Pluralismus Der Freiheit eine Chance
Warum wir die Idee der multikulturellen Gesellschaft nicht aufgeben dürfen.
1.In der heutigen Welt herrscht eine starke Nachfrage nach Multikulturalismus. Besonders in Westeuropa und Amerika kommt die Politik kaum noch ohne diesen Begriff aus. Überraschend ist das nicht. Vor allem die Wanderungsbewegungen sorgen dafür, dass sich die verschiedensten Kulturen nun in unmittelbarer Nachbarschaft befinden. Zu jener Zeit, als das Gebot »Liebe deinen Nächsten« allgemein ins Bewusstsein drang, führten diese Nächsten ihr Leben mehr oder weniger auf gleiche Weise. Dasselbe Gebot verlangt von uns heute, an höchst unterschiedlichen Lebensweisen von Menschen Anteil zu nehmen, die zu unseren Nachbarn geworden sind – woher sie auch immer stammen.
Doch der Multikulturalismus wirft auch schwierige Fragen auf, die zu ignorieren wir uns in der globalisierten Welt nicht länger leisten können. Eine der Grundfragen lautet, wie das Individuum in einer multikulturellen Gesellschaft gesehen werden sollte: Soll man es im Licht jener Traditionen betrachten und »kategorisieren«, in das es zufälligerweise hineingeboren wurde? Soll man also der »empfangenen« (und nicht der gewählten) Identität den Vorrang geben vor anderen Zugehörigkeiten, etwa den Zugehörigkeiten, die sich aus Politik, Beruf, Klasse, Geschlecht, Sprache oder sozialer Parteinahme ergeben?
Anders gefragt: Soll man Menschen als Personen betrachten, die unterschiedliche Verbindungen und Zugehörigkeiten besitzen, unter denen sie frei wählen können (und für sie dann Verantwortung übernehmen müssen)? Welches ist überhaupt das Kriterium einer gelungenen multikulturellen Gesellschaft? Dass sich die Menschen darin »in Ruhe lassen«? Oder dass sie, durch Bildung gefördert, an der Zivilgesellschaft aktiv teilhaben?
Wie man es auch dreht und wendet: Eine faire Beurteilung des Multikulturalismus kommt an diesen Fragen nicht vorbei – erst recht nicht in diesen Tagen, in denen viele behaupten, die Idee einer multikulturellen Gesellschaft sei ein großer Irrtum.
2.Die Erfahrung mit unterschiedlichen Formen von Multikulturalismus zeigt, wie schnell man sich in den Fallstricken unklarer Unterscheidungen verheddern kann. Kulturelle Freiheit, die aus meiner Sicht für die Würde des Menschen unverzichtbar ist, darf nicht mit dem bloßen Eintreten für kulturelle Vielfalt verwechselt werden. Ebenso wenig besteht kulturelle Freiheit in der Feier kultureller Traditionen, an denen jeder Einzelne angeblich festzuhalten habe. Kulturelle Freiheit in multikulturellen Gesellschaften heißt zunächst also, dass man der reflexhaften Verteidigung des kulturellen Erbes erst einmal widerstehen muss. Was dann selbstverständlich die Möglichkeit einschließen muss, Traditionen nach wohlüberlegter Prüfung auch zu bejahen.
Vor dem Hintergrund dieser Skizze lassen sich drei Konzeptionen der multikulturellen Gesellschaft unterscheiden. Die eine Konzeption schätzt die Vielfalt der Kulturen um ihrer selbst willen – je mehr davon, desto besser. Weil es ihr vorrangig um das kulturelle Variationsmuster innerhalb einer Gesellschaft geht, fragt sie nicht nach den Individuen in dieser Gesellschaft; diese werden lediglich als Komponenten eines gesellschaftlichen Musters in den Blick genommen. Dieses Konzept möchte ich als »Potpourri-Präferenz« bezeichnen, weil die Subjekte darin nur winzige Elemente in einem für positiv befundenen Amalgam sind, ob es dem Einzelnen darin nun gefällt oder nicht. Polemisch gesagt: Für die »Potpourri-Präferenz«, die in intellektuellen Kreisen zahlreiche Anhänger hat, sind Menschen nicht unbedingt denkende Wesen, die kritisch reflektieren und von ihrer Wahlfreiheit Gebrauch machen. Sie sind bloße Container, in denen Kultur stattfindet.
