Barock Alle Scheinwerfer auf die Güte
Neuaufnahmen des Oratoriums »Solomon« von Händel zeigen, wieviel Ironie sich in dem Werk verbirgt.
Den kaukasischen Kreidekreis gab es schon in der Bibel. Damals bekleidete der berühmte König Salomo das Richteramt in einem exklusiven Mutterstreit. Schlag nach bei Brecht: Da zerren zwei Frauen an den Armen eines Kindes, das beide als das eigene ausgeben. Im Alten Testament geht es drakonischer zu: Salomo kündigt an, das Kind mit einem Schwert gerecht zu halbieren. Wie bei Brecht trennt sich die echte Mutter von ihrem Kind unter Tränen, ihm soll kein Leid widerfahren. Sogleich wird sie als Mutter anerkannt.
Georg Friedrich Händel machte sie zum dramatischen Zentrum in seinem Oratorium Solomon. Ringsum gruppierte er Szenen des Staunens und der Verehrung für Salomo, die Lichtgestalt. Was die Londoner im Uraufführungsjahr 1749 ein bisschen langweilte: Für Solomon gab es zu Händels Lebzeiten nur wenige Aufführungen. Sie erkannten die Anspielungen an den frisch gekrönten Georg II., begriffen, dass Händel den politischen Hoffnungen der Briten nach kriegerischen Jahren einen goldenen Horizont malen wollte. Aber die bibelfesten Briten in Covent Garden hatten diesen angeblich tadellosen Salomo aus der Lektüre weitaus prahlsüchtiger und als Erotomanen in Erinnnerung.
Vermutlich haben sie nicht genau hingehört. Händel erweist sich hier als seelenkundig und als subtiler Ironiker. Er lässt Salomo als einen Machtmenschen erscheinen, der gleichsam die Scheinwerfer auf seine Güte lenkt, im Priester Zadok einen Liebediener installiert und seine Israeliten zum Huldigungsvolk erzogen hat. Jubel, wohin man hört: auf Gott Jehova, auf die Ehe Salomos mit seiner neuen Gemahlin, der Tochter des Pharaos; auf die Gerechtigkeit im Mutterstreit; schließlich auf die Blendung der Königin von Saba, der zu Ehren Salomo eine Masque aufführen lässt, welche die Affekte der Musik wie im Zirkus springen lässt. Die Vermutung, Händel habe in diesem Kabinettstückchen die Extravaganz des untergegangenen Hauses Stuart spiegeln wollen, ist nicht von der Hand zu weisen.
Solomon ist eine von Händels geheimnisvollsten Partituren. Die Zeit steht still. Exotisch tönen die flirrenden Naturmalereien, fast abgründig die Eskapaden dreier Fagotte. Am Ende singt Salomo mit der begeisterten fremden Monarchin ein Duett, dessen amouröse Terzen einen ebenso hohen Flirtfaktor besitzen wie der Zwiegesang zwischen Herrn und Frau Salomo im ersten Akt. Mit diesen Parallelen deutet Händel raffiniert das biblische Schicksal des Herrschers an, der die Schürzen heidnischer Frauen jagen und darüber stürzen wird. In bizarre chromatische Kurven zwingt er den Chor im Satz With pious heart, and holy tongue , als mische sich Befremden ins Gotteslob. Fast zauberisch pariert der Chor die Aufforderungen Salomos im Finalakt, Meeresfluten steigen zu lassen und die Qualen verschmähter Liebe zu besingen.
An solchen Passagen kann man sich am Rias-Kammerchor in der neuen Aufnahme unter Daniel Reuss nicht satthören. Grandios gelingt auch die murmelnde Süße des Nachtigallen -Chores, der am Ende des ersten Aktes das Plumeau über dem schwellenden Zauber im königlichen Schlafgemach lüftet. Und die Akademie für Alte Musik Berlin stellt meisterlich die von Salomo verordnete Wolkenlosigkeit heraus – humanistisch beglänzte Festlichkeit als Hohlspiegel. Erst recht werfen die expressiven Wundertöne, die Susan Gritton und Carolyn Sampson gelingen, die Frage auf: Was wäre Salomo überhaupt ohne Frauen?
Es spricht für die Einsicht der Neuzeit in Händels Kunst, dass von Solomon zeitgleich noch eine zweite Einspielung erschienen ist mit dem Winchester Cathedral Choir und dem Göttinger Festspiel-Orchester unter Nicholas McGegan. Klanglich kann dieser stilistisch gewiss differenzierte Live-Mitschnitt kaum mit der Studioaufnahme von Reuss konkurrieren. McGegan vertraut auf den Altus von Tim Mead, der seine Partie exzellent singt. Reuss hat die Titelpartie mit der großartigen Sarah Connolly besetzt. Händel selber hatte ihn damals mit einer Mezzosopranistin besetzt. Hätte er einen Mann genommen, wenn ihm einer zur Verfügung gestanden hätte? Eine müßige Debatte über ein Werk, in dem schon die Zukunft des Musiktheaters mitklingt. Im Terzett Salomos und der Frauen, dem dramaturgischen Herzstück des Solomon, befindet sich Händels Genie im Zeittunnel, die Epochen rücken zusammen. Zu Mozarts Psychologie ist es nur noch ein Katzensprung.
G. F. Händel: Solomon
Rias-Kammerchor, Akademie für Alte Musik Berlin, Ltg. Daniel Reuss (harmonia mundi France 901949.50)
Winchester Cathedral Choir, Festspiel-Orchester Göttingen, Ltg. Nicholas McGegan (Carus 83.242)
Plattenrezensionen, Künstlerportraits, Bildergalerien und unser Festivalblog gibt's auf
zeit.de/musik »
Sie wollen auf dem Laufenden bleiben?
Klicken Sie hier
, und unser RSS-Newsletter bringt Ihnen die Musik direkt auf den Schirm.
- Datum 18.12.2007 - 01:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 06.12.2007 Nr. 50
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:









Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren