Polen "Der arme Tusk"

Der polnische Regierungsberater Bartoszewski über neue Chancen für die Zusammenarbeit mit Deutschland, alte Enttäuschungen und die Lage seines Premierministers

DIE ZEIT: Herr Minister, Sie sind offiziell für die Beziehungen zu Deutschland zuständig und damit für »schwierige außenpolitische Angelegenheiten«. Ist Deutschland denn so schwierig?

Bartoszewski: Es war nie leicht mit Deutschland, und in den letzten zwei, drei Jahren ist es noch schwieriger geworden. Ende der achtziger Jahre hatten deutsche und polnische Politiker und Intellektuelle enorme Arbeit geleistet. Schon 1980 gab es die Solidarność, 1983 den Friedensnobelpreis für Lech Wałęsa, zwei Jahre später stieg Gorbatschow auf. Man spürte den anderen Wind, dass eine friedliche, aber revolutionäre Entwicklung in einem Ostblockland möglich sein könnte.

ZEIT: Sie sagten aber gerade, Deutschland sei in den letzten zwei Jahren schwierig geworden.

Bartoszewski: Anfang der neunziger Jahre dachte man, die Probleme seien nun erledigt. Das war falsch, denn die Probleme hatten sich über Generationen entwickelt! 1995 hielt ich als erster Pole im deutschen Parlament eine Rede. Das war eine sensationelle Neuigkeit, über 20 Millionen haben in Deutschland diese Bundestagsrede im Fernsehen verfolgt! Es gab also ein beachtenswertes Interesse. Es herrschte zwar keine Freundschaft, aber eine stabile Normalität, die bis Ende der neunziger Jahre andauerte. Dann kamen in beiden Ländern die Sozialdemokraten an die Macht. Und eine Dame in den besten Jahren wurde sehr bekannt.

ZEIT: Sie meinen Erika Steinbach, die Vorsitzende des Vertriebenenverbands.

Bartoszewski: Eine schöne Blonde für die einen, für andere eine blonde Bestie.

ZEIT: Was werfen Sie ihr vor?

Bartoszewski: Sie hat im Bundestag gegen die Anerkennung der polnischen Oder-Neiße-Grenze gestimmt! Sie unterscheidet meiner Meinung nach nicht präzise genug zwischen Opfern und Tätern. Wir können so eine Verfälschung der Geschichte unter der Regie von Frau Steinbach nicht dulden.

ZEIT: Erika Steinbach kann unmöglich allein der Grund für die Verschlechterung der deutsch-polnischen Beziehungen sein.

Bartoszewski: Nein, aber jede Lawine im Gebirge hat unterschiedliche Ursachen und nicht absehbare Folgen. Ich hatte schon vor einigen Jahren vor ihr gewarnt. Meine deutschen Kollegen hatten mir damals gesagt, du übertreibst, sie spielt in Deutschland überhaupt keine Rolle. Nun, Erika Steinbach gehört zu den wenigen deutschen Politikerinnen – in einem 82-Millionen-Land. Das kann man auch so sehen.

ZEIT: Sie messen Frau Steinbach viel Einfluss zu.

Bartoszewski: Frau Steinbach hat eine gewisse Veränderung in der öffentlichen Meinung in Deutschland sehr geschickt ausgenutzt. Man sollte das nicht verharmlosen. Die Ministerpräsidenten von Hessen, Bayern und Baden-Württemberg unterstützen sie ohne Wenn und Aber. Sie ist erfolgreich!

ZEIT: Sie ist Mitglied in Helmut Kohls Partei, der ein guter Freund von Ihnen ist.

Bartoszewski: Das weiß ich. Aber der »Elefant« verliert kein gutes Wort mehr über sie.

ZEIT: Das ist der deutsche Beitrag zu den gegenseitigen Beziehungen aus polnischer Sicht. Aber was lief auf polnischer Seite falsch – ist rückblickend lediglich der Stil der Kaczyńskis zu kritisieren?