Ein zweites Konzept von Multikulturalismus vertritt die Auffassung, dass die Menschen in den Kulturen eingesperrt bleiben sollten, in die sie hineingeboren wurden. Dieses Konzept, das ich als Kulturkonservatismus bezeichnen möchte, lobt nicht – wie die »Potpourri-Präferenz« – die Vielfalt um der Vielfalt willen. Sie interessiert sich auch sehr wohl für die Hintergründe der einzelnen Menschen. Doch einer individuellen Wahl räumt der Kulturkonservatismus keinen Vorrang ein – auch wenn die freie Wahl ja durchaus dazu führen könnte, dass sich jemand dafür entscheidet, jenen kulturellen Überzeugungen und Praktiken seiner Gemeinschaft die Treue zu halten, in die er hineingeboren wurde.
Die dritte Sicht auf den Multikulturalismus ergibt sich unmittelbar aus der Frage nach der Wahlfreiheit. Ein freiheitsorientiertes Verständnis erfordert nämlich, dass die Menschen in der Lage sein sollten, selbst über ihr Leben zu bestimmen. In dieser Perspektive besteht der Wert des Multikulturalismus darin, dass Menschen sich frei entscheiden und innerhalb der Vielfalt der Kulturen frei wählen können, Neuansätze und Synthesen eingeschlossen. Dieses Verständnis des Multikulturalismus unterscheidet sich strikt sowohl von der »Potpourri-Präferenz« – der Feier von Vielfalt um ihrer selbst willen – wie vom kulturkonservativen Konzept, das dem Einzelnen die Pflicht auferlegt, in seiner ererbten Kultur zu verbleiben.
Wenn wir, wie ich es tun möchte, die Perspektive der menschlichen Freiheit einnehmen, dann kann sich der Vorzug multikultureller Vielfalt nur daran bemessen, wie sie herbeigeführt, wie sie gepflegt und praktisch gelebt wird. Wenn zum Beispiel eine junge Frau aus einer konservativen Einwandererfamilie in Großbritannien sich mit einem jungen Engländer treffen möchte, dann lässt sich ihr Wunsch kaum mit dem Verweis auf multikulturelle Freiheit kritisieren. Auch wird man den Versuch ihrer Erziehungsberechtigten, sie daran zu hindern, kaum als gelungene multikulturelle Praxis bezeichnen können. Und zwar deshalb, weil sie letzten Endes dazu führt, dass die Kulturen auf »pluralistisch monokulturelle« Weise getrennt bleiben.
Seltsamerweise ist es ausgerechnet das elterliche Verbot, mit dem viele engagierte »Multikulturalisten« heute sympathisieren. Sie scheinen die Freiheit von Menschen, über ihr Leben selbst bestimmen zu dürfen, nicht mehr für wichtig zu erachten. Aber warum? Könnte es sein, dass die auffällige Ignoranz gegenüber der Freiheit des Einzelnen jener intellektuellen Verwirrung entspringt, die sowohl die »Potpourri-Präferenz« wie auch der Kulturkonservatismus angerichtet haben? Meiner Meinung nach aber wird derjenige, der kulturelle Freiheit für ausschlaggebend hält, sowohl die Potpourri-Position als auch den Kulturkonservatismus ablehnen müssen.
Zugegeben, das freiheitsorientierte Konzept des Multikulturalismus ist – nicht zuletzt in Europa – heftiger Kritik von allen Seiten ausgesetzt. Manchmal kommt diese Kritik aus einem Lager, das jede Form von Multikulturalismus ablehnt und sich eine Gesellschaft »monokulturell« wünscht. Streng genommen soll niemand die Wahlfreiheit besitzen, sich einer anderen Lebensform anzuschließen. Damit stehen sie nicht allein. Der Wert der Freiheit wird auch von jenen in Zweifel gezogen, die sich selbst als Multikulturalisten verstehen.
