Kindesmisshandlungen
Hinsehen, wo man wegschauen will
Fast jeden Tag Meldungen über getötete oder vernachlässigte Kinder. Der Staat kann sie nicht schützen, das können nur wir selber. Ein Plädoyer für mehr Mut zur Einmischung
Die Filmemacherin Margarethe von Trotta inszenierte kürzlich einen Tatort von eindringlicher Intensität. Es ging um ein Kind, das, von seinen Eltern vernachlässigt, fast verhungert und verdurstet wäre. Fast. Es wurde gerettet. In letzter Minute. Wie, das hat den Film zum Lehrstück gemacht in einer Debatte über die Frage, was und wie viel zusammenkommen muss, damit einem gefährdeten Kind geholfen werden kann. In Trottas Film war es ein neunjähriges Mädchen, das mit offenen Ohren und Augen durch die Straßen lief und die leisen Hilferufe des geschundenen Kindes hörte. Es war eine Kommissarin, die aufmerksam durch die Welt ging und Irritationen nicht wegwischte. Eine Jugendamtsleiterin, die unkonventionell ihre Vorschriften beiseiteließ. Und schließlich waren es Zufälle, wie nur ein Drehbuch sie erfinden und fügen kann.
In dem lauten politischen Getöse, das immer dann anhebt, wenn uns ein besonders grausamer Fall von Kindesverwahrlosung, Kindestötung oder Kindesmisshandlung bekannt wird, ist es hart und wohltuend zugleich, einen solchen Film zu sehen. Eine menschliche Geschichte, die Verantwortung nicht delegiert, die uns nicht den leichten Ausweg lässt in Forderungen nach neuen Gesetzen, besseren Kontrollen, mehr Geld. Eine Geschichte, die Mut macht. Mut zur Regelverletzung.
Denn fragt man sich, was am Ende, als letztes in der notwendigen Kette von passenden Gesetzen, gut ausgestatteten Ämtern, Notruftelefonen und all dem anderen formalen Kinderschutz fehlt, was nicht verordnet werden kann, dann ist es das: die Regelverletzung. Hilfe für ein schutzloses Kind heißt: an einer Tür zu klingeln und zu fragen, was los ist, wenn man Weinen hört oder wenn es laut zugeht. Hilfe anzubieten, wo sie nicht verlangt wird, Fragen zu stellen, wo vermeintlich kein Recht dazu besteht, einzugreifen, wo es einen scheinbar nichts angeht.
Sehen müssen wir genau dorthin, wo man sonst aus gutem Grund nicht hinsieht. Ins Private. Alle Fälle von Verwahrlosung, die meisten Fälle von Misshandlungen von Kindern, passieren in der Familie. Die Familie, der Ort, der Kindern höchsten Schutz und Geborgenheit bietet, kann für einzelne Kinder zu einem Ort höchster Gefahr werden. Gerade wenn Kinder klein sind, wenn sie Zuwendung dringend brauchen, sich nicht wehren können, sind sie am meisten gefährdet.
Wenn also Bundeskanzlerin Angela Merkel jetzt, nach den jüngsten, spektakulären Todesfällen, eine neue »Kultur des Hinsehens« verlangt, muss sie sich im Klaren sein, dass es genau darum geht: die Privatheit zu stören, diese Grenze zu überschreiten, die für unsere Gesellschaft, für unsere Vorstellung von Individualität so grundlegend ist. Den Schutzraum, die »eigenen vier Wände«, zu durchbrechen, wenn wir glauben, dass dahinter etwas Schlimmes geschieht, die Polizei zu verständigen oder das Jugendamt.
Und damit ist auch schon ein Teil der Antwort auf die Frage gegeben: Wie konnte so etwas geschehen? Wie kann ein Kind in der Nachbarwohnung verhungern, ohne dass jemand etwas merkt? Genau deshalb. Weil unsere Gesellschaft die Privatheit, die Wohnung, so umfassend schützt. Zu erwarten, dass dieser Schutz immer genau dort verletzt wird, wo es nottut, ist lebensfremd. Wer helfen will, muss die Grenze des Privaten überschreiten. Er muss das tun ohne Gewissheit, lediglich aufgrund einer Ahnung, einer Irritation. Es erfordert viel Mut, an einer Tür zu klingeln, hinter der ein Kind anhaltend schreit. Ein solches Handeln schließt die Möglichkeit des Irrtums ein. Eines möglicherweise peinlichen, konflikthaften Irrtums, wenn sich das Weinen als kindlicher Wutausbruch herausstellt. Doch auch das gehört zur Wahrheit: Ist ein Verbrechen an einem Kind geschehen, setzt es alle, die hätten helfen können, ins Unrecht. Jeder aber sollte sich vor einer Verurteilung prüfen und fragen: Was hätte ich getan?
Wer schützt die Kinder? Wir. Kein Staat kann das leisten. Das heißt jedoch nicht, dass der Staat keine Verantwortung hat. Wir wissen heute sehr viel über Ursachen von Kindesmisshandlungen. Jedenfalls über diejenigen, die regelmäßig auftreten. Sehr häufig geht Kindesmisshandlung einher mit Stress in den Familien, mit Armut, Alkoholmissbrauch und Drogenabhängigkeit. Viele dieser Risikofamilien sind bekannt. Dem Jugendamt, der Drogenberatung, dem Jobcenter. Sie leben gar nicht so sehr im Verborgenen, wie die spektakulären Fälle von misshandelten Kindern, die uns erschüttern, nahelegen. Vielleicht wäre also so etwas wie flächendeckende Vorsorgeuntersuchung für Kinder, wie sie jetzt vielstimmig gefordert wird, nicht nötig. Gleichwohl grenzt die Debatte darüber ans Lächerliche. Richtig ist zu überlegen, ob sie zweckmäßig ist. Nicht aber, ob eine verpflichtende Vorsorgeuntersuchung einen unzumutbaren Eingriff in das Elternrecht darstellt. Kinder sind in unserem Land schwächer geschützt als Autos oder Schornsteine. Kein Mensch würde das Bundesverfassungsgericht anrufen, weil er den TÜV regelmäßig in sein Auto schauen lassen muss.
Die politisch Verantwortlichen in Deutschland wissen um all die Unzulänglichkeiten im staatlichen Kinderschutz. Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen spricht deshalb aus gutem Grund von einem »Netz der Hilfe«, das aufgebaut werden müsse. Ja. Sicher. Aber warum ist das nicht schon geschehen? Wer eine »Kultur des Hinsehens« verlangt und damit jeden Einzelnen meint, der muss auch sagen, wohin das Hinsehen führt. Der muss denjenigen, die bereit sind, die Augen offen zu halten, auch die Sicherheit geben, dass ihren Hinweisen professionell und kundig nachgegangen wird. Und dass Hilfe erfolgt, wenn Hilfe nötig ist.
Hilfe hätte der kleine Kevin aus Bremen gebraucht. Hilfe hätte auch Lea-Sophie gebraucht, die in Schwerin verhungerte. Hilfe hätte auch jene Mutter in Plön gebraucht, die allem Anschein nach ihre fünf Söhne umgebracht hat. Doch jede dieser Familien brauchte eben eine ganz eigene, individuelle Hilfe. Kevin hätte in ein Heim gemusst. Das Dogma, Kinder so lange es eben geht, in der Familie zu belassen, die Familie immer als den besseren Ort für Kinder zu sehen, ist falsch. Lea-Sophies Eltern hätte vielleicht der regelmäßige Besuch einer Sozialarbeiterin geholfen. Ob man der psychisch kranken Mutter in Plön wirklich hätte helfen können, wird niemand mit Sicherheit sagen können. Sie wurde betreut, vielleicht nicht intensiv genug?
Die Beispiele sollen zeigen, wo staatliches Handeln Gefahr läuft zu versagen: bei der individuellen Not. Dort, wo das Schlimme einen Namen trägt, eine Adresse hat und eine Geschichte. Tragödien entziehen sich der Regelhaftigkeit. Jeder Versuch, sie in Kategorien fassen zu wollen und damit beherrschbar zu machen, muss scheitern. Unsere Gesetze können die Anarchie persönlicher Dramen nicht erfassen. Regeln rechnen mit dem Üblichen, dem Durchschnittlichen. Die dunkelsten Seiten, die Abgründe erreichen sie nicht.
