Film "Ein unglaubliches Jahr!"
Nina Hoss war die Medea, sang in der Fledermaus und gewann auf der Berlinale den silbernen Bären als beste Schauspielerin. Ein Gespräch
Man hofft ja, wenn man so zurückblickt auf ein Jahr, dass man irgendwas im Leben wirklich begriffen hat. Gab es bei Ihnen da was?
Hoss: Ich glaube schon. Das hat mit einem Buch zu tun, Wandlungen von Liv Ullmann. Ich habe mir das Buch schon während der Schauspielschule gekauft, es aber jetzt zum ersten Mal gelesen.
Liv Ullmann ist eine der ganz großen Schauspielerinnen. Sie hat viel mit Ingmar Bergman gearbeitet, war mit ihm auch mal verheiratet.
Liv Ullmann schreibt, ein grundsätzliches Phänomen der Schauspielerei sei es, dass man nicht lange Schmerzen, die man im Privatleben hat, verbergen oder zurückhalten kann. Mit allem, was in deinem Privatleben passiert, musst du einen Umgang finden. Man muss sich fortwährend auseinandernehmen, was zur Folge hat, dass Wunden keine lange Lebensdauer haben. Dadurch wirst du durchlässig genug für deine Figuren, die du spielst.
Und genau das, diese ständige „Selbst-Therapie“, die man mit sich anstellen muss, ist das Faszinierende. Genau aus diesem Grund sind übrigens ältere Schauspieler oft so sensationell. Sie haben schon so viel erlebt und wissen um viele Dinge, die man sich als junger Schauspieler oft mühsam heranschaffen muss.
Sie haben in diesem Jahr am Deutschen Theater in Berlin oft die Medea gespielt, eine große, tragische Frau und Göttin, die im tiefen Schmerz ihre Kinder und sich selbst tötet. Wie funktioniert das, sich durchlässig zu machen für diese Figur?
Das ist ein Prozess. Wie komme ich an eine Figur ran, die einem manchmal sehr nahe ist und dann wieder sehr fern, weil sie ja so unglaublich radikal ist? Bei jeder Probe wollte ich ein bisschen näherkommen. Ich habe viel gelesen, über Medea, aber mir auch vieles angeguckt, was mit Schmerzen und entsetzlicher Verzweiflung zu tun hat. Bilder von Goya zum Beispiel, aber auch Aufnahmen des Kriegsfotografen Nachtwey. Ich habe sozusagen innere Bilder gesammelt und gesammelt.
Sie haben mal gesagt, Sie möchten auf der Bühne oder im Film auf keinen Fall ihre Figuren verraten. Was meinen Sie damit?
Zum Beispiel die Medea: Es besteht ein gewisses Risiko, wenn man eine Frau spielt, die von der ersten bis zur letzten Minute in eine tiefe Verzweiflung und Raserei gefallen ist. Ich würde sie verraten, wenn ich auf der Bühne nur so tun würde, als ob. Wenn ich mich vor der Anstrengung drücken würde. Verstehen Sie? Ich erwarte von mir selber, dass ich mich der Figur vollkommen zur Verfügung stelle. Ich verteidige sie.
Sie setzen sich enorm unter Druck. Wenn man so ein Jahr Revue passieren lässt, wie oft sterben Sie vor Lampenfieber?
Oft. (lacht) Aber ich habe da eine ganz gute Technik, das hatte ich schon in der Schule vor Prüfungen. Wenn ich manchmal schon drei Tage vor einer Premiere nervös werde, wenn Magen und Darm beginnen zu rumoren, fang ich an, mit mir zu reden: Es lohnt sich jetzt wirklich nicht, zwei Tage vorher bereits verrückt zu spielen, drei Stunden vorher reicht. Das funktioniert ziemlich gut.
Schön, dass Ihre Organe so gut auf Sie hören.
Ja, mein Körper ist gut erzogen.