3.Halten wir einen Moment inne, und blicken wir auf Großbritannien. Die Geschichte des Multikulturalismus in diesem Land ist deshalb so aufschlussreich, weil das Vereinigte Königreich einmal Vorreiter eines freiheitsorientierten Multikulturalismus war. In rühmenswerter Weise hatte das postkoloniale Großbritannien einst seinen Einwohnern die Freiheit einer kulturellen Entscheidung zugestanden und ihnen die Chance geboten, Einwanderergemeinschaften aufzunehmen und sie in Gesundheitswesen und Sozialversicherung zu integrieren. Sie sollten sogar das Wahlrecht erhalten. Vergleicht man diese visionäre Politik mit der wechselhaften Geschichte des Multikulturalismus in anderen europäischen Ländern, dann spricht viel für die britische Praxis, legalen Einwanderern so schnell wie möglich volle wirtschaftliche, soziale und politische Rechte zu gewähren.
Was die Förderung eines inklusiven Multikulturalismus betrifft, gehörte Großbritannien eindeutig zur Avantgarde. Deshalb werden seine Erfolge und Probleme in anderen Ländern auch genauestens beobachtet und lösen dort stets ein breites Echo aus. Um ein Beispiel zu nennen: Kurz nach den Londoner Attentaten 2005 veröffentlichte Le Monde einen Leitartikel mit dem Titel »Das britische Modell des Multikulturalismus in der Krise«. Der Text war ausgewogen und fair, konzentrierte sich aber auf die Behauptung, der britische Multikulturalismus sei einfach zu weit gegangen.
Dem möchte ich widersprechen. Meiner Auffassung nach besteht die eigentliche Frage nicht darin, ob der Multikulturalismus in Großbritannien »zu weit« gegangen ist. Sie besteht darin, welche Form er annehmen sollte. Bedeutet Multikulturalismus nichts anderes als bloße Toleranz in kultureller Vielfalt? Macht es einen Unterschied, wer über die kulturelle Praxis entscheidet – ob sie kleinen Kindern im Namen »der Gemeinschaft« aufgezwungen oder ob sie frei gewählt wird?
Daran knüpft sich noch eine andere Frage. Welche Möglichkeiten haben die Mitglieder der verschiedenen kulturellen Gemeinschaften überhaupt, um etwas über die religiösen und areligiösen Überzeugungen der Weltbevölkerung zu erfahren? Haben sie die Möglichkeit, sich selbst ein Urteil zu bilden?
Großbritannien, das ich erstmals 1953 als Student besucht habe, hat unterschiedlichen Kulturen auf wahrhaft beeindruckende Weise Platz gemacht. In vielerlei Hinsicht ist der Weg, den das Land zurückgelegt hat, ganz außergewöhnlich. Für jemanden, der wie ich die Entstehung kultureller Vielfalt miterlebt hat, ist der Unterschied zwischen Großbritannien vor fünfzig Jahren und heute einfach nur erstaunlich. Die kulturelle Vielfalt hat das Königreich zu einem ungemein lebendigen Land gemacht. Die Rassenunruhen, die Frankreich gerade erlebt hat, wären in Großbritannien nicht sehr wahrscheinlich – was zweifellos eine bedeutende Errungenschaft darstellt. Dies liegt übrigens nicht daran, dass Großbritannien weniger integriert wäre als Frankreich, wie gern behauptet wird. Frankreich mag zwar ein monolithisches Verständnis seiner Nationalkultur haben. Aber entscheidend für den britischen Erfolg ist die Tatsache, dass es das Land geschafft hat, die Einwanderer zu integrieren, ihnen das Wahlrecht zuzugestehen und sie in das Gesundheitswesen und die Sozialversicherung aufzunehmen.
Und doch: Trotz der politischen und sozialen Errungenschaften Großbritanniens bleiben zentrale Probleme ungelöst. Diese Probleme sind es, die zum Unbehagen gegenüber der multikulturellen Gesellschaft beitragen – und die vielleicht den Motivhintergrund für jene Terrorakte bilden, die London erschüttert haben und deren Urheber in England geboren und aufgewachsen sind.
