Pisa Vom Vorbild zum Verlierer
Die Länder Skandinaviens wurden lange als Pisa-Stars gefeiert. In der neuen Studie schneiden sie nur noch mittelmäßig ab. Was ist passiert?
Jahrelang saß Mats Ekholm auf Podien von Berlin bis München und sollte die immer gleichen Fragen beantworten: Warum schneiden Schwedens Schüler bei internationalen Leistungsvergleichen so gut ab? Was kann Deutschland von Skandinavien lernen? Doch seit ein paar Tagen gibt Ekholm auf Bildungskonferenzen nicht mehr den weisen Ratgeber aus dem Norden. Plötzlich wollen alle vom ehemaligen Chef der zentralen schwedischen Schulbehörde wissen, warum Schwedens Neuntklässler bei Pisa 2006 einen Einbruch erlebt haben. In den Naturwissenschaften sind sie im Länder-Ranking auf Platz 22 geradezu abgeschmiert, das ehemalige Sorgenkind Deutschland hat sich gleichzeitig auf Platz 13 gesteigert. Auch beim Lesen und im Matheteil haben die Schweden zum zweiten Mal nach 2003 Punkte abgegeben. Und Mats Ekholm ringt um eine Antwort. »Das muss an der Wirtschaftskrise der Neunziger liegen«, sagt er schließlich. »Damals wurde das schwedische Bildungsbudget massiv gekürzt, dafür bekommen wir jetzt die Quittung.«
Der Erklärungsversuch des Pädagogikprofessors aus Karlstad hat einen Vorteil für die erfolgsverwöhnten Schweden: Er scheint die Lösung des Problems bereits in sich zu tragen. Mittlerweile hat die Stockholmer Regierung die Ausgaben für die Schulen wieder erhöht, sodass Ekholm prophezeit: »In ein paar Jahren wird Schweden zur alten Stärke zurückfinden, darauf wette ich ein paar Hundert Kronen.« Doch so tröstend die Theorie vom Zwischentief auch sein mag, sie ist möglicherweise zu einfach. Gefährlich einfach. Denn, wie Kritiker warnen, sie erspart den Schweden eine wirkliche Auseinandersetzung mit ihren Schwächen.
Aus der Sicht der Menschen war das Bildungssystem nie besonders gut
Dass ein grundsätzliches Problem vorliegen könnte, darauf deuten auch die aktuellen Ergebnisse der internationalen Grundschul-Lesestudie Iglu hin, die den ehemaligen Spitzenreiter Schweden nur noch auf Platz 10, fast gleichauf mit Deutschland, sehen. In den Nachbarländern gab es ähnlich schlechte Nachrichten: Während Pisa-Sieger Finnland seinen Abstand noch hat ausbauen können, stagnieren die Leistungen dänischer Schüler seit der ersten Pisa-Studie 2000, Norwegen hat sogar deutlich an Boden verloren und liegt mittlerweile in allen Bereichen hinter Deutschland. Insgesamt gehört keines der skandinavischen Länder mehr zur internationalen Spitzengruppe. Das Pisa-Vorbild Nordeuropa – das war einmal. »Viele Skandinavier sind darüber noch nicht einmal verwundert«, sagt Bernd Henningsen, Leiter des Nordeuropa-Instituts der Berliner Humboldt-Universität. »Die normalen Leute hatten ohnehin nie die Empfindung, dass ihr Schulsystem internationale Spitze ist. Das war mehr eine Sichtweise der ausländischen Beobachter.«
Nachdem lange die Vorteile der skandinavischen Pädagogik von der Gesamtschule über die späte Notengebung bis hin zur hervorragenden Individualförderung gepriesen wurden, rücken jetzt mit einem Mal die Unzulänglichkeiten in den Vordergrund, die von skandinavischen Experten zum Teil schon seit Jahren angeprangert werden, in Deutschland aber angesichts der Skandinavien-Hysterie lange übersehen wurden. Beispiel Schweden: Ähnlich wie Deutschland schafft es das Land nicht, Kindern aus Migrantenfamilien die gleichen Bildungschancen zu ermöglichen, zudem öffnet sich die Leistungsschwere zwischen Jungen und Mädchen, und all das, obwohl besondere Hilfsangebote für leistungsschwache Schüler zum schwedischen Selbstverständnis gehören und die Sprachförderung international als vorbildlich gilt.
In Norwegen wiederum will die Regierung den naturwissenschaftlichen Unterricht wieder stärker in die traditionellen Einzelfächer Physik, Chemie und Biologie aufspalten, nachdem an vielen Schulen lange nur noch Kombinationsfächer wie »Natur und »Technik « unterrichtet worden sind – ein Modell, das auch in Schweden verbreitet ist und dort angesichts der mauen Schülerleistung in den Naturwissenschaften ebenfalls in der Kritik steht. Schließlich fehlt es in allen skandinavischen Ländern an Konzepten zur Spitzenförderung. »Der Elite-Begriff ist in Nordeuropa immer noch verpönt. Man soll nicht besser als andere sein wollen«, sagt Tobias Werler von der norwegischen Agder-Universität. »Das ist eine gesellschaftliche Norm mit enormen Auswirkungen auf die Politik.«
Hier könnte das Kernproblem der skandinavischen Schulen liegen: Während ihre soziale Infrastruktur von den Schulschwestern über die Sozialpädagogen bis hin zu gesetzlich vorgeschriebenen Antimobbingprogrammen noch immer international ihresgleichen sucht, existieren kaum Anreizsysteme, um Schüler zu Leistungssteigerungen zu motivieren. Vielen Lehrern fällt es daher schwer zu vermitteln, wie sich in den egalitären Gesellschaften Skandinaviens besondere Leistungsanstrengungen in der Schule später auszahlen können. In besonderem Maße gilt das in Norwegen, das durch seinen Energiereichtum eines der reichsten Länder der Welt geworden ist. »Im Grunde spielt es hier keine Rolle, ob man studiert oder nicht, mit einem Aushilfsjob in der Dienstleistungsbranche kann man inzwischen oft genauso gut verdienen wie als voll ausgebildeter Akademiker«, sagt Christhard Hoffmann von der Universität Bergen.
In Schweden stellt sich das dreijährige Gymnasium, das sich in 17 Einzelprogramme auffächert, als Leistungsbremse heraus. Einige der Programme sind eher berufsorientiert, andere bereiten stärker auf ein Studium vor. Einen Hochschulzugang ermöglichen sie jedoch alle – und das, obwohl vor allem in den praktisch orientierten Zweigen die Kernfächer wie Schwedisch, Mathe oder die Naturwissenschaften reichlich kurz kommen. Solange Skandinavien sich mit guten Gesamtwerten bei Pisa und anderen internationalen Studien brüsten konnte, war das Ideal vom gesunden Mittelmaß dennoch unumstritten. Jetzt aber mehren sich die Stimmen, die eine stärkere Betonung des Leistungsprinzips fordern. Schwedens neuer konservativer Bildungsminister Jan Björklund hat sich an die Spitze der Bewegung gesetzt und einen grundlegenden Kurswechsel in der Bildungspolitik verkündet. »Die Sozialdemokraten haben sich in der Schule um alles gekümmert, nur nicht um das Vermitteln von Wissen und Fähigkeiten«, sagt Björklund. Er will Zensuren von Klasse sechs anstatt von Klasse acht an zur Pflicht machen, das Gymnasium auf nur noch drei Zweige mit klarem Kerncurriculum zusammenstutzen und schon in der dritten Klasse das Wissen der Kinder zentral prüfen.
Die Pläne Björklunds, der sich unter Lehrern bereits den Spitznamen »Prügelstock-Janne« verdient hat, kommen für viele Schweden einer Art Konterrevolution gleich; der Bruch mit der sozialdemokratischen Vorgängerregierung könnte kaum deutlicher sein. »Wer einmal Probleme hat in der Schule, bekommt keine zweite Chance mehr, das ist Björklunds Politik«, sagt Marie Granlund von den schwedischen Sozialdemokraten und verweist auf die zunehmende soziale Spaltung in der Schule, die sich in den Leistungen widerspiegle. Der neue Bildungsminister lässt sich indes nicht beirren. Statt weiter mit zensurfreiem Lernen zu experimentieren, so Björklund, würden die Lehrer in Zukunft ihre Anstrengungen wieder auf die Vermittlung nachprüfbarer Basiskompetenzen wie Lesen, Schreiben und Rechnen konzentrieren. Für 2008 hat er zudem einen Aktionsplan für Mathematik und die Naturwissenschaften angekündigt.
Viele Lehrer haben keine pädagogische Ausbildung
Für den zunehmenden Lehrermangel vor allem in den Naturwissenschaften hat jedoch auch der neue Minister bislang keine Lösung gefunden. Ähnlich wie in Deutschland studieren zu wenige junge Menschen Chemie, Physik oder Biologie, was nicht nur am geringen Stellenwert dieser Fächer im Schulalltag liegt, sondern auch an den in Schweden vergleichsweise niedrigen Lehrergehältern. Die Folge: Hoch qualifizierte Studienanfänger meiden die Lehramtsfächer, in der boomenden Hightechindustrie finden sie besser bezahlte Jobs. Viele Kommunen müssen daher in großem Umfang Bewerber einstellen, die keine pädagogische Ausbildung haben. In den öffentlichen Grundschulen ist der Anteil studierter Lehrer in den vergangenen Jahren auf 83 Prozent gesunken, in den Privatschulen gar auf unter zwei Drittel. »Die Pisa-Ergebnisse sollten uns ein deutliches Warnsignal sein, mehr in unsere Lehrer zu investieren«, sagt Mats Ekholm. Im Auftrag der Regierung arbeitet derzeit eine Expertengruppe Vorschläge für eine bessere Lehrerbildung aus, Björklund will zudem 3,7 Milliarden Kronen in die Fortbildung von Lehrern investieren, da es ihnen oft an fachrelevantem Wissen fehle. Gleichzeitig, fordert Ekholm, müsse jedoch auch der Druck besonders auf die Privatschulen erhöht werden, nur noch qualifizierte Pädagogen einzusetzen.
So, wie sich der Pädagoge Ekholm derzeit in der ungewohnten Rolle des ratlosen Erklärers wiederfindet, müssen die Schweden mit dem unerwarteten Pisa-Schreck fertig werden. Einmal mehr sind die Skandinavier so – unfreiwillig – für die Deutschen zum Vorbild geworden. Die Lehre diesmal: Wer meint, sich auf den Lorbeeren besserer Pisa-Ergebnisse ausruhen zu können, den könnte die Realität wieder einholen und das, wie das Beispiel Skandinavien zeigt, überraschend schnell.
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- Datum 06.12.2007 - 01:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 06.12.2007 Nr. 50
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Aus dem Artikel:
" Schließlich fehlt es in allen skandinavischen Ländern an Konzepten zur Spitzenförderung. »Der Elite-Begriff ist in Nordeuropa immer noch verpönt. Man soll nicht besser als andere sein wollen«, sagt Tobias Werler von der norwegischen Agder-Universität. »Das ist eine gesellschaftliche Norm mit enormen Auswirkungen auf die Politik.« "
... woher kommt mir das nur bloß bekannt vor?
Ich lebe seit einiger Zeit in Schweden und arbeite an einer Univeristaet. Ich hab den (subjektiven) Eindruck, dass das Bildungsniveau hier eindeutig hoeher ist. Ich hab kuerzlich einen Vortrag ueber das Prinzip der Magnetresonanztomographie an einer Folkeskole(Klasse 7) gehalten und ich war erstaunt ueber das Interesse und die Qualitaet der Fragen, die dort gestellt wurden. Das alles auch noch in sehr gutem Englisch. Nichts von "Null-Bock" oder "Anti-Mathe" Stimmung zu spueren. Ich hab dann mal gefragt wie man eigentlich darauf gekommen ist mich an die Schule einzuladen und die Antwort war, dass man, da die Uni und die Schule "Nachbarn" sind, gern die Moeglichkeit nutzt den Schuelern die Anwendungen der Naturwisschenschaften und Mathematik aus erster Hand nahezubringen. Ich muss sagen, dass ich durch diesen "Ausflug" mehr gelernt hab als die Schueler. @sv1en: Schweden ist schon eine sehr egalitaere(sozialistische?) Gesellschaft aber es "funktioniert" hier. Erstens ist das hier Tradition, zweitens besteht grosse Transparenz (ob nun bei Gehaeltern oder offentlichen Anhoerungen zu Bauprojekten) in der Gesellschaft und drittens leben hier weniger Leute, so das man auf jeden einzelnen einfach mehr Ruecksicht nehmen kann, und Konsensbildung ist einfacher. Das heisst aber, dass sich die Situation hier auch nicht so einfach auf Deutschland oder Frankreich uebertragen laesst auch aus Gruenden des Eigenverstaendniss dieser Laender.Hannes
war und ist die ökonomische Situation in Finnland deutlich schwieriger als im RestSkandinaviens und erlaubt ein hartes Auswahlverfahren nach pädagogischenFähigkeiten..Der Verdienst liegt bis zu 50 Prozent unter deutschem Niveau bei gleichemDurchschnittseinkommen.Das sogenannte Leistungsprinzip ,welches den Einfluß derNote auf lernverhalten und Zugang zu Bildung vergrößern will,ist doch in Südkoreaund Japan längst Realität.Wenn man bedenkt ,das der Zeitaufwand insbesonderevor Abschlußprüfungen bis zu 16 Stunden beträgt,ist das Ergebnis äußerst mäßig.
Hier hat aber mal ein Autor voll aus der flach gefüllten Kiste seines Elite-Wortschatzes gegriffen, und alle Buzzwords der Christiansen-Talg-Shows der letzten Jahre abgenudelt. Wenn einer sein konservativ-restauratives Weltbild unbedingt auch auf Skandinavien (hups: Finnland hat er doch gar nicht meinen können) anwenden und seinen tiefen Einblicke auf die "egalitären" Länder übertragen muss, dann soll er das bitte nicht in einem Artikel über die Ergebnisse von PISA-Tests verstecken. Die haben doch für Deutschland genau das Elend der Anwendung ständischer Anschauungen im Schulsystem sichtbar gemacht. Also, nächstes Mal bitte nicht auf solch niederträchtige Weise ein immer noch mieses deutsches System schön reden wollen. Dieser Artikel ist so überflüssig wie ein Kropf.
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