Alles war gut gewesen. Bis zu dem Tag, als das Ziehen und das Reißen begannen und die Haut sich rot färbte und gelb wurde und der Medicus kam und nicht wiederkam und sie ihn ins Kloster Isenheim trugen zu den barmherzigen Antonitern und die Räume zerbrachen und die Dinge zerfielen und die Zeiten zerflossen und nichts mehr war, wie es war. Nur daran kann er sich noch genau erinnern, als die Klosterbrüder ihn auf der Holzpritsche am Altar vorbeischoben und sein fiebriger Blick am ausgestreckten Finger hängen blieb. Johannes der Täufer, wer sonst. Alle Täuferjohannesse sind mit gestrecktem Zeigefinger geboren, weil sie immerzu auf den Herrn deuten. Aber so einen ausgestreckten Finger hat man noch nicht gesehen. Ein angewachsenes Stilett, spitz wie das Instrument, das der Medicus in seinem Köfferchen hatte. Und es war dem Sterbenskranken, als bohrte sich die Fingerwaffe in den schwarzgrünen Bildhimmel, drückte und drückte, bis sie die gerötete Haut und die gelben Stellen auf ihr erreichte.

Heute ist der Johannes eine respektable Museumsperson. Colmar, Musée d’Unterlinden. Die Wallfahrer kommen von weit. In guten elsässischen Jahren, wenn das Sauerkraut eingelegt und der Riesling im Keller ist, hat man schon 300000 vor Grünewalds Isenheimer Altar gezählt. Derweilen bohrt der Täufer noch immer seinen Finger ins bemalte Holz und sagt sein Sprüchlein, dass einer nach ihm kommen werde. Und der, der kommen wird, der ist schon da und ist sehr tot. Heilloser ist die Heilsgeschichte nie gemalt worden. Trostloser ging es nie zu im Trostreich der Bilder. Und wenn sie jetzt draußen die neue Enzyklika Spe salvi verteilten, man würde doch nur an den schwarzgrünen Himmel denken und daran, dass es keine aufgehende Sonne gibt im Werk des Malers Grünewald und keine Venus mit Amorknaben.

Kaiser Rudolf II. hätte Grünewalds Chef d’Œuvre gerne in seiner Sammlung gehabt. Die Mönche, bei denen er nachforschen ließ, zuckten nur mit den Schultern und schickten die abgesandten Kunstaufkäufer mit leeren Händen nach Prag zurück. Den Altar kriegt niemand. Auch nicht die Karlsruher mit ihrer Großen Landesausstellung, die sich nun vorgenommen haben, Grünewald zu zeigen, wie er noch nie zu sehen war und vielleicht nie mehr zu sehen sein wird. Sie haben sich zusammengetan mit Colmar, das nicht weit ist. Und gemeinsam zeigen sie nun ein Grünewald-Wunder – eine der eindrücklichsten Altmeister-Ausstellungen des Jahres.

Das Werk ist ohnehin nicht groß. 25 Gemälde, neun allein an den drei Schauseiten des Isenheimer Altars, dazu 35 Zeichnungen. Der Rest wovon? Von einem verschollenen Jünger Johannes weiß man noch. Von einer verschollenen Verklärung Christi auf dem Berg Thabor. Von drei Altären für den Mainzer Dom, die die Schweden abmontiert und beim Schiffbruch in der Ostsee versenkt haben. Auf einer der untergegangenen Tafeln soll ein blinder Eremit abgebildet gewesen sein, überfallen von zwei Männern, ermordet mitten auf dem zugefrorenen Rhein. Andere haben zu der Zeit Herakles gemalt, wie er den Feuergott Cacus erschlägt. Bei Grünewald haben die Tragödien ihre nüchterne Gegenwart. Alles findet jetzt, nicht morgen, nicht irgendwann statt. Und der runde Erdschatten, der über die kleine Sonne auf dem Kreuzigungsbild in Washington huscht, ist keine apokalyptische Erfindung. Es war die Eklipse vom 1. Oktober 1502, die der Maler irgendwo zwischen Wittenberg und Krakau gesehen haben muss. Da haben die astronomisch unterstützten Biografen keine Zweifel mehr.

Ist es das, was die Bilder so berühmt gemacht hat, die Ununterscheidbarkeit von Ereignis und Vision, von Hier und Nirgendwo, die gefährliche Nachbarschaft des gänzlich Wahrscheinlichen und völlig Unwahrscheinlichen, der ekstatische Krampf, mit dem der Zeigefinger in die grünschwarze Endzeit drückt? Ist das der wahre Grund, warum die Plünderer die Mainzer Altäre herausgerissen haben und nicht weit gekommen sind mit ihrer Beute?

Alles an diesem Werk ist Wirkung. Ungemeine Wirkung, ohne dass man die Ursache wirklich kennte. Es scheint ja heute, vom populären Heldenbedarf des Kunstbetriebs aus gesehen, geradezu unvorstellbar, dass man zu einem Star wie dem Schöpfer des Isenheimer Altars keine Homestory schreiben kann. Selten einmal ist ein Maler derart hinter seinem Werk verschwunden. Als Joachim von Sandrart im 17. Jahrhundert die Künstlerviten für seine Teutsche Academie der edlen Bau-, Bild- und Mahlerey-Künste zusammentrug, stieß er auch auf einen »Matthäus Grünewald, sonst Matthäus von Aschaffenburg genannt«, dessen Rang ganz außerordentlich sei. Bedauerlich nur, »dass dieser ausbündige Mann dermassen mit seinen Werken in Vergessenheit geraten, dass ich nicht einen Menschen mehr bey Leben weiss, der von seinem Thun nur eine geringe Schrift oder mündliche Nachricht geben könte«.

Der deutsche Vasari hat sich große Mühe gegeben, vergebliche Mühe, den Vergessenen für die vaterländische Galerie zu retten. Schwärmerisch verklärt er das »Verklärungs«-Bild, das nicht einmal solches Lob überdauert hat: »Von Invention, Colorit und allen Zierlichkeiten so fürtrefflich gebildet, dass es selzamkeit halber von nichts übertroffen wird, ja, es ist in Manier und Eigenschaft unvergleichlich, und eine Mutter aller Gratien.« Und wenn es von der Mutter aller »Gratien« auch immer eine dunkle Ahnung gegeben hat, dann war es doch so, dass man von den Vätern bessere Kenntnis hatte und es der famose Grünewald anders als Dürer und Cranach lange nicht in den Olymp geschafft hat. Die Bambi-Preisverleihungen kamen tatsächlich erst im 20. Jahrhundert.