Bartoszewski: In Polen gibt es eine neue Methode, Ängste und Unsicherheiten zugunsten des Erfolges der eigenen Partei auszunutzen. Man hat, das ist typisch für halbautoritäre Parteien, gewisse Äußerungen und Quasibedrohungen hochgespielt – die Preußische Treuhand, die auf die Rückgabe ehemals deutscher Gebiete klagt, ist nur ein Beispiel.

ZEIT: Ist man nicht in den zwei Jahren zurückgefallen in eine Art Germanophobie?

Bartoszewski: So habe ich das mal genannt.

ZEIT: Als die Kaczyńskis an die Macht kamen, haben Sie zunächst keine Verschlechterung der Beziehungen zu Deutschland erwartet.

Bartoszewski: Die Kaczyńskis stammen aus einer gutbürgerlichen Familie. Sie waren normale Leute, politisch in der Mitte angesiedelt. Jarosław und Lech Kaczyński waren intelligente Juristen aus gutem Milieu mit guten Bekanntschaften. Diese Entwicklung war nicht abzusehen.

ZEIT: Wie viel Neuanfang zwischen Deutschland und Polen ist denn nun möglich? Der jetzige Außenminister Radosław Sikorski hat vor einem Jahr die Vereinbarung zwischen Deutschland und Russland über eine gemeinsame Pipeline als Ribbentrop-Molotow-Pakt bezeichnet.

Bartoszewski: Ich kenne den neuen Außenminister sehr gut. Er hat damals bei mir im Außenministerium gearbeitet, ich habe ihn ein bisschen wie meinen Sohn behandelt. Radosław Sikorski ist eine komplizierte Gestalt, er floh jung nach England, dann hat er in Afghanistan gegen den Kommunismus gekämpft, dann eine jüdische amerikanische Publizistin geheiratet. Er steht rechts von der Mitte, aber er ist nicht rechts außen.

ZEIT: Auch nicht germanophob?

Bartoszewski: Nun, er lebt bei Bromberg, wo die Menschen enorm gelitten haben unter den Deutschen – angefangen von September 1939 an, damals fanden nämlich Massenerschießungen in Bromberg statt. Bei den Älteren lebt das noch immer fort. Sikorski hat dort sein Mandat bekommen. Das bedeutet allerdings nicht, dass auch er in diesen Kategorien denkt.

ZEIT: Waren Sie überrascht, als Angela Merkel kurz nach dem Wahlsieg von Donald Tusk verkündete, dass es ein Vertriebenenzentrum geben wird, möglicherweise mit Erika Steinbach?

Bartoszewski: Überrascht nicht, aber traurig. Man sollte der neuen polnischen Regierung keine Situation schaffen, in der sie sich so ähnlich äußern muss wie die Vorgängerregierung.

ZEIT: Berlin sieht das Zentrum als eine souveräne deutsche Angelegenheit.

Bartoszewski: Das kann man so sehen. Aber dann bleibt uns die Möglichkeit, zum Beispiel ein Museum der deutsch-polnischen Geschichte zu bauen, vom ersten preußischen Angriff 1772 auf Polen an bis 1945. Und alles andere wie die deutsche Entwicklung in der Bundesrepublik lassen wir weg… Das kann man machen, aber wozu?

ZEIT: Wie könnte eine Lösung aussehen?

Bartoszewski: Die hat es schon gegeben – als Johannes Rau und Aleksander Kwaśniewski in Danzig eine Erklärung abgegeben haben über ein europäisches Netzwerk. Unter Jarosław Kaczyński gab es dafür keine Chance. Die ist jetzt in der Tusk-Regierung entstanden. Aber man hat sie uns nun teilweise genommen.

ZEIT: Einen Kompromiss mit den Vertriebenen wird es also nicht geben?