4.Eines dieser Probleme betrifft erneut den Unterschied zwischen freiheitsorientiertem Multikulturalismus und pluralistischem Monokulturalismus. Ist schon die bloße Vielfalt von Kulturen, die wie Boote in der Nacht aneinander vorbeigleiten, ein Beispiel für gelungenen Multikulturalismus? Tatsächlich läuft die lautstarke Verteidigung des Multikulturalismus häufig auf das Plädoyer für eine Pluralität von Monokulturen hinaus. Sie aber schließt, streng genommen, den Gebrauch von Freiheit aus, weil diese Freiheit mit der Forderung nach der bedingungslosen Treue zur ererbten Tradition in Konflikt gerät.
Eine zweite Frage betrifft den Umstand, dass Religion oder ethnische Zugehörigkeit zwar für viele wichtige Identitätsmerkmale darstellen, es aber auch andere Zugehörigkeiten und Verbindungen gibt, die Menschen ebenfalls aus guten Gründen viel bedeuten. Wir können die Erdbewohner nicht auf ihre religiösen Zugehörigkeiten reduzieren, ganz so, als lebten wir in einer globalen Föderation von Religionen. Aus den gleichen Gründen lässt sich ein multiethnisches Großbritannien schwerlich als Ansammlung ethnischer Gemeinschaften verstehen.
Zu meiner Verwunderung findet das »föderative« Verständnis aber nicht nur dort immer mehr Anhänger. Ja, trotz seiner tyrannischen Implikation, Menschen in die festen Käfige bestehender »Gemeinschaften« einzusperren, wird so getan, als stünde das »föderative« Verständnis des Multikulturalismus aufseiten der individuellen Freiheit. In Großbritannien kursiert sogar eine weitverbreitete »Vision«, wonach die Zukunft des Landes in einer »lockeren Föderation von Kulturen« besteht, die durch gemeinsame Interessen, Zuneigung und ein kollektives Seinsgefühl zusammengehalten wird.
Warum aber sollte das Verhältnis eines Menschen zu seinem Land durch die Kultur der Familie vermittelt sein, in die er hineingeboren wurde? Man könnte sich ja dazu entscheiden, mehr als einer dieser vordefinierten Kulturen nahestehen zu wollen oder genauso gut auch gar keiner. Auch kann man sehr wohl zu dem Schluss kommen, dass die eigene ethnische oder kulturelle Identität einem weniger bedeutet als zum Beispiel politische Überzeugungen, berufliches Engagement oder literarische Prinzipien. Diese Entscheidungen sind ganz unabhängig davon, welchen Platz man in dem seltsamen Konstrukt einer »Föderation von Kulturen« einnehmen möchte.
Bleiben wir noch einen Augenblick in Großbritannien. Die dortige Politik fördert neuerdings sehr eifrig staatlich subventionierte »konfessionelle Schulen«, die die bestehenden christlichen Schulen um Schulen für muslimische, Hindu- und Sikh-Kinder ergänzen. Dies ist für mich ein ungutes Beispiel für den »föderativen« Ansatz, weil er, neben der bildungspolitischen Problematik, zu einer stark eingeschränkten Wahrnehmung von Lebenschancen führt. Viele dieser neuen Schulen entstehen in einer Zeit, in der der Vorrang des Religiösen eine Hauptquelle weltweiter Gewalt darstellt. Im Schulunterricht kann es aber nicht nur darum gehen, Kinder, auch schon im zartesten Alter, mit einem religiösen und kulturellen Ethos zu »tränken«. Sondern es geht vor allem darum, ihr Urteils- und Entscheidungsvermögen zu stärken, damit sie lernen, sich in einem integrierten Land zurechtfinden.
