Baile Funk Ein Mikro für MC Gringo
Früher hieß er Hendrik Hermann Weber, dann kam er nach Rio. Jetzt spielt er Musik aus der Favela für die Favela.
Selbst die einfachste Geschichte ist niemals so simpel, wie sie scheint. Hinter ihr versteckt warten noch viele Geschichten mehr. Geschichten aus der Vergangenheit und aus der Zukunft, komplexere Geschichten, kaum zu glaubende Geschichten. Unsere Geschichte, jedenfalls ihre einfachste Version, beginnt vor fünf Jahren. Da macht sich ein Schwabe auf nach Brasilien. Der Liebe zur portugiesischen Sprache wegen und der Liebe zur brasilianischen Musik wegen und nicht zuletzt wegen der Liebe zu einer Frau. Heute ist unser schwäbischer Reisender verheiratet, trägt deshalb den ausufernden Namen Bernhard Hendrik Hermann Weber Ramos de Lacerda und versucht Karriere zu machen im Baile Funk. Als einer unter Tausenden, als einziger Deutscher, als MC Gringo.
Baile Funk, und hier beginnt eine andere Erzählung, das ist die Musik aus den Ghettos von Rio de Janeiro. Der Funk, wie sie ihn hier einfach nennen, ist die Musik der Armut und die Musik des Verbrechens. Die Texte handeln von Gewalt und Drogen und Sex, und der Rhythmus versöhnt die Diskothek mit dem Dschungel. Die Musiker, die Sänger und Rapper nennen sich Funkeiros und sind die Chronisten ihrer Umgebung, aber ebenso ihre Helden. Einer, der Weber heißt und aus Europa kommt, der kann kein Funkeiro sein, der muss doch reich sein, der weiß doch nichts von den Problemen, der ist doch ein Dauerurlauber. Doch Weber, der in der alten Heimat Industriekaufmann war und Radiojournalist, schreibt über sein Leben, und dieses Leben lebt er wie seine brasilianische Konkurrenz von der Hand in den Mund in einer Favela. Strom und Gas werden irgendwo abgezapft, der DSL-Anschluss kommt per Kabel vom Nachbarn, das Geld von Gelegenheitsjobs als Statist, Model oder Radiomoderator.
Die Favela Perena da Silva, wo Weber wohnt, ist eine von ungefähr 750 in und um Rio. Eine der besseren. Schüsse hört man nur selten, ihr Grummeln weht manchmal herüber aus der benachbarten Polizeischule. Oder aus dem Norden, aus Vierteln wie dem Complexo do Alemão. Dorthin wagt sich die Polizei nicht mehr, und wenn doch, dann bricht ein kleiner Bürgerkrieg aus wie im vergangenen Sommer, als es mehrere Dutzend Tote gab im Complexo. Während der Unruhen hatte Gringo einen Auftritt in der berüchtigten Favela. Zuerst musste er durch die Straßensperre der Polizei. Dann durch die Barrikaden der Gangster. Der Auftritt fand statt, Brot und Spiele für die Armen, die bescheidene Gage, das muss einem klar sein, sagt er, kommt aus dem Drogengeschäft.
Aber die anderen Funkeiros müssen sich bekennen zu einem Kartell, rappen Hymnen auf die Drogenbosse. Da ist er zum Glück außen vor, muss sich nicht für eine Organisation entscheiden. Aber dafür wird er auch kaum gebucht, reist am Wochenende mit dem Linienbus von Favela zu Favela, von Party zu Party, manchmal mehr als 300 Kilometer kreuz und quer durch die Stadt, so wie es Hunderte andere Funkeiros auch tun, immer in der Hoffnung, dass der DJ seinen Track auflegt und das Mikro freigibt für den Deutschen. Erst in letzter Zeit läuft es besser, jetzt, da seine erste Platte Gringão erschienen ist, und seit er in der Sendung von Jô Soares war, dem brasilianischen Letterman-Imitator, bekommt er leichter Auftritte.
Dort, im Fernsehen, hat er seinen bekanntesten Song Alemão gesungen. Nicht nur im Complexo, das ist auch so eine Geschichte, rufen sie zur Warnung »Alemão! Alemão!«, wenn die Polizei ins Viertel eindringt oder die konkurrierende Drogenbande oder eine der Milizen, die in den letzten Jahren auch noch ins Machtgefüge drängen. Sie rufen »Deutscher!« und meinen Gegner, Feind, denn in den amerikanischen Filmen, die sie gesehen haben, waren oft blonde, stramme, streng gescheitelte Nazis die Bösewichter. Webers Song spielt mit den Bedeutungsebenen des Schimpfworts, mit den Identitäten und Verweisen, mit Farben und Vorurteilen.
Am Anfang, noch eine Geschichte , da war er der Exot. Nicht nur die Hautfarbe, die Haare fielen auf, auch das Trikot vom VfB Stuttgart, und sein Portugiesisch, in dem er die Konkurrenz imitierte, war noch nicht so gut wie heute. Einer der ersten Songs hieß Nutte, das Wort fand Mr. Carta, ein bekannter Funkeiro, Gringos Freund und Mentor, amüsant. Der Exotenbonus hat geholfen, er wurde schneller bekannt, durfte sogar im Frühstücksfernsehen mehrmals den Kasper geben. Billy Mo wollte lieber einen Tirolerhut und, guckt mal, der lustige Deutsche, der will ein Funkeiro sein.
Heute sagt Weber, 38 Jahre alt mittlerweile, der Song Nutte sei Schrott. Sein Portugiesisch ist mittlerweile fast perfekt, und neben dem VfB ist er auch noch glühender Anhänger von Atletico Minero. Trotzdem blieb der Exot außen vor im mafiösen Funk-Geschäft. Vielleicht war das ein Glück, denn nun hofft er, der Funk, der eigentlich nur in Rio gehört wird, der noch lange nicht die internationale Karriere gemacht hat wie Reggae oder Rap, dieser Funk könnte demnächst international bekannt werden – auch dank ihm und seiner seltsamen Geschichte. Vor ein paar Monaten war er jedenfalls schon mal in den USA auf Einladung einer Künstlergruppe. Auf einer kleinen Tournee sollte er den Amis den Funk erklären, ausgerechnet er. Warum er? Er kann halt Englisch, sagt Weber, und damit ist er als Funkeiro ziemlich allein.
Dazu sollte man noch eine, eine letzte Geschichte erzählen. Es ist die Geschichte, wie der Funk nach Brasilien kam. In dieser Geschichte spielen ein legendärer Rapper eine Rolle, deutsche Elektronik-Pioniere und nicht zuletzt ein paar amerikanische Flugbegleiterinnen. Als Afrika Bambaata Anfang der achtziger Jahre in New York der Legende nach den Hip-Hop erfand und den Track Planet Rock zusammenschraubte, stützte er sich auf Stücke der Düsseldorfer Band Kraftwerk. Deren Maschinenrhythmus wanderte weiter nach Süden, fing sich in Florida einen Sonnenbrand ein und wurde zu Miami Bass. Und Miami-Bass-Platten schließlich waren es, die, Krankheitserregern gleich, wie Ungeziefer versteckt in den Koffern von Vielfliegern, nach Brasilien gelangten, dort wiederum eine lokale Mutation durchliefen, erweitert wurden mit brasilianischen Rhythmen. Baile Funk war geboren.
Dieser Schöpfungsmythos ist es, den MC Gringo den brasilianischen Kollegen erzählt, die meinen, er hätte nichts zu suchen im Funk. Denn wenn man es ganz genau nähme, gäbe es ohne Kraftwerk, ohne die deutscheste aller deutschen Popbands, den Funk überhaupt nicht. Sagt MC Gringo, der Alemão. Das ist dann meist das Ende der Diskussion. Aber noch lange nicht das Ende dieser Geschichte.
MC Gringo: Gringão (Man Recordings/Alive)
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- Datum 05.12.2007 - 01:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 06.12.2007 Nr. 50
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Kleine Kritik: Der Artikel ist interessant und unterhaltsam, jedoch ist er als Online-Artikel nicht vollständig. Musik kann man nicht mit Worten beschreiben, wenn man also die Möglichkeit hat sie zu hören sollte man sie auch geben.
Allgemein ein Baile Funk Beispiel:
http://www.youtube.com/wa...
Auftritt MC Gringos im TV:
http://www.youtube.com/wa...
MC Gringo Alemao:
http://www.youtube.com/wa...
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