Bartoszewski: Es geht mir um inakzeptable Personen und nicht um die Idee, etwas gemeinsam zu tun. Ich war mit dem Vertriebenenpräsidenten Herbert Czaja befreundet. Er war in Deutschland gelegentlich zu Gast bei mir und meiner Frau. Ich kam auch gut mit Herbert Hupka klar, dem früheren Vizepräsidenten der Vertriebenen. Mit ihm habe ich gestritten, aber wir hatten Respekt und Achtung voreinander. Hupka hat die polnische Oder-Neiße-Grenze anerkannt, anders als Frau Steinbach.

ZEIT: Nicht alle, die Erika Steinbach unterstützen, stehen im Verdacht, Revanchisten zu sein.

Bartoszewski: Frau Steinbach hat Ralph Giordano und andere für ihr Projekt überredet. Ich habe Giordano dafür beschimpft, er hat mich traurig angeschaut und gefragt, warum schreist du mich so an? – Du hast Steinbach unterstützt, ein kluger Jude sollte kein dummer Jude sein!, schrie ich.

ZEIT: Was hat er geantwortet?

Bartoszewski: Dann bin ich halt ein dummer Jude.

ZEIT: Mittlerweile hat sich Giordano von den Plänen distanziert.

Bartoszewski: Er ist eben doch klug. Es freut mich sehr, weil ich ihn schätze und gern habe.

ZEIT: Ein anderer Streitpunkt zwischen Deutschland und Polen sind die deutschen Kulturgüter, die in Krakau aufbewahrt werden. Die Verhandlungen um eine Rückgabe sind vor zwei Jahren gestoppt worden. Wie geht es jetzt damit weiter?

Bartoszewski: Das weiß ich noch nicht. Momentan sind die Güter dort gut aufbewahrt. Jeder kann sie nutzen, unsere Museen, Bibliotheken und Archive stehen offen.

ZEIT: Kommen wir zu den Schwierigkeiten mit anderen Nachbarn Polens. Tusk hat einen stärkeren Dialog mit Russland angekündigt.

Bartoszewski: Wir müssen mit diesem riesigen Staat klarkommen. Wir erwarten dabei auch die Solidarität der europäischen Familie, wenn es zu Meinungsunterschieden oder scharfen Auseinandersetzungen mit Russland kommt.

ZEIT: Außenminister Frank-Walter Steinmeier verfolgt einen Wandel durch Verflechtung.

Bartoszewski: Steinmeier ist mir nur flüchtig bekannt aus der Schröder-Zeit. Ich habe 2001 mit Joschka Fischer zusammengearbeitet.

ZEIT: Auch der hat diesen Ansatz vertreten.

Bartoszewski: Aber er hatte viel Verständnis für die Schwächeren, für die, die unter Druck stehen.

ZEIT: Steinmeier hat das nicht?

Bartoszewski: Fischer hatte mehr Fingerspitzengefühl für unseren polnischen Standpunkt.

ZEIT: Steinmeier vertritt eine andere Russlandpolitik als Angela Merkel. Er hat deshalb die Kanzlerin öffentlich angegriffen. Wie haben Sie diesen Angriff aus polnischer Sicht empfunden?

Bartoszewski: Wir haben in den letzten zwei Monaten zu viele eigene Probleme gehabt, um den Koalitionsstreit in Deutschland zu analysieren. Aber die Mehrheit der Polen war und ist mehr für die CDU.

ZEIT: Sollen Regierende also Menschenrechtsverletzungen laut kritisieren oder lieber auf stille Diplomatie vertrauen, die auch Ihr Freund Helmut Kohl als den besseren Weg beschreibt?

Bartoszewski: Ich teile hundertprozentig die Meinung von Helmut Kohl.

ZEIT: Sie teilen seine Meinung?

Bartoszewski: Diskrete und freiwillige Diplomatie, Vertiefung des Vertrauens, kleine Schritte ohne Eile – mit diesen Worten hat mich der »Elefant« am 5. November dieses Jahres in Berlin verabschiedet. Lieber Władysław, ohne Eile!

ZEIT: Wird die Politik der neuen polnischen Regierung gegenüber Russland anders sein als die der Kaczyńskis?

Bartoszewski: Strategisch und taktisch wird sich sicher die jetzige Regierung von der alten unterscheiden. Allein die Entscheidung, mich und Sikorski zu nominieren, ist ein Signal.

