1.In der heutigen Welt herrscht eine starke Nachfrage nach Multikulturalismus. Besonders in Westeuropa und Amerika kommt die Politik kaum noch ohne diesen Begriff aus. Überraschend ist das nicht. Vor allem die Wanderungsbewegungen sorgen dafür, dass sich die verschiedensten Kulturen nun in unmittelbarer Nachbarschaft befinden. Zu jener Zeit, als das Gebot »Liebe deinen Nächsten« allgemein ins Bewusstsein drang, führten diese Nächsten ihr Leben mehr oder weniger auf gleiche Weise. Dasselbe Gebot verlangt von uns heute, an höchst unterschiedlichen Lebensweisen von Menschen Anteil zu nehmen, die zu unseren Nachbarn geworden sind – woher sie auch immer stammen.

Doch der Multikulturalismus wirft auch schwierige Fragen auf, die zu ignorieren wir uns in der globalisierten Welt nicht länger leisten können. Eine der Grundfragen lautet, wie das Individuum in einer multikulturellen Gesellschaft gesehen werden sollte: Soll man es im Licht jener Traditionen betrachten und »kategorisieren«, in das es zufälligerweise hineingeboren wurde? Soll man also der »empfangenen« (und nicht der gewählten) Identität den Vorrang geben vor anderen Zugehörigkeiten, etwa den Zugehörigkeiten, die sich aus Politik, Beruf, Klasse, Geschlecht, Sprache oder sozialer Parteinahme ergeben?

Anders gefragt: Soll man Menschen als Personen betrachten, die unterschiedliche Verbindungen und Zugehörigkeiten besitzen, unter denen sie frei wählen können (und für sie dann Verantwortung übernehmen müssen)? Welches ist überhaupt das Kriterium einer gelungenen multikulturellen Gesellschaft? Dass sich die Menschen darin »in Ruhe lassen«? Oder dass sie, durch Bildung gefördert, an der Zivilgesellschaft aktiv teilhaben?

Wie man es auch dreht und wendet: Eine faire Beurteilung des Multikulturalismus kommt an diesen Fragen nicht vorbei – erst recht nicht in diesen Tagen, in denen viele behaupten, die Idee einer multikulturellen Gesellschaft sei ein großer Irrtum.

2.Die Erfahrung mit unterschiedlichen Formen von Multikulturalismus zeigt, wie schnell man sich in den Fallstricken unklarer Unterscheidungen verheddern kann. Kulturelle Freiheit, die aus meiner Sicht für die Würde des Menschen unverzichtbar ist, darf nicht mit dem bloßen Eintreten für kulturelle Vielfalt verwechselt werden. Ebenso wenig besteht kulturelle Freiheit in der Feier kultureller Traditionen, an denen jeder Einzelne angeblich festzuhalten habe. Kulturelle Freiheit in multikulturellen Gesellschaften heißt zunächst also, dass man der reflexhaften Verteidigung des kulturellen Erbes erst einmal widerstehen muss. Was dann selbstverständlich die Möglichkeit einschließen muss, Traditionen nach wohlüberlegter Prüfung auch zu bejahen.

Vor dem Hintergrund dieser Skizze lassen sich drei Konzeptionen der multikulturellen Gesellschaft unterscheiden. Die eine Konzeption schätzt die Vielfalt der Kulturen um ihrer selbst willen – je mehr davon, desto besser. Weil es ihr vorrangig um das kulturelle Variationsmuster innerhalb einer Gesellschaft geht, fragt sie nicht nach den Individuen in dieser Gesellschaft; diese werden lediglich als Komponenten eines gesellschaftlichen Musters in den Blick genommen. Dieses Konzept möchte ich als »Potpourri-Präferenz« bezeichnen, weil die Subjekte darin nur winzige Elemente in einem für positiv befundenen Amalgam sind, ob es dem Einzelnen darin nun gefällt oder nicht. Polemisch gesagt: Für die »Potpourri-Präferenz«, die in intellektuellen Kreisen zahlreiche Anhänger hat, sind Menschen nicht unbedingt denkende Wesen, die kritisch reflektieren und von ihrer Wahlfreiheit Gebrauch machen. Sie sind bloße Container, in denen Kultur stattfindet.

Ein zweites Konzept von Multikulturalismus vertritt die Auffassung, dass die Menschen in den Kulturen eingesperrt bleiben sollten, in die sie hineingeboren wurden. Dieses Konzept, das ich als Kulturkonservatismus bezeichnen möchte, lobt nicht – wie die »Potpourri-Präferenz« – die Vielfalt um der Vielfalt willen. Sie interessiert sich auch sehr wohl für die Hintergründe der einzelnen Menschen. Doch einer individuellen Wahl räumt der Kulturkonservatismus keinen Vorrang ein – auch wenn die freie Wahl ja durchaus dazu führen könnte, dass sich jemand dafür entscheidet, jenen kulturellen Überzeugungen und Praktiken seiner Gemeinschaft die Treue zu halten, in die er hineingeboren wurde.