Managergehälter Von Schafen und Wölfen
Manager-Millionen als Warnsignal: Die neue Ungleichheit zerfrisst die Gesellschaft
Es war nur eine einzige Frage, aber sie ließ die Mächtigen erzittern. »Werter Graf«, so schleudert der Held in Beaumarchais’ Figaros Hochzeit (1784) seinem Herrn entgegen, »was haben Sie denn geleistet, all das zu verdienen? Sie haben sich die Mühe gegeben, geboren zu werden, weiter nichts.« Ähnlich schrill klingen die Sätze, die Deutschlands Wirtschaftselite derzeit um die Ohren fliegen. Das »Volk« geht auf die Barrikaden, weil die Manager nicht verdienten, was sie verdienen. »Werte Herren, was haben Sie denn geleistet?«
Keine Frage, einige Manager haben sich ihren schlechten Ruf redlich verdient. Seit Jahren predigen sie Bescheidenheit und verlangen Abschied von Anspruchsdenken, von Überversorgung und Vollkasko-Mentalität. Der Bürger solle den Gürtel enger schnallen und die soziale Hängematte verlassen. Mobil, flexibel und risikofreudig möge er sein. »Die fetten Jahre sind vorüber.«
Überversorgung? Im Vergleich zum Jahr 2003 ist das Durchschnittsgehalt von Topmanagern um mehr als die Hälfte gestiegen. Selbst wer Schiffbruch erleidet, bleibt ein reicher Mann. Er gewinnt, obwohl er verliert – man denke nur an den ehemaligen DaimlerChrysler-Vorstandsvorsitzenden Jürgen Schrempp. Mit der Unternehmensfusion schuf er ein Reich, in dem die Sonne nie unterging. Als sie dann doch am Himmel verschwand und sich die Bilanz verfinsterte; als Zehntausende ihre Arbeit verloren und nach der Unternehmenssanierung die Daimler-Aktien wieder stiegen, gab es einen großen Gewinner: Jürgen Schrempp. Seine Aktienoptionen sind inzwischen Gold wert. Wie heißt es? »Leistung muss sich wieder lohnen.«
Vollkasko-Mentalität? Selbst nach kurzer Verweildauer hat der Vorstand eines Dax-Unternehmens mit dem 60. Lebensjahr Anspruch auf eine »Hausrente«, für die der Durchschnittsverdiener, wie der stern ausgerechnet hat, 1275 Jahre in die Rentenversicherung einzahlen muss. Utz Claassen, gerade einmal vier Jahre lang Chef des Energieversorgers EnBW und Autor einer Sanierungsfibel (Mut zur Wahrheit), ist vor Kurzem in Frührente gegangen, mit 44 Jahren. Als erste Hilfe gegen seine drohende Altersarmut lässt er sich jährlich 400000 Euro aufs Konto überweisen. Bis zum 63. Lebensjahr.
Bescheidenheit? Klaus Zumwinkel, der Chef der Deutschen Post, lieferte dieser Tage ein apartes Beispiel für das sittliche Empfinden der abgehobenen Klasse. Die Tinte unter dem Mindestlohnbeschluss des Kabinetts war noch nicht trocken, da nutzte er den gestiegenen Börsenkurs seines Unternehmens und verkaufte rasch einige Aktienoptionen. Im Handumdrehen war Zumwinkel um bescheidene 2,24 Millionen Euro reicher. Wäre es möglich, dass in Deutschland nicht nur ein »Unterschichtenproblem« existiert, sondern auch ein Oberschichtenproblem?
Man könnte so fortfahren – und doch das Problem verfehlen. Denn Manager folgen nur spurgenau einer Logik, die der global entriegelte Kapitalismus ihnen vorgibt: Sie tun auf den Weltmärkten, was sie dürfen, und sie nehmen, was sie bekommen. Das ist schon lange so und beileibe keine Neuigkeit. Neu allerdings sind die Entrüstungsstürme, welche die Spitzengehälter jener »Top-Dogs« auslösen, die durch erbrachte Leistungen nicht mehr gedeckt sind.
Und warum? Weil der deutsche Millionärsclub in wenigen Jahren rund vierzig Prozent neue Mitglieder bekommen hat? Das mag eine Rolle spielen, aber entscheidend für die Empörung ist etwas anderes, etwas Grundlegendes – nämlich die Überzeugung, dass die Verhältnisse aus dem Lot geraten sind und eine zum Teil groteske Ungleichverteilung von Lebenschancen entstanden ist. Mit einem Wort: Es geht nicht um gerechte Gehälter, sondern um die Ungerechtigkeit der Gesellschaft. Es ist ein fortwirkender Skandal, wenn drei Millionen Kinder an der Armutsgrenze leben und sich die global class der Reichen und Superreichen nicht mehr angemessen an der Erhaltung des Gemeinwesens beteiligt. Es verletzt die Selbstachtung jedes Einzelnen, wenn seine Arbeit dreihundert Mal weniger wert sein soll als die seines Chefs.
Mit der müden Auskunft, der Streit um die Managergehälter sei eine Neiddiskussion, wird man sich kaum schlafen legen können. Zu handgreiflich ist für viele der Verdacht, die Sozialreformen hätten nur zwei Dinge vermehrt: den Reichtum der Reichen und die Armut der Armen. Tatsächlich hatte die rot-grüne Koalition ihre Agenda den Bürgern mit der Verheißung schmackhaft gemacht, es gehe morgen allen besser, wenn es vorübergehend einigen schlechter gehe. Dass dies für viele ein leeres Versprechen blieb, ahnt inzwischen sogar Bundespräsident Köhler, der den Arbeitgebern so manch schönen Strauß gebunden hat: »Der Aufstieg des einen darf nicht der Abstieg der anderen sein.«
Das allerdings ist ein neuer Ton. Jahrelang gefielen sich konservative Denker und Politiker darin, ein Schreckensbild an die Wand zu malen: den Horror einer nivellierten Mittelstandsgesellschaft, die in der Windstille des satten Sozialstaates an ihrer Uniformität erstickt, an Leere und Langeweile, am Übermaß von Gleichheit und Gerechtigkeit.
In Wirklichkeit verhält es sich genau umgekehrt. Auch wenn Deutschland von den bizarren Einkommensverhältnissen in den Vereinigten Staaten noch entfernt ist, wächst die Ungleichheit. Die reichsten zehn Prozent der Bundesbürger besitzen fast zwei Drittel des Volksvermögens, während die Mehrheit kaum etwas in den Händen hält. Die Spitzeneinkünfte schnellten nach oben, während – nach Abzug der Inflationsrate – das durchschnittliche Arbeitseinkommen seit Jahren stagniert.
Die Folge dieser Dynamik liegt auf der Hand, und man darf sie gelassen aussprechen: Das klassische Ideal der Gesellschaft gehört bald der Vergangenheit an – also das Ideal, dass alle Bürger, die Schafe wie die Wölfe, auf einer »Weide grasen«, dass ihre Kinder dieselbe Schule und vielleicht dieselbe Universität besuchen. Im Gegenzug entstehen Enklaven und soziale »Sonderzonen«, die nichts mehr miteinander zu schaffen haben. Oder wie einige Soziologen befürchten: Das Gemeinwesen zerfällt in »Segmente«, in Parallelgesellschaften. Sie segeln aneinander vorbei wie Schiffe in der Nacht. Damit aber steht das Gründungsversprechen der Bundesrepublik auf dem Spiel – die »Gesellschaft der Freien und Gleichen«, in der alle Bürger sich etwas schulden, in der alle am erwirtschafteten Wohlstand teilhaben müssen und in der die Vorteile und Lasten für alle gerecht verteilt sind.
Gewiss, es hat sein Gutes, wenn der Rechtfertigungsdruck auf die Parallelgesellschaft der Manager wächst. Andererseits kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass sie zu Sündenböcken gemacht werden, weil Politiker ihre ordnungspolitischen Versäumnisse nicht zugeben wollen. Denn Gerechtigkeitsfragen sind Machtfragen: Wer lockert welche Gesetze, wer setzt die Regeln? Solange es statthaft ist, beim Firmen-Monopoly intakte Unternehmen willkürlich zu zerschlagen und auszuweiden, ist die Empörung über das Salär der Eliten moralisch verständlich, aber politisch hilflos.
Kurzum, es geht nicht um die Begrenzung von Spitzengehältern, was auch rechtlich kaum möglich ist. Es geht um die Begrenzung ökonomischer Macht. Schon fürchtet Angela Merkel, der Marktwirtschaft drohe eine Legitimationskrise. Diesmal irrt sie. Diese Krise ist längst da.
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- Datum 12.12.2007 - 01:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 13.12.2007 Nr. 51
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bleibt allerdings die Frage offen, wann in der BRD der letzte Korruptionsprozess gegen Manager oder Politiker stattgefunden hat, der mit mehr als einem "Erhobener-Zeigefinger-du-du" Urteil geendet hätte, also z.B. mal in einer richtigen, abzusitzenden Gefängnisstrafe, wie z.B. bei jedem Wiederholungs-Eierdieb.
Vieleicht ist es ja wirklich so, das auch 90 Prozent der Volksvertreter Wirtschafts-Interessenvertreter sind, und das teilweise auch die Justiz mit Menschen besetzt ist, deren ureigenstes Bereicherungsinteresse vor der Moral steht , als Aktionäre und Angehörige der besitzenden 10 Prozent.
Die Gesellschaftsform des Feudalismus ist eben einer der Hauptatraktoren im System menschlichen Zusammenlebens, und keiner der Gedankenansätze und Lösungsvorschläge der letzten 500 Jahre zum Problem der Herrschaft weniger Menschen über andere Rechtlose hat es geschafft, zum allgemein akzeptierten ethischen Standard zu werden.
Überproportional hohe Einkommen der Reichen? Die gab es auch schon im 19. Jahrhundert. Aber damals fingen sie mit ihrem Reichtum etwas an, machten Geschäfte, die in der wirklichen Welt stattfanden, und nicht ausschließlich auf dem Börsenparkett.
Natürlich wurde auch damals an der Börse bereits viel Geld verdient. Aber der "Couponschneider" und "reiche nichtsnutzige Erbe" waren negativ besetzte Figuren, auch für diese gutverdienende Schicht! Heute hat man das Gefühl, als wüßten die Topmanager mit ihrem Geld nicht viel Anderes anzufangen als die vielgescholtene Unterschicht: Es auf möglichst geschmacklose Weise auszugeben. Wir haben viele unglaublich gut verdienende Menschen in Deutschland? Was nur in peinlich rudimentären Ansätzen vorhanden ist, ist das Bemühen, der Gesellschaft etwas von diesem Reichtum zurückzugeben, etwa durch Stiftungen, gemeinnützige Projekte, etc. Bei unseren Deutschen hat so ezwas immer den fatalen Geruch von Steuersparmodell, nie von echter Großzügigkeit.
Verücktes Besispiel: Der amerikanische Stahlbaron Andrew Carnegie sorgte dafür, dass einige der großartigen Dinosaurierskelette, die im 19. Jahrhundert in den USA ausgegraben wurden, ihren Weg über den großen Teich in die europäischen Museen fanden. Für ihn Portokassenbeträge? Vielleicht. Aber zumindest vermittelte er das Gefühl von Selbstlosigkeit, die auch nicht an irgendwelchen lächerlichen Grenzpfählen haltmachte. Heute predigen die Manager die Grenzenlosigkeit der Kapitalströme, um ihr Privatvermögen ungestraft ins Ausland bringen zu können...
anders wird es nicht gehen...Sankt Marx hat es uns schon gelehrt.