ZEIT: Also wird Donald Tusk bald Putin treffen?

Bartoszewski: Der arme Tusk ist noch schwach, er muss sich erst festigen und die europäische Öffentlichkeit überzeugen. Er kündigte zum Beispiel an, nicht länger Russlands Aufnahme in die OECD zu blockieren. Daraufhin gab es hier in Warschau nahezu Krawalle.

ZEIT: Auch Lech Wałęsa wiederholte vor Kurzem, dass man mit dem russischen Bären vorsichtig umgehen und ihn nicht erzürnen solle. Deshalb hätte er Verständnis für die Annäherungspolitik von Willy Brandt damals.

Bartoszewski: Außer Idioten würde das jeder sagen. Was wir denken, ist eine andere Sache.

ZEIT: Sie widersprechen dieser Aussage nicht?

Bartoszewski: All dass, was noch vor Gorbatschow und der Wende über Russland geredet wurde, war mehr naiv als böse. Die Naivität gewisser Sozialdemokraten – ich meine nicht Brandt persönlich…

ZEIT: …aber Helmut Schmidt, der ein engeres Verhältnis zu den Kommunisten hatte?

Bartoszewski: Schmidt schon viel mehr. Die deutschen Sozialdemokraten vergessen oft, dass man sich in Warschau, Prag oder Moskau zwar Sozialisten nannte. Das hatte aber nichts mit der Idee des Sozialismus zu tun.

ZEIT: Seit einigen Tagen tobt ein Streit zwischen dem Präsidenten Lech Kaczyński und dem Premier Donald Tusk um die Kompetenzen in der Außen- und Innenpolitik. Kaczyński will sogar eine Verfassungsklage einreichen.

Bartoszewski: Die Außenpolitik bestimmt der Premier, so sieht es unsere Verfassung vor.

ZEIT: Aber heißt das nun ständiger Kampf zwischen Premier und Präsident für mindestens die nächsten vier Jahre?

Bartoszewski: Nur drei Jahre! So lange wird Lech Kaczyński noch im Amt sein. Danach werden die Wähler entscheiden. Möge Gott uns Klugheit und Verantwortungsbewusstsein geben!

Das Interview führten Alice Bota und

Gunter Hofmann

 
Leser-Kommentare
  1. Sie unterscheidet meiner Meinung nach nicht
    präzise genug zwischen Opfern und Tätern.
    Wie will man auch kollektiv zwischen diesen beiden Kategorien unterscheiden? Waren die Vertriebenen vielleicht alle Täter und ihre Vertreibung damit gerechtfertigt? Ich will ja gar nichts beschönigen, die Verbrechen deutscher Organe in Polen waren sicher bar jeder Beschreibung, daß ist ja hinreichend bekannt, aber was impliziert Herr Bartoszewski denn mit seinen Äußerungen? Das Soldaten eines Volks, welches Opfer durch Soldaten eines anderen geworden ist sozusagen in verzögerter Notwehr mit seinen Truppen Verbrechen an den Zivilisten des anderen Volks verüben kann ohne dabei selbst zum Täter zu werden?Wir müssen mit diesem riesigen Staat klarkommen. Wir erwarten dabei
    auch die Solidarität der europäischen Familie, wenn es zu
    Meinungsunterschieden oder scharfen Auseinandersetzungen mit Russland
    kommt.
    Wo war denn die polnische Solidarität bis jetzt? Wer Großaufträge an die Amerikaner vergibt, die europäische Einigung, an der auch Polen angesichts seiner Rolle in der europäischen Geschichte interessiert sein müsste, bei jeder Gelegenheit ausbremst, kann doch nicht wirklich auf weitreichende Solidarität hoffen. Alles wozu derartige Forderungen ist taugen ist Polen für die nächste "Opferrolle" vorzubereiten und auf diesem Weg Innenpolitik zu machen. 

    • outis
    • 11.12.2007 um 11:56 Uhr

    Man möchte es nicht mehr hören: Wer da draußen hält das Leid, das deutschen Vertriebenen zugefügt wurde, im Angesicht der völligen Verwüstung Polens und der planmäßigen Ausrottung ganzer Bevölkerungsteile für so groß, daß ein eigenes Museum dafür errichtet werden muß, egal wie hoch die diplomatischen Kosten dafür sein mögen.Was verlangen denn die Polen mehr als Anerkennung? Anerkennung ihres Leides, der Tatsache, daß sie lediglich Beschlüsse der Aliierten umsetzten, umsetzen mußten, und letztlich der Tatsache, daß Polen als große, mitteleuropäische Nation endlich Freiheit und Unabhängigkeit erlangt hat und nicht mehr Verfügungsmasse mächtiger Nachbarn ist.Alles was sie wollen ist: gefragt werden, wenn es sich um Dinge handelt, die auch sie betreffen. Das wollten die Kaczynskis und das wird sich unter Tusk nicht wesentlich ändern, lediglich der Stil wird etwas diplomatischer werden. Und das ist ein sehr berechtigtes Anliegen.Wenn sich ein Steinbach-Museum auch kaum verhindern lassen wird( denn wer sollte das verbieten können) , so sollte sich doch die Bundesregierung von einem solchen Vorhaben so lange distanzieren ,bis ein solches Projekt zusammen mit Polen ,unter Berücksichtigung seiner speziellen Sichtweise der Dinge ,verwirklicht wird.Jeder ,der sich ein bisschen mit Polen auskennt ,war jedenfalls in den letzten Jahren mehr genervt von der Steinbach und dem völligen Mangel an Fingerspitzengefühl in der deutschen Politik als von den Kaczynskis.

  2. 3. @outis

    Was Sie tun ist Verbrechen gegen Verbrechen aufrechnen. Letztendlich ist dies unmenschlich, denn Leid ist persönlich und mildert und relativiert sich nicht durch das Leid anderer. Ganz persönlich: meine Großmutter wurde auf der Flucht vergewaltigt, ihre Mutter kam auf der Flucht um, mein Vater wäre als Kleinkind fast an Unterernährung und Unterkühlung gestorben. Was haben sich diese zwei Frauen und das Kleinkind zu Schulden kommen lassen? Das die Frauen mit Soldaten verheiratet waren, also Sippenhaft? Oder das sie Deutsche waren, also Kollektivschuld? Nein, meine Großmutter und meine Urgroßmutter waren nicht schuldiger oder unschuldiger wie jeder Pole der von Deutschen umgebracht oder sonstwie malträtiert wurde. Nur scheint es politisch unkorrekt ihrer in der Öffentlichkeit zu gedenken.Und wieso wird angenommen das eine Ausstellung zu den Vertreibungen irgendwie antipolnisch sein würde? Die Lage der Polen kann (und muß) in einer solchen Ausstellung doch thematisiert werden? Eigentlich geht es doch in dieser Frage nur um eines: erklären wir uns die Geschichte aus einer starren Täter- Opfer- Perspektive die ganze Völker kollektivistisch vereinnahmt, oder begreifen wir Schuld als individuell, auf den Taten jedes Einzelnen basierend? Bei letzterem kann ein deutscher Vertriebener durchaus ein Opfer sein ohne das der polnische Neusiedler dadurch zum Täter wird. Geschichte ist eben etwas komplizierter.

  3. verbindet unglaublich viel miteinander. Die schlimmsten Erfahrungen sind mit Sicherheit der Überfall 1939, seine unglaublichen Verwüstungen, die Folgen des Verlustes von Ostpolen, die Vertreibung. Fast ein Wunder ist es, dass es trotzdem gelang, im Nachkriegsdeutschland Möglichkeiten und Wege des Umgangs miteinander zu finden, die u.a. auf kulturellem Gebiet zu fruchtbaren Kontakten führten. Als eines der besten Beispiel dafür nenne ich nur das Deutsche Polen-Institut in Darmstadt, das 1980 auf Initiative von Gräfin Dönhoff und Karl Dedecius entstand. Helmut Schmidt erwarb sich ebenso Verdienstein seiner Eigenschaft als Präsident des Institutes.Wer sich in den letzten 30-40 Jahren mit dem politischen Geschehen in Osteuropa befasste, weiß, dass es der immer vorhandene Wille der Polen nach Unabhängigkeit von Moskau war, der über Solidarnosc der Welt deutlich machte, dass trotz sowjetischer Unterdrückung der Wunsch nach Freiheit und der Wille, das auch durchzusetzen, übermächtig war. Dass die europäische Landkarte heute so aussieht, wie sie das tut, ist in hohem Masse ein Verdienst dieses mutigen Volks. Dass Helmut Kohl den 9.November 1989 in Polen verbrachte....war das mehr als Zufall?Dass Bartoszewski in diesem Gespräch immer wieder auf die Rolle der Frau Steinbach zurück kommt, ist mehr als verständlich. Wäre ich Pole, würde ich die Aktivitäten von ihr und bestimmten Kreisen auch mit grossem Misstrauen beobachten.Dass den Vertriebenen unsägliches Unrecht geschah, darf nie verschwiegen werden. Aber ...und hier erlaube ich mir, aus dem diesbezüglichen Leserbrief Ralph Giordanos aus dem SPIEGEL 49/2007 zu zitieren:"Ohne die Verbrechen von Deutschen hätte es keine Verbrechen an Deutschen gegeben. Es geht deshalb nicht an, die Geschichte der Vertreibung bilderreich auszubreiten, das Blutbad der Vorgeschichte aber in marginalen Nebensätzen zu verstecken..."Es stünde der deutschen Politik gut an, die heutige und zukünftige Zusammenarbeit mit Polen auf dem Wissen des oben Beschriebenen zu gestalten. Dazu gehört auch so etwas politikfremdes wie Dankbarkeit. Dankbarkeit dafür, dass der Mut der Polen ein wesentlicher Markstein zu Wiedervereinigung war.Mit den Herren Tusk und Sikorski haben wir Gesprächspartner, deren Modernität und Aufgeschlossenheit gegenüber einer gemeinsamen Zukunft in Europa eine ganz andere Basis der Zusammenarbeit möglich macht, als das mit deren Vorgängern möglich war.Was bereits erfolgreich seit einigen Jahren praktiziert wird ist der Schüleraustausch. Ebenso erfolgreich arbeitet die Viadrina. Hier sind bereits Kontakte unter jungen Leuten beider Nationen entstanden, die eine Entwicklung wie zwischen Deutschland und Frankreich erwarten lassen. Das zu erreichen und dafür zu arbeiten lohnt.Zu diesem Thema schrieb ich kürzlich hier:http://kommentare.zeit.de...Eine deutsch-polnische Freundschaft sollte so stark werden, dass sie auch eine Frau Steinbach ertragen kann. Unter diesem Aspekt wäre es durchaus ratsam, ihrer Person keine "ungebührliche" Aufmerksamkeit zuteil werden zu lassen.

  4. Auszug aus einer Rede des ehemaligen Hohen Kommissars für Menschenrechte  der UNO , JOSE AYALA LASSO Zitat:Fünfzig Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges sehen wir, dass neue Kriege und gravierende Menschenrechtsverletzungen in der ganzen Welt Opfer fordern, Flüchtlingsströme auslösen, Menschen entrechten und sie zu Heimatlosen machen.In den letzten fünfzig Jahren wurden die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, der Pakt über bürgerliche und politische Rechte, der Pakt über wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte, die Konvention für die Eliminierung der Rassendiskriminierung und die Konvention gegen die Folter von der Generalversammlung verkündet und von mehr als zwei Drittel der Staaten angenommen. Es ist uns klar, dass ethnische Säuberungen, Vertreibungen und Bevölkerungsumsiedlungen viele dieser fundamentalen Menschenrechte verletzten.Das Recht, aus der angestammten Heimat nicht vertrieben zu werden, ist ein fundamentales Menschenrecht.Ich bin der Auffassung, dass, hätten die Staaten seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges mehr über die Implikationen der Flucht, der Vertreibung und der Umsiedlung der Deutschen nachgedacht, die heutigen demographischen Katastrophen, die vor allem als ethnische Säuberungen bezeichnet werden, vielleicht nicht in dem Ausmaß vorgekommen wären.In diesem Zusammenhang möchte ich noch auf die Charta der deutschen Heimatvertriebenen zu sprechen kommen. Es ist gut, dass Menschen, die Unrecht gelitten haben, bereit sind, den Teufelskreis von Rache und Vergeltung zu durchbrechen und sich auf friedlichen Wegen für die Anerkennung des Rechtes auf die Heimat und für den Wiederaufbau und die Integration Europas zu arbeiten. Eines Tages wird dieses Opfer besser gewürdigt werden.Es besteht kein Zweifel darüber, dass unter der nationalsozialistischen Besetzung den Völkern Ost- und Zentraleuropas unermessliches und unvergessliches Unrecht zugefügt worden ist. Sie hatten daher einen legitimen Anspruch auf Reparation bzw. Wiedergutmachung. Jedoch dürfen legitime Ansprüche nicht durch die Verhängung von Kollektivstrafen auf der Grundlage allgemeiner Diskriminierung und ohne die genaue Untersuchung persönlicher Schuld verwirklicht werden. In den Nürnberger und Tokyoer Prozessen wurde das unerlässliche Prinzip persönlicher Haftung für Verbrechen wohlweislich angewandt. Es lohnt sich, die Nürnberger Protokolle und das Nürnberger Urteil in vielerlei Hinsicht noch einmal zu lesen.Uns geht es vor allem um die allgemeine Anerkennung der Menschenrechte, die auf dem Prinzip der Gleichheit der Menschen beruht. Aller Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft ist mit Ehrfurcht zu gedenken, denn jedes einzelne Menschenleben ist wichtig. Es gilt, sich stets für die dignitas humana einzusetzen."Zitat Ende.JOSE AYALA LASSOPS: Ich bin mir fast sicher, es finden sich bestimmt auch hier wieder Einige, die selbst diesem Mann mangelnde Political correctness’ vorwerfen werden.[Für die Zukunft bitten wir Sie um einen entsprechenden Link und kurze eigene Zusammenfassung, vielen Dank. /Die Redaktion pt.]

    • outis
    • 11.12.2007 um 16:37 Uhr

    Inwiefern ist es denn politisch unkerrekt der Opfer unter den Vertriebenen zu gedenken?Es is offenbar so korrekt ,daß es gewissen Mitgliedern großer Regierungsparteien folgenlos gestattet wird, bei der Errichtung von Gedenkstätten für diese Opfer derart viel diplomatisches Porzellan zu zerdeppern, daß die polnisch-deutschen Beziehungen nachhaltig geschädigt werden. Meine Großmutter verlor ihre gesamte Familie in einem amerikanischen Bombenangriff. Sie wurde Opfer einer Waffe, die von Deutschen erstmals abgefeuert wurde bis Sie sich in einem von ihnen selbst angezettelten totalen Krieg gegen die Deutschen selbst richtete. Es gilt nicht , Untat gegen Untat aufzurechnen. Es geht darum , zu begreifen, daß das Leid das unseren Großmüttern zuteil wurde, Konsequenz des Leides war ,das unsere Großväter Großmüttern in ganz Europa zugefügt haben. So kompliziert ist Geschichte.Und nichts anderes tun die Polen, mit Fug und Recht ,als zu sagen: Bitte ,liebe Deutsche,bei allem Leid das ihr erlitten habt, verwechselt nicht Ursache mit Wirkung, entlastet nicht euer schlechtes Gewissen auf unsere Kosten. Wir Polen hätten gut leben können ohne deutschen Überfall und Völkermord an unseren Großmüttern-und vätern, ohne den aus der deutschen militärischen und moralischen tatalen Niederlage folgenden Beschluß der Alliierten ,Polen nach Westen zu verschieben und dort ansässige Deutsche zu vertreiben. Es tut uns Leid, daß bei dieser verordneten Vertreibung nicht jeder von uns Polen die menschliche Größe hatte mit Höflichkeit und Nächstenliebe zu Werke zu gehen- nicht jeder konnte seinen erschossenen Vater,seine mißhandelte Mutter, seine geschändete Schwester,seinen vergasten Nachbarn oder seine gebrandschatzte Heimat dabei vergessen!Nein Herr Karasek ,ich rechne nicht auf, aber ich kann nachrechnen.

