Nusa Dua - Bali dampft. Auf 30 Grad steigt das Thermometer in diesen Dezembertagen, 30 Grad, dazu 80, 90 Prozent Luftfeuchtigkeit, das ist die Hölle. Mobiltelefone streiken. Computer spielen verrückt. Menschen leiden. Eigentlich ist das Wetter wie geschaffen, um einmal ernsthaft über das Wetter zu reden. Darüber, wie die Erde noch zu retten ist. Fiele es nur nicht so unerträglich schwer in dieser Waschküche.

Umgeben von Urlaubern in Badehosen, sind 10000 Teilnehmer der Klimakonferenz in den Hotels an der Südspitze der Tropeninsel abgestiegen – verdammt zum Verhandeln von morgens bis spät in die Nacht, und zwar nur über das eine: über den Klimaschutz. Sie wollen eine Strategie für den Kampf gegen den Klimakollaps schreiben. Scheitern sie mit ihrem Vorhaben, wird es unweigerlich immer heißer, nicht nur auf Bali – Dürren, Fluten, Hungersnöte und steigender Meeresspiegel inklusive.

Zwölf Mal schon haben sich die Regierungsabgesandten in den vergangenen Jahren getroffen, um über die Gefahr zu reden und darüber, wie sie womöglich noch abzuwenden wäre. Sie haben über Häuser geredet, die zu viel Energie verbrauchen, über Autos, deren Spritkonsum zu hoch ist, und über Stromfabriken, die Unmengen von Kohle verfeuern. Sie haben über das dabei entstehende Kohlendioxid (CO₂) geredet und über andere Hinterlassenschaften der globalen Ökonomie, die in der Erdatmosphäre Unheil anrichten. Die Klimaretter waren in Berlin und Den Haag, in Kyoto und Montreal, in Afrika und in Südamerika. Hunderte Entscheidungen haben sie gefällt, haben sich auf Verträge und Abmachungen geeinigt und auf eine Geheimsprache, die niemand versteht, der ihren Kreisen nicht angehört. Sie haben ihr eigenes Universum geschaffen: die Welt der Klimadiplomatie.

Viel Erfolg hatten sie nicht. Dafür reichte der Konsens, ohne den es nicht geht, bisher nie aus. Große Länder stritten sich mit kleinen, reiche mit armen und solche, die schon seit Jahrzehnten viel CO₂ in die Luft blasen, mit solchen, die damit erst gerade beginnen. Die Erde heizte sich immer mehr auf, je mehr die Entsandten der Regierungen über den Klimawandel redeten. Ein Blick auf die Statistik des weltweiten CO₂-Ausstoßes genügt, um die bittere Wahrheit zu erkennen. Seit 1992, seit dem Jahr, in dem sich die Staats- und Regierungschefs beim Erdgipfel in Rio de Janeiro erstmals und grundsätzlich darauf einigten, eine »gefährliche« Erderwärmung zu vermeiden, ist der Ausstoß von CO₂ um mehr als 30 Prozent gestiegen.

Jetzt sind Regierungsvertreter, Lobbyisten, Umweltschützer, Wirtschaftsbosse nach Bali gekommen, um dieses verrückte Spiel zu beenden – und mit der Absicht, »eine Spur zu legen«, wie einer der Delegierten sagt. Sie soll zu einem neuen, zu einem erstmals wirksamen Klimaschutzvertrag führen, möglichst 2009.

Und plötzlich, hier auf Bali, nach Jahren enttäuschenden Palavers, hat man den Eindruck, dass sich tatsächlich etwas tut. »Die Stimmung ist anders«, sagt Franzjosef Schaffhausen, langjähriger Beamter im Dienste des Umweltministeriums, zur Halbzeit der Konferenz – und das ist nicht nur sein Gefühl. Von einem »neuen Geist« spricht Martin Khor, Direktor des Third World Network, einer Vereinigung von Nichtregierungsorganisationen (NGOs) aus Ländern des Südens. Eine Kollegin von ihm nimmt sogar das Wort »Revolution« in den Mund – während Jennifer Morgan, als Klimaschutzaktivistin ständige Begleiterin der Diplomatenkarawane, sagt: »Die meisten wollen hier wirklich verhandeln.«

