Pisa 2006 »Wir haben dazugelernt«
Sind die deutschen Schüler besser geworden? Wie steht es um die Bildungsgerechtigkeit? Was bleibt zu tun? Ein Gespräch mit Manfred Prenzel, dem Leiter der deutschen Pisa-Studie
DIE ZEIT: Herr Professor Prenzel, bei der Vorstellung der neuen Pisa-Studie herrschte Verwirrung. Verschaffen Sie uns zunächst Klarheit: Haben die deutschen Schüler denn nun besser abgeschnitten als 2003 und 2000?
Manfred Prenzel: Ein klares Ja. In allen getesteten Bereichen, bei den Naturwissenschaften, bei der Mathematik und bei der Lesefähigkeit, ist der Trend positiv. Bei den Naturwissenschaften lagen wir im Jahr 2000 noch unter dem Durchschnitt der OECD-Länder, 2003 erreichten wir durchschnittliche Werte, und 2006, in der jetzt vorgelegten Studie, liegen wir deutlich über dem Durchschnitt.
ZEIT: Weil andere schlechter geworden sind?
Prenzel: Nein, weil die deutschen Schüler definitiv besser geworden sind. Die Leistungssteigerung von 2000 zu 2006 entspricht in etwa dem, was ein Durchschnittsschüler in acht Monaten in der Schule lernt.
ZEIT: Vom Pisa-Koordinator der OECD war zu vernehmen, dass der Vergleich von 2003 und 2006 nicht möglich sei, weil sich die Aufgaben geändert hätten.
Prenzel: Bei Pisa 2006 mit den Naturwissenschaften als Hauptgebiet sind zahlreiche Aufgaben hinzugekommen. Um den Fortschritt seit 2000 exakt zu erfassen, muss man auf Aufgaben zurückgreifen, die bei allen Zeitpunkten verwendet wurden. Diese sogenannten Brückenitems haben in einigen Staaten nicht optimal funktioniert, in Deutschland schon. Deshalb berichten wir für Deutschland die Veränderungen, die OECD verzichtet darauf.
ZEIT: Wie sieht es bei der Mathematik aus?
Prenzel: Dort konnten wir uns von 2000 bis 2003 deutlich steigern und diesen Zuwachs 2006 halten. Hier haben wir seit dem Jahr 2000 einen Leistungszuwachs, der auch in etwa acht Monaten Unterricht entspricht.
ZEIT: Wie ist es um die Lesefähigkeit bestellt, die ja als Schlüsselkompetenz gilt?
Prenzel: Hier können wir zwar auch eine positive Tendenz feststellen, die uns im internationalen Vergleich aus der unteren Gruppe in die mittlere verholfen hat. Aber die Leistungszuwächse sind statistisch nicht signifikant.
ZEIT: Der Spiegel hat berichtet, dass Jugendliche in einigen Ländern mit Schmiergeldern zur Teilnahme an Pisa gelockt wurden. Ist es bei Pisa nicht mit rechten Dingen zugegangen?
Prenzel: Doch, natürlich. Das Papier, aus dem der Spiegel Bruchstücke zitiert, zeugt ja von den umfassenden Maßnahmen, mit denen die Qualität der Studie gesichert wird. Wir haben überprüft, mit welchen Mitteln die Schüler, die für den Test per Zufall ausgewählt wurden, zur Teilnahme motiviert werden. In Deutschland dürfen die Schüler zum Beispiel einen Bleistift mit Pisa-Aufdruck behalten, in Norwegen einen billigen Taschenrechner. In den Niederlanden werden die Schüler mit Snacks versorgt. Und in den USA, wo die Schüler viel häufiger getestet werden als hierzulande, sind in einigen Fällen Geldprämien von bis zu 50 Dollar an Schüler gezahlt worden. Insgesamt halten wir die Maßnahmen zur Teilnehmermotivation für eher unbedenklich. Man kann sich keine besseren Schülerleistungen erkaufen. Wir haben das bei Pisa 2000 extra überprüft: Schüler strengen sich bei solchen Tests an, egal, ob ihnen dafür Geld, gute Noten oder gar nichts versprochen wird. Und mit Geld können auch keine guten Schüler zur Pisa-Teilnahme gelockt werden. Die Auswahl der Schüler erfolgt vorab nach dem Zufallsprinzip.
ZEIT: Wo wird es bedenklich?
Prenzel: Es ist zu vermuten, dass mit Geldprämien gerade auch schwache Schüler überzeugt werden, am Test teilzunehmen, die sonst zu Hause geblieben wären. Unter bestimmten Bedingungen können Prämien sogar sinnvoll sein, um eine breite Testbeteiligung zu sichern. Im Extremfall könnte eine Prämie wie in den USA die durchschnittliche Pisa-Leistung des Landes sogar nach unten ziehen. Deswegen werden wir weiter ein Auge darauf haben, wie die Tests in den einzelnen Ländern durchgeführt werden. Es gibt nur wenige Studien dieser Größenordnung mit einem derart ausgefeilten Qualitätsmonitoring.
ZEIT: Wie ernst muss man eigentlich die Pisa-Ergebnisse nehmen? Vielleicht sind die deutschen Schüler gar nicht besser geworden, sondern nur geübter im Umgang mit Pisa-Aufgaben.
Prenzel: Auf Pisa-Tests kann man sich nicht durch Büffeln vorbereiten. Wir haben in einer kleinen Zusatzstudie herausgefunden, dass Schüler, die für die Tests trainiert werden, nur unwesentlich besser abschneiden als andere.
ZEIT: Sagt denn Pisa wirklich etwas über den Bildungsstand der Jugendlichen aus?
Prenzel: Über einen wichtigen Ausschnitt zumindest. Natürlich muss die Schule viel mehr leisten als das, was mit Pisa überprüft wird. Aber ohne ein gewisses Verständnis der Mathematik und der Naturwissenschaften, ohne die Fähigkeit, Texte mit Verstand zu lesen, darf eigentlich kein Kind die Schule verlassen. Studien aus Kanada haben gezeigt, dass gute Ergebnisse in der Pisa-Studie mit guten Berufschancen einhergehen, also werden relevante Fähigkeiten geprüft.
ZEIT: Dann ist der Vorwurf berechtigt, Pisa teste die Schüler darauf, wie kompatibel sie für die Wirtschaft seien.
Prenzel: Nein. Zum einen trifft der Vorwurf ins Leere, weil die Möglichkeit, einen interessanten Beruf zu ergreifen, die entscheidende Voraussetzung für die persönliche Entwicklung eines Jugendlichen ist. Hier treffen sich einfach die Interessen der Jugendlichen und der Wirtschaft, die fähige Arbeitskräfte braucht. Zum anderen erschöpft sich Pisa gerade nicht im Abfragen funktionaler Kompetenzen. Das tiefere und kritische Durchdringen von Sachverhalten führt zu hohen Punktzahlen bei Pisa.
ZEIT: Das zweite große Problem, auf das die erste Pisa-Studie aufmerksam gemacht hat, ist die große Ungerechtigkeit im deutschen Schulsystem. In kaum einem anderen Land der Welt war die Leistung der Schüler so eng an die soziale Herkunft gekoppelt wie hierzulande. Und die Chance eines Arbeiterkindes, aufs Gymnasium zu kommen, war vielfach geringer als die eines Akademikerkindes. Was hat sich da getan?
Prenzel: Auch hier ist der Trend positiv. Die Leistungen sind nicht mehr so eng an die soziale Herkunft gekoppelt wie im Jahr 2000. Das ist kein Grund zur Entwarnung, aber Deutschland konnte sich hier deutlich verbessern.
ZEIT: Wie stark?
Prenzel: Nehmen wir das Beispiel der Lesekompetenz, weil hier die Daten von 2000 bis 2006 am stärksten belastbar sind. Es gibt einen Wert, den sogenannten sozialen Gradienten, der angibt, wie sehr die Leistungen durch die Herkunft der Schüler erklärt werden können. Im OECD-Durchschnitt liegt dieser Wert bei 30. Bei Pisa 2000 lag Deutschland mit einem unrühmlichen Wert von 45 an der Spitze der Tabelle (siehe Grafik auf S. 84). Bei Pisa 2006 ist dieser Wert auf 35 gesunken. Damit sind wir zumindest unter unseren Nachbarländern kein Unikum mehr.
ZEIT: Wie erklären Sie sich das?
Prenzel: Die Leistungszuwächse in Deutschland gehen vor allem auf das Konto der schwächeren Schüler. Die sogenannte Risikogruppe ist kleiner geworden.
ZEIT: Zur Risikogruppe zählen Sie Schüler, die mit 15 Jahren nicht richtig lesen und nur auf Grundschulniveau rechnen können.
Prenzel: Ja. Sie umfasste im Jahr 2000 23 bis 24 Prozent der Schüler, jetzt umfasst sie noch rund 20 Prozent.
ZEIT: Auch beim Thema Sozialgefälle gab es Verwirrung bei der Vorstellung der Studie, weil die OECD mehrfach den Berechnungsmodus gewechselt hat. Wie sind da Vergleiche möglich?
Prenzel: In Deutschland muss keiner verwirrt sein. Um sinnvolle Vergleiche zu ermöglichen, haben wir hier zusätzlich die Ergebnisse aller drei Studien demselben Berechnungsmodus unterzogen. Wir bewegen uns auf sicherem Boden.
ZEIT: Wie steht es um die Chancengleichheit beim Übergang auf das Gymnasium?
Prenzel: Das Kind eines Akademikers hat bei gleicher Leseleistung und gleicher Intelligenz eine 2,2-mal so große Chance, nach der Grundschule aufs Gymnasium zu wechseln, als das Kind eines Facharbeiters. Das ist ungerecht. Aber im Jahr 2000 war seine Chance noch 2,8-mal so groß. Auch hier also eine merkliche Verbesserung. Wir dürfen uns darauf aber nicht ausruhen. Es ist keineswegs gesichert, dass dieser Trend sich einfach fortsetzt.
ZEIT: In der kürzlich veröffentlichten Grundschulstudie Iglu hieß es, die Ungerechtigkeit beim Übergang aufs Gymnasium habe zugenommen.
Prenzel: Da wurden Viertklässler des Jahres 2000 untersucht, und es ging darum, mit welchen Leistungen Kinder für das Gymnasium empfohlen werden. Was dann wirklich geschieht, ist offen. Bei Pisa haben wir Jugendliche untersucht, die im Jahr 2000 15 Jahre alt waren und die wirklich in der einen oder anderen Schulform gelandet sind. Beides ist nicht direkt vergleichbar.
ZEIT: Was ist zum Abschneiden der Einwandererkinder zu sagen, die bei der ersten Pisa-Studie zu den Verlierern gehörten?
Prenzel: Da ist leider keine positive Entwicklung festzustellen. Der Abstand zu den deutschstämmigen Jugendlichen beträgt weiterhin knapp zwei Schuljahre. Hier muss vor allem massiv in die Sprachförderung investiert werden. Denn Einwandererkinder mit guten Deutschkenntnissen müssen sich mit ihren Leistungen hinter ihren deutschstämmigen Mitschülern nicht verstecken.
ZEIT: Können wir unter dem Strich mit den Ergebnissen der neuen Pisa-Studie zufrieden sein?
Prenzel: Das Wichtigste ist für mich, dass wir dazugelernt haben und dass an den Schwachstellen ernsthaft gearbeitet wird. Andererseits sollten uns Länder wie Finnland ein Ansporn sein. Sie zeigen, zu welch erstaunlichen Leistungen auch 15-Jährige schon in der Lage sind. Die spielen in einer anderen Liga und sind ihren Altersgenossen in Deutschland zwei Schuljahre voraus.
ZEIT: Der Vergleich mit Finnland führt doch nicht weiter. Das ist ein bevölkerungsarmes Land mit einer homogenen Sozialstruktur. Die Einwanderungsproblematik ist den Finnen völlig fremd.
Prenzel: Es geht mir nicht darum, so viele Punkte wie die Finnen zu erreichen, sondern darum, zu erkennen, welches Potenzial auch in unseren Schülern schlummert. Diesen Schatz zu heben, sie richtig zu fordern, das ist jede Mühe wert.
ZEIT: Länder wie Norwegen oder das viel gerühmte Schweden schwächeln bei Pisa oder bauen sogar ab. Verbleicht das skandinavische Vorbild?
Prenzel: Diese Länder zeigen, was passiert, wenn man sich auf guten Ergebnissen ausruht. Die Finnen verbessern weiter ehrgeizig ihr Bildungssystem, die Schweden haben sich vielleicht zu sehr auf die Schulter geklopft.
ZEIT: Auch Frankreich ist abgerutscht.
Prenzel: Ja, die haben sich um die Pisa-Ergebnisse nie geschert. Das hat sich nicht ausgezahlt.
ZEIT: Wie erklären Sie sich den Leistungszuwachs der deutschen Schüler in der Mathematik und den Naturwissenschaften?
Prenzel: Da bin ich sehr vorsichtig. Die Pisa-Studie ist ja eine rein deskriptive Untersuchung. Sie beschreibt, was ist, nicht, wie es dazu kam.
ZEIT: Aber als Kenner der Szene haben Sie sich gewiss Ihre Gedanken dazu gemacht.
Prenzel: Sicher. Bei den Leistungssteigerungen in der Mathematik und den Naturwissenschaften zeigt vermutlich der »Timss-Schock« seine Wirkung…
ZEIT: …Timss ist die Abkürzung für Third International Mathematics and Science Study, eine Untersuchung, die Mitte der neunziger Jahre den deutschen Schülern Mittelmaß bescheinigte…
Prenzel: …danach wurde bundesweit ein Programm zur Modernisierung des mathematischen und naturwissenschaftlichen Unterrichts gestartet. Statt wie früher Formeln zu pauken, werden im Mathematikunterricht jetzt vielerorts Alltagsprobleme mit Hilfe der Mathematik gelöst.
ZEIT: Jetzt stagnieren die Mathematikleistungen.
Prenzel: Ja, sicher ist noch nicht überall moderner Unterricht Standard. Und man sollte sich mehr Gedanken machen, was außerhalb des Unterrichts geschieht. Wie etwa in den Naturwissenschaften.
ZEIT: Was meinen Sie damit?
Prenzel: Die besseren Leistungen in den Naturwissenschaften führe ich auch darauf zurück, dass sie in den vergangenen Jahren einen regelrechten Boom erleben. Überall schießen Science-Center aus dem Boden. In den Medien spielt das Thema eine große Rolle. Forschungsinstitute und Unternehmen arbeiten mit Schulen zusammen. Das alles hat sicher seine Wirkung gezeigt.
ZEIT: Wie erklären Sie sich die nur sehr langsame Entwicklung bei den Leseleistungen?
Prenzel: Zum einen kennen wir ja erst seit 2001 das Ausmaß des Problems. Zum anderen ist die Lesefähigkeit nicht so einfach zu steigern.
ZEIT: Warum nicht?
Prenzel: Den Mathematikunterricht kann ein Lehrer verändern. Leseförderung in der Sekundarstufe muss in allen Fächern erfolgen. Dafür muss erst einmal das Bewusstsein geschaffen werden. Noch immer denken viele, das Lesenlernen sei in der Grundschule abgeschlossen. Ein großer Irrtum! Dann muss jemand die Initiative ergreifen; Lehrer müssen sich untereinander abstimmen, das ist in diesem Berufsstand nicht die Regel. Wenn wir beim Lesen besser werden wollen, dann brauchen wir dazu eine gewaltige Kraftanstrengung in den Schulen. Das kann nicht allein Aufgabe der Deutschlehrer sein. Aber auch beim Lesen gibt es mutmachende Signale.
ZEIT: Welche?
Prenzel: Die Leistungssteigerung der Grundschüler etwa oder das zunehmende Interesse der Schüler am Lesen. Es wird Sie freuen, dass wir nicht nur ein wachsendes Interesse am Internet, sondern auch an Zeitungen feststellen konnten.
ZEIT: Wie erklären Sie sich den Rückgang des Einflusses der Herkunft auf die Schülerleistungen?
Prenzel: Offensichtlich hat Pisa die Augen dafür geöffnet, dass es zu viele Schüler gibt, die erschreckend wenig lernen. Beim Lesen etwa haben die Hauptschüler zugelegt, dort hat sich in den letzten Jahren sehr viel getan.
ZEIT: Die Gymnasiasten sind nicht davongeeilt?
Prenzel: Nein, bei ihnen stagniert die Leseleistung.
ZEIT: Das ist gut für die Gerechtigkeit, aber schlecht für die Gymnasien.
Prenzel: Zumindest bleiben die Gymnasien bislang unter ihren Möglichkeiten.
ZEIT: Hat die Bildungspolitik die richtigen Schlüsse gezogen?
Prenzel:
Im Großen und Ganzen ja. Sehr gut finde ich, dass nationale Bildungsstandards für verschiedene Fächer formuliert werden, deren Erreichen auch überprüft werden soll. Auf der anderen Seite wünsche ich mir von den Politikern mehr Mut, den Schulen die Freiheit und die Möglichkeiten zu geben, selbst den Weg zu finden, um die Ziele zu erreichen. Die Schulen sind der Ort des Lernens; sie müssen viel mehr unterstützt werden und nicht mit Aufgaben überhäuft werden.
Die Fragen stellte
Thomas Kerstan
- Datum 05.12.2007 - 01:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 06.12.2007 Nr. 50
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