Direkt vor dem Landgericht Bremen, wo Bernd K. derzeit wegen Totschlags angeklagt ist, weil er seinen zweijährigen Ziehsohn Kevin zu Tode misshandelt haben soll, hält die Straßenbahn der Linie 2. Sie fährt nach Gröpelingen, in jenen Stadtteil, wo Bernd K. mit Kevin lebte. Hier zog die Polizei am 10. Oktober 2006 die halbverweste Leiche des Kindes aus einem Kühlschrank in der Kulmerstraße Nummer 97.

Wer in der Straßenbahn nach Gröpelingen Platz nimmt, fährt von der hübschen historischen Altstadt in eines der elendsten Viertel der Hansestadt – es ist eine Reise aus der gemütlichen Mitte der Gesellschaft an ihren ungastlichen Rand, ins Zuhause der Mühseligen und Beladenen. Auf der Fahrt kann man den allmählichen Verfall an sich vorüberziehen sehen. Wenn es auf die Endstation zugeht, sitzen nur noch die Menschen mit den ärmlichen Jacken und den müden Gesichtern im Waggon.

Eine kleine, blasse Gestalt in einem heruntergekommenen Mietshaus

Gröpelingen ist einer von Tausenden sozialen Brennpunkten in Deutschland. Bremen ist zwar die Heimat vieler reicher Kaufleute, doch die 600000-Einwohner-Stadt hat mit 100000 Hartz-IV-Empfängern eine der höchsten Sozialhilfequoten der Republik, hier leben prozentual mehr Menschen von Transferleistungen des Staates als in den neuen Bundesländern. Und auf einer Negativliste der 79 Bremer Stadtteile belegt Gröpelingen Platz 2. Schlimmer steht es nur noch in den Hochhausburgen von Tenever. In Gröpelingen lebt jedes dritte Kind in Armut, beträgt der Ausländeranteil unter den Kindern fast 60 Prozent. In den Kindertagesstätten sprechen nicht nur die kleinen Migranten kein richtiges Deutsch, sondern auch die Kinder aus den zahllosen deutschen Problemfamilien. Seit die Werften in den achtziger Jahren geschlossen wurden, ist das Viertel heruntergekommen. Die Facharbeiter wanderten ab, es kamen die Verlierer. Der Wert der Immobilien ist in den vergangenen zehn Jahren um zwölf Prozent gesunken. Das Leben ist billig, man haust in schlechten Wohnungen unter seinesgleichen und ist dem Stress des sozialen Vergleichens entrückt. Auch deshalb zieht es alle, die auf dem absteigenden Ast sind, hierher.

Ein abgewirtschaftetes Mietshaus am Rande Gröpelingens war Kevins Zuhause. Zu Lebzeiten war er nur eine kleine blasse Gestalt im wachsenden Heer jener Kinder, für die sich niemand wirklich interessiert. Die Anteilnahme, die er gebraucht hätte, bekam er erst, als man ihn tot aus dem Eisschrank geborgen hatte. Dieses Schicksal teilt er mit anderen Kindern, deren Namen sich in das schlechte Gewissen der Republik eingebrannt haben: Jessica, die 2005 unbemerkt vom Rest der Welt in einem Hamburger Hochhaus verhungerte, oder Lea-Sophie, die vor wenigen Tagen in Schwerin an Unterversorgung starb. Behördenvertreter kamen und gingen und sahen die Not nicht. Erst im Todesfall werden die Kinder ein Fall für die Öffentlichkeit: Dann setzt der Betroffenheitstourismus ein, dann stehen die obligatorischen Blumen an der Haustür, werden Kerzen angesteckt, die immer gleichen Teddybären hingesetzt und die unvermeidlichen Schilder aufgebaut mit der Aufschrift: Warum?

Diese Frage stellen allerdings auch die Reporter, die angereist kommen und ihre Ü-Wagen aufbauen. Ihre Kameras und Artikel zwingen die Republik dazu, einen Blick in ihre schmutzigsten Winkel zu werfen – jene Viertel nämlich, in denen die Menschen leben, die der Kapitalismus ausgespuckt hat. Schon dafür müsste man Kevin und Jessica ein Denkmal setzen. Inzwischen decken die Medien fast täglich neue Fälle misshandelter und vernachlässigter Kinder auf: Halbtot holt man sie aus vermüllten Wohnungen, leblos findet man sie neben ihren totgefixten Müttern, aus Fenstern hat man sie geworfen, in Blumentöpfen verscharrt, oder in Tiefkühltruhen verstaut.

Wenn das Elend zu laut wird, schaut die Polizei vorbei