Der Sänger wird kommen. Hat man es ihnen heute morgen gesagt? Oder schon vor Tagen? Seit die Sonne durch die Morgenschleier gebrochen ist, stehen sie auf diesem Platz. Und warten. Jungen, Mädchen, die ihre zerrissenen Hemden und Blusen vor der Brust zusammenhalten. Vor der Zeit gealterte Frauen mit ihren Babys. Schlaksige Jugendliche, die nicht wissen, wohin mit den Armen, mit der Kraft, mit der Energie. Wohin mit den Erinnerungen. In diesem Lager, in dem nichts geschieht und alles Wünschen sich bescheiden halten muss.

Die Lautsprecher werden vom Pick-up geladen, Kabel verlegt, quer durch den einzigen Raum des Gemeinschaftshauses. Über der Tür hängen Bilder mit Buchstaben des Alphabets. A wie apple. E wie egg. Die Fenster haben Gitter, aber keine Scheiben, und dahinter trennt ein hoher Maschendraht das Gebäude vom eigentlichen Lager, trennt die von Entwicklungshilfe bezahlten Gemeinschaftsbauten vom individuellen Elend dort in den Hütten.

»Der Sänger wird kommen! Ihr sollt mit ihm singen. Das Fernsehen ist dabei. Man wird euch filmen. Euch, die ihr der Chor seid für dieses Lied. Ein Lied über euch. Über Gulu.«

Ein Lied auf Kölsch. Mit einem Chor aus barfüßigen Flüchtlingskindern, aus ugandischen Lagerkindern. Zerlumpt, verschmutzt, mit von Würmern aufgeblähten Bäuchen. Die Sonne hängt heiß am Himmel, dann schieben sich Wolken heran, nun droht der Regen. Das wäre schlecht für die Lautsprecher, für die Filmaufnahmen.

Es ist so weit – der Sänger erscheint. Der Mann mit der Kamera steht bereit, das Mikrofon ist eingeschaltet. Die Kinder erinnern sich. Viele von ihnen waren dabei, als der Sänger einige Monate zuvor hier zum ersten Mal dieses Lied sang und sie – die Lagerkinder – plötzlich einfielen. Damals war dieses Mitsingen ungeplant, unschuldig. Diesmal ist es das nicht.

Diesmal ist es ernst. Dieser Chor dient der internationalen Aufmerksamkeit. Dient den Kindern, die darin singen. Und der Hilfsorganisation, die alles arrangiert hat: die Anwesenheit des Stars. Die Versammlung der Kinder. Nicht dass irgendjemand in den Verdacht kommt, er spanne kleine »Negerkinder« für die eigenen Zwecke ein. Alle, die jetzt mit angespannten Nerven hier stehen, die beten, es möge nicht regnen, die Kinder möchten mitsingen wie damals. Alle haben Angst vor ebendiesem Verdacht. Noch mehr Angst haben sie davor, dass alles vergeblich ist, dass niemand ihnen zuhört, dass das Schicksal dieser Kinder einfach niemanden interessiert.

Denn diejenigen, denen es gut genug geht, um für diese hier, denen es nicht gut geht, Spendengelder zu geben, lassen sich nicht rühren durch abstraktes Elend. Aber vielleicht durch Kinder. Singende, großäugige Flüchtlingskinder.

Es regnet nicht. Die Kinder machen mit. Zuerst summen sie nur, wiegen sich in den Hüften. Zuerst ist der Sänger lauter als sie, aber dann kommt der Refrain, und nun singen sie aus voller Kehle. »Wa Gulu, wa Gulu!«

Gulu, so heißt die größte Stadt dieser Gegend im Norden Ugandas. Wa Gulu bedeutet in der Sprache der Leute hier: Nach Gulu! Es bedeutet für diese Kinder, von denen viele Kindersoldaten waren, gewaltsam rekrutiert und zu unbeschreiblichen Grausamkeiten gezwungen: Flucht, Rettung, Ende des Albtraums – raus aus dem Dschungel, in dem wahnwitzige Milizenführer herrschen, in die von UN-Soldaten bewachte Stadt Gulu.

Nach Gulu!, so heißt auch das Lied, das aus Köln am Rhein ins innerste Afrika gekommen ist. Tage und manchmal auch Nächte hatte Manfred Hell, 50 Jahre alt und erfolgreicher Unternehmer der Outdoor-Branche, den Erzählungen seines sechs Jahre älteren Freundes Wolfgang Niedecken, Sänger und Ikone des Kölsch-Rocks, zugehört. Über die Flüchtlingslager, in denen Zehntausende nicht leben, nur hausen. Über die Auffanglager für die zurückgekehrten Kindersoldaten und von den Kindern mit den verbogenen Seelen. »Solche Kerlchen«, hatte Niedecken mitleidig gesagt. Und war dann ein wenig in sich versunken, wie er schon mal in sich versinkt.

Hell hatte seine graue Altrockermähne über die Schultern geworfen, wie er es schon mal tut, wenn’s emotional wird, und dann hatten sie ein bisschen gewitzelt, wie sie immer witzeln, wenn es pathetisch wird. Und vielleicht haben sie über den 1. FC Köln und das letzte Spiel geplaudert, vielleicht Bob Dylan in den CD-Spieler geschoben, und vielleicht hat der Hölderlin-Liebhaber Hell an die Hälfte des Lebens gedacht: »Weh mir, wo nehm’ ich, wenn / Es Winter ist, die Blumen, und wo / Den Sonnenschein, / Und Schatten der Erde?«

Irgendwann in all diesen Stunden ist der entscheidende Satz gefallen. »Hör mal, wir können die Scheiße doch so nicht stehen lassen. Hör mal, wir müssen was machen.«

Und also ist dies die Geschichte von zweien, die auszogen, um Gutes zu tun und ein wenig an dem Karren zu ziehen, den andere so tief in Blut und Dreck rissen: die ugandische Regierung. Der perverse Kinderschlächter Joseph Kony, Chef einer Rebellenarmee, die aus entführten Kindern rekrutiert wird. Die internationale Politik, die sich zu wenig einmischt. Die »bescheuerten Medien« (Niedecken), die das Thema höchstens zum G8-Gipfel aufgreifen und ein paar »Berichtchen« bringen. All die »gleichgültigen Arschlöcher« (wieder Niedecken), die sich nicht um Afrika kümmern, nichts von diesem Kontinent wissen. Alle, die glauben, man könne in dieser Welt leben, ohne sich um diese Welt zu kümmern.