Krebsstudie Die unfassbare Wolke

Eine Studie findet nicht zum ersten Mal eine Häufung von Krebserkrankungen bei Kleinkindern in der Nähe von Kernkraftwerken. Die aufgeregte Debatte danach zeugt vor allem von Ratlosigkeit

Die Krebsforscher wussten: Sie hatten sich auf eine mission impossible eingelassen. Ihr Auftrag lautete, endlich eine Krebsursache dingfest zu machen, die sich im mächtigen Hintergrundrauschen zahlloser anderer Faktoren versteckt. Seit Jahrzehnten hatten sich Tausende Forscher international vergeblich um Aufklärung bemüht. Dennoch packten die Medizinstatistiker das heikle Projekt erneut an. Denn die Opfer sind unschuldige Kinder im Vorschulalter. Und als Krebsverursacher verdächtigt werden die gewaltigsten Maschinen der Republik: Kernkraftwerke.

Zur eigenen Verblüffung machten die Wissenschaftler eine wichtige Entdeckung: »Ja, wir finden in Deutschland einen Zusammenhang zwischen der Nähe der Wohnung zu einem Kernkraftwerk und der Häufigkeit, mit der Kinder vor ihrem fünften Geburtstag an Krebs und besonders an Leukämie erkranken«, sagt Peter Kaatsch.

Mit Strahlung lässt sich das Krebsrisiko nicht erklären

Kaatsch ist Leiter des angesehenen Deutschen Kinderkrebsregisters an der Universität Mainz und einer der Hauptautoren zweier wissenschaftlicher Publikationen zum Thema, die Anfang der Woche in internationalen Fachzeitschriften erschienen sind. »Die Veröffentlichung war mit einer Sperrfrist für diesen Montag versehen«, sagt Maria Blettner, Kollegin von Kaatsch und Leiterin des Mainzer Instituts für Biostatistik, Epidemiologie und Informatik (IMBEI), zu dem auch das Kinderkrebsregister gehört. Doch die brisante Studie war in die Medien durchgesickert – und produzierte empörte Schlagzeilen.

Maria Blettner und der politische Auftraggeber der Studie, Umweltminister Sigmar Gabriel, beeilten sich, einen entscheidenden Zusatz in die aufkeimende Diskussion über sofortige Stilllegungen von AKWs einzubringen: Die wahre Ursache für den Anstieg frühkindlicher Krebserkrankungen im Umfeld von Kernkraftwerken sei ungeklärt und nicht durch deren Strahlung erklärbar. »Die Strahlenbelastung der Bevölkerung müsste durch den Betrieb der Atomkraftwerke in Deutschland um mindestens das Tausendfache höher sein, um den beobachteten Anstieg des Krebsrisikos erklären zu können«, sagte Gabriel.

Nun war die Verwirrung groß. Wem sollte man glauben? Der taz, die das Kürzel AKW neu interpretierte: »Atom-Krebs-Werke«? Oder Anschuldigungen aus der CDU, die Studie wolle nur »Antipathien gegen die Kernkraft« schüren?

Um die scheinbar widersprüchliche, dennoch seriöse Botschaft der neuen Studie besser verstehen zu können, ist eine Rückblende hilfreich: Das Mainzer Kinderkrebsregister ist weltweit das größte seiner Art. Es wurde 1980 von Jörg Michaelis gegründet. Dieser hatte in zwei umfangreichen Untersuchungen den Zusammenhang zwischen Krebs und hiesigen Kernkraftwerken geprüft. Allerdings lieferten die »Michaelis-Studien« mehr Entwarnung als handfesten Verdacht, erbrachten jedoch einen Hinweis: Nicht alle Menschen im weiten Umkreis kerntechnischer Anlagen sind gefährdet, wie ursprünglich vermutet, sondern allenfalls Kleinkinder im nahen Umfeld. Dieser Verdacht war Ausgangspunkt für die jetzt diskutierte neue Studie, die im Jahr 2003 von Bundesumweltminister Jürgen Trittin und seinem Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) in Auftrag gegeben wurde.

Die Ausrichtung der Studie hatte der Auftraggeber vorgegeben

Um späterem Streit vorzubeugen, hatte das BfS in Abstimmung mit atomkritischen Experten vorgegeben, welche Kernkraftwerke und Landkreise in der Studie zu berücksichtigen seien, wie und wonach zu suchen sei. Das Projekt wurde ausgeschrieben, den Zuschlag erhielten die erfahrenen Mainzer. Die Studie brachte kaum neue Erkenntnisse, dazu war sie kaum geeignet . Aber immerhin gibt es einige Präzisierungen: Die Forscher haben neuere Krebsfälle (bis zum Jahr 2003) berücksichtigt und den Abstand zwischen dem Wohnhaus des jeweils erkrankten Kindes und dem Kernkraftwerk individuell bestimmt – auf 25 Meter genau. Früher galt einfach die Mitte der Gemeinde, in der ein Krebsfall auftrat, als Bezugspunkt.

So kam es zu einer statistischen Korrelation: Mit wachsendem Abstand zum AKW sank die Zahl der Krebserkrankungen! Das BfS hatte diese Form der Datenanalyse vorgegeben: um das Kernkraftwerk einen Fünfkilometerkreis schlagen und nach dem Radius r auswerten.

Ein Volltreffer? Peter Kaatsch gibt zu, dass das Modell stark vereinfacht ist. Emissionen driften nicht gleichförmig in alle Richtungen, sondern sind stark vom Wind geprägt. Weder wurde die jeweilige Hauptwindrichtung berücksichtigt noch die Tatsache, dass sich Gase mehrdimensional ausbreiten – in Fläche und Höhe.

Generell blieben emissionstechnische Faktoren unberücksichtigt, weil es solche auch gar nicht detailliert für den Fünfkilometerbereich gibt. Wegen der raschen Verdünnung von Radioaktivität in der Luft verschwinden die messbaren Signale eines Kernkraftwerks im Normalbetrieb sehr rasch im Hintergrundrauschen natürlicher Umgebungsradioaktivität.

Die Studie fragte nicht, wie oft die Kinder geröntgt wurden

Peter Kaasch verdeutlicht dies mit Zahlen: »Eine Person, die in fünf Kilometer Entfernung von einem Kernkraftwerk wohnt, erfährt eine rechnerische Belastung durch Strahlung aus der Luft von 0,3 bis 0,002 MikroSievert, je nach Kraftwerkstyp. Die jährliche natürliche Strahlenexposition in Deutschland beträgt im Mittel etwa 1400 MikroSievert.« Die natürliche Belastung liegt somit vieltausendfach bis fast millionenfach höher als die kerntechnische. Da die natürliche Radioaktivität im Schwarzwald oder Erzgebirge jene in Norddeutschland mehrfach übersteigt, müssten dort wahre Kinderkrebs-Epidemiegebiete liegen – vorausgesetzt, Strahlendosen in dieser Größenordnung sind überhaupt relevant. Zudem verursacht auch die Medizin Strahlenbelastungen. Sie sind meist ähnlich groß wie die natürlichen – und höher als die in der Nähe von Kernkraftwerken. Die Studie fragte jedoch nicht, ob etwa das leukämiekranke Kind zuvor geröntgt wurde oder seine Mutter während der Schwangerschaft.

Verglichen mit solchen potenziellen Strahlenbelastungen, scheiden Kernkraftwerke im Normalbetrieb als Ursache strahlenbedingter Krebsfälle aus. Aber was verursacht dann die statistisch deutlich erhöhten Krebsraten (um 60 Prozent) und Leukämierisiken (um 120 Prozent) bei Vorschulkindern, die nahe an Atomkraftwerken leben?

»Ehrlich gesagt, wir wissen es nicht«, sagt Maria Blettner. »Das ist zwar höchst unbefriedigend, aber wir müssen auch nach neuen Risikofaktoren suchen.« In der Vergangenheit wurden die besonders auffälligen Leukämiehäufungen (Cluster) um das Kernkraftwerk Krümmel besonders intensiv untersucht. Geprüft wurden alle erdenklichen Einflussfaktoren: das Elbwasser, die Kuhmilch im Deichvorland, Strahlung aus Tschernobyl, elektromagnetische Felder (Hochspannung), Schadstoffe aus der Industrie oder von Kinderspielplätzen, häusliche Belastungen durch radioaktives Radon aus Natursteinen, Löse- und Schädlingsbekämpfungsmittel, Muttermilch und Trinkwasser, Röntgenuntersuchungen, Viruserkrankungen, Einsatz leukämieverdächtiger Medikamente. Tausende Hausstaubproben wurden analysiert, sogar das Eingemachte im Regal untersucht. Die Multimillionen-Recherchen endeten mit dem Ergebnis, dass sich der Verdacht nicht erhärten ließ: Zwischen den Nuklearanlagen und den gehäuft auftretenden Leukämiefällen bestehe kein ursächlicher Zusammenhang.

Die Mainzer Wissenschaftler sehen wegen der jeweils geringen Fallzahlen (20 von insgesamt 5893 Leukämiefällen bei unter Fünfjährigen wären dem Fünfkilometerumfeld von Kernkraftwerken im Zeitraum von 1980 bis 2003 zuzurechnen) nur dann eine Chance auf bessere Einsicht, wenn Forscher länderübergreifend kooperierten. »Solche Projekte laufen zwar, aber sie erfordern sehr langwierige Abstimmung«, sagt Kaatsch.

Die Forschung konzentriert sich nicht mehr nur auf die bisher Verdächtigen wie Pestizide, Strahlung oder Viren. »Offenbar spielt auch das Immunsystem bei Leukämien eine wichtige Rolle«, sagt Kaatsch und verweist auf die ehemalige DDR. Dort wurde konsequent geimpft, Kinderkrankheiten waren durch intensive Kontakte in den Kitas häufiger. Beides beeinflusste die Immunabwehr und bot einen Teilschutz vor Leukämien. Auch Allergien scheinen das Leukämierisiko zu verringern. Maria Blettner kennt diese Zusammenhänge. »Sie reichen leider nicht aus, um unsere Daten zu erklären.«

Es wird also weiter geforscht.

 
Leser-Kommentare
  1. Erhöhte Strahlendosen lassen sich um die KKW's nicht feststellen. Das zeigen u.a. die Jahresberichtes des BfS, in dem die Dosen auch für Kleinkinder für jedes KKW angegeben werden. Sie liegen im Bereich von mikroSv, die natürliche Belastung im Bereich von Sv. Methodisch ist die Studie einwandfrei. Sie nutzt die individuellen Daten bei der Regression. Frühere "ökologische" Studien konnten verzerrte Risikoschätzer ergeben, weil sie mit zusammengefassten Daten arbeiten.Wenn es nicht an der Strahlung liegt, woran dann? Interessant ist eine Studie aus England (Draper et al. (2005), BMJ 330). Dort wird mit den gleichen Methoden ein erhöhtes Leukämierisiko für Kinder gefunden, die in der Nähe von Hochspannungsleitungen wohnen. Die Autoren kommen zu dem gleichen Schluß, wie die Autoren um Kaatsch/Blettner: "There is no accepted biological mechanism to explain the epidemiological results, indeed, the relation may be due to chance or confounding."

  2. Leukämie kann auch durch Partikel geringer Radioaktivität ausgelöst werden, sofern diese in den Körper gelangen - z.Bsp. alpha-strahlende Uranpartikel. Die messbare Durchschnittsstrahlung ist dabei gering, aber der Alpha-Strahler gibt seine gesamte Energie an das umgebende Gewebe geballt ab. All das ist seit 30 Jahren bekannt ( siehe z.Bsp. Petkau A.

    Radiation carcinogenesis from a membrane perspective. Acta Physiol Scand Suppl. 1980 ;492:81-90.)

  3. Ist es nicht völlig egal, ob es die Strahlung ist oder eine andere Art von Emission? Tatsache ist, dass neue Wohngebiete in einem größeren Radius um die Kraftwerke nicht mehr ausgewiesen werden dürfen. Und die Sorgen der Anwohner berechtigt sind.

  4. Wahrscheinlich sind die AKW so unästhetisch und hässlich, dass man vom blossen Anblick krank werden kann.

  5. Wie sieht es denn mit der strahlenbelastung der staendigen mitarbeiter in deutschen AKWs aus?Unterscheidet sich deren strahlenbelastung von derjenigen ihrer mitbuerger, die weit entfernt von irgendwelchen kernkraftwerken oder anderen radioaktiven emmissionen leben? Oder gibt es keinerlei unterschied?

  6. Es ist NICHT Egal!Solange man die Mechanismen nicht kennt, kann es auch passieren das man an einem beliebig anderen Ort baut und dort in exakt dieselbe Falle tappt.Es ist natürlich naheliegend, das in diesem fall das AKW irgendeine Rolle spielt, aber was, wenn es doch nur zufällige Parallelen sind?

  7. Da die Studie nun abgeschlossen ist, sitzen die Betreiber derselben ohne Geld da; wie gelegen kommt es dann, dass die Ursache bisher ungeklärt ist.Denn das ist die einzige Möglichkeit, nochmal einen Etat zu bekommen und so weitere Jahre gemütlich weiterzumachen.Darum: Wenn schon verlängern, dann aber andere ranlassen !!Denn die es bisher nicht geschafft haben, kriegens wahrscheinlich auch nicht in Zukunft gelöst.

  8. Was fuer ein Bloedsinn, es also einfach jemandem anders in die Hand geben und auf irgendein Ergebnis hoffen? Wissenschaftliche Studien lassen sich nicht auf ein Ergebnis lenken. Das musste wohl auch das Bfs feststellen, denn ein handfester Grund waere den Beteiligten wahrscheinlich sehr viel lieber gewesen als eine unerklaerliche Anhaeufung. Und wissenschaftliche Forschung funktioniert nur, wenn man schon zwischenzeitlich andere mit ran laesst, damit man seinen eigenen Blickwinkel erweitern kann. Was ich Ihnen auch raten wuerde. 

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Quelle DIE ZEIT, 13.12.2007 Nr. 51
  • Kommentare 11
  • Versenden E-Mail verschicken
  • Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
  • Autoren abonnieren RSS-Feed
  • Artikel Drucken Druckversion | PDF
  • Schlagworte Krebs
  • Artikel-Tools präsentiert von:

Service