Diese Managergehälterdebatte scheint mir sehr überzogen. Es ist wichtig, dass alle ähnliche Chancen haben, ein Top-Ten-Prozent-Einkommen zu erzielen, nicht dass alle Einkommen gleich sind. Die Diskussionen um Chancengleichheit im Bildungssystem sind daher viel zielführender. Warum soll ich mich denn über Josef Ackermann (>13 Mio/Jahr) aufregen, aber nicht über Michael Schumacher (> 40 Mio/Jahr). Beider Einkommen sind mir egal. Ich kann nicht so gut F1-Auto fahren wie MS und möchte nicht so viel arbeiten wie JA. JA wurde kürzlich gefragt, ob er die größte Bank (Citigroup) der Welt leiten möchte, wahrscheinlich für deutlich mehr Geld. Der Mann kann also etwas, das sonst ganz wenige können. Ich habe kein Problem, wenn das honoriert wird.
Wirklich immer wieder lesenswert:"Weil Sie ein großer
Herr sind, glauben Sie, auch ein großer Geist zu sein! Adel, Reichtum,
Rang und Würden, all das macht Sie so stolz! Was haben Sie denn geleistet
für so viele Vorteile? Sie haben sich die Mühe gegeben, geboren
zu werden, weiter nichts. Im übrigen sind Sie ein ganz gewöhnlicher
Mensch. Während ich, zum Donnerwetter, verloren im dunkelsten Gewühl
der Menge, mehr Fleiß und Verstand aufwenden mußte, um überhaupt
existieren zu können, als seit hundert Jahren für die Regierung
von ganz Spaniens aufgebracht wurden!"Eine Aussage, die bei der Betrachtung unserer "ererbten" "Eliten" (von der Leyen, Monika Hohlmeier, Quandts, Werhahns usw.) nichts von ihrer Gültigkeit verloren hat.
Vielleicht kriegen wir bald wieder ein Presse die diesen Namen auch verdient und leidenschaftliche kritische Artikel und Kommentare verfasst, anstatt agenturmeldungen von Ferialpraktikanten abtippen zu lassen. Oder der "Sozialismus" wird uns revitalisiert als trendige Saisonmode ein zwei Jahre begleiten, bis man die Mittelschicht vollends demontiert hat, und nur mehr diejenigen Zeitungen lesen, die ohnehin nicht von Armut betroffen sind.
Endlich mal wieder ein intelligenter Artikel, der die Wirklichkeit treffend beschreibt, ohne dabei zu polemisieren. Leider scheint die Wahrnehmung dieser Wirklichkeit in die Parallelwelten unseren "Eliten" nicht mehr durchzudringen, und so sägen sie munter weiter an dem Ast, auf dem sie sitzen. Nicht Geiz ist geil - sondern Gier ist geil. Und wer die Möglichkeit hat, der nimmt, soviel er bekommen kann, egal um welchen Preis. Solidarität ist out, christliche Werte sind nur noch Schlagworte für Parteiveranstaltungen oder Talkschows.So ist zu befürchten, dass sich Geschichte doch wiederholt und wir wieder zurückfallen in Feudalismus und erbitterte Verteilungskämpfe.Der Erfolg von Lafontaine ist hier nur ein erstes Warnsignal.
Ungleichheit gehört zur Marktwirtschaft. Wer dies nicht akzeptieren kann, dem sei der Ratschlag von Ines Zöttl in der heutigen "FTD" ans Herz gelegt: er solle doch Bitte schön nach Venezuela auswandern, wo er zwar nicht mehr Gleichheit, dafür aber mehr Gleichheitsrhetorik kriegt.Für populistische Kampagnen gegen angeblich zu hohe Managergehälter sollte sich die ZEIT eigentlich zu schade sein.
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