilien auf vier, und selbst Malaysia findet sich unter den zehn größten Klimasündern wieder. Keines dieser »Waldländer« akzeptiert für sich Emissionsobergrenzen.
»Wir haben allein durch den Rückgang der Entwaldung in den letzten drei Jahren 500 Millionen Tonnen CO₂ vermieden«, sagt Umweltministerin Silva. Sie sagt auch, dass Brasilien seinen Strom fast vollständig aus sauberer Wasserkraft erzeugt und viel Sprit aus klimaverträglichem Zuckerrohr. Als Treibhaussünder sieht sie Brasilien deswegen nicht – im Gegenteil: Es seien die Industrieländer, die hundert Jahre lang Kohle und Öl verfeuert und außerdem ihre eigenen Wälder bis auf klägliche Reste verheizt hätten. Jetzt hätten sie die Gelegenheit, ihre Schulden zu begleichen. Deshalb fordert Silva in Bali, die Industrieländer sollten einen internationalen Fonds auffüllen, aus dem Waldschutz finanziert wird.
In Manaus wird diese Form des Ablasshandels bereits erprobt. Ein neues Gesetz des Bundesstaates Amazonas belohnt den Waldschutz.
»Der stehende Wald ist viel wertvoller als der gefällte«, sagt Virgilio Viana, Umweltstaatssekretär des Staates Amazonas. Der charismatische Ökologieprofessor, der Wert darauf legt, »kein Politiker zu sein«, sitzt auch schon mal mit Umweltschützern zwei Tage am Lagerfeuer, um über neue Allianzen zu reden. Sein Büro in Manaus ähnelt wegen der vielen geschnitzten Papageien und geflochtenen Indiokörbe eher einem Souvenirladen als einer Behörde. Aber Viana hat Erfolg und eine Vision: Um 51 Prozent ist die jährliche Entwaldungsrate in seinem Bundesstaat seit 2002 zurückgegangen (allerdings fallen die meisten Bäume in anderen Staaten wie Pará oder Mato Grosso). Amazonien hat die Kontrollen verschärft – und den Menschen im Wald mit Krediten, Informationen und Steuererleichterungen bei allem Wirtschaften geholfen, »das keinen Rauch verursacht«, wie Viana lachend sagt. Seit September bekommt jeder Waldbesitzer, der seine Bäume nicht anrührt, die bolsa florestal, 50 Real im Monat als Waldrente. Das ist ein Siebtel des Mindestlohns und für die Menschen, die als Selbstversorger in und vom Wald leben, ein attraktives Zubrot.
Brasilien möchte seine staatliche Souveränität nicht riskieren
Vianas Vision heißt »goldener Kohlenstoff«. Ebenso wie die brasilianische Umweltministerin will auch er Bescheinigungen über intakten Regenwald in Europa und in den USA verkaufen; allerdings will er eine andere Geldquelle anbohren: Nicht Industriestaaten, sondern Unternehmen sollen die Käufer sein. Airlines, die nicht dem Emissionshandel unterliegen, Firmen mit einem Imageproblem oder Private mit einem Herzen für den Regenwald sollen die Zertifikate kaufen – und damit nicht nur die Garantie bekommen, dass der Wald stehen bleibt, sondern auch, dass seine Bewohner dort besser leben können und die biologische Schatzkammer Amazonaswald gesichert wird.
Finden sich genügend Investoren auf dem »freiwilligen Markt«, bekommt Brasilien im besten Fall viel Geld, und die Entwaldung wird weiter gebremst. Ein international verpflichtender Vertrag, der das Land als Gegenleistung für Zahlungen zu nachprüfbaren Erfolgen beim Kampf gegen die Waldzerstörung verpflichtet, stößt dagegen auf großen Widerstand. Zu groß ist die Angst, die Industriestaaten wollten dem Schwellenland seine wirtschaftliche Entwicklung vorschreiben. Auch geht die Furcht um, Brasilien könne seine staatliche Souveränität riskieren, wenn die Welt am Amazonas mitreden dürfe. Das Erbe des europäischen Kolonialismus und Ökodebatten nach der Devise »Der Regenwald gehört der ganzen Menschheit« haben ihre Spuren hinterlassen.
