Musik der Welt

Flugwurzeln

Im mittelamerikanischen Belize wird eine Musikkultur neu entdeckt: Garifuna

Mitternacht in Dangriga, einer Hochburg der Garifuna-Kultur. In einem Zelt, das am Meeresufer aufgebaut wurde, hat sich die lokale Jugend versammelt: Mädchen mit komplizierten afrikanischen Frisuren und ihre männlichen Begleiter, überwiegend in Trainingsanzügen, manche auch mit den ausgebeulten Jeans, die man von der amerikanischen Hip-Hop-Community kennt. Ein Hauch von Exzess liegt in der Luft, Rumfontänen sprühen über den Köpfen, lautes Stimmengewirr zwischen fröhlicher Anmache und latenter Aggression füllt den Raum.

Dangriga erlebt eine Premiere: Zum ersten Mal in der Geschichte des kleinen zentralamerikanischen Staates Belize findet hier ein Paranda-Wettbewerb statt, bei dem als Siegesprämie 500 Belize-Dollar ausgelobt sind – rund 170 Euro. Paranda ist eine aussterbende Kunst: eine Musik, die westafrikanische Polyrhythmen mit karibischen Frohsinnsmelodien und Frage- und Antwortgesängen mischt, rau und ungeschliffen und seit Beginn des 20. Jahrhunderts unverändert. Von Generation zu Generation wurden diese Klänge mündlich weitergereicht und originalgetreu wiederaufgeführt. Doch heute sind die Paranderos rar geworden, ein ganzes Genre ist vom Verschwinden bedroht. Deshalb der Wettbewerb: Junge Leute sollen ermuntert werden, die Musik der Väter und Großväter zu interpretieren und vielleicht sogar ein wenig Innovation zu wagen. Und das Experiment kommt verblüffend gut an. Auf der Bühne wechseln sich junge Männer mit Dreadlocks ab, die wild gestikulierend in das gut vorgewärmte Publikum deklamieren.

Der Höhepunkt des Abends aber kommt erst später, als Andy Palacio mit seinem Garifuna Collective die Bühne betritt. Einem Ensemble, das den akustischen Wirbelsturm von Punta, Paranda und rituellen Dugu-Musiken mit der elektrischen Spannung der Rockmusik noch zusätzlich aufheizt. Andy P., der kahl rasierte Prophet einer Erneuerung der bedrohten Garifuna-Kultur, Gewinner eines Womex-Awards – eines der bedeutendsten Preise der World-Music-Szene – und frisch ernannter Unesco-Botschafter für den Frieden. Ein König der Könige, der, ähnlich wie Youssou N’Dour in Senegal, eine unangefochtene Machtposition innehat. Er ist in ständigem Dialog mit den führenden Politikern von Belize und nutzt seine internationalen Tourneen, um, ganz offiziell, als hoher Funktionär des Kulturministeriums, sein Land im globalen Dorf zu repräsentieren. Belize, ein Zwergstaat von der Größe Hessens auf der Halbinsel Yucatán, der erst 1981 aus britischem Kolonialstatus in die Unabhängigkeit entlassen wurde, hat sich offenbar entschieden, die Kultur der Garifuna, die nur sieben Prozent der Bevölkerung ausmachen, zu benutzen, um darauf eine nationale Identität zu gründen.

Wenn Palacio die Songs seiner viel gerühmten Platte Wátina anstimmt, dann kann das Publikum jedes Wort der in der Garifuna-Sprache Igneri abgefassten Texte mitsingen. Seine Konzerte sind Hochämter einer kollektiven Erregung und münden stets in eine Unio mystica von Künstler und Publikum. Jeder Schlag der Trommel wird von den Zuhörern aufgenommen und pflanzt sich in Wellenbewegungen bis in die hinteren Reihen fort, jede Chorpassage schallt in tausendfacher Verstärkung aus dem Auditorium zurück. »Meine Mission ist es zu kommunizieren«, sagt Andy Palacio in seinem von leichtem Patois gefärbten karibischen Englisch. »Und mein Publikum wächst ständig: Die Reise ging vom Klassenzimmer in meinem Heimatort Barranco über den Staat Belize bis nach Europa, Amerika und irgendwann ins Universum. Es war eine Odyssee mit der immergleichen Botschaft: Wátina. Ich schreie laut: Hier sind wir. Wir existieren. Wir haben etwas, das wir teilen wollen.«

Große Worte angesichts eines Erfolges, der sich derzeit noch in Grenzen hält. 30000 Einheiten der im Frühjahr veröffentlichten Platte Wátina wurden, laut Angaben der Plattenfirma, bis jetzt verkauft – das sind nicht gerade Buena Vista- Dimensionen. Aber Andy Palacio ist, was seine internationale Karriere betrifft, noch im Steigflug. Und es ist ihm zumindest gelungen, einem europäischen Publikum, das vor wenigen Jahren nicht einmal wusste, wo der Staat Belize auf der Landkarte zu finden ist, eine Vorstellung von Musik, Tanz und Sprache seiner Ethnie zu vermitteln. Die Geschichte des kleinen Volkes, das über Jahrhunderte hinweg, ähnlich wie das Gallierdorf von Asterix, stur und widerborstig jedem Assimilierungsdruck widerstanden hat, ist eine Saga von beinahe mythischen Dimensionen. Obwohl bereits Legionen von Ethnologen und Musikwissenschaftlern über Geschichte und Kultur der Garifuna gearbeitet haben, gibt es immer noch viele dunkle Flecken und Ungereimtheiten.

Die glaubwürdigste Gründungsgeschichte bezieht sich auf das Sinken eines Sklavenschiffes im Jahr 1635 vor der Karibikinsel St. Vincent. Einige Dutzend Afrikaner konnten sich retten und fanden am Ort der Katastrophe eine Zuflucht. Im Lauf der Jahre vermischten sie sich mit den Kariben und begannen ihre eigene Sprache, ein Gemisch aus Arahuaco, Französisch, Suaheli, Bantu und ein paar Brocken Spanisch und Englisch auszubilden. Der weitere Weg der Garifuna durch den endlosen Tunnel der Historie ist die Geschichte eines jahrhundertelangen erzwungenen Nomadentums. Im Spannungsfeld der Kolonialmächte England und Frankreich wurde das kleine Volk von Insel zu Insel gehetzt, bis es sich schließlich an der Küste Zentralamerikas dauerhaft niederließ. Heute leben die rund 100000 Garifuna, sofern sie nicht in die USA ausgewandert sind, in Belize, Honduras, Guatemala und Nicaragua. Wobei die bizarre Situation entstand, dass die Garifuna aus den spanischsprachigen Nationen mit den überwiegend anglophonen Belizianern meist nicht in der jeweiligen Landessprache kommunizieren können, sondern das vom Verschwinden bedrohte Igneri die einzige Möglichkeit eines verbalen Austausches bietet.

Vor diesem geschichtlichen und sozialen Hintergrund ist der Kreuzzug Andy Palacios für eine Wiederbelebung der Garifuna-Kultur und des Igneri einzuordnen. Dabei hat der Pate und wortmächtigste Advokat einer minoritären Kultur als schlichter Entertainer begonnen, der mit Coverversionen und Turborhythmen Partys anheizte – eine Art Roberto Blanco aus Yucatán. Seine eigene Kreation Punta Rock reiht sich nahtlos ein in die Tradition des karibischen Schunkelterrors zwischen Soca, Zouk und Reggaeton. Erst im Lauf der Jahre wuchsen ihm, wie er selbst sagt, Flügel, und er war in der Lage, das ganze Bild von oben zu betrachten. Doch um seine Vision einer Musik, die die Tradition bewahrt und gleichzeitig transzendiert, umzusetzen, brauchte Palacio noch einen Katalysator, eine Art belizischen Ry Cooder, und er fand ihn in der Person des Produzenten Ivan Duran. Wobei der Vergleich mit dem Amerikaner nicht ganz fair ist. Denn während Ry Cooder nur kurz im Aufnahmestudio in Havanna vorbeigeschaut hatte und die CD Buena Vista Social Club als glückliches Zufallsprodukt entstand, kam der europäischstämmige Duran schon als Kind nach Belize und verbrachte dort sein ganzes Leben. Mit seinem Label Stonetree Records entriss er Legenden wie den Paranda-König Paul Nabor dem Vergessen, dokumentierte die Trommelkunst von Lugua Centeno und arbeitete vor allem mit Andy Palacio an einer zeitgenössischen Version der herkömmlichen Garifuna-Musikstile.

Es hat lange gedauert: Nach dem eher missglückten Experiment Keimoun aus dem Jahr 1995, das Punta Rock mit Fusion Jazz zu amalgamieren versuchte, vergingen noch einmal zehn Jahre, ehe sich mit Wátina alle Elemente zu einem berückenden akustischen Mosaik ordneten: Die Trommelpatterns verteilen sich in nie gehörter Transparenz über das gesamte Klangspektrum. Dazu erklingen zart gezupfte akustische und elektrische Gitarren, oszillierende Soundschleier vom Keyboard, geisterhafte Echostimmen und nasale Frauenchöre, die in die Klangtextur schneiden wie scharfe Messer. Es gehe jetzt darum, die Basis zu verbreitern, sagt Ivan Duran. Der Welt zu zeigen, dass neben Andy Palacio, der eine Zeit lang alle Definitionsmacht für moderne Garifuna-Musik beanspruchen konnte, eine ganze Armada von talentierten Nachwuchsleuten bereitsteht: Adrian Martinez, sein Namensvetter Aurelio, Jursino Cayetano und die zahlreichen Sängerinnen, die bei der nächsten Veröffentlichung Umalali – The Garifuna Women’s Project im Februar 2008 im Scheinwerferlicht stehen.

»Wir sind in der globalen Wahrnehmung immer noch ein sehr obskures Land«, sagt Andy Palacio. »Wir werden oft ignoriert und beiseite geschoben. Über Kultur können wir Eindruck machen, über Musik können wir erreichen, dass wir für etwas respektiert werden. Wir brauchen ein System, das den Kindern sowohl Wurzeln als auch Flügel gibt. Ich habe eine Entwicklung durchlaufen, in der mir viele Flügel wuchsen, aber es fehlten die Wurzeln. Ich musste sie selber finden.«

"Wátina", Andy Palacio and the Garifuna Collective (Stonetree/Cumbancha)
"Umalali – The Garifuna Women’s Project" erscheint im Februar 2008 (Stonetree/Cumbancha)

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    • Von Thomas Miessgang
    • Datum 16.12.2007 - 06:30 Uhr
    • Quelle DIE ZEIT, 06.12.2007 Nr. 50
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