Das Gemälde ist reizvoll und verblüffend. Eine junge Frau lehnt sich selig verliebt an einen hübschen Infanteristen in preußischer Uniform. Solches Glück ereignete sich hoffentlich vieltausendfach. Doch in diesem Fall ist der preußische Soldat ein Schwarzer. Und somit sind das Bild und die Liebe einzigartig.

Angeregt durch das geheimnisvolle Ölgemälde des Königsberger Malers Emil Doerstling, heute im Besitz des Deutschen Historischen Museums in Berlin, haben sich die Philologin Cornelia Kruse und der Historiker Gorch Pieken intensiv auf die Spurensuche begeben. Wer war der souverän wirkende Mohr mit rotem Uniformkragen? Wer das deutsche Bürgermädchen von 1860? Was die beiden Bildforscher zutage förderten, erweist sich als eine höchst erstaunliche und wohl einmalige Familiensaga im Deutschen Reich.

Für die Rekonstruktion der Geschehnisse setzen die Chronisten beim preußischen Prinzen Albrecht an, der um 1835 eine zerrüttete Ehe führte und vom Hohenzollernchef Friedrich Wilhelm IV. zur Selbstbesinnung auf eine Orientreise geschickt wurde. Zwischen Assuan und Damaskus wurde der hohe Gast überall trefflich empfangen. Unter den Willkommensgeschenken des ägyptischen Vizekönigs Mehmed Ali befand sich auch der Nubierknabe Sabac el Cher, zu Deutsch Guten Morgen. Dies arme Bürschlein wurde mit nach Berlin verfrachtet – und es ging im nasskalten Norden nicht elendiglich zugrunde. Solch bitteres Schicksal hatten nämlich jahrhundertelang jene Afrikaner zu erleiden, die als Hofmohren lebenden Zierrat bildeten oder in »Mohrenkapellen« paradieren mussten. Krankheit und Einsamkeit rafften die Verschleppten oft jung dahin.

Humaner gestimmt scheint das Berlin um 1850 gewesen zu sein. Der Nubier Sabac el Cher, bald auf die Vornamen August Albrecht getauft, erhielt bei seinem Prinzen eine Pagenausbildung. Er wurde dessen ständiger Begleiter in Krieg und Frieden und versah schließlich das verantwortungsvolle Amt eines Silberverwalters. »Ob man ihn anfeindete oder bestaunte, ob man sein Aussehen thematisierte, ist nicht überliefert«, halten die Forscher fest.

August Albrecht Sabac el Cher heiratete die Tochter eines Berliner Kleidermachers und begründete damit eine nubisch-preußische Familie. Seinen Sohn Gustav zog es zu Militär und klingendem Spiel. Er wurde halbschwarzer Regimentsmusiker und leitete bald ein Vorzeigeorchester der kaiserlichen Armee. Wo Gustav Sabac el Cher dirigierte, strömten die Menschen zusammen, und vor allem Frauen himmelten den exotischen Preußen, der gewiss berlinerte, an: »Dem liebenswürdigen und schneidigen Kapellmeister in tiefster Ergebung…« Dabei waren auf dem Grußbillet die i-Pünktchen in Herzform gemalt.

Die offenbar reibungslose Integration der afrikanischstämmigen Familie irritiert geradezu. Doch kann die Chronik über Jahrzehnte gottlob weder von Selbstzweifeln noch rassistischen Erniedrigungen berichten. Mit ihrer dritten Generation, die in die Weimarer Republik reicht, wurden die erfolgreichen Sabac el Cher, die nie ihren Namen änderten, sogar stramm deutschnational. In ihrem Ausflugslokal bei Berlin verkehrte der Kampfbund Stahlhelm, und die Mischlingsfamilie zelebrierte alle Kleinbürgertugenden aus Privatidylle und Ordnungstrachten. Inwieweit damit eine Überanpassung an das soziale Umfeld stattfand, bleibt offen.

Erst das »Dritte Reich« brandmarkte Einheimische wieder als Fremde. »Negerblut« in den Adern zu haben meinte »Rassenschande«, und Kinder von farbig-französischen Besatzungstruppen am Rhein, die sogenannten Rheinlandbastarde, wurden verfolgt. Andererseits wurden Schwarze phasenweise und widerwillig geschont – das heißt nicht sterilisiert oder ermordet –, weil der NS-Staat sich davon ein besseres Entree bei der Rückgewinnung von afrikanischen Kolonien versprach.