Klassiker Odysseus lebt
Deutsch und Griechisch sind einander recht nah, und der Hexameter bildet keine große Hürde, wie die neue Übersetzung von Homers »Odyssee« überzeugend zeigt
Brauchen wir eine neue Übersetzung der Odyssee? Je nun. Wir brauchen sie jedenfalls nicht so dringlich wie eine elegante und kongeniale Übersetzung von Sallusts Catilina, Oscar Wildes Gespenst von Canterbury oder Maupassants Novellen. Übertragungen der Odyssee gibt es für jeden Anspruch und Geschmack, in pompöser Dichtersprache von Rudolf Alexander Schröder (1910) und in philologisch skrupulöser Prosa von Wolfgang Schadewaldt (1958), temporeich und spröde von Anton Weiher (1955), neusachlich und modern von Roland Hampe (1979), vor allem aber in der unvergesslichen, längst selbst schon klassischen und geflügelten Form des Johann Heinrich Voß (1781, überarbeitet 1793).
Das Deutsche sperrt sich nicht gegen die Nachschöpfung des Griechischen. Die Freiheit der Wortstellung und die Möglichkeit zu unbeschränkt neuer Wortbildung erlauben fast jede Wörtlichkeit – im einen Extrem – und nahezu jeden Versnachbau – im anderen Extrem. Dazwischen sind beliebige Kompromisse möglich, und fast nie muss die Nachbildung des Hexameters, wie Schadewaldt tadelte, auf Kosten der Richtigkeit gehen oder zu einem gesteigerten Verbrauch deutscher Füllwörter führen. (Es ist im Gegenteil Schadewaldt, der absurde deutsche Füllwörter nach griechischem Vorbild erfindet.) Zu Recht weist Kurt Steinmann, der jetzt bei Manesse eine Neuübersetzung vorgelegt hat, darauf hin, dass der Hexameter im Deutschen eher zu wenig Platz bietet, also zu einer gewissen Eile und Gedrängtheit strebt, die der vielgerühmten Lakonie des Originals sehr entsprechen.
Apropos vielgerühmt – schon dieses Wort, drei Silben, eine betonte, zwei unbetonte, ist ein zwanglos von selbst entstandener Daktylos, also jener Versfuß, von dem der Hexameter sechs (hexa) Stück versammelt. Im Deutschen lässt sich mühelos ein Vorrat von solchen rhythmisch geeigneten Wortbildung zur Seite legen, die sich wie im Original zur formelhaften Wiederholung eignen, entweder als reiner Daktylos oder mit zusätzlichen Silben, die zum Anschluss des vorangehenden oder nachfolgenden Versfußes taugen. Ein Beispiel: Athenes berühmtes Epitheton glaukopis übersetzt Voß als »blauäugicht« und hat damit einen natürlichen Daktylos. Steinmann übersetzt: »die funkeläugige« und hat mit dem Artikel zusammen zwei Daktylen: die funkel/äugige. Weiher übersetzt am Ende eines Verses stets: »Göttin mit Augen der Eule«, und hat damit drei Daktylen, insofern der letzte eines Hexameters stets unvollständig ist: Göttin mit/Augen der/Eule. Was aber heißt glaukopis nun wirklich? Das hängt davon ab, wie man den ersten Wortbestandteil herleitet – von glaukos im Sinne von leuchtend, dann ist man bei der funkeläugigen, oder von glaukos im Sinne von blau, dann ist man bei der blauäugichten; oder aber von glaux , der Eule, dann ist man bei den Augen der Eule. Da aber glaux von glaukos abgeleitet ist (wegen der großen Augen der Eule) und diese Eule das Wappen der nach Athene benannten Stadt bildet, sind alle drei Übersetzungsvarianten möglich und im griechischen Original wohl auch alle auf einmal gemeint. Der Philologenstreit um die rechte Auslegung kann dem Übersetzer gleichgültig sein.
Seine Freiheit im Deutschen ist fast unbeschränkt. Er könnte ebenso bequem mit der Übersetzung »eulenäugig« dichten, denn der Hexameter erlaubt es, den Daktylos durch einen zweisilbigen Spondeus zu ersetzen, sodass man mit der eulen/äugigen/Göttin A/thene wiederum im Rhythmus ist. Eine kleine Schummelei ist dabei, insofern der Spondeus aus zwei betonten Silben bestehen müsste, man sich im Deutschen aber in der Regel mit einer begnügt. Aber was heißt schon Schummelei? Die deutsche Nachbildung des Hexameters ist in gewisser Hinsicht immer eine Schummelei, weil die griechische Dichtung die Länge der Silben misst, die deutsche aber Betonungen zählt. In der Übersetzung werden aus langen Silben betonte, aus kurzen Silben unbetonte – mithin eine höchst schwächliche Analogiebildung, sollte man meinen.
Jedoch weit gefehlt. Der deutsche Hexameter fließt, er bildet sich wie von selbst und geht ins Ohr, die geflügelten Worte vom männerbeherrschenden, vom küstenumirrenden Helden, vom hauptumlockten Genossen tragen die Hexameter auf leichtestem Versfuß. Tatsächlich aber ist diese homertaugliche Zusammensetzung von Substantiv und Partizip das Werk eines Mannes, der sie erst eigens erfunden hat, um die Ilias und die Odyssee zu übersetzen. Wenn sich die Übertragung von Johann Heinrich Voß heute, von winzigen Irritationen abgesehen, so frisch und unverkrampft liest, dass man die Mühe kaum merkt, dann ist es der Erfolg einer Kunstsprache, die im Deutschen so heimisch wurde, dass wir sie kaum noch bemerken.
Die Geschichte der Homer-Übersetzungen nach Voß ist vor allem eine Geschichte der verzweifelten Versuche, diesem Idiom zu entkommen. Dass es überhaupt möglich war, beruht aber keineswegs auf neuen Geniestreichen, sondern der natürlichen Neigung deutscher Adjektive und Partizipien, wenn sie gebeugt werden, Daktylen zu bilden – der Herrliche, der Schlummernde, der Leidvolle, der Goldene oder einfach nur Rosige ist immer schon ein Daktylos. Ähnliches gilt für reflexive Verben im Präteritum – schmückte sich, beugte sich, sorgte sich: alles Daktylen. Zu Recht wurde gesagt, dass sich die Metren im Deutschen viel leichter bilden als im Griechischen und darin die eigentliche Verfehlung des Originals liegt.
Mit anderen Worten: die Leistung einer neuen Übersetzung wird niemals in den Hexametern bestehen. Sie sind die leichteste Übung. Schwierig ist es, die originalen Bilder und Metaphern und noch dazu in ursprünglicher Reihenfolge wiederzugeben, die festen Formeln unerschütterlich festzuhalten und das Prunkende und Üppige zu vermeiden, das eher in die Ilias als in die Odyssee gehört. – Kann man sagen, dass Steinmann in seiner Neuübersetzung das gelungen ist?
Es ist ihm gelungen – aber nicht besser als seinen Vorläufern. Dass Athenes Augen bei ihm funkeln, dass die berühmten Worte bei ihm nicht »geflügelt«, sondern »gefiedert« sind (weil ihm die Vorstellung eines Pfeils zugrunde zu liegen scheint), dass Odysseus bei ihm ein »Städtezerstörer« und kein »Städteverwüster« wie bei Voß ist – bitte sehr. Dass Athenes Schild, die aigis, die Zeus ihr geliehen hat, bei Steinmann »menschenvertilgend« genannt wird, während Voß »menschenverderbend« sagt – auch das ist geschenkt.
Eine wirklich dramatische Entscheidung dagegen hat an dieser Stelle (XXII, 297) Anton Weiher getroffen, der das knappe phthisimbroton in einen Relativsatz verwandelte: »die Aigis, die Menschen vernichtet«. Er hat die Bedeutung, die in dem archaischen und fast verblassten Wort eingeschlossen lag, zu seiner ganzen schrecklichen Tragweite entfaltet, eine Willkür, wie sie Steinmann niemals wagt, die aber in der Steigerungslogik der grausigen Szene liegt.
Es handelt sich um die spektakuläre Metzelei des 22. Gesangs, die der heimgekehrte Odysseus unter den Freiern Penelopes anrichtet und zu der ihm nicht nur Telemach, sondern auch Athene den Arm leiht. Die Szene, die in ihrer Plötzlichkeit und splattermoviehaften Brutalität nicht zufällig an Tarantino erinnert, ist viel kritisiert worden, der gerne etwas verniedlichende Voß hat sie zu dämpfen versucht, aber niemand hat sie so filmisch, so direkt und rücksichtslos wiedergegeben wie Anton Weiher. Dem eben noch ahnungslosen Antinoos schießt Odysseus in Vers 15 einen Pfeil durch die Gurgel:
So, daß die Spitze des Pfeiles beim
zarten Nacken herausstand.
Er aber sank auf die Seite; der
Becher entfiel seinen Händen,
Tödlich war er getroffen; ein dicker
Strahl seines Blutes
Schoß durch die Nase; den Tisch stieß er
schnell von sich mit dem Fuße,
Schlug und fegte die Speisen zur Erde,
daß Brote und Braten
Völlig verschmutzten.
Bei Kurt Steinmann lautet die Stelle:
Und geradewegs quer durch den zarten
Hals drang die Spitze.
Seitwärts kippte er um, der Becher
entglitt seinen Händen,
als er getroffen, und gleich schoß ihm
durch die Nase ein dicker
Strahl von Menschenblut; jäh stieß mit
dem Tritt seines Fußes
er von sich den Tisch und fegte die
Speisen zu Boden;
Brot und Braten wurden besudelt.
Das ist nicht schlecht, aber um wie viel behäbiger, altmodisch-literarischer als bei Weiher! »Quer durch den Hals drang die Spitze« ist nicht annähernd so brutal wie die Vorstellung, dass die Spitze beim Nacken »herausstand«; ein Becher, der »entglitt«, ist hochsprachlicher als einer, der den Händen nur »entfiel«, »Menschenblut« gedichteter als bloßes »Blut«, und auch das »Besudeln« ist auf einer höheren Sprachebene angesiedelt als die kalte Feststellung, »daß Brot und Braten völlig verschmutzten«.
Man sieht: Kurt Steinmann ist ein gesitteter Schweizer, und Anton Weiher war ein bayerischer Schulmann, der sein Wirtshaus kannte (einschließlich der obligatorischen Schlägereien). Soll man es so sehen? Auf jeden Fall verblüfft, dass die neue Übersetzung so viel weniger von der Welt des Comics und des Filmes weiß als die fünfzig Jahre ältere. Es sei denn, das Original legt eine Wörtlichkeit nahe, die sich im Deutschen so zwanglos ergibt, dass Steinmann ihr nicht entkommen kann. Nachdem die Freier glücklich umgebracht, macht sich Telemach an die Hinrichtung der Mägde, die »bei den Freiern die Nacht verbrachten«. Er knüpft ein Schiffstau an die Pfeiler der Halle und zieht mit einem Ruck die Mägde in die Höhe. Wie genau man sich das vorzustellen hat, wird von Homer nicht geschildert, sondern eher hinter einem Bild von Vögeln verborgen, die sich im Netz verfangen. Aber dann folgt Vers 473 mit einer Vollzugsmeldung von geradezu höhnischer Nüchternheit:
Kurz nur noch zappelten sie mit den
Füßen, gar nicht sehr lange.
Dieses lakonische »gar nicht sehr lange«, das dem originalen ou ti mala den bis in die Silbenzahl entspricht, ist von einer brutalen, geradezu feinschmeckerischen Mitleidlosigkeit, die in der abendländischen Literatur fast ohne Beispiel ist und für die man selbst im zeitgenössischen Kino bis zu Tarantinos Pulp Fiction oder Oliver Stones Natural Born Killers gehen muss, um Vergleichbares zu finden.
Aber ist der Vergleich mit Film und Comic überhaupt statthaft? Mehr als das. Es gibt wenige Werke der ältesten Literatur, die sich so direkt in die Vorstellungswelt einer rasant erzählten Bildergeschichte fügen, mit dem Rachedurst und dem Katzenjammer danach, mit den gütigen oder aufwiegelnden Onkeln (den Göttern), mit dem machohaften Ehrgefühl und dem romantischen Heimatsehnen in der harten Heldenbrust. Der listenreiche Städteverderber ist eine Figur, die fast zur pubertären Identifikation einlädt, einschließlich des gelegentlichen Entsetzens darüber, wem man sein Herz da geliehen. Das betrifft gewiss nicht die ganze Odyssee, es ist vielleicht nicht einmal ihr hauptsächlicher Aspekt, aber es ist eine gewichtige Seite, von der Steinmanns Neuübersetzung leider nur wenig wissen will. Anders verhält es sich mit der Welt der Gefühle und seelischen Regungen. Hier ist dem Übersetzer etwas Besonderes gelungen, glaubwürdige Innigkeit bei staunenswerter Wörtlichkeit. Am Ende des 22. Gesangs, als es zum Wiedersehen mit den Frauen des Hauses kommt, die ihn umarmen und küssen, heißt es:
und ihn ergriff ein süßes Verlangen
nach Weinen
und nach Seufzen, denn sein Herz
erkannte noch alle
Das klingt bei Voß gröber, fast schon unangemessen saftig und entschieden weniger wörtlich:
Aber Odysseus
Weint’ und schluchzte vor Freude;
sein Herz erkannte noch alle.
Trocken und fast ungelenk dagegen Anton Weiher, der Fairness halber noch einmal zitiert, nachdem er zuvor so gut abschnitt:
Packte Odysseus ein süßes Sehnen
nach Weinen und Stöhnen
Konnte er doch durch Besinnen sie
alle wieder erkennen.
Das sind die typischen Unterschiede, die sich beim Vergleich von Odyssee- Übersetzungen finden lassen; man muss sie zugegebenermaßen dramatisieren, damit sie ins Gewicht fallen. Dass sie am Ende so groß nicht sind, dass Vorteile bei einer Stelle stets mit Nachteilen bei anderen aufgewogen werden, dass am Ende niemals Voß so schlecht abschneidet, wie spätere Philologen glauben machen wollten, erhöht freilich den Rechtfertigungsdruck für Neuübersetzungen. Warum werden sie überhaupt gewagt? Aus Tüddelei, Rechthaberei oder weil am Ende die Odyssee ein so großartiges Stück Literatur ist, dass man sie sich am liebsten mit einer Nachschöpfung einverleiben möchte?
Dieser Appetit, falls er es ist, adelt auch den Übersetzer Steinmann, zumal es am Ende, wenn unsere Kritteleien längst vergessen sind, noch immer ein prächtiges Festmahl ist, das er bereitet hat. Nur eines fehlt dem großformatigen, kunstvoll illustrierten Band: die Kustoden auf der Seite, die dem Leser sagen, in welchem Gesang er sich gerade befindet. Das Navigieren durch Blättern ist unkomfortabel wie das Essen ohne Messer und Gabel – auch wenn es homerisch war. Dafür gibt es aber einen recht guten Stellenkommentar des Übersetzers, der das etwas spießige Nachwort verschmerzen lässt. Das Einzige, was die Zöglinge altsprachlicher Gymnasien ungern verschmerzen, ist das Fehlen des griechischen Originals. Zweisprachig – das wäre es gewesen.
- Datum 05.12.2007 - 01:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 06.12.2007 Nr. 50
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