Deutscher Schulpreis 2007 Die MusterschülerSeite 2/2
Warum erwarten Lehrer von ihren Kollegen eher Herabsetzung und Destruktion als Anerkennung und konstruktive Vorschläge? »Weil sie es gewohnt sind, immer nur zu belehren«, sagt Ulrike Kegler, die in Potsdam aus der Karl-Liebknecht-Oberschule die staatliche Montessori-Gesamtschule gemacht hat. Sie nimmt nicht zum ersten Mal einen Preis für ihre Schule entgegen (ZEIT Nr. 20/03) . Auch an dieser Schule haben die Lehrer und die Schulleiterin bei sich selbst mit dem begonnen, was sie von den Schülern erwarten. Große Reden von Feiglingen über die Tugend, mutig zu sein, kommen nicht gut an, schon gar nicht bei Schülern in der Pubertät.
Als die Schüler der zehnten Klassen in der Inszenierung »Labyrinth des Wissens« ihre Jahresprojekte der Schulöffentlichkeit präsentierten, kamen der Schulleiterin die Tränen. »Unglaublich, was diese Schüler alles können.« Einer hatte ein Windrad auf dem Schulhof aufgebaut. Ein anderer hatte minutiös die Befestigung einer römischen Straße nachgebaut. Ein Mädchen hatte in einer Toilette eine Installation über Bulimie eingerichtet. »Von 42 Schülern der zehnten Klassen haben uns 37 überrascht.« Fünf hatten nur Dienst nach Vorschrift gemacht und in den Tagen vor der Präsentation eben noch was mit den Eltern zusammengeschustert.
Diese Schule ist voll solcher Geschichten. Das zeichnet gelungene Schulen aus. Sie haben eine Biografie. Sie sind institutionelle Individuen. Und nur Individuen können lernen. Alle diese Schulen sind anders, und doch sind sie verwandt.
Auch die Carl-von-Linné-Schule für körperbehinderte Kinder ist ein ganz eigenes Lernuniversum. In diese Schule kommen Kinder mit seltenen Krankheiten, Kinder, die ihre Schulzeit vielleicht nicht überleben werden, oder Kinder nach schweren Unfällen. Nicht wenige sind mehrfach behindert. Diese Schule kann gar nicht nach Schema F arbeiten. Die Verschiedenheit von Menschen kann hier niemand übersehen. Und doch wird dort kein Kind als Träger nur von Defiziten gesehen. »Wir gehen immer von den Stärken der Kinder aus«, sagt Schulleiter Peter Friedsam. »Jeder hat Stärken, an denen sich anknüpfen lässt.« Ein schwerer Legastheniker, gibt er zu bedenken, werde doch ohnehin keinen Beruf suchen, bei dem es vor allem aufs Schreiben ankomme. »Warum nur behandelt die übliche Schule alle Kinder gleich?«
Die besseren Schüler betreuen die schlechteren
Diese Frage treibt auch Günter Offermann, den Schulleiter des Friedrich-Schiller-Gymnasiums in Marbach. Eine Schule, in der kein Schüler mehr sitzen bleibt, außer er will das Jahr wiederholen. »Alle kommen ans Ziel«, sagt er stolz.
Wie geht das? Es gibt Klassen für Hochbegabte und Sommerkurse für die Schwächeren, die vor allem von Schülern betrieben werden. Auch über das Jahr gibt es das Schülertutorium. »Die besseren Schüler betreuen die schlechteren, und um die Tutoren kümmern sich die Lehrer.« Auch ein Gymnasium kann ein Netzwerk des Lernens werden – nicht ein Stundenplan der Belehrung. Das bedeutet Kleinarbeit. Schon nach ein paar Wochen des neuen Schuljahres spricht die Klassenkonferenz über Schüler, die mehr Aufmerksamkeit und Hilfe brauchen. An der Schule wurde der Diagnose- und Therapielehrer erfunden. Wenn man den Schulleiter reden hört, wird klar, dass es für eine gute Schule Ideen braucht, Methoden, aber vor allem die Beseelung.
Offermann ist fest davon überzeugt, dass »jeder, der bei uns anheuert, auch ankommt«. Aber es gibt auch an diesem Gymnasium viele unterschiedliche Passagen. Neuerdings zum Beispiel auch Chinesisch als zweite Fremdsprache. Ein Techniklabor, das seinesgleichen sucht, wird gerade aufgebaut. »Man muss eben die Schule so konstruieren, dass sich der Erfolg zwangsläufig ergibt«, sagt der Rektor des Gymnasiums. Und nachdenklich fügt er hinzu: »Vorsicht mit Prophezeiungen darüber, was ein Schüler kann oder nicht. Die meisten Propheten behalten nicht recht.«
Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio
- Datum 13.12.2007 - 12:18 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf einer Seite lesen
- Quelle DIE ZEIT, 13.12.2007 Nr. 51
- Kommentare 1
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:




Was man diesemArtikel entnehmen kann ist die Tatsache, dass Diskussionen über Schulstrukturen nur Belastungen schaffen.
Eine engagierte Schulleitung mit einem motiviertem Kollegium und Phantasie und Mut reichen völlig aus. Wobei im Kern wie schon in der guten alten preußischen Schule der Erfolg über den Austausch der Kollegen erzielt wird.
Also alte Kamellen neu aufgelegt, es wäre schön, wenn man sich häufiger auf alte und bewährte Traditionen besinnen würde und nicht ständig neu erfinden müßte.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren