Das Zuhause: ein Trailer am Rand der Wüste von Arizona. Die Mutter: lieblos, die Tochter: verheiratet mit 17, schwanger mit 19. Und schon ist die junge Frau alleinerziehend, in New York. Mittellos. Aus solchem Stoff wurden früher Opernlibrettos gezimmert, Sozialdramen, Endstation Elend. Nicht in diesem Fall. Da wäre die Genese einer weiblichen Ikone zu beschreiben, der Aufstieg eines Stars am Himmel der Intelligenz, glitzernd bis rüber ins alte Europa: der Autorin Susan Sontag.

Die Verehrer von Susan Sontag waren Jahre damit beschäftigt, lesend mit ihren Aufsätzen zu Kunst, Fotografie, Politik und Kultur Schritt zu halten, die avantgardistischen Romane zu studieren, ihre weiten Reisen zu verfolgen, die Filmprojekte, Liebesabenteuer. Nun, mit ihrem Tod vor drei Jahren, ist das Karussell zum Stillstand gekommen, in der Ruhe steht die Frage: Wie konnte sich ein Phänomen wie Susan Sontag ereignen? In Amerika, das nicht wenige im Griff eines krummbeinigen Cowboy-Machotums wähnen? Anders gefragt: Warum nicht in Europa, wo wäre unsere Susan Sontag?

Ein junger Journalist, Daniel Schreiber, hat sich solche Fragen vorgenommen. Von Schreiber weiß man, dass er in Berlin und New York studierte und für die tageszeitung oder den Freitag schreibt. Er versammelt den Stoff; aus ihren Texten, aus Texten über sie, aus Interviews mit ihr, Fragen an Freunde wurden Fragmente gesammelt, ineinandergesteckt.

Man scheint es ihm nicht leicht gemacht zu haben. Wenig über die Gefährtin, die Fotografin Annie Leibovitz, kein Foto von Susan in den ersten 30 Jahren. Kaum Persönliches, nichts Intimes, außer gelegentlichen Bemerkungen über Sontags gelegentliche Schlechtgelauntheit, kaum etwas über ihre Gefühlslage. Nichts über sie als Mutter, wie man es schafft, mit einem Kleinkind täglich mehrmals im Kino zu sitzen. Schreibers Blick tastet die glamouröse Oberfläche ab, bleibt hängen an Strukturen, sieht die Streben, die das Wunderwerk Sontag halten.

Eine Hochbegabte, bildungssüchtig. Ein einsames Kind, das, lesend in gute Gesellschaft gerät und sich in ihr neu erfindet. Ihr Vorbild: Marie Curie, die große Physikerin, Nobelpreisträgerin, Liebende. So will sie sein. Die Leseliste der Zehnjährigen verzeichnet: Homer, Vergil, Dante, Thackeray, Dickens…, mit 16 liest sie: Kant, Descartes… Da ist sie schon Studentin, wird bald ihren Professor heiraten, Philip Rieff. Sie verlässt ihn für Paris.

Schreiber hat ein Gespür für den Hunger hinter dem rastlosen Geist, die Erregung durch Denken. Und er erkennt, wie perfekt diese Sontag mit ihrem hermaphroditische Charme in die Ära von Pop und Polit-Talk, Marcuse und Warhol, Sex und Glamour passt. In den spannendsten Passagen des Buches ist zu lesen, wie ihr Verleger Roger Straus seine Autorin in jene Massenmedien schob, in denen sich der Ruhm einer Denkerin entfaltete, die über die Wirkung der Massenkultur so messerscharf schrieb.