Theater
Alle gegen Grundeis
Frank Castorf inszeniert »Emil und die Detektive« an der Berliner Volksbühne.
Was hatten wir denn schon, was war denn jetzt noch nicht? Wer nicht sekündlichen Kontakt hält zur bewegten Welt des Frank Castorf, kann leicht ins Schlingern geraten, so schnell folgt auf die Romanadaption ein Ausflug ins Operngebiet. Gerade noch stand Wien an, dann Luxemburg, dann wieder Wien und Hannover jeweils mit Gastpremieren, zwischendurch geschwind Brechts Ja- und Neinsager als Heimspiel, und in Sao Paulo war er kürzlich auch, um sich bei brasilianischen Candomblé-Kulten neue Anregungen zu holen. Castorf goes Voodoo. Sage keiner, dieser Mann mache es sich leicht.
»What’s next for Berlin’s provocative director?«, fragte unlängst die Herald Tribune, zu Recht besorgt ob so viel Aktivität: Das castorfsche Theater ist eine Stoffverschlingungs- und Zernichtungsmaschine, die den Bestand an Dramatisierbarem schon annähernd leer gegrast hat. Die Antwort kommt spät, aber sie kommt noch vor Weihnachten: Emil und die Detektive von Erich Kästner, ein Ausfallschritt zur Seite, eine neuerliche Volte als Antwort auf den mächtig angeschwollenen Kritikergesang von Krise und kreativem Burn-out, vor allem aber ein Coup, wie er so nicht abzusehen war: Kinder- und Jugendtheater war bislang die Sache der Volksbühne nicht. Der Geist von heiler Kindheit, der die Vorlage umweht, ist freilich auch diesem Stoff schnell ausgetrieben.
Kinder sind’s zwar, die sich die Bühne mit den Resten von Castorfs bewährter Truppe teilen, echte Kinder, wie man sie im Publikum nur vereinzelt findet am Premierenabend. Wie im Buch jagen sie den Verbrecher Grundeis, der Emil auf einer Zugfahrt 140 Mark gestohlen hat, und sagen »verstehe, verstehe« oder »ist doch knorke«. Ansonsten bleibt von Kästners Sehnsucht nach heilen Welten im Angesicht unheilvoller Entwicklungen nur ein loser Handlungsfaden. Emil: ein Schlüsselkind mit sozial randständiger Teenage-Mutter aus der Platte. Gustav mit der Hupe: als Berliner Eckensteher zugleich ein Proto-Hip-Hopper. Beide gehören zu einer Streetgang, und in ihren Synthetikpullis und Camouflage-Klamotten agieren sie wie Zwangserwachsene.
Der eigentliche Held des Abends ist ohnehin Grundeis, kongenial halbseiden gespielt von Milan Peschel. Castorf gibt ihm die Geschichte zurück, die ihm im kästnerschen Original fehlte, er zeigt ihn als Getriebenen durch die Bockwurst- und Spielhöllenwelt eines subproletarischen Berlin samt Prostitution und Schnauze. Im Bühnenbild von Berlin Alexanderplatz spiegeln sich die nuller Jahre in den Zwanzigern, und wenn es doch einmal rührselig zu werden droht, ist stets eine Videokamera zur Stelle, die das Geschehen aus dem Inneren freudloser Container bricht. So wie die Jugendgang ihren Verhältnissen nicht entkommen kann, bleibt auch dieser Bruder Franz Biberkopfs eine sprechende Hülle, ohnmächtiges Produkt der Verhältnisse, gegen die er aufbegehrt.
Als postheroisches Projekt zur Zertrümmerung lieb gewordener Sichtweisen hat das alles noch immer seine Momente: Castorf, der letzte manische Bühnen-Negator. In einer Zeit, in der die Ratgeberliteratur den Buchmarkt beherrscht und der Journalismus auf Sinnstiftung gebürstet wird, verzichtet er nicht nur auf wohlfeile Ratschläge, er treibt selbst den letzten Idyllen ihre Behaglichkeit aus. Sollen andere den Schmierstoff für den Aufschwung liefern, Castorf macht trotzig da weiter, wo er schon immer den Hebel angesetzt hat: beim konzeptuellen Overacting, beim Schrei- und Verausgabungstheater, das, wenn Mensch und Material am Ende erschöpft auf der Bühne zurückbleiben, mit etwas Glück einen Funken Wahrheit aus den Trümmern aufsteigen lässt.
Erstaunlich, wie selbst Kinder nach kurzer Zeit sich in dieses Konzept fügen. Sie spielen gut, sie haben sichtbar Spaß, sie passen wunderbar zum Rest, und doch stößt das Prinzip, Vorlagen auszuweiden und mit eigenen Regieeinfällen zu füllen, über die Distanz von drei Stunden an eine Grenze, die sich diesmal auch den Figuren mitteilt. So viel Mürbheit im Brachialen war nie. Und so jämmerlich wie Milan Peschel als Grundeis stand noch keine castorfsche Figur im Regen. Bevor die Kinder ihn wie eine Aktenzeichen-XY- Leiche im Teppich von der Bühne rollen, tritt er noch einmal an die Rampe, ein Schwindsüchtiger mit Hut und Trench, der vom lebenslänglichen Schmierestehen brabbelt, vom Elend des Verbrechens und von seinem Albtraum, mit nichts, was er tut, wirklich von der Stelle zu kommen.
Unmöglich, dabei nicht an den Zustand der Volksbühne selbst zu denken, denn es ist ja wahr: So offensiv der Stoff auch angegangen wird, von der Stelle bewegt sich auch diese Inszenierung nicht. Zu absehbar die beständigen Brechungen, zu bekannt das Rezept: Was als Inhalt begeistern könnte, langweilt allmählich als Form. Alles, was an Mitteln zum Einsatz kommt, hat man an selber Stelle schon ein- oder mehrmals gesehen, das Spiel im Spiel, das Ausweichen auf mediale Ebenen, die Zitate aus Italo-Western und amerikanischen Trash-Movies, den Griff in die Kiste des Diskurstheaters. Das Ensemble spielt eben nicht Kästner, sondern Castorf, mit allem was dazugehört – und Peschel, erinnert er in den Slapstickeinlagen nicht stark an Henry Hübchen?
Darin ist Castorf, der große Entgrenzer des Neunziger-Jahre-Theaters, eben doch ein preußischer Protestant geblieben: Mit eiserner Disziplin betreibt er sein Geschäft der Erwartungshintertreibung, nichts kommt ihm dabei in die Quere, nicht einmal er selbst, hier steht er wie Martin Luther und kann nicht anders. Das Beste, was man nach all den Spontan- und Schnellzeugungen der letzten Monate über diesen Emil sagen kann, ist zugleich das Schlechteste: Es ist ein echtes Kind seines Vaters geworden. Was jetzt noch kommen mag, weiß niemand, sicher ist nur eines: 2013 läuft Frank Castorfs Vertrag aus. Wenn kein Theaterwunder geschieht, könnte die Zeit bis dahin allen Beteiligten lang werden.
- Datum 7.12.2007 - 10:02 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 06.12.2007 Nr. 50
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