Seelenruhig schabt Deng Yun mit einem Holzlöffel süßen, klebrigen Reis aus einem großen Dampftopf in durchsichtige Plastikschalen. Die 35-jährige Imbissbesitzerin legt noch einen Rosinenkuchen auf den Reis, stellt einen Trinkbecher Sojamilch dazu – fertig ist das Frühstück an einer Straßenkreuzung im Zentrum der südchinesischen Hafenmetropole Wenzhou. Das Frühstück kostet je nach Beilage umgerechnet 30 oder 40 Cents. Das ist nicht mehr als im vergangenen Jahr – wie kann das sein? Die Lebensmittelpreise in China lagen im Oktober um 18 Prozent höher als ein Jahr zuvor. Deng winkt ab: »Die Leute müssen ja noch frühstücken können«.

Ihr Imbiss befindet sich zwischen den Betonbögen einer Hochstraße. Er trägt den Namen »Ein bisschen mehr Erfolg haben«. All die düster blickenden Hafen- und Bauarbeiter, die sich in den frühen Morgenstunden von Deng ihren Süßreis servieren lassen, hoffen auf ein bisschen mehr Erfolg. Und wer wie die meisten Chinesen früher nur fade Reissuppe zum Frühstück bekam, dem muss es bei Süßreis und Rosinenkuchen heute vorkommen, als würde er das bisschen mehr Erfolg im Leben bereits genießen. Man muss den Arbeitern in Dengs kleiner Imbissbude nur lange genug ins Gesicht schauen: Irgendwann hellen sich ihre mürrischen Blicke auf. Was aber, wenn sich die Arbeiter plötzlich Rosinenkuchen bei Deng nicht mehr leisten können und wieder Reissuppe löffeln müssen? »Alles ist teurer geworden: Mehl, Fleisch, Gemüse, Öl«, sagt Deng. »Irgendwann muss ich die höheren Preise an die Kunden weitergeben«.

Genau vor diesem Moment ängstigen sich die Herrschenden in Peking. Von wegen Wirtschaftssupermacht China. Richtig ist, dass sich das Land nicht vor amerikanischen Handelsblockaden oder europäischen Verbraucherboykotten fürchten muss. Dafür ist die Abhängigkeit des Westens von chinesischer Billigware längst zu groß. Doch was ist, wenn die Inflation auf der Straße ankommt und Millionen Arbeiter und Bauern kein anständiges Frühstück mehr kaufen können? Wenn das Geld nicht mehr reicht, um angesichts des heranrückenden Neujahrsfestes genug Schweinefleisch für die speziellen Teigtaschen zu besorgen?

Über die Gründe für die erheblichen Preissteigerungen streiten die Ökonomen. Erst war es nur eine lokale Schweineseuche, die den Preis für Schweinefleisch nach oben schnellen ließ. Jetzt verweisen viele auf den Weltmarkt, der in China für Preisdruck sorge. Jedenfalls ist die Inflation da. Im Oktober lagen die chinesischen Verbraucherpreise um 6,5 Prozent über denen des gleichen Vorjahresmonats – so viel wie seit der Asienkrise vor zehn Jahren nicht mehr. Die Inflation überschattet sogar die Aussicht auf das Olympia-Jahr. Ein neues Bonmot über den Olympiasieger und Nationalhelden Liu Xiang verrät die Verunsicherung: »Man muss nicht im Hürdenlauf gegen Liu Xiang gewinnen, aber gegen die Inflation.«

Wenn die Preise weiter galoppieren, ist es der größte anzunehmende Unfall im marktwirtschaftlichen System der regierenden Kommunisten. Denn dann gibt es auf einmal eine volkswirtschaftliche Größe, die sie nicht unter Kontrolle bringen – und die am Ende sogar ihre Macht erschüttern könnte. Es muss nur so weitergehen wie in diesem Herbst. Gemüsepreise plus 30 Prozent gegenüber 2006, Fleisch und Geflügel sogar plus 38 Prozent, und Speiseöl plus 34 Prozent. Als Reaktion darauf kündigte ein Supermarkt in der sichuanischen Großstadt Chongqing eine Billigaktion für Speiseöl an – und der Andrang war so groß, dass drei Menschen in der Menge totgetrampelt wurden. Dieser Vorfall zeigt die Anspannung im Volk. Schnell verbot die Regierung weitere Billigaktionen.

Regierungschef Wen Jiabao, den die Parteipresse »Volkspremier« nennt, musste etwas unternehmen, um seine Anteilnahme zu zeigen. Also ging er vor Kurzem in die Pekinger Jiaodaokou-Straße und fragte alteingesessene Bürger in ihren niedrigen Hofhauswohnungen, ob sie sich noch Fleisch zum Essen leisten können. Einige Tage später steht in derselben Straße die Rentnerin Li Guilan vor einem Schweinefleischstand und kauft 500 Gramm Hackfleisch für umgerechnet 1,10 Euro. Die 55-Jährige trägt eine geblümte Winterjacke, sie war einmal Kfz-Mechanikerin und Vorarbeiterin in einer Keksfabrik. Sie bekommt jetzt umgerechnet 110 Euro Rente im Monat und kauft das Fleisch nur, weil sie an diesem Tag ihre studierende Tochter erwartet. Li erzählt, dass die guten Zeiten für sie und ihren ebenfalls im Ruhestand befindlichen Mann vorbei seien. Hinter verschlossenen Türen, wenn niemand auf Besuch sei, müsse das Paar nun wieder mit Gemüse und Reis auskommen, sagt Li. Fleisch sei bereits doppelt so teuer wie vor einem Jahr. »China macht Fortschritte«, sagt Li, »aber mit uns geht es bergab.«

Schon fühlen sich laut staatlich zensierten Umfragen 88 Prozent der Normalverdiener in den Großstädten von den Preissteigerungen unter »gro-ßen« oder »sehr großen« Druck gesetzt. 64 Prozent von ihnen schränken ihr Alltagsleben ein, zehn Prozent tätigen bereits Hamsterkäufe.

Steigende Unternehmensprofite und wachsende Korruption unter Kadern und Managern sorgen ohnehin dafür, dass die Einkommensschere zwischen Arm und Reich in China auseinandergeht. Und ausgerechnet jetzt werden die importierten Luxusprodukte für die Reichen sogar billiger, während die Preise für die Armen steigen. Premier Wen warnte die Genossen bereits im Mai vor sozialer Instabilität durch Inflation.

Und tatsächlich: Kaum etwas hat den Kommunisten in den knapp 60 Jahren ihrer Regierungszeit so zugesetzt wie die Inflation. Sie war Anfang der sechziger Jahre das wirtschaftliche Zeichen für die politische Katastrophe des »Großen Sprungs nach vorn«. Der Große Steuermann Mao Tse-tung hatte damals den Bauern befohlen, in die Fabriken zu gehen, statt ihre Felder zu bestellen. So wollte er die Entwicklung zum Sozialismus beschleunigen, erntete stattdessen aber eine Hungersnot und die Inflation. Kein älterer Chinese hat diese Zeit vergessen. Trotz rigider Preiskontrollen in der Planwirtschaft erreichte die Inflation im Katastrophenjahr 1961 enorme 16 Prozent. »Mein Vater war ein hoher Kader und verdiente 50 Yuan im Monat. Doch für ein Pfund Zucker musste auch er in der Inflationszeit fünf Yuan hinlegen«, erinnert sich der Schriftsteller und ehemalige Zeitungschefredakteur Li Datong.

Später, im Jahr 1989, war die Inflation der wichtigste wirtschaftliche Auslöser für die blutige Studentenrevolte. »Nieder mit der Korruption! Nieder mit den Privilegien!«, forderten damals die Demonstranten auf dem Tiananmenplatz, unter ihnen Li Datong. Li erzählt, wie die Studenten von 1989 auf Parteichef Zhao Ziyang schimpften, weil dessen Sohn Farbfernseher zum Zehnfachen des normalen Preises verkaufte. Alles war damals knapp, viele Produkte waren nur durch die Hintertür für KP-Kader erhältlich, und die Inflation lag bei 18 Prozent. Spätestens seit dem Massaker vom Tiananmenplatz gehört die Inflation zum Trauma jedes anständigen KP-Beamten. Weshalb der Pekinger Vizebürgermeister im September vorschlug, in den Universitätsmensas der Olympiastadt die Fleischpreise stabil zu halten. An für frühere Studentenbewegungen besonders sensiblen Orten sollte sogar mehr Fleisch als sonst serviert werden – damit die Studenten nichts von der Inflation merken und weiter essen statt zu demonstrieren.

Aber ist so viel Aufregung wegen einer Inflationsrate, die im Jahresdurchschnitt 2007 bei 4,5 Prozent liegen wird, wirklich berechtigt? »Das Marktangebot ist heute üppig und für alle gleich, die Inflation nicht mehr Folge der Korruption. Das mildert die Unzufriedenheit der Bevölkerung«, sagt der KP-kritische Schriftsteller Li und schließt eine Revoltenstimmung wie 1989 aus.

Der 38-jährige Ökonomieprofessor Zhang Xiaojing ist vorsichtiger. Zhang leitet die makroökonomische Abteilung am Wirtschaftsinstitut der Chinesischen Akademie der Sozialwissenschaften. Er zählt zu den führenden Inflationsexperten der Regierung. Zhang sagt, dass es in den zurückliegenden 25 Jahren der Globalisierung generell eine Deflationstendenz in der Weltwirtschaft gegeben habe. Dafür hätten Schwellenländer wie China mit ihren billigen Produkten gesorgt. Zhang möchte heute noch nicht von einem Wendepunkt sprechen, aber er sieht erste Anzeichen dafür. Er spricht vom hohen Liquiditätsüberschuss, den sich China mit seinen Exporten erwirtschaftet habe. Er nennt diesen Überschuss einen Tiger im Käfig. Wenn der Tiger im Käfig bleibe, sei alles gut. Wenn er aber wie heute in China aus dem Käfig komme, um Immobilien und Aktien zu jagen, würden die Anlagepreise boomen. Das sei die eine Inflationsgefahr, die aber noch nichts mit den Verbraucherpreisen zu tun hätte, sagt Zhang.

Die zweite Gefahr stamme tatsächlich von weltweit höheren Getreidepreisen. Der wachsende Verbrauch von Getreide in Ländern wie China, die neue Nachfrage nach Biotreibstoffen vor allem in den USA, der Rückgang der weltweiten Ackerfläche, die weltweit zunehmende Bevölkerung – alles deute auf nachhaltige Preissteigerungen für Lebensmittel, die besonders ärmere Menschen in Entwicklungs- und Schwellenländern träfen. Zhang erwähnt von sich aus das zwölf Jahre alte Buch Wer ernährt China? des US-Umweltaktivisten Lester Brown. Schon 1995 warnte Brown vor dem »Kampf um Getreide« und der »Zeit des Mangels«. Viele in China hätten Brown damals Panikmache vorgeworfen, auf Rekordernten und neue Ackerlandgewinne verwiesen, berichtet Zhang, doch heute müsse man auf Browns Fragen neue Antworten finden.

Mehr sagt der junge Professor nicht. Er muss aufpassen, dass ihm niemand vorwerfen kann, die Inflation herbeizureden. Zwar haben die staatlich zensierten Medien noch keinen Maulkorb in Sachen Geldentwertung: »Führt die Regierung einen heimlichen Krieg gegen die Inflation?«, fragt das Internetportal Chinanews.com frech. Doch die KP-Oberen sind nervös. Ihre immer zum Jahresende stattfindende nationale Wirtschaftskonferenz soll sich diesmal ausschließlich dem Inflationsthema widmen. Das Motto der Tagung: »Verhindern, dass sich die temporäre Inflation verbreitet«.

Die Imbissbesitzerin Deng in Wenzhou beobachtet derweil: »Die Leute schimpfen nicht über die hohen Preise. Sie kaufen einfach weniger.« Als würden die Chinesen ahnen, dass der Kampf gegen die Inflation diesmal lange dauern könnte und viel Geschrei wenig bringt.