100-Dollar-Laptop Die Kummer-Kiste

Nicholas Negroponte will den 100-Dollar-Laptop für jedes Kind in die Welt bringen. Doch so einfach gestaltet sich seine Mission nicht.

Es war einmal ein technikverliebter Professor, der es sich in den Kopf gesetzt hatte, die Welt mit einem Computer zu retten. Dazu verfiel er auf eine märchenhafte Idee: Mit fünf Millionen Billiglaptops wollte Nicholas Negroponte die digitale Kluft zwischen Arm und Reich schließen und die Ausbildung der ärmsten Kinder in Entwicklungsländern vorantreiben. »One Laptop per Child«, hieß die Devise, und kaum hatte Negroponte, Gründer des Media Lab am Massachusetts Institute of Technology, seine Idee in die Welt gesetzt, freute sich die technikbegeisterte Öffentlichkeit. »Schönes Stück Ingenieurkunst«, »Kühn«, »Armutskiller«, jubelten Zeitschriften und lobten den neuen Rechner XO. Denn Negropontes Erfindung hält nicht nur Hitze und Stöße aus, sondern braucht auch wenig Strom; sie kann über zwei Stummelantennen mit anderen Rechnern Verbindung aufnehmen, hat einen Bildschirm, der auch im Hellen funktioniert, und kann mit einer Handkurbel wieder »aufgezogen« werden.

Doch bald war das Technikmärchen zu Ende, und Negroponte fand sich in der rauen Realität wieder. Zuerst geriet sein Kinderlaptop zu teuer. Statt 100 Dollar kostete XO plötzlich 188 Dollar. Das wiederum ließ die Abnehmer zögern, und so werden jetzt statt fünf Millionen Rechnern zunächst nur 300000 Stück in China gebaut. Und dann stahlen ihm auch noch normale PC-Fabrikanten die Show, indem sie in den vergangenen Wochen ähnlich günstige Minirechner auf den Markt brachten.

So zeigt sich wieder einmal, wie eine gute Idee von der Praxis schnell überholt wird. Daran sind nicht nur die Konkurrenten in den Industrieländern schuld, sondern auch die Veränderungen in den Entwicklungsländern. Denn dort verbreitet sich die Informationstechnik in Form von Handys und Internetcafés rasant. Außerdem entwickeln diese Länder Produkte nach eigenem Gusto. Das südafrikanische Projekt Ndiyo hat eine Box auf den Markt gebracht, mit der sich mehrere Bildschirme an einem Rechner betreiben lassen, die indische Firma PicoPeta einen Minicomputer namens Simputer, und das indische Bildungsministerium arbeitet am 10-Dollar-Laptop.

Dabei ist es die Stärke dieser Eigenentwicklungen, dass sie sich gerade nicht auf die Ausbildung von Kindern konzentrieren. Denn in den armen Ländern gibt es durchaus die Sorge, die Kinder könnten plötzlich technisch versierter sein als die Erwachsenen, als Lehrer und Eltern. Das hat Negroponte nicht bedacht. Wie sich die Massenverteilung von Computern in der Gesellschaft auswirkt, hat den digitalen Revolutionär nie interessiert. »Die sehen die Kinder nur als Markt«, hat er einmal über Microsoft & Co gelästert, »wir aber sehen sie als Mission.«

Das mag in westlichen Ohren märchenhaft gut klingen. Tatsächlich könnte es die »digitale Kluft« nur verschieben: Sie verliefe dann nicht mehr zwischen reichen und armen Staaten, sondern quer durch die Entwicklungsländer.

 
Leser-Kommentare
  1. Schade, dass der Artikel nicht erwähnt, dass die Konkurrenz von anderen Mini-Laptops durchaus erwünscht ist.  Es ging ja nicht darum einen Markt zu erobern, sondern nur darum eine gute Idee umzusetzen, wenn es kein anderer macht. Wenn es jetzt doch Konkurrenten auf dem Markt für Massenlaptops für Kinder gibt, und die sogar besser sind als der X0, phantastisch!Ein voller Erfolg für Negroponte und eine Idee.function PrivoxyWindowOpen(a, b, c){return(window.open(a, b, c));}

  2. ... in Deutschland versuchen Eltern Informatik als Pflichtfach einzuführen. Selbst an Gymnasien sind PCs oft in einzelnen PC-Räume eingesperrt. Einzelne Lehrer sind durch Ihre eigene Biographie (ohne IT) geblendet.
    Die Umsetzung ein Laptop pro Kind, ist in Deutschland nicht in Sicht.
    Da kommt die Nachricht aus Entwicklungsländern wie Nigeria, Kanbodscha, dass die ersten Klassen ausgerüstet wurden.
    Der Bildungsvorteil der Massen im Bereich IT von Europa kann innerhalb von wenigen Jahren wegschmelzen. 

  3. Also es kann ja sein, dass es in eingen Ländern als "bedrohlich" angesehen wird, wenn Kinder besser ausgebildet sind als Eltern und Lehrer. Aber ist es nicht zwangläufig der Fall, dass Kinder versierter sind als Erwachsene, wenn sie umringt von neuen Technologien aufwachsen? Schließlich eignen sie sich die Fähigkeiten spielerisch an, die sich Erwachsene erst mühselig erarbeiten müssen. Das ist ein Phänomen, welches vom Entwicklungsstand eines Landes unabhängig ist und auch bei uns zuhause zutrifft!In diesem Sinne kann man Nicholas Negroponte nicht vorwerfen, er hätte sich keine Gedanken über den Einfluss eines Computers auf die sozialen Umstände in einem Land gemacht. Ich sehe jedenfalls, dass ein Billiglaptop in den meisten Ländern sehr willkommen ist (auch z.B. in USA). Und dabei spielt es keine Rolle, ob er One Laptop Per Child (OLPC) XO-1 oder Intel Classmate heisst. Negroponte hat sein Ziel erreicht: die nächste Generation wird global einheitlicher und besser ausgebildet sein als die jetzige. Im Allgemeinen führt dies zu einem Angleichen der Wettbewerbsfähigkeit der Nationen, was letztlich die Spanne zwischen arm und reich zu verringern hilft.Hier übrigens Negroponte's Rede zum OLPC Projekt:http://www.ted.com/index....

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Quelle DIE ZEIT, 06.12.2007 Nr. 50
  • Kommentare 3
  • Versenden E-Mail verschicken
  • Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
  • Autoren abonnieren RSS-Feed
  • Artikel Drucken Druckversion | PDF
  • Schlagworte Wissenschaft | Technik
  • Artikel-Tools präsentiert von:

Service