Tatsächlich spielen Politiker und Agrarlobbyisten immer wieder mit den Ängsten vor der »Internationalisierung« des Gebiets. »Eine absurde Umkehrung der Tatsachen«, wie der Geografieprofessor Arnaldo Carneiro Filho sagt. »Wer hat denn hier im Moment das Sagen? Die US-Konzerne ADM, Bunge und Cargill mit ihrer Sojawirtschaft. Das nenne ich Internationalisierung.«
Carneiro sitzt in einem kleinen Kellerbüro am staatlichen Amazonasforschungsinstitut (INPA). Gleich außerhalb des Gebäudes hat das Institut mitten in der Millionenmetropole Manaus 13 Hektar Regenwald unter Schutz gestellt: Dieser »Wissenschaftswald« zeigt den Stadtbewohnern Affen, Kaimane, Seekühe, Papageien und Otter; Holzstege führen durch einen Regenwald zum Anfassen. Carneiro kämpft seit Jahren dafür, dass der Wald auch außerhalb dieses Zoos stehen bleibt, und er sieht dafür jetzt eine historische Chance. »Ich bin sehr zuversichtlich, dass wir die Entwaldung in den nächsten fünf Jahren zum größten Teil stoppen können«, sagt der Wissenschaftler. »Der größte Umweltschützer in den letzten Jahren war die brasilianische Zentralbank, die den Real so aufgewertet hat, dass die Exportpreise für Soja und Fleisch stark gefallen sind.«
Der Mord an der Nonne Dorothy Stang sorgte für weltweites Aufsehen
Viehzucht und Sojaanbau sind tatsächlich die stärksten Triebfedern der Regenwaldzerstörung. Der meiste Wald wird vernichtet, wo Großfarmen Kleinbauern vertreiben, den Wald für Rinderherden niederbrennen und anschließend in manchen Gegenden Soja pflanzen. Das geht einher mit dem Gesetz des Dschungels: Allein im Staat Pará wurden seit Beginn der achtziger Jahre 772 Menschen wegen Landstreitigkeiten getötet. Im Februar 2005 erregte der Mord an der amerikanischen Nonne Dorothy Stang Aufsehen; sie hatte für die Landrechte der Indios gekämpft.
Doch es tut sich etwas. Die brasilianische Bundesregierung hat begonnen, ihre Gesetze auch im Wilden Westen Amazoniens durchzusetzen. Sie hat massiv Schutzgebiete ausgewiesen, seit dem Jahr 2000 so viele wie in den gesamten 20 Jahren zuvor. Und schließlich haben im vergangenen Jahr Umweltgruppen ein Moratorium durchsetzen können, das Sojaanbau auf neu entwaldeten Flächen verbietet.
Allerdings ist der Kampf gegen die Waldzerstörung noch längst nicht gewonnen. Trotz allen aktuellen Rückgangs der Entwaldung fielen derzeit immer noch mehr Bäume als Anfang der neunziger Jahre, sagt der Experte Fearnside. 18 Prozent des Regenwaldes seien bereits verschwunden, weitere 22 Prozent gälten durch Entwaldung und Störungen im Wasserhaushalt als geschwächt. Nicht ausgeschlossen sei, dass der Regenwald bis zum Jahr 2070 verschwunden und von Savanne ersetzt sei, zitiert Fearnside das »leider zutreffendste Klimamodell, das es derzeit gibt«.
Auch die Aktivisten von Greenpeace setzen mehr auf eigene Sicherheitsvorkehrungen als auf die Polizei. Ihr Bürohaus in der Rua Joaquim Nabuco 2367 im Zentrum von Manaus gleicht einer Festung: Ein zweieinhalb Meter hoher und massiver Zaun schirmt das Gelände von der Straße ab, Zugang nur durch eine Sicherheitsschleuse und nach Kontrolle durch das Wachpersonal. Seit Morddrohungen gegen Mitarbeiter laut wurden, bewegen sich die Umweltschützer nur in gepanzerten Pick-up-Trucks durch den Wald. Und in schusssicheren Westen.
- Datum 10.12.2007 - 02:05 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 06.12.2007 Nr. 50
- Kommentare 3
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Hi @ll
Meines Wissens nach sind die Wälder in Brassilien Angelegenheit der Brassilianer.
Dann Forderungen zu stellen wie *Zahlt uns was oder wir hacken sie ab* sind schlichtweg dummdreist und anmaßend.
Auf eine solche Erpressung sollte grundsätzlich nicht reagiert werden.
Gruss
Rene
Meines Wissens befinden sich die tropischen Regenwälder bezüglich des Kohlenstoffkreislaufes in einem Gleichgewicht, auf Dauer wird also CO 2 in gleichem Maße durch Absterben erzeugt wie beim Erneuern wieder verbraucht. Damit werden auch keine neuen Kohlenlagerstätten angelegt. Durch Abbrennen wird also nur der im Holz gebundene Kohlenstoff als CO 2 freigesetzt und bei Erhalt des Waldes passiert CO 2- mäßig gar nichts.Somit ist ein Teil des Artikels wissensachaftlich unzutreffend
Gunee
Ist denn nicht schon seit ca. 10 Jahren bekannt, dass die Regenwälder zwischen 11.00 und 15.0 Uhr Photosynthesefreie Zeit haben, weils dann zu warm ist ?? Daher soll wohl auch die Rolle dieser Wälder viel geringer ausfallen, als normalerweise anzunehmen wäre.Aber was steht wieder mal in der Zeitung: JournalistenGeschwätz, kein Wissen, sondern das, was man als solches zu verkaufen gedenkt. Bitte mehr Fakten hier, denn dem Journalisten gezient es nicht, sich die Urteilsbildung des Lesers anzumassen !!!
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