Martenstein Nie mehr Ziegen quälen

Das Jahr 2007 war für unseren Kolumnisten vor allem eines der Verbote. Jeden Monat kam ein Neues hinzu

Das Jahr 2007 begann für mich persönlich im Januar. Im Januar habe ich ein Strafmandat bekommen, weil ich im Auto mit dem Handy telefoniert habe. Diktiergeräte sind im Auto erlaubt, deswegen habe ich behauptet, mein Handy sei auch zum Diktieren geeignet. Der Polizist hat gesagt, dass ich nur in ein Diktiergerät hineindiktieren darf, nicht in ein Handy hinein.

Im Februar wurden in Berlin die Osterflohmärkte verboten, das heißt, es darf an den Ostertagen keine Flohmärkte mehr geben. An Weihnachten sind Märkte erlaubt, das habe ich nicht verstanden. Im März hat die Stadt Stuttgart alle Spiele verboten, bei denen mit Farbpatronen auf mich geschossen wird, das Spiel heißt Paintball. Außerdem darf ich seit März keine Substanzen mehr besitzen, mit denen ich mich dopen könnte, und zwar auch dann, wenn ich mich de facto überhaupt nicht dope. Das hat mir nichts ausgemacht. Im März ist es auch verboten worden, bei Flügen der Lufthansa den Gurt aufzumachen und im Flugzeug umherzugehen, das war von allen Märzverboten für mich das unangenehmste. Ich bin selten in Stuttgart, aber ich habe diesen Bewegungsdrang.

Seit April darf ich am Telefon nicht mehr für Geldgeschäfte werben. Da lach ich doch drüber. Im Mai hieß es plötzlich überall, dass alle Computerspiele verboten werden, die einen menschenfeindlichen Hintergrund haben. Das ist aber irgendwie versandet. Außerdem habe ich im Mai erfahren, dass es ab 2010 wahrscheinlich verboten wird, tagsüber Auto zu fahren, wenn der Scheinwerfer nicht eingeschaltet ist, und zwar auch dann, wenn man wegen der gleißenden Helligkeit eine Sonnenbrille tragen muss. Dies wird ein gesamteuropäisches Verbotsprojekt, deswegen dauert es noch.

Im Juni wurde mir mitgeteilt, dass ich keine Veranstaltungen mehr besuchen darf, „die auf die Verabreichung von Alkohol an Betrunkene abzielen“. Ich muss gestehen, dass einige der unvergesslichsten Partys meines Lebens auf diesem Prinzip beruhten. Im Juli hieß es, dass ich, wenn ich eine Ziege mit der Methode des Schächtens schlachte, vorher bei der Behörde Beweise dafür erbringen muss, dass ich orthodoxer Jude bin. Wird das mit dem Judentum echt wieder im Pass eingetragen?

Während ich die Ziege schlachte, ist es mir seit Juli außerdem verboten, der Ziege zusätzliche Schmerzen zu bereiten, also die Ziege zu zwicken, die Ziege zu piksen oder zu necken, ich frage mich, warum ich das überhaupt tun sollte. Im August verkündete die Stadt Hannover, dass ich dort in der Nähe von Spielplätzen keinen Alkohol mehr trinken darf, auch der Ziege dürfte ich in Hannover keinen Alkohol einflößen, falls ich sie in der Nähe eines Spielplatzes schlachte, das Judentum hilft mir da auch nichts.

Im September wurde es mir verboten, in Taxis zu rauchen. Im Oktober erging das Verbot an mich, Bücher über Exfreundinnen zu verfassen, in denen der Sex mit den Exfreundinnen beschrieben wird, auch, wenn er ziemlich gut war. Seit November darf ich in Bremen nicht mehr als Türsteher in einer Diskothek arbeiten, sofern ich vorher nicht nachgewiesen habe, dass ich die „notwendige Sachkunde“ für einen Türsteher besitze, vermutlich muss ich nachweisen, dass ich den Killerinstinkt habe. Das mache ich dann vielleicht mit Hilfe der Ziege. Außerdem hieß es im November, Apfelwein wird verboten. Das wurde widerrufen.

Fakt ist, dass ich seit Dezember auf der Reeperbahn keinen Baseball-Schläger mehr mit mir tragen darf und dass ich im Dezember den Mercedes verkaufen muss, weil ab Januar in Berlin die alten Autos verboten sind. Alles in allem war 2007 ein schwieriges Jahr.

Zu hören unter www.zeit.de/audio

 
Leser-Kommentare
  1. Auch wenn die Mitmenschen manchmmal leicht erstaunt reagieren, behaupte ich immer: Regeln sind da, um gebrochen zu werden. Das hab ich schon als Kind erzählt und gebe diese Weisheit auch an meine Kinder weiter.Deswegen hat mich auch nie interessiert, wie andere Leute ihre Kinder erziehen. Aber für Freiheiten muß man entweder etwas leisten ( Schule, Beruf, Studium ) oder man darf sich nicht erwischen lassen. Und wenn man doch mal erwischt wird, ist das der Preis meiner Freiheit. Außerdem esse ich kein Fleisch, besteige nie ein Flugzeug und lebe auf dem platten Land. Vielleicht lebt sichs da auch freier.
    Ganz viele Weihnachtsgrüße aus Schleswig-Holstein!

  2. "Vollkommene Aufrichtigkeit ist der Weg zur Originalität.", nochmal Baudelaire.Das zeigt uns Martenstein und dabei darf er sich ruhig erwischen lassen.Denn: "I know the rules, but the rules don´t know me"Grotesk den eigenen Freiheitswillen mit Zitaten zu untermauern, denk ich gerade.

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  • Quelle ZEITmagazin LEBEN, 06.12.2007 Nr. 50
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