Kino Mama geht weg

Maria Speths beeindruckender Film »Madonnen« über eine Mutter, die keine sein kann.

Eine fünffache Mutter, die ihre Kinder vernachlässigt, ist nicht das, was man eine Sympathieträgerin nennt. Tatsächlich kann man sich zur Hauptfigur von Maria Speths neuem Film allerlei Boulevardschlagzeilen, Stammtischsprüche und Schlampenwitze vorstellen. Rita (Sandra Hüller) hat fünf Kinder von fünf verschiedenen Vätern. In GI-Discotheken hält die junge Frau Ausschau nach nächtlichen Abenteuern und lässt beim Tanzen ihr Kleinkind im Auto. Immer wieder gibt sie ihre Kinder bei der eigenen Mutter (Susanne Lothar) ab und verschwindet für Tage, Wochen oder Monate.

Das Besondere an diesem Film ist weniger die Wahl der verschlossenen Hauptfigur als seine neutrale, man könnte auch sagen: faire Haltung zu ihr. Madonnen will Rita nicht erklären und nötigt ihr auch keine Geschichte auf. Es gibt keine Psychologie und keine Schuldzuweisung. Völlig unvermittelt springt die Kamera in dieses Leben hinein und wird es nach zwei Stunden genauso plötzlich wieder verlassen. Dazwischen liegen Ritas Suche nach ihrem Vater, ihr Aufenthalt im Mutter-Kind-Vollzug und ihr Versuch, gemeinsam mit allen fünf Kindern und einem amerikanischen Soldaten in einer Art Familie zu leben. Dieser Versuch, gefilmt in den drei Zimmern einer Hochhauswohnung, ist das unerhört beeindruckende Zentrum von Madonnen . Zurückhaltend, aber auf leise Art erschütternd inszeniert Maria Speth, wie die Kinder ihre Mutter brauchen und sich gleichzeitig vor ihrem erneuten Verschwinden fürchten. In manchen Szenen betrachten sie Rita wie ein Wesen von einem anderen Stern. Diese Einstellungen wirken lange nach, denn man ahnt, dass Ritas Angst vor dem Gebrauchtwerden noch größer ist als die vor dem Versagen. Dennoch ist dieser kleine Kosmos für einen fragilen Moment nichts anderes als eine Familie.

Mit seiner vorsichtig den Bewegungen der Kinder folgenden Kamera hält Reinhold Vorschneider eine Halbdistanz, die den Unterschied ausmacht zwischen bloßer Fallstudie und vieldeutigem Kunstwerk, Sozialrealismus und Kino. Hier gibt es keine Tränen und keine Kulleraugen in Großaufnahme. Wenn die Kinder zwischen Ausziehsofa und Fernseher spielen, wenn sie am Esstisch Hausaufgaben machen und ihre seltsam fremde Mutter beäugen, dann macht sie diese Distanz zu eigenständigen, über alle Opferklischees hinausweisenden Wesen.

Sandra Hüller spielt Rita mit einer Mischung aus Aggressivität und Taubheit, Abweisung und uneingestandener Sehnsucht. In manchen Szenen ist kaum zu ertragen, wie sehr ihre Figur in sich gefangen ist. Dann wieder entdeckt man in ihrem Blick auf die in der Ferne entlanglaufenden Kinder einen Mutterinstinkt, der sie selbst am meisten zu erstaunen scheint. In Madonnen geht Muttersein weit hinaus über die Frage der Erfüllung oder Nichterfüllung einer Rolle.

Seinen Titel trägt dieser Film keineswegs aus Provokation. Maria Speths Madonnen sind vielleicht Ikonen ihrer Zeit: Frauen, die wie Rita, ihre Mutter und irgendwann womöglich auch ihre kleine Tochter nicht tun oder tun können, was man seit Jahrtausenden von Müttern erwartet.

Eine Handvoll jüngerer deutscher Filmemacher drehte in jüngster Zeit »Familienfilme«, die vom Unbehagen an der familiären Festlegung erzählen. Ulrich Köhlers Montag kommen die Fenster handelt von einer jungen Ärztin, die während der Renovierung des Einfamilienhauses desertiert. Es ist eine Flucht vor Mann und Kind, vor Stillstand, Eingerichtetsein oder was auch immer. Henner Wincklers Film Lucy folgt einem jungen Mädchen, das sich nach dem Beziehungsglück sehnt, aber nicht so recht weiß, wie es mit unreifem Freund und Baby gelebt werden soll. Es geht um die Schwierigkeit, am Samstagabend, wenn alle ausgehen, am Kinderbettchen zu sitzen, um einen Familienversuch zwischen Videospielen, Partys und langsamer Entfremdung.

Auch in Maria Speths Film gibt es ein Unbehagen an Nähe, Festlegung, verbindlichen Beziehungen, aber eben auch das Verlangen danach. Madonnen wirft für seine Hauptfigur die Frage nach dem Ursprung dieses Unbehagens auf, ohne sich anzumaßen, sie beantworten zu können. Eine Spur mag zur versteinerten Mutterfigur von Susanne Lothar führen, die von Rita gezwungen wird, ihren Enkeln die Fürsorge zu geben, die sie der eigenen Tochter nicht geben konnte. Eine andere Spur führt zur Figur des Vaters (Olivier Gourmet), der seine Familie verließ und in Belgien ein jüngeres Duplikat seiner früheren Frau heiratete. Diesen großen Kreislauf des Verlassen- und Enttäuschtwerdens deutet Madonnen nur an. Warum auch sollte ein Film Muster hervorheben, deren Macht doch gerade darauf beruht, dass sie nicht als solche wahrgenommen werden?

Es bleibt eine große Ratlosigkeit. Und Bilder wie die von einem amerikanischen Soldaten und einem sechsjährigen Mädchen, die sich nachts in einer deutschen Hochhausküche eine kalte Pizza teilen. Es bleibt, natürlich, Ritas Gesicht, das sich unserem forschenden, fragenden Blick verweigert. Und Sandra Hüller, der es gelingt, ihre Figur an allen moralischen Kategorien vorbei zu spielen. Wahrscheinlich liegt hier die größte Leistung dieses Films: zu zeigen, wie nahe man einem Menschen auf der Leinwand kommen kann, ohne ihn verstehen zu müssen.

 
Leser-Kommentare
  1. ohne ihn verstehen zu müssen" - das sei die Leistung dieses Films? Hm... also das erlebt man doch auch jeden Morgen in der U-Bahn - meistens ungewollt... ob ich das dann noch im Kino haben möchte? "Postmoderne Beliebigkeit" hatte ich eigentlich genug...

  2. 2. fair?

    "Das Besondere an diesem Film ist weniger die Wahl der verschlossenen Hauptfigur als seine neutrale, man könnte auch sagen: faire Haltung zu ihr. Madonnen will Rita nicht erklären und nötigt ihr auch keine Geschichte auf. Es gibt keine Psychologie und keine Schuldzuweisung."
    Heute fand die Polizei in dem 450-Einwohner-Ort Darry im Kreis Plön die Leichen von drei bis neun Jahre alten Jungen in einem Einfamilienhaus. Die 31 Jahre alte Mutter stehe in dringendem Verdacht, ihre Söhne getötet zu haben.
    Die Folgen einer "neutralen, man könnte sagen: fairen Haltung" gegenüber einer unreifen "Madonna"?

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  • Quelle DIE ZEIT, 06.12.2007 Nr. 50
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