Spenden Weißer Mann, was nun?
Die Zweifel am Engagement Prominenter für die Armen der Welt wachsen. Eine Reise mit dem Kölsch-Rocker Wolfgang Niedecken nach Uganda
Der Sänger wird kommen. Hat man es ihnen heute morgen gesagt? Oder schon vor Tagen? Seit die Sonne durch die Morgenschleier gebrochen ist, stehen sie auf diesem Platz. Und warten. Jungen, Mädchen, die ihre zerrissenen Hemden und Blusen vor der Brust zusammenhalten. Vor der Zeit gealterte Frauen mit ihren Babys. Schlaksige Jugendliche, die nicht wissen, wohin mit den Armen, mit der Kraft, mit der Energie. Wohin mit den Erinnerungen. In diesem Lager, in dem nichts geschieht und alles Wünschen sich bescheiden halten muss.
Die Lautsprecher werden vom Pick-up geladen, Kabel verlegt, quer durch den einzigen Raum des Gemeinschaftshauses. Über der Tür hängen Bilder mit Buchstaben des Alphabets. A wie apple. E wie egg. Die Fenster haben Gitter, aber keine Scheiben, und dahinter trennt ein hoher Maschendraht das Gebäude vom eigentlichen Lager, trennt die von Entwicklungshilfe bezahlten Gemeinschaftsbauten vom individuellen Elend dort in den Hütten.
»Der Sänger wird kommen! Ihr sollt mit ihm singen. Das Fernsehen ist dabei. Man wird euch filmen. Euch, die ihr der Chor seid für dieses Lied. Ein Lied über euch. Über Gulu.«
Ein Lied auf Kölsch. Mit einem Chor aus barfüßigen Flüchtlingskindern, aus ugandischen Lagerkindern. Zerlumpt, verschmutzt, mit von Würmern aufgeblähten Bäuchen. Die Sonne hängt heiß am Himmel, dann schieben sich Wolken heran, nun droht der Regen. Das wäre schlecht für die Lautsprecher, für die Filmaufnahmen.
Es ist so weit – der Sänger erscheint. Der Mann mit der Kamera steht bereit, das Mikrofon ist eingeschaltet. Die Kinder erinnern sich. Viele von ihnen waren dabei, als der Sänger einige Monate zuvor hier zum ersten Mal dieses Lied sang und sie – die Lagerkinder – plötzlich einfielen. Damals war dieses Mitsingen ungeplant, unschuldig. Diesmal ist es das nicht.
Diesmal ist es ernst. Dieser Chor dient der internationalen Aufmerksamkeit. Dient den Kindern, die darin singen. Und der Hilfsorganisation, die alles arrangiert hat: die Anwesenheit des Stars. Die Versammlung der Kinder. Nicht dass irgendjemand in den Verdacht kommt, er spanne kleine »Negerkinder« für die eigenen Zwecke ein. Alle, die jetzt mit angespannten Nerven hier stehen, die beten, es möge nicht regnen, die Kinder möchten mitsingen wie damals. Alle haben Angst vor ebendiesem Verdacht. Noch mehr Angst haben sie davor, dass alles vergeblich ist, dass niemand ihnen zuhört, dass das Schicksal dieser Kinder einfach niemanden interessiert.
Denn diejenigen, denen es gut genug geht, um für diese hier, denen es nicht gut geht, Spendengelder zu geben, lassen sich nicht rühren durch abstraktes Elend. Aber vielleicht durch Kinder. Singende, großäugige Flüchtlingskinder.
Es regnet nicht. Die Kinder machen mit. Zuerst summen sie nur, wiegen sich in den Hüften. Zuerst ist der Sänger lauter als sie, aber dann kommt der Refrain, und nun singen sie aus voller Kehle. »Wa Gulu, wa Gulu!«
Gulu, so heißt die größte Stadt dieser Gegend im Norden Ugandas. Wa Gulu bedeutet in der Sprache der Leute hier: Nach Gulu! Es bedeutet für diese Kinder, von denen viele Kindersoldaten waren, gewaltsam rekrutiert und zu unbeschreiblichen Grausamkeiten gezwungen: Flucht, Rettung, Ende des Albtraums – raus aus dem Dschungel, in dem wahnwitzige Milizenführer herrschen, in die von UN-Soldaten bewachte Stadt Gulu.
Nach Gulu!, so heißt auch das Lied, das aus Köln am Rhein ins innerste Afrika gekommen ist. Tage und manchmal auch Nächte hatte Manfred Hell, 50 Jahre alt und erfolgreicher Unternehmer der Outdoor-Branche, den Erzählungen seines sechs Jahre älteren Freundes Wolfgang Niedecken, Sänger und Ikone des Kölsch-Rocks, zugehört. Über die Flüchtlingslager, in denen Zehntausende nicht leben, nur hausen. Über die Auffanglager für die zurückgekehrten Kindersoldaten und von den Kindern mit den verbogenen Seelen. »Solche Kerlchen«, hatte Niedecken mitleidig gesagt. Und war dann ein wenig in sich versunken, wie er schon mal in sich versinkt.
Hell hatte seine graue Altrockermähne über die Schultern geworfen, wie er es schon mal tut, wenn’s emotional wird, und dann hatten sie ein bisschen gewitzelt, wie sie immer witzeln, wenn es pathetisch wird. Und vielleicht haben sie über den 1. FC Köln und das letzte Spiel geplaudert, vielleicht Bob Dylan in den CD-Spieler geschoben, und vielleicht hat der Hölderlin-Liebhaber Hell an die Hälfte des Lebens gedacht: »Weh mir, wo nehm’ ich, wenn / Es Winter ist, die Blumen, und wo / Den Sonnenschein, / Und Schatten der Erde?«
Irgendwann in all diesen Stunden ist der entscheidende Satz gefallen. »Hör mal, wir können die Scheiße doch so nicht stehen lassen. Hör mal, wir müssen was machen.«
Und also ist dies die Geschichte von zweien, die auszogen, um Gutes zu tun und ein wenig an dem Karren zu ziehen, den andere so tief in Blut und Dreck rissen: die ugandische Regierung. Der perverse Kinderschlächter Joseph Kony, Chef einer Rebellenarmee, die aus entführten Kindern rekrutiert wird. Die internationale Politik, die sich zu wenig einmischt. Die »bescheuerten Medien« (Niedecken), die das Thema höchstens zum G8-Gipfel aufgreifen und ein paar »Berichtchen« bringen. All die »gleichgültigen Arschlöcher« (wieder Niedecken), die sich nicht um Afrika kümmern, nichts von diesem Kontinent wissen. Alle, die glauben, man könne in dieser Welt leben, ohne sich um diese Welt zu kümmern.
- Datum 28.05.2009 - 13:14 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 06.12.2007 Nr. 50
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Komisch, schon seit Jahren steht Word Vision in der Schweiz in der Kritik, da das Hilfswerk Spender anwirbt mittels Patenschaften, die Spenden jedoch auch für andere humanitäre Zwecke einsetzt. Gerade heute wurde in der Konsumentensendung "Kassensturz" von SF DRS wieder darüber berichtet. Hat die Zeit keine Zeit, sich in der Schweiz zu informieren?Der Link zur Zusammenfassung der Sendung:http://www.sf.tv/sf1/kass...
gegen weltschmerz ist wenig zu sagen. dass die methode ihm zu begegnen eine mischung aus backgroundchoir-kindersoldatengarten, exclusivurlaub, leni riefenstahl, langweiliger musik und undurchschaubaren wirtschaftsinteressen ist, ist dagegen ein emotionaler overkill. das wort bescheidenheit wurde in köln zurückgelassen. dort ist es aber auch unauffindbar, nehme ich an.
paul theroux hat recht. einfach, weil er etwas länger da war.
vielleicht liegt es auch daran, dass der hier geschilderte 'künstler' und seine kollegen 'empfindlich' sind, wo empfindsam angebracht wäre. aber 'empfindsam' ist auch eine zeiteinheit. und die hat man nicht.
und wahrscheinlich ist alles viel schlimmer. wenn sich ein paar prominente darum kümmern, kann man garnichts mehr tun. sie stehen einem im weg herum. oder stehen herum. was der text ausnehmend gut schildert.
egomanisch wie künstler sind, reissen sie alles an sich. am liebsten aus fremden ländern. giessen etwas leid und blues drüber und sagen, wenn es mich nicht gäbe, dann...
in der 'kunst' ist das lebensnotwendig. im wirklichen leben? da ergeht es den gutmenschen wahrscheinlich wie jack nicholson in 'shining'. es zerreisst sie innerlich und was bei jack torrance der baseballschläger ist, das sind die gnadenlosen cameras. am ende muss auch der 'künstler' zurück ins ideale.
ins deutsche, korruptionsordentliche köln. wie jack am ende wieder zurück ins schöne, fröhliche, verlogene bild muss.
schuster bleib' bei deinen leisten.
@noanswer: wenn alle auf so ewig krittelnde, 9mal klugen, alles besser wissenden Deppen wie dich, der den Helfenden auch noch die Berechtigung zum Helfen absprechen und alles Elend so lassen will wie 's ist, hören würden, dann wäre nicht nur "Polen verloren", sondern auch Deutschland. Zum Glück gibt es solche Menschen, die ohne zu fragen wie das wohl hier und da ankommt,einfach helfen wollen, aus dem Bauch heraus. Ich hoffe nur, du bist mal in einer Notlage, jemand kommt um Dir zu helfen, aber die anderen sagen: Halt! Der hilft nur aus Profilierungssucht, der soll das mal schön bleiben lassen. Aber wahrscheinlich muß es solche [...] wie dich geben, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, alles und jeden zu kritisieren. Mit eigener Profilierungssucht hat das aber nix zu tun, gelle? [...][Gekürzt. Unterlassen Sie bitte persönliche Beleidigungen. /Die Redaktion pt.]
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