Wenn Sie auf das ganze Jahr 2007 zurückblicken…
…was für ein Jahr! Ein unglaubliches Jahr.
Ging ja auch schon ziemlich sensationell los: Erst gewannen Sie mit dem Gertrud-Eysoldt-Ring einen der wichtigsten Theaterpreise des Landes, dann Anfang Februar gewannen Sie auf der Berlinale den Silbernen Bären als beste Schauspielerin für Ihre Rolle in „Yella“.
Mein Silberner Bär steht an sehr prominenter Stelle in meiner Wohnung, und daneben liegt der Eysoldt-Ring, es gibt da so ein Berliner Zimmer mit einer Küche, da ist so ein Durchbruch, und dazwischen stehen sie. Jedesmal wenn ich daran vorbeigehe, freue ich mich. Der tanzende Bär ist auch wirklich sehr hübsch. Den soll ruhig jeder sehen.
Können Sie sich im Augenblick, wenn Sie einen solchen Preis bekommen, richtig freuen, oder kommt die Freude erst irgendwann später?
Bei der Berlinale konnte ich das, weil ich wirklich überhaupt nicht damit gerechnet habe. Sonst ist es bei mir oft so, dass ich kurz vor dem Einschlafen, wenn ich noch mal daran denke, am glücklichsten bin. Kurz sehr glücklich, und dann schlafe ich ein.
Das war also der Februar.
Im Februar war noch was: Da steckte ich schon mittendrin in den Proben zur Fledermaus am Deutschen Theater. Ich musste singen…
…was für Sie nicht wirklich eine Revolution war, weil Sie als junges Mädchen jahrelang Gesangsunterricht hatten, allerdings irgendwann damit aufhörten, weil Sie glaubten, aus Ihnen werde niemals eine Callas.
Ja, aber gerade weil ich es früher viel gemacht habe, hatte ich natürlich ein bisschen mehr Ehrgeiz als jemand, der noch nie gesungen hat. Und ich muss sagen, ich hatte zunächst total unterschätzt, wie viel Arbeit Singen bedeutet. Das ist eben ganz anders, als wenn man die Stimme zum Sprechen benutzt.
Nur ein Beispiel: die klare Aussprache muss weg, man muss zur Übung immer mit weit geöffnetem Mund sprechen.
(macht es sehr lustig vor)
Immer wenn ich weiß, dass ich in ein paar Tagen Vorstellung habe, renne ich rum wie eine Ungarin, gebe nur noch solche Laute von mir, um wieder reinzukommen. Ein echter Wahnsinnsberuf, dieses Singen. Man muss trainieren, trainieren, trainieren. Und immer auf die Stimme achten. Alles muss irgendwie geölt sein.
Macht Singen glücklich?
Was heißt schon glücklich? Wenn es funktioniert, ist es schon toll. Aber ich habe in ein paar Tagen wieder Vorstellung mit der Fledermaus . Wenn ich daran denke, habe ich jetzt schon Bammel.
Wie oft haben Sie sich in diesem Jahr den Film „Nachtblende“ angeschaut, mit Romy Schneider in der Hauptrolle?
Sicher ein paar Mal. Ich gucke mir diesen Film so gerne an, weil Romy Schneider ihr Gesicht so wunderbar reduziert und genau damit so viel Wirkung erzielt. Dieses Reduzieren bedeutet ja was: Sie lässt mich als Zuschauer eintauchen in ihre Gedankenwelt. Man betrachtet nicht nur ihr schönes Gesicht, sondern es erzählt mir auch, was für ein Leben dieses Gesicht hat, was sich dahinter verbirgt. Sie spielt sehr mutig, und das bewundere ich sehr.
Genau davon schwärmen auch Ihre Kritiker, von Ihrem reduzierten Gesicht. Sagen Sie, funktioniert dieses Prinzip auch in Ihrem Privatleben? Wir fragen deshalb, weil wir Leute kennen, die Sie in Berlin gesehen haben, wie Sie im Supermarkt einkaufen oder in die U-Bahn steigen, und die schwören, Sie legen sich ein derart durchsichtiges Gesicht zu, dass Sie kaum wahrgenommen werden.
Das freut mich, wenn Sie das erzählen. Denn genau das versuche ich. Und es funktioniert auch wirklich gut. Ich laufe sehr gerne unbehelligt durch die Stadt.
Niemand klopft auf die Schulter: Hey, Nina…
Nein. Nur einmal war das so, kurz nachdem Mädchen Rosemarie gelaufen war. Da haute mich plötzlich meine Hausmeisterin an, als wären wir beste Freundinnen, obwohl ich noch nie ein Wort mit ihr gesprochen hatte.
Das war die Eichinger-Verfilmung der Geschichte der Edelhure Nitribitt, mit der Sie schlagartig bekannt wurden.
Aber dann kamen ja schnell andere Rollen. Und das ist vielleicht mein Vorteil im Vergleich zu anderen Kollegen, man kann mich nicht auf eine Rolle festlegen. Ich bin immer wer anders. Ich versuche hinter meiner Figur zurückzutreten. Ich betrete die deutschen Wohnzimmer via Fernsehen nicht als eine bestimmte immer wiederzuerkennende Figur.
Lassen Sie uns über Ihre Urlaube des vergangenen Jahres reden.
Da gibt’s nichts zu reden. Kein einziger Urlaub, leider. War immer zu viel Arbeit. Einmal eine freie Woche im Spätherbst, das war’s.
Eine Woche Urlaub. 53 Wochen Dauerstress. Muss man sich Sorgen machen um Sie?
Nein, nein. Ich hoffe, meine Antennen funktionieren da ganz gut. Ich bin mir sehr bewusst, dass das Leben insgesamt, aber vielleicht besonders die Schauspielerei, eine Gratwanderung ist. Ich habe das oft gesehen: Leute, die gestern noch scheinbar bestens drauf waren, hatten am nächsten Tag solche Angstzustände, dass sie nicht mehr auf die Bühne raus konnten. Warum? Keiner weiß das.
Aber ich versuche schon ganz bewusst abzuspannen. Und ich kann das gut, ich kann schnell umschalten. Und richtig genießen, lesen, gehen, schlafen. Oder ich fahre an einem freien Sonntag nach Potsdam, um dort einfach nur spazieren zu gehen.
Wenn Sie beispielsweise Medea spielen, sind Sie dann auch privat ein bisschen Medea?
Jeder Schauspieler geht damit auf andere Weise um. Ich mag es nicht besonders, wenn man die Rolle mit ins Privatleben nimmt, ich finde das sehr anstrengend, auch für die jeweilige Umwelt. Ich versuche das zu vermeiden, soweit es geht. Immer gelingt es natürlich auch nicht.
Der amerikanische Schriftsteller DBC Pierre hat neulich in einem Interview mit dem Berliner „Tagesspiegel“ gesagt, die glücklichsten Momente im Leben seien die im Taxi, wenn er hinten sitzt, weiß, dass die Fahrt fünfzehn Minuten dauert, und er nur aus dem Fenster guckt. Wissen Sie, welche Momente Sie am glücklichsten machen?
Ganz klar, am Wasser. Am Wasser entlanggehen. Oder einfach nur dasitzen und aufs Wasser schauen. Ich liebe es, das Plätschern des Wassers zu hören. Das ist es.
Irgendwann im Frühjahr dieses Jahres begann ihr nächstes Großprojekt. Die Verfilmung des Bestsellers „Eine Frau in Berlin“, geschrieben von einer anonymen Autorin: Die drastischen Tagebuchaufzeichnungen einer jungen Fotojournalistin in den letzten Kriegstagen.
Wir haben drei Monate durch gedreht, in Polen und in Köln. Ich war in dieser Zeit nicht ein Mal zu Hause. Harte Dreharbeiten, die Rolle ist ja auch thematisch nicht ohne.
Das kann man so sagen. Die Schilderungen der jungen Frau, was Gewalt und Verzweiflung angeht, kennen kaum Grenzen.
Ich spiele eine Frau, die sich in einem permanenten Ausnahmezustand befindet. Das war wirklich kompliziert, denn das kannst du ja nicht dauernd spielen. Du musst genau austarieren, wann spielst du Todesangst und wann das Gefühl: Na gut, dann erschieß mich halt. Um diesen Wechsel ging es. Das war nicht einfach, besonders, wenn man nicht chronologisch dreht.
Was war der Hauptgrund, warum Sie diese Rolle angenommen haben?
Mir gefiel das Buch und auch sehr das Drehbuch. Und ich muss sagen, die ganze Dimension des Russlandfeldzugs war mir nicht so klar gewesen. 29 Millionen tote Russen. Was die russischen Soldaten alles erlebt hatten, bevor sie nach Deutschland kamen. Die Vielschichtigkeit dieser Geschichten, über all das habe ich noch keinen großen Film gesehen. Das fand ich spannend.
Schreiben Sie eigentlich Tagebuch?
Nicht regelmäßig. Aber manchmal, ja. Während der Dreharbeiten zu Anonyma habe ich Tagebuch geschrieben. Da geht dann alles durcheinander. Gedanken über die Arbeit, Privates, schöne Sätze, die ich lese. Es ist mehr sammeln als schreiben.
Sie sagen, Räume haben für Sie beim Arbeiten eine große Bedeutung.
Ich kann da manchmal anstrengend sein. Ich versetze mich in eine Figur, denke zu wissen, wie die sich fühlt. Und dann komm ich in die Wohnung, wo sie wohnt. Und da kann es eben passieren, dass ich sage: Nein, das geht gar nicht. Diese Frau wohnt nicht so. Die hat auch nicht solche Stühle. Und so weiter. Das ist für mich alles sehr wichtig.
Was war für Sie der wichtigste Raum in diesem Jahr?
Die Garderobe im Deutschen Theater in Berlin. Das ist eine wunderbare, alte Garderobe mit Holztür und langem Spiegel, mit einem Oberlicht. Ich liebe diese Garderobe. Dieser Raum fehlt mir sehr, wenn ich woanders arbeite.
Frau Hoss, der Beruf Schauspieler hat sicher viele schöne Seiten und eine sehr merkwürdige: Wenn Sie zum Beispiel über einen Film sprechen, der gerade herauskommt, dann haben Sie diese Arbeit schon vor einem Jahr beendet und drehen schon wieder was Neues.
Das ist wirklich manchmal seltsam. Beim Theaterspielen ist das ja anders, aber bei den Filmen muss ich mich oft richtig konzentrieren, was mir bei der Arbeit damals besonders wichtig war. Es fällt einem dann schon wieder ein.
Jetzt, kurz vor Weihnachten, hat der Film Ihrer Schauspielerkollegin Nicolette Krebitz, „Das Herz ist ein dunkler Wald“, Premiere. Krebitz führt Regie und hat das Drehbuch geschrieben, Sie spielen die Hauptrolle.
Nicolette Krebitz wusste sehr genau, was sie will, das merkte man sofort. Mir hat das Drehbuch gleich sehr gut gefallen, wobei ich mir auch nicht bei jeder Szene sicher war, ob sie funktioniert. Zum Beispiel bei der, wo Jonathan Meese als Jesus vom Kreuz stieg. Da dachte ich, na, ob das mal funktioniert.
Es funktioniert! Eine sehr lustige Szene. Wir mochten den ganzen Film sehr. Die Schlüsselszene ist der Moment, als Sie sehen, dass Ihr Mann ein Doppelleben führt, eine zweite, geheime Familie hat, ebenfalls mit einem Kind. Minutenlang sind nur Sie, Ihr Gesicht zu sehen. Ein zerstörter Mensch. Wie spielt man das?
Wir hatten vorhin schon in einem anderen Zusammenhang darüber gesprochen. Ich habe versucht, sozusagen ein Hinterland dieser Figur zu entwickeln. Wer ist sie? Wo kommt sie her? Was ist ihr wichtig? Denn in diesem Moment, wo sie die Lüge ihres Mannes erkennt, geht es ja nicht nur um ihren Schmerz, sondern auch um das Infragestellen ihres gesamten bisherigen Lebens. Ihr wird klar, es war alles falsch, all ihre Werte, all ihre Vorstellungen. Um diese Zerstörungen ausdrücken zu können, muss ich für mich geklärt haben, woher diese Frau kommt.
Vor drei Jahren ist Ihr Vater, der Grünen-Mitbegründer Willi Hoss, gestorben. Sie haben mal gesagt, durch diesen Tod, durch den Schmerz, den Sie erlebt haben, ist bei Ihnen eine Tür aufgegangen. Wie meinten Sie das?
Ich habe meinen Vater sehr geliebt. In den Wochen vor seinem Tod und dann, als er starb, hatte ich sehr, sehr schmerzvolle Empfindungen, Gefühle, die ich in dieser Intensität vorher nicht kannte. Wissen Sie, ich hätte um nichts lieber auf der Welt auf diese Erfahrung verzichtet. Aber es ist eben so passiert. Und ich weiß jetzt, dass es diesen Schmerz gibt, ich weiß, wie sich das anfühlt. So meinte ich das mit der aufgegangenen Tür.
Nach Einschätzungen von Psychologen ist der mit Abstand häufigste Trennungsgrund der Tod von Angehörigen eines Partners. Ein solches Ereignis wühlt anscheinend derartig auf, dass oftmals Beziehungen daran scheitern.
Ich habe das noch nie gehört, ich wusste das nicht. Aber bei mir war das genauso. Das war sicher ungerecht meinem damaligen Partner gegenüber, aber es verändert sich so viel, wenn, wie mit meinem Vater, ein so wesentlicher Mensch im Leben plötzlich weg ist. Und man plötzlich auch eine enorme Energie bekommt und auch anders auf das eigene Leben blickt: Was will ich? Was will ich nicht mehr? Das war ein echter Schub für mich. Man kann ja nicht mitgehen mit dem Toten, man muss weitermachen.
Waren Sie in diesem Jahr mal am Grab Ihres Vaters?
Nein. Ich denke sehr oft an meinen Vater. Aber sein Grab ist kein Ort für mich, wo ich mich ihm nahe fühle.
Ihr Vater war als ehemaliger Betriebsratschef bei Daimler ein ausgewiesener Linker. Sie gelten ebenfalls eher als links. Stimmt das überhaupt?
Ja. Für mich bedeutet links, ein ausgeprägtes Gerechtigkeitsgefühl zu haben. Und das, denke ich, habe ich.
Manch einer würde Sie gerne für irgendwelche linken Ideen oder Projekte vereinnahmen.
Ja, ja, aber das geht mit mir nicht. Ich stelle viel zu gerne Fragen und möchte erst mal über alles diskutieren. Irgendwelche stereotypen Statements abgeben, das kann ich gar nicht.
Gefallen Ihnen die großen gesellschaftlichen Diskussionen der letzten Zeit?
Ich finde vieles sehr künstlich. Nehmen Sie das Beispiel Eva Herman: Frauen zurück zum Herd? Darüber diskutiert ernsthaft eine Gesellschaft. Ich kann da nur den Kopf schütteln.
Es heißt ja gerne, es gebe zwei Arten von Kindheit, entweder Paradies oder Hölle? Welche Variante trifft auf Sie zu?
Ich kann nur sagen, ich hatte eine großartige Kindheit. Meine Eltern waren beide immer berufstätig, und trotzdem hatte ich nie das Gefühl, vernachlässigt zu werden. Ich war auch mal nachts beim Barbesuch dabei, hab dann in irgendeiner Ecke gelegen und selig geschlafen – ich war ja nicht allein! War auf Parteitagen der Grünen und bei Theaterproben meiner Mutter.
Und schauen Sie, ich bin auch groß geworden. Mir wird immer ein bisschen übel, wenn ich sehe, dass junge Eltern ihr ganzes Leben nach ihren Kindern ausrichten. Ich finde, es muss umgekehrt sein. Ich habe an mir erfahren, dass es mehr Sinn macht, wenn die Kinder das Leben der Eltern mitleben. Das ist für alle besser und vor allem spannender.
Sie stammen aus Stuttgart.
Ja, neulich war ich mal wieder dort. Mein damaliger Schuldirektor hatte 80. Geburtstag.
Ihr Schuldirektor?
Ja, das war ein toller Schuldirektor. Er hatte immer schon ein großes Interesse für alles Musische. Wenn man so will, waren er und seine Schule es, die mich künstlerisch aufgeweckt haben. Auch das differenzierte Diskutieren habe ich bei ihm gelernt. Er hat ein spezielles Fach eingerichtet, Lebenskunde, unterrichtet hat er selbst. Jede Klasse hatte dieses Fach. Er kam immer rein und fragte, was heute in der Zeitung stand. Darüber diskutierten wir dann. Das war toll.
Man sagt Ihnen nach, Sie seien eine echte Schwäbin. Ordentlich und sparsam.
Ach was. Sie brauchen sich bloß mein Arbeitszimmer anzuschauen. Gut, ich achte darauf, dass Bad und Küche einigermaßen sauber sind. Und was das Geld betrifft: Geizig bin ich sicher nicht. Aber wenn ich im Hotel wohne, gehe ich nicht an die Minibar, sechs Euro für eine Cola finde ich irre. Da kauf ich lieber im Supermarkt ein. Ist das schlimm?
Nicht schlimm. Gab es eine Rolle, die Sie in letzter Zeit abgelehnt haben?
Ja, es ging um eine Mutter, die ihre Kinder umgebracht hat. Ein gutes Drehbuch. Ich hab es im Flugzeug gelesen. Und mir ging’s danach richtig schlecht. Dreimal Medea hintereinander spielen. Das war mir zu heftig. Das konnte ich nicht.
Das Gespräch führten
Christoph Amend
und
Stephan Lebert
Nina Hoss wurde 1975 in Stuttgart geboren. Ihr Vater Willi Hoss war Gewerkschafter und Bundestagsabgeordneter der Grünen, ihre Mutter Heidemarie Rohweder Schauspielerin und Intendantin. Seit 1998 ist Nina Hoss im Deutschen Theater und im Berliner Ensemble zu sehen, unter anderem als Gräfin Orsina in Lessings „Emilia Galotti“ und in Schillers „Don Carlos“. 2007 spielte sie die „Medea“ des Euripides im Deutschen Theater. Ihr Filmdebüt gab Nina Hoss in Joseph Vilsmaiers Drama „Und keiner weint mir nach“. Bernd Eichinger engagierte sie 1996 für die Hauptrolle der Rosemarie Nitribitt für seinen Film „Das Mädchen Rosemarie“. Für den Fernsehfilm „Toter Mann“ (2002) und die Kinoproduktion „Wolfsburg“ (2003) wurde sie jeweils mit dem Adolf-Grimme-Preis ausgezeichnet. 2006 spielte sie in Christian Petzolds Drama „Yella“ die Titelfigur, eine junge Frau aus einer ostdeutschen Kleinstadt, die nach einer gescheiterten Ehe ihr Glück im Westen versucht.
- Datum 05.12.2007 - 01:00 Uhr
- Quelle ZEITmagazin LEBEN, 06.12.2007 Nr. 50
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:








Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren