Diese Partnerschaft stiftete der Himmel. Als der Gitarrist Django Reinhardt 1934 zum ersten Mal den Geiger Stephane Grapelli hörte, wusste er auf Anhieb: Das ist mein Gegenteil und meine Ergänzung, meine opposite number. Wir werden uns hassen und Großes erfinden. Tatsächlich sollte das Quintette du Hot Club de France bald einen Jazz spielen, der anders war als alles, was aus den USA kam: fließender, eleganter, leichter – Jazz à l’européenne.

Django, der als eine Art Kinderstar auf der freien Wildbahn der Musette-Szene im Nachkriegsparis aufwuchs, Autodidakt erst auf dem Banjo, dann auf der Gitarre, war ein unzähmbarer Nonkonformist, ein anarchisches Kind, ein Sinto, der sein Leben lang eine Abneigung hatte gegen feste Adressen. Als 1928 sein vurdon abbrannte, der Wohnwagen, verkrüppelte seine linke Hand zu einem einzigen Narbengeflecht. Das zwang ihn, mit zwei Fingern erst recht eine halsbrecherische und ganz unkonventionelle Virtuosität zu entwickeln. Er war ein naives Genie, wie sein Bassist Emmanuel Soudieux einmal sagte: »Django, il était la musique fait l’homme«, er war Mensch gewordene Musik.

Grapelli war alles, was Reinhardt nicht war: gebildet, zuverlässig, hilfsbereit, höflich, elegant, homosexuell, knauserig. Wenn es heißt, Mann und Frau teilen nur das eine, ließe sich von diesem seltsamen Männerpaar sagen: nichts außer dem Wichtigsten, der Musik. Grapellis rhapsodischer Legatostil mit den verschleppten Akzenten, Intervallsprüngen, flatternden Flageoletts, diese Verlängerung des Stehgeigertums in den Jazz, kontrastierte wunderbar mit Reinhardts perkussiven Kanten und ergänzte das singende Vibrato seiner Improvisationen in den großen Kleinkunstwerken: Nuages, Sweet Chorus, Tears, Improvisation, Fleur d’Ennui, Lentement, Parfum. Hinter den Protagonisten »pumpten« zwei Rhythmusgitarren und ein Bass, das ergab Transparenz, Power und fließende Eleganz.

Nach Hitlers Überfall auf Polen blieb Grapelli in England, und Reinhardt erlebte die widersprüchlichste Periode seiner Biografie. Während sein Volk (und zum Teil auch seine engere Verwandtschaft) in die KZs verschleppt wurde, avancierte er im besetzten Paris zum Star. Seine Moll-Elegie Nuages war die Melodie der Stunde. Als Django, kaum 43-jährig, 1953 einem Hirnschlag erlag, war er ein fast vergessener Mann. Doch dann, zehn Jahre später, bewirkte eine technische Erfindung, das Kassettengerät, dass seine Leute, die Roma, seinen Jazz als neue Volksmusik entdeckten, als Ausdruck ihrer Identität. Als musikalisch folgenreicher Fortsetzer Djangos erwies sich übrigens ein Meister heftigerer Expressionen. Im Intro von Jimi Hendrix’ Purple Haze klingen fast unheimlich zwei Takte von Djangos St. Louis Blues von 1935 an, und dem Star-Spangled Banner entspricht dessen ätzende Interpretation der Marseillaise. Das ergreifendste Requiem für Django schrieb freilich John Lewis. In der Coda des Stücks Django leuchtet die ganze traurige Grazie des Unzähmbaren, das schwarze Auge der Melancholie.

Django Reinhardt: Swing From Paris, Le chant du monde/harmonia mundi 274 1373.74, 2 CDs

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