Fast alle Delegierten sind von Erschöpfung gezeichnet

Verhandeln? Was haben die Klimadiplomaten denn bisher getan? Verhandelt. Manchmal haben sie sogar die Uhr angehalten, um wenigstens nach dem planmäßigen Ende einer Sitzung noch ein Ergebnis zu erzielen. Dennoch, das Resultat ihrer Bemühungen war selten mehr als ein Placebo gegen die Erderwärmung. Vielleicht, hofften einige, sei die Angelegenheit ja doch nicht so schlimm. Und sicher würde, fürchteten viele, entschlossene Klimaschutzpolitik erheblichen Kollateralschaden anrichten – einschließlich des Zwangs, von lieb gewonnenen Konsumgewohnheiten Abschied zu nehmen, einschließlich des Risikos von vermindertem Wirtschaftswachstum und steigender Arbeitslosigkeit.

Kyoto, Dezember 1997. In der alten japanischen Kaiserstadt tagt die Weltklimakonferenz zum dritten Mal. Es ist ein historisches Treffen. Nie zuvor in der Geschichte hat die Menschheit ernsthaft mit sich darum gerungen, ihren ständig steigenden Energieverbrauch zu begrenzen, nur, um späteren Generationen ein erträgliches Leben zu ermöglichen. Unter der Regie von Angela Merkel, damals Umweltministerin in Deutschland, hatten die Diplomaten zwei Jahre zuvor das sogenannte Berliner Mandat beschlossen: den Auftrag, binnen zwei Jahren einen »Prozess« einzuleiten mit dem Ziel, den Industrieländern »quantifizierte Begrenzungs- und Reduzierungsziele« für den Ausstoß von Treibhausgasen aufzuerlegen. Schon dieser erste Akt, das Berliner Mandat, wäre beinahe gescheitert, weil Saudi-Arabien, Kuwait und Venezuela um ihren Ölexport fürchteten.

Auch bei der Endrunde in Kyoto wollen die Opec-Länder nicht klein beigeben. Noch widerspenstiger ist allerdings Stuart Eisenstat, der in Japan die amerikanische Delegation anführt. Zu diesem Zeitpunkt, Mitte der 1990er Jahre, sind die USA unangefochten die Nummer eins unter den Klimasündern. Präsident Bill Clinton und sein Vize Al Gore erklären zwar ihre grundsätzliche Bereitschaft zu einer internationalen Klimaschutzvereinbarung; im Nacken sitzt ihnen aber ein Verein, der sich Global Climate Coalition nennt. In dem Klub mit dem unverfänglichen Namen haben sich Konzerne zusammengeschlossen, um die Öffentlichkeit gegen die Klimapolitik zu mobilisieren. In Zeitungsanzeigen, Radio- und Fernsehspots verkünden sie, dass die US-Bürger ein Klimaschutzprotokoll teuer würden bezahlen müssen und dass das geplante globale Protokoll alles andere sei als global, weil den Entwicklungsländern keine Auflagen drohten. In Kyoto ist die Global Climate Coalition vielköpfig vertreten.

Am 8. Dezember 1997 landet US-Vizepräsident Al Gore in Japan. Höchste Spannung herrscht, als er vor das Mikrofon im Plenarsaal des Kongresszentrums tritt. »Wir erwarten Ihre Rede mit angehaltenem Atem«, sagt der Präsident von Nauro, einem vom Anstieg des Meeresspiegels bedrohten pazifischen Inselstaat. Doch Gores Spielraum für Zugeständnisse ist eher gering; die Industrie, die Global Climate Coalition würde ihn umgehend als Verräter amerikanischer Interessen brandmarken. Immerhin erteilt Gore der US-Delegation den Auftrag, »mehr Flexibilität« in den Verhandlungen zu zeigen – und rettet womöglich so die Konferenz.

Zwei Tage später, nach endlosen informellen Gesprächen, sitzen und liegen im Konferenzzentrum bleiche Delegierte, manche haben schon ihr Reisegepäck dabei. Die Halle mit ihren Bildschirmen, die zahlreiche, auf unbestimmte Zeit verschobene Pressekonferenzen ankündigen, erinnert an ein Flughafenterminal, von dem die Flugzeuge wegen eines Orkans nicht starten können. Endlich, um ein Uhr morgens, beginnt die letzte Sitzung. Fast alle Delegierten sind von Erschöpfung gezeichnet. Der Vorsitzende des Gesamtkomitees, der Argentinier Raul Estrada, ruft jeden Artikel des Kyoto-Protokolls auf und entscheidet im Namen der Versammlung. Wer mit seiner Entscheidung nicht einverstanden ist, muss sie formell anfechten; um sie zu kippen, wäre eine Zweidrittelmehrheit nötig. Niemand wagt es. Estrada hämmert das Kyoto-Protokoll durch. Es verpflichtet die Industrieländer, ihre Emissionen bis 2012 um fünf Prozent zu vermindern.

Für wirksamen Klimaschutz braucht es eine neue industrielle Revolution

Es dauert noch acht Jahre, bis das Abkommen in Kraft tritt, ohne die USA. Fast ist es so, als gäbe es den umkämpften Vertrag gar nicht. Die Erderwärmung verlangsamt er kaum, »um deutlich weniger als ein Zehntel Grad«, sagt Hans Joachim Schellnhuber, Präsident des Potsdam Instituts für Klimafolgenforschung.

Kongresszentrum, Bali, Dezember 2007. Was hat sich nicht alles getan in den zehn Jahren seit der Konferenz in Japan. Al Gore hat gerade den Friedensnobelpreis erhalten und ruft den Delegierten auf Bali zu, mutige Entscheidungen zu treffen. Seine einstigen Gegner, die Lobbyisten der Global Climate Coalition, gibt es nicht mehr; der Klub hat sich aufgelöst. Statt dessen tritt auf Bali die Internationale Emissionshandels Vereinigung (IETA) in Erscheinung – und zwar pro Klimaschutz. General Electric und American Electric Power, Chevron und DuPont, E.on und RWE gehören unter anderen dazu. Die Vereinigung ist die größte »BINGO« bei der Bali-Konferenz, die größte Business NGO. Neben den »BINGOs« gibt es noch »ENGOs« (Umweltverbände), »RINGOs« (Wissenschaftsverbände) und »TUNGOs« (Gewerkschaften). Alle fordern nicht weniger, sondern mehr Klimaschutz. Sogar der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) wirbt dafür – in der Hoffnung, mit Umwelttechnik made in Germany Geschäfte machen zu können. Die Klimapolitik ist zu einem Spielfeld der Wirtschaft geworden.

Tatsächlich hat sich herumgesprochen, dass es vermutlich viel teurer ist, auf Klimaschutz zu verzichten, als die Erderwärmung zu bekämpfen. Der im Oktober vergangenen Jahres veröffentlichte Report des britischen Ökonomen Nicholas Stern, auch er auf Bali, zeigt Wirkung. Ebenso wie die vier Berichte, die der UN-Klimarat im Laufe des Jahres unter großer Medienbeobachtung präsentierte. Die letzten Zweifel an der vom Menschen verursachten Erderwärmung hat das Gremium der Wissenschaftler damit ausgeräumt, jedenfalls nach dem Kenntnisstand von heute. Beschlüsse zum Kampf gegen den Klimawandel zu vertagen kann deshalb niemand mehr wagen. Es sei denn, er wollte sein Gesicht verlieren.

Selbst die Amerikaner bewegen sich. Präsident Bush hat die Erderwärmung immerhin endlich als »ernstes Problem« anerkannt. Bedrängt wird er von amerikanischen Bürgermeistern, von Gouverneuren amerikanischer Bundesstaaten, selbst von Konzernen wie Ford, Caterpillar und Dow Chemical. Sie haben sich in einem Klub namens US Climate Action Partnership (USCAP) zusammengeschlossen und fordern, die Erderwärmung »unverzüglich« zu bekämpfen. Auch im Kongress schwindet die Unterstützung für die Zögerlichkeit der Bush-Administration beim Klimaschutz. Pünktlich zum Start der Bali-Konferenz ermunterten elf Ausschussvorsitzende den Exekutivsekretär des UN-Klimasekretariats, etwaigen Widerstand der US-Delegation nicht allzu ernst zu nehmen. Nach der Präsidentschaftswahl Ende 2008 werde eine neue Administration »sehr wahrscheinlich« konstruktiver agieren. Obendrein verlor Bush ausgerechnet zum Auftakt der Bali-Konferenz seinen wichtigsten internationalen Verbündeten, Australien. Der neu gewählte Premierminister Kevin Rudd hat das Kyoto-Protokoll vor zwei Wochen ratifiziert. Es war seine erste Amtshandlung; sie isolierte die USA als letzte Industrienation, die sich dem Klimaschutz verweigert.

Selten waren die Voraussetzungen für den Erfolg von Klimaverhandlungen besser. Und dennoch beginnt das Konklave auf Bali so wie immer: mit beängstigender Routine. Schnell haben sich neben den sechs offiziellen Verhandlungsforen 36 Kontaktgruppen gebildet, dazu exklusivere Gesprächszirkel, die im UN-Jargon informal informals heißen, sowie bilaterale und regionale Koordinierungsgruppen. Es geht um Spezialfragen, darum, welches Thema in welchem Gremium debattiert werden soll, es geht um die Emissionen von Schiffen und Flugzeugen, um die Bunkerung von CO₂ in unterirdischen Hohlräumen – und darum, ob Saudi-Arabien und Kuwait Anspruch auf Entschädigung haben, sollte die Klimapolitik ihre Erlöse aus dem Ölexport schmälern. Sollte hier nicht um das Bali-Mandat gerungen werden? Es dauert sieben Tage, bis sich die Konferenzmaschinerie justiert hat. Dann kursiert plötzlich ein vierseitiges Papier, in dem es heißt, die Industrieländer sollten »in Betracht ziehen«, ihre Emissionen bis zum Jahr 2020 »um 25 bis 40 Prozent« zu vermindern, im Vergleich zu 1990. Die zweite Version des Papiers folgt keine 20 Stunden danach, ohne Zahlen, statt dessen mit dem Verweis auf ein fast drei Monate altes Dokument, in dem auf ein anderes Dokument verwiesen wird, in dem die Zahlen stehen. In der dritten Version, tags darauf, stehen die Zahlen wieder drin. Hinter den Kulissen, so viel ist klar, wird heftig gestritten um das Papier und um die Zahlen.

Überraschend ist das nicht, denn minus 25 bis 40 Prozent wären nur zu schaffen, wenn das Wirtschaften neu erfunden würde. Schließlich hat die Gruppe der Industrieländer von 1990 bis 2005 ihre Emissionen um nicht einmal drei Prozent gesenkt – und das auch nur, weil die ehemals kommunistischen Länder einen beispiellosen Zusammenbruch ihrer Wirtschaft erlebten. In einer ähnlichen Zeitspanne das Zehnfache oder mehr zu schaffen verlangt eine neue industrielle Revolution.

25 bis 40 Prozent reichen indes nicht einmal aus. Im halbwegs erträglichen Rahmen, bei einem Plus von rund zwei Grad, bleibt die Erwärmung nur dann, wenn gleichzeitig die Länder des Südens den unvermeidlichen Zuwachs ihres CO₂-Ausstoßes begrenzen, wozu sie sich bisher partout nicht bewegen lassen wollten. Doch in den Papieren, die plötzlich auf Bali kursieren, ist auch von »messbaren« Beiträgen der Entwicklungsländer die Rede. China, demnächst der größte CO₂-Emittent der Erde, will sich tatsächlich bewegen – aber selbstverständlich nur dann, wenn auch die Industrieländer ernst machen beim Klimaschutz. So nah war die Menschheit einer historischen Einigung noch nie.

Ob sie zustande kommt, ist allerdings ungewiss. Noch könnte er platzen, der Traum vom Klimaschutz. Aus ist das Spiel erst, wenn der Hammer auf Bali zum letzten Mal fällt.