Iran Nuklear schwanger
Iran ist offensichtlich weiter von der Atombombe entfernt als gedacht. Sein ziviles Atomprogramm treibt Teheran jedoch unvermindert voran
Der jüngste Iranbericht der amerikanischen Geheimdienste – genauer: dessen seit Wochenbeginn öffentlich zugängliche Version – gibt Rätsel auf. Niemand wird so naiv sein, zu glauben, er sei ohne jeden Gedanken an die Wirkung geschrieben worden, vielmehr ist der Report ein politisches Dokument, ausgehandelt im Zentrum der amerikanischen Regierung. Umso genauer will er gelesen sein.
Fakten enthält der Bericht eigentlich keine. Dafür aber Einschätzungen, von denen drei besonders auffallen. Erstens, Iran habe ein militärisches Atomprogramm betrieben. Zweitens, dass dieses im Herbst 2003 beendet worden sei, und zwar aufgrund eines Kosten-Nutzen-Kalküls der Teheraner Führung, die insbesondere auf internationalen Druck reagiert habe. Drittens, dass Iran noch mehrere Jahre benötigen würde, mit seinen Zentrifugen genügend hochangereichertes Uran für eine Bombe zu produzieren. Damit einher geht die Feststellung, dass Iran noch weniger in der Lage sei, binnen der kommenden acht Jahre genügend Waffenplutonium für eine Nuklearwaffe zusammenzubekommen. Hinzuzufügen wäre, dass der Weg vom hochangereicherten Uran zur fertigen Bombe weitere Zeit beanspruchen würde und der vom Plutonium zum einsatzreifen Sprengkörper noch sehr viel weitere Zeit.
Noch immer fehlen zwar die Beweise dafür, dass Teheran in der Vergangenheit ein militärisches Geheimprogramm verfolgt habe. Aber es existieren Indizien. Dazu zählen technische Anleitungen in iranischem Besitz, denen nur militärische Zwecke einen Sinn verleihen könnten, außerdem Berichte über bestimmte Nuklearexperimente aus früheren Jahren, für die das Gleiche gilt. Und warum waren in der Vergangenheit militärische Dienststellen für Teile des Atomprogramms zuständig?
Diese Indizien sind in mehreren Berichten der Inspektoren beschrieben, die für die internationale Atomenergiebehörde IAEA ins Land gereist waren. Weitere Verdachtsmomente fehlen, auch der US Geheimdienstreport nennt keine. Allerdings legt das bisherige Verhalten Teherans den Gedanken nahe, dass das Regime etwas zu vertuschen hat. Seit Jahren behindert es die Inspektionen, teils auf lachhafte Weise, etwa indem angebliche »Visaprobleme« ins Feld geführt werden – wirklich nur Finten fingerhakelnder Diplomaten, oder will da jemand etwas verbergen?
Wenn ja, dann nicht notwendigerweise etwas Gegenwärtiges, eher etwas Vergangenes: womöglich, dass nach dem Krieg gegen Saddam Husseins Invasion eine »Nie wieder!«-Fraktion im Militär darauf gedrängt hat, Iran mit einer Abschreckungswaffe auszurüsten. Mit der Sache vertraute Diplomaten in Wien fragen sich schon seit Längerem, was denn geschehen soll, wenn Iran seine Verfehlungen der Vergangenheit beichtete. Destabilisierung in Teheran, verschärfter Konflikt mit Amerika, oder gäb’s gar Belohnungen? Vielleicht ist der US-Bericht die Antwort: Man sagt den Mullahs ihre Sünden auf den Kopf zu – und attestiert ihnen zugleich dekontaminierte Hände.
Die Einschätzung, Iran habe im Herbst 2003 aus Vernunftgründen das Militärprogramm eingestellt, ist noch aus einem weiteren Grunde interessant. Sie deckt sich mit Beobachtungen, die Jeffrey Lewis von der New America Foundation schon damals gemacht hatte; Lewis ist Abrüstungsexperte und gut mit dem iranischen Fall vertraut. Im Jahr 2003 nämlich wurden die bis dahin auf mehrere Machtzentren zerstreuten Zuständigkeiten der iranischen Nuklearpolitik gebündelt, offenbar als Antwort auf die neuen Herausforderungen der Atomdiplomatie. Damals hatte die IAEA damit begonnen, Hinweisen auf eine iranische Atomrüstung nachzugehen. Diese neue Ausrichtung rückte Hassan Rohani und Hassan Rafsandscheni ins Zentrum der iranischen Nukleardiplomatie – zwei konservative Mullahs, die als kühle Rechner und nicht als außenpolitische Abenteurer bekannt sind.
Die dritte Feststellung, dass nämlich Iran erst bis zum Zeitraum 2010 bis 2015 relevante Menge waffenfähigen Urans anreichern könnte – und zwar eher gegen Ende dieses Intervalls –, deckt sich mit so ziemlich allen Analysen anderer Experten. Sie beruht auf der Erkenntnis, dass in der Atomanlage Natanz jetzt zwar rund 3000 Anreicherungszentrifugen eingerichtet sind, diese aber nicht mit voller Kapazität rotieren. Aus den Berichten der IAEA-Inspektoren sickern immer wieder Informationen über technische Schwierigkeiten durch, zu deren Ursachen auch gehört, dass Iran bisher nicht fähig ist, das Ausgangsprodukt (ein Urangas) in der nötigen Menge und Qualität herzustellen.
Allerdings nimmt der Umfang solchen Wissens zurzeit besorgniserregend ab, weil Iran sich entgegen der Aufforderung des Weltsicherheitsrates bisher weigert, das sogenannte »erweiterte Protokoll« in Kraft zu setzen – ein Regelwerk für intensive Inspektionen der IAEA. Ob die für die kommenden Tage angekündigte Inspektion in Natanz neuerliche Aufklärung verschaffen wird, ist nicht abzusehen. Misslich ebenfalls, dass die Errichtung des Schwerwasserreaktors Arak (einer potenziellen Quelle waffenfähigen Plutoniums) sich gewissermaßen hinter einer Milchglasscheibe abspielt.
Und genau deshalb darf die jüngste Geheimdienststudie nicht als Ausweis iranischer Harmlosigkeit missverstanden werden. Teheran setzt die technische Entwicklung seiner Fähigkeiten fort, spaltbares Material herzustellen, und dafür benötigt es zunächst kein extra ausgewiesenes Militärprogramm. »Nukleare Schwangerschaft« wird diese Phase im unschönen Diplomatenjargon genannt. Ist sie beendet, so kann ein Land seine Anreicherungs- oder Wiederaufarbeitungstechnik binnen Kurzem militärisch umwidmen – oder doch zumindest diese »Option auf dem Tisch lassen«, wie es heutzutage heißt. Auch ein Programm, das Spaltstoff nur zu friedlichen Zwecken erzeugen soll, trägt machtpolitische Bedeutung, just wegen der potenziellen Weiterungen.
Im harmlosesten Fall kann es deshalb als Verhandlungsmasse dienen. Teheran kommt der Forderung des Weltsicherheitsrates noch immer nicht nach, die Urananreicherung vorläufig auszusetzen. Das ist zu einer Frage des nationalen Prestiges geworden. Mit anderen Worten: Der Preis ist gestiegen. Das Teheraner Regime dürfte ihn nur bezahlen, wenn es viel dafür bekommt, sehr viel. Sicherheit im Irak und am Golf, technisches Know-how für die Modernisierung seiner wichtigsten Industrien und eine Garantie gegen gewaltsame Umsturzversuche von außen – wünsch dir was. Und vielleicht ist der US-Geheimdienstreport ja Ausdruck der Tatsache, dass die Verhandlungen über eine solche »große Lösung« längst begonnen haben.
- Datum 05.12.2007 - 01:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 06.12.2007 Nr. 50
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Und genau deshalb darf die jüngste Geheimdienststudie nicht als Ausweis iranischer Harmlosigkeit missverstanden werden. Teheran setzt die technische Entwicklung seiner Fähigkeiten fort, spaltbares Material herzustellen, und dafür benötigt es zunächst kein extra ausgewiesenes Militärprogramm. »Nukleare Schwangerschaft« wird diese Phase im unschönen Diplomatenjargon genannt
Die Anmerkung ist sehr wichtig und wird oft übersehen. Über Japan konnte man zum Beispiel nach dem nordkoreanischen Test lesen, es könnte in einem Zeitraum von eher Monaten als Jahren zur Atommacht werden; den politischen Willen vorausgesetzt.
Nun wird ein iranisches Atomprogramm in absehbarer Zeit nicht annähernd den Stand des japanischen erreichen, aber wir sollten uns darauf einstellen, dass der Zeitraum in dem "dual-use" Fähigkeiten sichtbar militärisch genutzt werden müssen, deutlich geringer ist, als die prognostizierten Jahre, die Iran noch zur Bombe brauchen könnte.
GvR hat es ja in einem seiner früheren Artikel beschrieben: es gibt zwischen atomarer "Rohrbombe" und Mini-Nuke alle möglichen Varianten von "Atombombe". Die einfachsten kann wohl jeder Physiker zusammenbauen, wenn er denn genügend Spaltmaterial hat.
Und das reicht, siehe Nordkorea. Man muss es nur einmal richtig wackeln lassen, und schon wird man von der "internationalen Gemeinschaft" insbesondere den USA als Verhandlungspartner ernst genommen.
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