  5. Liebe ZEIT,
    wie gewüenscht, hier der Link
    http://www.sudeten.de/cms/?Rechtsfragen:Haltung_der_UNO:Gru%DFwort_des_UN-Hochkommissars_f%FCr_Menschenrechte
    Und zu Ihrer Anmerkung bezüglich der eigenen Kurzen Zusammenfassung.

    Eigeninterpretationen (vor allem im Sinne einer Quintessenz) von abgehaltenen Reden zu solch einem schwierigen Thema können m.E. manchmal „sehr“ schief gehen.
    Mir ging es deshalb vielmehr um die komplette Darstellung einer unabhängigen (nicht deutschen, nicht polnischen) Meinung zu dem Thema, und nicht um den  schlichten Verweis zu einem Link.
     
    Manchmal wird ja durch Ihre Redaktion der Verweis auf „zu viele Links“  auch kritisiert.
    Bitte bedenken Sie, das hier (nehme ich zumindest an) die Meisten keine Journalisten sind, und sich  nach besten Wissen und Gewissen bemühen.
    Insofern sollte man kleine Ausrutscher auch tolerieren können, machen Sie ja sonst auch. Oder?
    Mit freundlichen Grüssen   

    Antenne1
     

  6. 8. @outis

    Sie fragen inwieweit es politisch unkorrekt ist der Vertreibung zu gedenken. Nun, hier sprechen die Fakten für sich. Es gibt bis heute eben keine würdige Gedenkstätte für diese Kapitel unserer Geschichte, sieht man einmal von einem Betonwürfel irgendwo in Berlin ab, von dem niemand weiß was es überhaupt sein soll. Dieses Kapitel deutscher Geschichte wird bis heute auch kaum oder gar nicht im Schulunterricht vermittelt, und ein Bewußtsein für diese Region als Teil unserer Geschichte (Barockliteratur oder Befreiungskriege) ist auch kaum vorhanden. Was es bisher gab waren ritualisierte Vertriebenentreffen einmal pro Jahr, die im Land als reaktionärer Mummenschanz wahrgenommen und am nächsten Tag vergessen wurden und neuerdings schmalzige TV- Movies.Und zum Vergleich Bombenkrieg und Vertreibung: hier vermengen sie zwei Dinge. Der Bombenkrieg war ein legitimes, wenn auch grenzwertiges und schreckliches Mittel des Krieges. Er ist Mittel der Kriegsführung und es geschah im Krieg.Die Vertreibung geschah nach dem Krieg, und sie verstieß gegen mehrere elementare Grundsätze der Menschenrechte... die übrigens auch im Krieg galten und die Vertreibung und Umsiedlung der Polen ebenso zu einem Verbrechen machten.Wenn man als moderner Mensch für Aufklärung und Humanismus eintritt das muß man auch für die individuellen Rechte jedes Einzelnen eintreten, sei es nun Pole, Russe oder aber Deutscher. Das sah man übrigens schon während der Nürnberger Prozesse so und lehnte eine Kollektivschuld explizit ab. Die Vertreibung aber basiert auf der Kollektivschuld, und es ist kein Wunder das sie in Stalins Machtbereich geschah und nicht etwa in Südtirol, Belgien oder der Niederlande (wo es solche Pläne auch gab).

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  • Quelle DIE ZEIT, 06.12.2007 Nr. 50
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