5.Viele Jahre lang sah es so aus, als ob sich ganz Westeuropa in Richtung eines freiheitsorientierten Multikulturalismus bewegen würde. Diese glücklicheren Tage gehören der Vergangenheit an. Was ist geschehen? Dem Multikulturalismus wurde von verschiedenen Seiten wachsender Widerstand entgegengebracht. Zum Teil entsprang die Ablehnung der orthodoxen oder, genauer gesagt, der rechten Position, die sich freimütig zu ihrem »Lokalpatriotismus« bekennt und darauf besteht, dass in Europa nur für traditionell europäische Werte und Lebensstile Platz ist – auch wenn man dabei übersieht, in welchem Ausmaß dieser Kontinent jahrhundertelang von außereuropäischen Ideen beeinflusst wurde. Selbst das Christentum stammt ja aus dem Nahen Osten.
Dieser offene Widerstand ist nicht das einzige Problem, mit dem es der freiheitsorientierte Multikulturalismus zu tun bekommen hat. Zunehmend wurde Multikulturalismus so verstanden, als fordere er von den Mitgliedern der Einwanderergemeinschaften, sie sollten die religiösen Praktiken und das Menschenbild ihrer Gemeinschaften unkritisch billigen. Doch was es bedeutet, wenn Menschen auf ihre bloße ethnische Identität oder ihre Religionszugehörigkeit festgelegt werden, steht uns allen drastisch vor Augen: Jede Aussage über die entsprechende Religion – ob im Rahmen einer ernsthaften Diskussion oder, was ja auch vorgekommen ist, im Rahmen dummer Karikaturen – erscheint plötzlich als herabwürdigende Aussage über den einzelnen Menschen . Er wird durch eine Identitätszuschreibung regelrecht klassifiziert. Sind Menschen aber erst einmal durch eine starre Identität definiert, ohne dass man ihnen noch andere sozial anerkannte Eigenschaften zuspräche, dann erscheint jede kritische Bemerkung über die kulturellen oder religiösen Grundlagen ihrer Identität als Verletzung ihrer Würde.
Um es zu wiederholen: Wir haben es heute im Wesentlichen mit der Geschichte zweier Irrtümer zu tun. Der erste Irrtum besteht in der Verwechslung von kulturellem Konservatismus und kultureller Freiheit. Die Ausübung dieser Freiheit besteht darin, dass sich jemand nach der Prüfung von Alternativen für die Tradition entscheidet, in die er hineingeboren wurde. Oder darin, sich mit guten Gründen von den ererbten Werten abzuwenden. Reflexion und Urteilskraft – darauf beruht die Ausübung multikultureller Freiheit. Der zweite Irrtum besteht in der Einschätzung der Religion. Sie stellt zwar ein wichtiges Identitätsmerkmal dar; aber es gibt andere – kulturelle, politische, soziale, wirtschaftliche – Zugehörigkeiten, die Menschen ebenfalls viel bedeuten.
Offen gestanden verwundert es mich sehr, dass sich europäische Politiker regelmäßig an eine separate Gruppe von Glaubensgenossen beziehungsweise an die eigene Gemeinschaft wenden und so tun, als sei deren kulturelle Praxis kritischer Prüfung enthoben. Zu allem Überfluss erheben sie dabei auch noch die Forderung, eine religiös motivierte Politik müsse, wenngleich in »moderater« Form, in Europa wieder möglich sein.
Auch die religiösen Sprecher von Einwanderergruppen erfreuen sich (jedenfalls in Großbritannien) größerer Wertschätzung und finden leichter Zugang zu den Korridoren der Macht als je zuvor. Hier wirkt die Stärkung »konfessioneller Schulen« ausgesprochen kontraproduktiv. Sie fördert eine mechanische religiöse Parität, wie sie von den Führern der Gemeinschaften, also den »Bonzen« der jeweiligen Religion, gewünscht wird, während die Kernaufgaben schulischer Bildung, vor allem die Einübung in den kritischen Gebrauch der eigenen Urteilskraft, zurücktreten müssen. Darüber hinaus schotten Konfessionsschulen die Schüler ab und säen in großem Maßstab Keime der Entfremdung.
Für mich folgt daraus: Wir dürfen auf keinen Fall der Abkehr vom Multikulturalismus das Wort reden. Ebenso wenig dürfen wie den Egalitarismus aufgeben, also die Überzeugung, dass alle Menschen gleich sind, unabhängig von »ihrer rassischen oder ethnischen Herkunft, ihrer Sprache oder religiösen Zugehörigkeit«. Vielmehr sollten wir alles dafür tun, um das falsche, nämlich freiheitsfeindliche Verständnis des Multikulturalismus zu überwinden. Es hat genug Unheil angerichtet.
Wir haben keine andere Wahl, als uns an der Freiheit zu orientieren. Nur auf diese Weise vermeiden wir sowohl die französische Variante – die Rebellion der Benachteiligten – wie auch die Bedrohung durch gefährliches separatistisches Gedankengut, das sich schon mehrfach in barbarischen Gewaltakten entladen hat.
Vergessen wir nicht, dass alle Erfolge, die mit dem Multikulturalismus erzielt wurden, auf dem Bemühen beruhten, Chancen und Freiheit zu bieten. Sie beruhten gerade nicht auf einer staatlich geförderten Abschottungspolitik – eine Abschottung, die nicht zur Mehrung multikultureller Freiheiten beiträgt, sondern zum genauen Gegenteil.
Kurzum, wenn wir ein freiheitsorientiertes Verständnis von Multikulturalismus verteidigen, müssen wir uns klarmachen, dass dies nicht nur von jenen bekämpft wird, die den Multikulturalismus offen ablehnen. Es wird auch von jenen untergraben, die sich für einen Multikulturalismus der singulären Identitäten einsetzen.
Der Preis der Freiheit ist Wachsamkeit. Dies gilt für die kulturelle Freiheit ebenso wie für jede andere auch.
Aus dem Englischen von Michael Adrian
Identity Foundation/Universität zu Köln. Diese (von uns gekürzte) Rede hat Amartya Sen bei der Entgegennahme des Meister-Eckhart-Preises gehalten. Der mit 50000 Euro dotierte Preis wird alle zwei Jahre von der Identity Foundation Düsseldorf vergeben. Die Vergabe an Amartya Sen erfolgte erstmals in Kooperation mit der Universität zu Köln. Bisherige Preisträger waren Richard Rorty, Claude Lévi-Strauss und Ernst Tugendhat (www.meister-eckhart-preis.de)
- Datum 08.12.2007 - 01:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 06.12.2007 Nr. 50
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Hi @ll
Multi-Kulti ist gescheitert.
Was von den Protagonisten dieser "Geisteshaltung" gewissentlich verschwiegen wird sind die Probleme die dabei auftreten.
Das ist auch kein Wunder, sind doch die Befürworter zu 90% nicht davon betroffen.
Sie müssen nicht erleben wie Einheimische
-als Schweinefleischfresser diffamiert werden
-als Christenschweine verhöhnt werden
-Lehrerinnen beleidigt werden
-Schulprojekte systematisch boykottiert werden (Schulausflüge, Schwimmunterricht usw.)
-Stadtteile systematisch zu No-Go-Areas für Einheimische werden
-ständig versucht wird Ausnahmen durchzusetzen (zum eigenen Gunsten)
Gerade Grossbritannien ist in dem Zusammenhang eine wahre Fundgrube an "kuriosen" Begebenheiten.
-Weihnachtsfeiern abgesagt werden aus "Rücksicht" auf andere Glaubensrichtungen
-Pressefreiheit beschnitten wird damit niemand "gedemütigt" wird
-Freiheit der Kunst beschnitten wird
-Schriftsteller/Autoren müssen sich verstecken (Salman Rhusdie usw)
-andere müssen ins Exil gehen weil sie hier in Europa von fanatisierten "Gläubigen" bedroht werden
-Regieseure auf offener Strasse abgeschlachtet werden (Theo van Gogh)
Die Opfer auf dem Altar des "Multikulturalismus" sind die Einheimischen.
Gruss
Rene
Der Multikulturalismus ist hier, Leute, gewöhnt Euch daran! Seit dem zweiten Weltkrieg wandert jedes Jahr eine halbe Million Deutsche aus, ebenso viele Ausländer wandern ein. Wir sind schon lange nicht mehr dasselbe Volk, das wir noch vor einem halben Jahrhundert waren. Das Gleiche gilt für viele andere Länder der Welt. Es ist sinnlos, immer noch so zu tun, als ob es nicht so wäre.
Ein sehr interessanter Beitrag, der allerdings am Grundproblem der multikulturellen Einwanderungsgesellschaften vorbeigeht. Sie werden nicht auf einer neuentdeckten, menschenleeren Insel, die man gemeinsam besiedelt, errichtet, sondern in einem bereits dicht besiedelten Land mit einer heimischen Bevölkerung. Eibl-Eibesfeldt hat schon vor Jahren zu Recht darauf hingewiesen, daß hier Land abgetreten und Grundressourcen des Überlebens in eigenen Nachkommen einseitig geopfert werden.
Betrachten wir es aus dem Gesichtspunkt der Freiheit, geht damit das Selbstbestimmungsrecht der heimischen Bevölkerung, über ihre Heimat frei zu verfügen und ihr Leben nach eigenen Bedürfnissen zu gestalten, verloren. Die Vereinten Nationen haben sich in der Resolution der Generalversammlung 61/295 vom 13.September 2007 sehr eingehend mit den Rechten indigener Völker befaßt, ihr Recht auf ihr traditionelles Land, auf Restitution und Entschädigung anerkannt. Leider wird viel zu wenig bedacht, daß die europäischen Kulturvölker in eine ähnliche Lage schlittern und in manchen Ballungszentren bereits sind.
Betrachten wir es aus dem Gesichtspunkt der individuellen Freiheit. Hat ein Deutscher, Franzose, Engländer, Flame, Italiener heute die Freiheit, zu wählen, ob er ein seiner Kulturgemeinschaft oder in der "Multikultur" leben will? Er hat sie nicht. Er ist tagtäglich dem "Zwang zur Multikulturalität" ausgesetzt, er muß das Eindringen Fremder in seinen Arbeits-, Freizeit- und Wohnbereich dulden. Dies wird unter dem Titel der "Nichtdiskriminierung" sogar durch staatliche Gewalt erzwungen. Der Freiheitsgrad eines Wirten, Freizeitbetriebes, Vermieters oder Arbeitgebers, sein Umfeld in einer einheimischen Atmosphäre zu gestalten, wird immer weiter eingeengt.
Die auffälligsten äußeren Faktoren - weit überproportionale Migrantenkriminalität, Überlastung des Sozialsystems, Verdrängung und Lohndruck am Arbeitsmarkt, Konkurrenz um Wohnraum, Zunahme bildungsferner Schichten - sind letztlich Symptome für den Verlust des eigenen Territoriums, für den Verlust des Standortvorteils, der sozusagen die materielle Komponente des Bürgerrechtes ist. Daß dies - je nach individueller Betroffenheit durch die Auswirkungen sehr differenziert - zu Zukunftsangst, Mißtrauen und Unbehagen bis zur Betrachtung der Multikultur als neue Form einer kolonialen Besatzungsgesellschaft führt, darf nicht verwundern.
Nach der demographischen Entwicklung der letzten Jahrzehnte sind die Europäer am Wege zur Minderheit im eigenen Land, auf längeren Sicht zum Ausscheiden aus der Evolution. Auch dies berechtigt und verpflichtet zu einer kritischen Betrachtung der Zuwanderung und multikulturellen Einwanderungsgesellschaft.
Aber hier erleben wir die nächste Unfreiheit. Zuwanderungskritik wird in unredlicher Weise mit Fremdenfeindlichkeit gleichgesetzt, die Rassismus- und Faschismuskeule geschwungen und damit die freie Meinungsäußerung, also die Grundlage einer freien Willensbildung, unterdrückt.
Am besten hat mir bei diesem Beitrag die Aussage gefallen, daß „die freie Wahl ja durchaus dazu führen könnte, dass sich jemand dafür entscheidet, jenen kulturellen Überzeugungen und Praktiken seiner Gemeinschaft die Treue zu halten, in die er hineingeboren wurde.“
Ein freies Europa sollte dieser Freiheit eine Chance geben.
DÜMMLICHE und VERLOGENE GEWÄSCH des Privilegierten, der sich DURCH seinen privilegierten Status quasi die Vorteile des Mülltikültüralismus herauspicken kann, ohne von ihren Nachteilen betroffen zu sein.
Hervorragender Kommentar, diesem ist nichts hinzuzufügen! Gesinnungsterror ist an der Tagesordnung, Freiheit etwas anderes. Dass Demokratie schon lange nichts mehr mit Wahlrecht zu tun hat, wird gerade an diesem Punkt klar...
Meine sehr geehrten Damen und Herren.
Der Begriff Freiheit kann ohne Verantwortung im Realen Leben nicht existieren.
Der Pluralismus in den Gesellschaften ist eine Vision. Pluralismus, also die Vielfalt von unterschiedlichen Nationalitäten, unterschiedlicher Weltanschauung, Ideologien ist faktisch nicht Realisierbar.
gez
Freiherr Antonio von SALIS
Wieder so ein Artikel der versucht, durch ständige Wiederholung falscher Behauptungen Meinung zu machen. Aber was falsch ist bleibt falsch und wird auch durch Wiederholung nicht wahr! Ich kenne kein Land und auch keine Gesellschaft, in der eine erhöhte Nachfrage nach Multikulti besteht.Nachfrage besteht lediglich nach einer Bereicherung der Gesellschaft/des Staates. Dieses kann durch Deckung eines Bedarfs an Arbeitsleistung, durch Deckung eines Mangels an besonders qualifiziertem Personal geschehen. So ist es in der Geschichte bislang immer gewesen. Orientierten sich die ersten Völkerwanderungen am Nahrungsangebot, so erfolgte in der Welt der Arbeitsteilung eine Orientierung zu den Orten, wo es Arbeit gab. Die moderne Ausprägung sind die Gastarbeiter. Grund für das Maß an Zuwanderung war jedoch der Bedarf an der benötigten Leistung, die die aufnehmende Gesellschaft nicht selber decken konnte. So gesehen waren neu eingebrachte kulturelle Aspekte ein Abfallprodukt und nicht Selbstzweck. Wer Multikulti (womöglich mit dem Hinweis auf Toleranz) zum Prinzip an sich propagiert, ist in Wahrheit undemokratisch, weil er die berechtigten Vorbehalte der Mehrheit der Gesellschaft gegen kulturelle Überfremdung und Verlust der gesellschaftlichen Identität ignoriert....., oder meint sein eigenes politisches Süppchen kochen zu können. Wie die Verteilung der Wählerstimmen dieser neuen Mitbürger, so soe das Wahlrecht erlangen aussieht, ist ja bekannt.
Multikulti führt dazu, dass die weniger priviligierten unter den philosophisch oder sonstwie theoretisch oder naiv-menschenfreundlich oder auch wirtschaftlich-egoistisch begründeten Entscheidungen der Priviligierten mit Chauffeur und gut beschützter Villa zu leiden haben. Diese ziehen ja auch ihren Nutzen aus den billigen Arbeitskräften aus Afrika und Asien! Die kleinen Leute dagegen leiden auf hundert Ebenen. Sie finden ihren angestammten Lebensraum entfremdet. Sie leiden gegenwärtig in Deutschland unter der miserablen Schulsituation (zum Teil wenigstens durch Multikulti verursacht), unter der hohen Kriminalität, der Arroganz entwurzelter Proleten aus fremdem Kulturkreis ohne Bindung an die alte Kultur und ohne Bezug zur neuen Kultur. Sie leiden unter fremdartigen Religionen, die durchaus anmaßende Merkmale zeigen können. Ihre Heimat wird ihnen fremd und feindlich. Auwandern können sie nicht, dazu fehlt das Geld. Das ja bei den Eliten vorhanden ist, so dass diese in Ruhe das Experiment beobachten können. Wenn es unangenehm wird: Nichts wie weg! (Schweiz zum Beispiel). Oder auch Rückzug in gut bewachte Reichenghettos wie in den USA! Na denn prost und viel Vergnügen in der schönen neuen Welt!
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