Von den Herrlichkeiten der Sommerfrische erzählt diese Musik wenig. Es ist ja auch nicht die Jahreszeit für Sonne, Saiblinge, den berühmten 11-Uhr-Schluck vom Hefeabzug, das flirrend leichte Leben. Man schreibt das Jahr 1982, den Monat November, und wo könnte es einen da ärger frösteln als im ohnehin feuchten, unwirtlichen Salzkammergut. Längst sind alle Boote winterfest vertäut und die meisten Gasthöfe geschlossen. Nur im Hotel Post in Weißenbach am Attersee brennen noch die Lichter. Denn in dessen Saal steht ein Bösendorfer Imperial-Flügel, und an diesem geschätzten Instrument nimmt Friedrich Gulda gerade alle Klaviersonaten von Mozart auf. Das heißt, zwei werden am Ende fehlen: KV 309 erachtet Gulda, wie sein Sohn Paul berichtet, als »apokryph«, und bei KV 533 beziehungsweise KV 494 findet er keinen überzeugenden Sonatenzusammenhang. Der Rest reicht für eine posthume Sensation.

Alles andere nämlich ist vorhanden, vom Erstlingswerk des 18-jährigen Mozart (KV 279) über die Dürnitz-Sonate, die Pariser Sonate KV 310 – die alle Heiterkeitsklischees widerlegt – und die gleißend repräsentative B-Dur Sonate (KV 333) bis hin zur düsteren c-Moll Sonate KV 457 und zu deren tragischer Schwester, der Fantasie KV 475. Ein Kompendium enormer Ernsthaftigkeit, »der Herr Mozart«, pflegt Gulda voller wienerischer Ehrfurcht zu sagen – er, der ihn nach Beethoven, Bach, Chopin und diversen Auf- und Ausbrüchen ins Jazzig-Poppig-Populäre so spät erst für sich erkennt. Prompt will sein Sonatenzyklus mit der »Spieluhrnähe«, die Joachim Kaiser im Blick auf Guldas Mozart-Bild noch 1972 konstatierte, nichts mehr zu tun haben. Im Gegenteil: Harsch ist Guldas Zugriff, viril, körperbetont, treibend, drängend und noch in den langsamen Sätzen von einer unbeugsamen Strenge, was die Spannung, den Bogen des Ganzen betrifft. Keine Rührseligkeiten! Nichts Verlogenes! Bloß keinen Singsang! – ruft dieses Spiel, so lange, bis auch der letzte Zuckerguss vom gemeinen Mozart-Konterfei abplatzt.

Was darunter zum Vorschein kommt? Herbe Kost, 16 Sonaten lang. Aufwühlende Kontraste. Raue, griffige Klangfakturen. Und ein alle Epochen übersteigendes Verständnis dafür, wie schmerzlich doch die Verkennung des Genies als lustige Person ist. Auch Gulda fühlt sich ja verkannt, nicht ernst genommen, »mit Schmutz beworfen« für sein Bestreben, die Musikwelt zumindest ein Stück weit von ihren immergleichen großen Toten zu erlösen: durch seine freizügigen Sessions mit den Freejazzern Paul und Limpe Fuchs und der Schlagzeugerin Ursula Anders, durch Performances wie Mozart no end und die Go-go-Girls in seiner Show Paradise Island. Die Menschheit »der schönen Utopie einer Versöhnung einen Millimeter näher zu bringen« war seine Absicht, allen Ernstes. Gulda, der letzte Eulenspiegel, Münchhausen, Don Quichotte des Klassikbetriebs.

Dass die Welt ausgerechnet auf seinen Mozart-Sonaten-Zyklus Jahrzehnte warten musste, hat einen Grund und eine Geschichte. Der Grund liegt in Guldas großem Respekt vor Mozart und darin, dass er ihn – wie er selbst einmal bekannte – zu lange als »Einspiel- und Zuspätkomm-Komponisten« missachtete. Live gespielt hat er den Sonaten-Zyklus nur dreimal und dann nie wieder, 1981 in München, Paris, Mailand. Die besagte Geschichte indes ist nicht zuletzt eine über den Musikbetrieb und geht so: Gulda, der Plattenstudios hasst, zieht sich ins Hotel Post an den Attersee zurück, spielt Mozart und nimmt ihn auf – technisch durchaus professionell, ohne schmeichlerischen Hall, die Mikrofone ganz nah an den Saiten, so wie er es eben mag. Kaum dass das Projekt abgeschlossen ist, beginnt er sich zu zieren und zu zögern, sei es, weil er jegliches Mozart-»Vermächtnis« fürchtet, sei es, dass er die Gier des Marktes nicht so einfach befriedigt wissen will und mit dem fertigen Zyklus in der Hinterhand ein paar andere, weniger populäre Projekte durchsetzen möchte.