Wer schützt die Kinder? Auch der Staat und die Politiker. Aber nicht diejenigen, die jetzt schnelle Lösungen wissen. Wenn nun Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt fordert, drogenabhängigen oder psychisch kranken Eltern die Kinder wegzunehmen, so ist das blanker, gefährlicher Unsinn. Daraus spricht eine nicht zu überbietende Ratlosigkeit. Für den Staat muss die »Kultur des Hinsehens«, für die die Kanzlerin plädiert, heißen, den individuellen Fall zu sehen, den einzelnen Menschen, das persönliche Problem. »Hinsehen« heißt für ein Amt, für eine Behörde, zu erkennen, was gebraucht wird, jenseits von Verordnungen, Paragrafen und der jeweiligen Kassenlage. Und da kann es in einem Fall richtig sein, einem Drogenabhängigen sein Kind zu lassen, und in einem anderen kann es die falsche Entscheidung sein. Es kann richtig sein, einer psychisch Kranken das Kind zu nehmen. Es kann aber in einem anderen Fall richtig sein, sie gut zu betreuen und ihr und dem Kind die Möglichkeit zu geben, sich zu entwickeln und zu wachsen. Also müssen in den Ämtern gut ausgebildete, wache Mitarbeiter sitzen, die Zeit und Geld haben, das jeweils Richtige herauszufinden. Erforderlich sind Gesetze und Regeln, die Handlungsspielraum lassen.
Und wenn all das getan ist, wenn alle aufpassen, wenn der Staat hilft, die Gesetze gemacht sind – wer schützt dann unsere Kinder? Nichts und niemand. Es gibt keine Garantie. Es gibt nur das Leben.
- Datum 17.12.2007 - 11:02 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 13.12.2007 Nr. 51
- Kommentare 20
- Empfehlen E-Mail verschicken | Bookmarks
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:









„»Hinsehen« heißt für ein Amt, für eine Behörde, zu erkennen, was gebraucht wird, jenseits von Verordnungen, Paragrafen und der jeweiligen Kassenlage...“Schön geschrieben, dazu http://www.zeit.de/2007/51/Interview-Urban-Stahl , die (offensichtliche) Realität.Das Interview weist sehr gut darauf hin, wie in Deutschland Politik gemacht wird. Lippenbekenntnisse, die man sogar in Gesetze gießt und sich dann feiern lässt. Unterlaufen wird das dann mit „rechtlich fragwürdigen Dienstanweisungen“, Durchführungsverordnungen usw. Nicht nur im Bereich des Jugendschutzes wie in o.g. Interview benannt. Damit werden die Dinge nicht mehr zum „Politikum“, sondern sind nur noch „bedauerliche Einzelfälle“, Problem kostengünstig gelöst.Zu dem grundsätzlichen Apell ans „Hinsehen“ ist ja eigentlich nichts mehr hinzuzufügen und ich kann nur sagen, gottseidank (!) entwickelt sich langsam in den letzten Jahren ein Bewusstsein, dass die Familie kein rechtsfreier Raum ist, den „niemand was angeht“.Aber wir sollten uns keinen Illusionen hingeben. Es existiert noch immer eine gewisse Kultur a la „ein Klaps hat noch niemandem geschadet“ oder „ich habe als Kind auch furchtbar Dresche bekommen und bin ein lustiger Kerl geworden“.
"Aber wir sollten uns keinen Illusionen hingeben. Es existiert noch
immer eine gewisse Kultur a la „ein Klaps hat noch niemandem geschadet“
oder „ich habe als Kind auch furchtbar Dresche bekommen und bin ein
lustiger Kerl geworden“."Und sie haben die Menschheit soweit durchstiegen das sie absolut und in jeder Hinsicht wissen, dass dies Falsch sei?Mal ernsthaft - „ein Klaps hat noch niemandem geschadet“ - hat wirklich bisher ein paar tausend jahre gut funktioniert und wird erst nun seit ca. 30 Jahren in einem immer mehr an Kinder verarmenden Kulturkreis von Menschen propagiert, die einem ganz bestimmten Menschnbild anhängen. Einem, das sagt, dass der Mensch "Gut sei und werde", wenn man ihn nu nicht in seiner natürlichen Entwicklung hemmen würde - und dies ist bei zu vielen "Ergebnissen" dieses prädagogikansatzes mehr als fragwürdig."Zu dem grundsätzlichen Apell ans „Hinsehen“ ist ja eigentlich nichts
mehr hinzuzufügen und ich kann nur sagen, gottseidank (!) entwickelt
sich langsam in den letzten Jahren ein Bewusstsein, dass die Familie
kein rechtsfreier Raum ist, den „niemand was angeht“."Einerseits will niemand die in den medien popularisierten Einzelfälle haben, sie sind schrecklich und da passiert durchaus einiges, was auch nicht publik wird und durchaus als ablehnungswürdige Vorstufen gezählt werden kann. Wir benötigen darum durchaus aufmerksame Menschen, z. b. Lehrer, die darauf achten, ob ihre Zöglinge nicht misshandelt oder vernachlässigt werden.Die "Familie" aber ist ein "Raum, den niemand etwas angeht" bis zu einem gewissen Grade - die immer stärker werdende erwache Kontroll- und Spitzelmentalität ist auch in diesen Bereich hochgefährlich - nicht nur in der Datensicherung, Überwachung, Kinderschutz in den Medien usw... - Es geht nicht an, dass versucht wird alles über Staat und Behörde zu regulieren und zu überwachen - auch bei Familien nicht.Und das wichtigste , was Kinder benötigen, Liebe , Zuneigung und Geborgenheit können sie nicht per Staat verordnen - was sie können, ist da negativ eingreifen, z. B. wenn sie meinen die Eltern anzeigen zu müssen, weil diese ihrem Kind wegen irgendetwas eine Ohrfeige verpasst haben. Machen sie das ein paarmal, erzeugen sie ein Klima, in denen Eltern Angst haben das fehlverhalten ihrer Kinder zu bestrafen, und sie werden genau das bekommen: noch mehr Eltern die Gleichgültig gegenüber dem Verhalten ihrer Kinder.
Eine Bundeskanzlerin kann mit diesen schönen Worten Sympathiepunkte ernten, ohne dass es etwas kostet. Ansonsten ist nicht nur ihre Politik sondern auch die des Vorgängers entgegengesetzten Zielen gewidmet: Die fort dauernde Politik in Richtung Wettbewerb und freiem globalen Markt bewirkt eine Entsolidarisierung der Gesellschaft, die zB in diesen Familiendesastern mündet. Sind Familien (hier Eltern) doch besonders im Kampf um Marktplätze strategisch benachteiligt, weil sie z.B. unflexibel (räumlich und zeitlich) am Arbeitsplatz im Vergleich zur kinderlosen Konkurrenz sind. Eltern sind auch nach der Arbeit durch eben die Kinder stark belastet (z.B. wg Wäsche waschen, Hausaufgaben betreuen). Eltern geben daher ein prächttiges Ziel, mit dem Finger auf sie zu zeigen. Anders rum streicht die Politik das Kindergeld der Eltern, die bereits Kinder haben, um es für Krippenplätze herzugeben (Glanzstück, Frau von der Leyen!). Damit kann man auch prima punkten, bezahlen tun es ja die Eltern, auf die ja nicht nur mit dem Finger leicht zu zeigen ist, die auch sonst keine Lobby haben. Aber so bleibt's ja in der Familie. Drum weiter so, Frau Kanzlerin: Nicht schauen, nicht hören, ...
„Und sie haben die Menschheit soweit durchstiegen das sie absolut und in jeder Hinsicht wissen, dass dies Falsch sei?“
Ja, habe ich! Das sind doch die Sprüche, „niemanden“ wird gesagt und das ist einfach falsch und unglaublich unverfroren zynisch gegenüber jedem Kind, dass dann leider doch einen Schaden davongetragen hat! Klartext!
Ich akzeptiere lediglich, dass nicht jedes Kind, das mal einen „Klaps“ erhält, zwangsläufig auch für alle Zeiten geschädigt ist.
Aber wissen Sie so genau, dass es dann immer bei einem „Klaps“ bleibt? Meine Ahnungen und Befürchtungen sind da anders.Erwachsene – so empfinde ich es oft – haben ein großes Defizit, sich in die Erfahrungs- und Vorstellungswelt eines Kindes hineinzuversetzen. Was für den Erwachsenen „ach, das war doch nur ein harmloser Klaps!“ ist, kann für das Kind der „gewaltige Donner“ sein.
Und zu Ihrem letzten Absatz, geehrter Zagreus, kann ich nur höchst sarkastisch sagen: gut so! wenn meine Anzeigen dazu führen, dass Eltern eine Gleichgültigkeit entwickeln, nicht ständig jedes „Fehlverhalten“ ihrer Kinder zu bestrafen, soll es mir recht sein! Ich wette, die meisten Misshandlungen lassen sich auf „Fehlverhalten“ von Kindern zurückführen.
Liebe, Zuneigung und Geborgenheit kann man überhaupt nicht verordnen. Auch nicht Menschen, die Eltern geworden sind und die aus welchen Gründen auch immer nicht in der Lage sind, dies ihren Kindern zu gewähren. Soll vorkommen! Niemand verlangt das im Übrigen vom Staat. Aber die Rahmenbedingungen zu schaffen, dass auch diese Kinder eine „Lobby“ haben, die wenigstens versucht dafür zu sorgen, dass Kinder möglichst un-versehrt groß werden können.
Die Frage, die sich offenbar niemand stellt, nämlich warum Familien sozial und psychisch zusammenbrechen bleibt hier völlig ausgeklammert.
Mit Überwachung, Sozialstaat, etc. wird man diesem Problem nie beikommen. Schon eher mit einem Staat der Menschen zur Eigenverantwortung erzieht und Ihnen dazu auch die Autonomie läßt.
Die aktuelle Bildungs- und Familienpolitik in Deutschland ist geprägt von der Vorstellung möglichst billig auszubilden und noch mehr Geld aus den Familien rauszuquetschen. Da sind Erziehungs-, Kindergeld und "Geburtsprämien" nur "Köder" auf einen heißen Stein.
Wer zwar Kinder will, aber das staatliche Spiel nicht mitspielen, der wird gnadenlos verfolgt, drangsaliert, ausgegrenzt finanziell ausgequetscht oder kriminalisiert.
Berthold Grabe
Was immer noch nicht "politisch korrekt" ausgesprochen werden darf: Problemfamilien gehören zu 95% einer bestimmen Sozialschicht an. Leider ist es genau diese Sozialschicht, die die höchste Geburtenrate aufweist. Genauer: eine etwa doppelt so hohe wie der Rest der Bevölkerung. Und das seit Jahrzehnten. Das ist kein Zufall. Je stärker jemand seinen Lebensunterhalt durch Transfereinkommen finanziert, etwa Hartz IV, desto weniger kostet ihn ein Kind: es finanziert sich selbst, benauer: es wird durch die Solidargemeinschaft finanziert, und zwar durch Zahlungen an Eltern, deren Fähigkeiten im Umgang mit Geld oft gleich Null sind. Durchaus ohne böse Absicht erhöht das für die Kinder gedachte Geld häufig deren Lebensstandard: man leistet sich mehr Fluppen bis zum 20. des Monats, danach ist leider wieder Ebbe in der Kasse, und es darbt jetzt halt noch ein Kind mehr mit. Doch damit nicht genug: die zusätzlichen Kosten des Kindes werden nämlich sogar überkompensiert. Über den Sockelbeitrag beim Elterngeld, und insbesondere über den "Alleinerziehendenzuschlag" bei HartzIV (Sie glauben ja nicht, wie viele "Alleinerziehende" aus der Statistik verschwänden, wenn es diesen Zuschlag nicht mehr gäbe und wenn bei zusammenlebenden Paaren der Partner keinen Abschlag in Kauf nehmen müßte!). Für Eltern in prekären Verhältnissen sind das kleine Vermögen.Ein kleines Kind hat außerdem für Frauen, den unschätzbaren Vorteil, von den Zwangsmitteln der modernen Sozialbürokratie (Arbeitszwang! Igitt!) verschont zu bleiben. Noch ein bisserl schwarz nebenbei gearbeitet, und schon lebt es sich nicht schlecht. Junge Mädchen machen sich außerdem mit einem Schlag von ihren eigenen Eltern unabhängig: jetzt muß der Staat ihnen eine eigene Wohnung zahlen. Fazit: so wie es kein Zufall ist, das in den Mittelschichten immer weniger Kinder zur Welt kommen -- weil sie für die Eltern nicht nur eine gewaltige wirtschaftliche Belastung, sondern auch ein immenses Risiko bedeuten -- so ist es kein Zufall, daß in den Unterschichten die Kinderzahlen stabil sind. Solange es dabei bleibt, wird keine Reparaturmaßnahme - so nötig und sinnvoll sie auch wäre - mehr erreichen, als die ständige Verschlechterung der Verhältnisse zu verlangsamen.Als da wären: Investition und Strukturmaßnahmen in Bildung, Jugendämter und Jugendgerichtsbarkeit.
die forderung nach mehr 'hinsehen' ist eine bemwerkenswerte, aber keineswegs neue forderung - neu ist allerdings das, wofür sie steht. die nun geforderte blockwartmentalität gab es schon bei den nazis und auch das stasisystem im osten hatte ihre leute, die 'augen und ohren offenhielten, ob auch alles seine ordnung hat'.es ist bemerkenswert, mit welcher blauäugigen dummheit hier zum vermeindlichen wohl von kindern - recht leicht allein als vorwand erkennbar - gefordert wird, dass sich die menschen gegenseitig bespitzeln und denunzieren, polizisten ihre befugnisse überschreiten, ämter bar jedweder gesetzlicher grundlage kontrollieren und drangsalieren und so der überwachungsstaat wieder ein stück näher rückt. man könnte fast meinen, frau fehrle schulde herrn schäuble einen gefallen. nachdem nun die künstlich geschürte panikmache vor den allgegenwärtigen islamisten abklingt, müssen jetzt halt die kinder als grund herhalten.aber - glaubt den wirklich jemand, dass kindesmisshandlung und verwahrlosung wirklich verschwinden, wenn ihre missgünstiger nachbar, dem die farbe ihres zaunes nicht gefällt, sie künftig beim jugendamt denunziert, um ihnen eines auszuwischen? wenn ihr untermieter sonntag morgen gegen ihre tür tritt und zu wissen verlangt, warum ihr kind heult und es nicht endlich seine dritte tafel schokolade vor dem fürhstück bekommt? wenn jugendamtsmitarbeiter zwar die bearbeitung von akten und anträgen wochen- und monatelang verbummeln, aber dafür von ihnen verlangen, mittwoch vormittag zu hause anstatt auf arbeit zu sein, um zu klären, was ihr kind isst? wird das den kindern wirklich helfen?der artikel stellt doch in einem ausnahmefall geistiger klarheit fest, dass nicht etwa mangelnde kontrollen zum leid dieser kinder führen, sondern armut und arbeitslosigkeit. doch fordert jemand dort abhilfe? natürlich nicht. das würde ja auch der politik ihr versagen vorhalten und der industrie ihre gier - doch das darf nicht sein ... zumal es als grund, den schäubleschen überwachungsstaat zu errichten, nichts taugt. wollen politik und ämter den kindern denn wirklich helfen? kaum - sie wollen einen grund für mehr steuergelder, mehr überwachung und mehr rechte, ihre privatspähre zu unterminieren ... aber doch kein kind retten. vielmehr sind sie doch darauf angewiesen, dass es immer wieder zu fällen von verwahrlosung kommt, um weitere forderungen stellen zu können. daran, die ursachen dafür zu bekämpfen - armut, arbeitslosigkeit, fehlende bildung und soziale kompetenz und eine perspektive für die zukunft - sind sie nicht im geringsten interessiert.
die Problematik ist ohne Zweifel gegeben, dass Personen, die ihr Leben selbst nicht in den Griff bekommen bzw. in der Lage sind es eigenverantwortlich zu gestalten, in diesem Land die meisten Kinder bekommen, alimentiert von jenen Eltern, die sich ein Bein ausreißen, um Beruf, Haushalt und Familie unter einen Hut zu bekommen. Habe selber im Bekanntenkreis solche Frauen, die es vorziehen, rechtzeitig vor dem dritten Geburtstag ihres Kindes erneut schwanger zu werden, um der Arbeit zu entgehen. Die immer größere finanzielle Alimentierung dieses "Kindersegens" ohne gleichzeitige Bedingungen an die Eltern bzw. deren Kontrolle, führt mit Sicherheit nicht selbstverständlich zum größeren Wohle des Kindes, sondern landet allzuoft in elterlichen Anschaffungen, die dem Kind nichts nützen. Das geplante Betreuungsgeld ist der verschärfte Wahnsinn in diesem Zusammenhang. Gerade Kinder, die von einem Krippenplatz profitieren würden, werden so zu Hause behalten, um das Geld zu kassieren. Diese logische Folge ist jetzt schon absehbar und daher handelt es sich bei dieser politischen Forderung um absolut realitätsfernes und lediglich populistisches Handeln.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren