Österreich Der Handel mit dem Herrn

Die Nachfrage sinkt, das Angebot steigt: Globalisierung und Kommerz machen auch vor dem Geschäft mit Hostien nicht halt. Klosterbäckereien hoffen auf die Kraft ihres Glaubens.

Wenn die Maschine rattert, muss sogar die ansonst ruhevolle Schwester Agnes ihre Stimme ein wenig erheben. »Das Gerät ist 27 Jahre alt und leistet uns noch immer gute Dienste«, sagt die 54-jährige Karmelitin. Die Backmaschine, an der sie hantiert, hat beinahe die Größe eines Kleinwagens. Sie zischt und faucht, während Schwester Agnes erklärt, wie das, was einmal in den Leib Christi verwandelt werden soll, hergestellt wird.

Sie sitzt auf einem kleinen Bürostuhl direkt vor der Maschine. Mit Handschuhen nimmt die Schwester die Hostien-Platten von den 200 Grad heißen Waffeleisen, die sich langsam durch den Backautomaten drehen, und streicht die hängen gebliebenen Reste mit einem Pinsel ab. Auf manchen Platten sind kleine Kreuze eingraviert – aus ihnen werden die etwa drei Zentimeter großen Laienhostien gestanzt, die bei der Kommunion verteilt werden. Auf anderen Platten findet sich das aus P und X zusammengesetzte Pax-Symbol. Daraus werden die deutlich größeren Priester- und Konzelebrationshostien.

Deutsche Bäckereien bieten bereits Hostien zum Selberstanzen

Schon seit Jahrzehnten betreiben die Schwestern des Wiener Karmelitinnen-Klosters Sankt Josef am Rande des Lainzer Tiergartens eine Hostienbäckerei, die zum Auskommen ihres Konvents beiträgt. An Produktionstagen backen die zehn Schwestern von acht Uhr morgens bis sieben Uhr abends. Gerade jetzt, im Advent, in dem die vorweihnachtliche Nachfrage steigt, setzen die Karmelitinnen genau wie zur Fastenzeit, der zweiten Hochsaision im Hostiengeschäft, die Produktion aber aus – sie haben ihre Maschine nur kurz zur Demonstration gestartet. In diesen heiligen Monaten soll jede Schwester siebenmal täglich Andacht zu üben, anstatt stundenlang an der lauten Maschine zu sitzen. Daher haben die Schwestern vorgebacken. Im Nebenzimmer stapelt sich der Vorrat in schmucklosen Kartons. Die Hostien werden in den nächsten Tagen händisch auf Luftlöcher, Ausfransungen oder sonstige Schönheitsfehler untersucht, verpackt und versandt.

Das Hostiengeschäft lief schon besser: Die Gläubigen werden weniger, Pfarren zusammengelegt, Messen nur mehr wöchentlich statt täglich gelesen. »Immer mehr Klöster geben ihre Bäckereien auf«, sagt Schwester Ancilla, die 54-jährige Priorin. »Dadurch bekommen wir wieder neue Kunden. Es hält sich also die Waage, unsere Nachfrage bleibt konstant.« Fünf Millionen Hostien produziert das Kloster pro Jahr. Tausend Stück Laienhostien kosten hier 15,50 Euro: dieser Richtpreis wird den Wiener Hostienbäckereien von der Erzdiözese empfohlen.

Allein: Die Konkurrenz im Hostiengeschäft wird härter. Weltliche Betriebe steigen in den Markt ein. In der Wiener Wollzeile im ersten Bezirk etwa verkauft ein Kirchenbedarfshändler Hostien eines deutschen Großhändlers. Sie stammen aus einer bayerischen Fabrik, die an einem Tag bis zu zehn Millionen Oblaten für verschiedene Zwecke herstellt: An großen Maschinen, in Fließbandarbeit, mit vergleichsweise wenig Personaleinsatz. Noch werden nur etwa 120.000 Stück nach Österreich exportiert – allerdings zu Preisen, mit denen die Schwestern nicht mithalten können: Tausend Hostien kosten nur 8,40 Euro.

Es liegt im Ermessen der Pfarren, woher sie ihre Hostien beziehen. In Wien unterhält die Erzdiözese eine Materialstelle, bei der die Priester direkt Kirchenbedarf und Hostien erhalten – die sakralen Oblaten stammen hier aus der Bäckerei der Herz-Jesu-Pfarre in Mödling. Seit 1927 wird dort gebacken, inzwischen mit weltlichen Angestellten. Die vier Bäckerinnen setzen jährlich sieben Millionen Hostien ab. Vor wenigen Jahren waren es noch neun Millionen. »Die goldenen Zeiten sind vorbei«, sagt Brigitta Vasak, die Betriebsleiterin. »Ich kenne Gemeinden, in denen der Pfarrgemeinderat Druck macht, billigere Hostien zu kaufen«, erzählt Vasak. »Diese Dumpingpreise könnten uns das Genick brechen.« Auch Martin Sindelar, Liturgiereferent der Erzdiözese Wien, meint: »Es sollte schon um mehr gehen als den bloßen Preis.« Wer nämlich die Hostien im Kloster oder in einer Pfarr-Bäckerei kaufe, trage zur »geistigen Umwegrentabilität im besten Sinne« bei: »Die Schwestern beten für uns, und wir ermöglichen ihnen das Gebet, indem wir sie finanziell unterstützen.«

Ein Gedankengang, den auch Prieser mit Migrationshintergrund kennen. Zum Leidwesen der heimischen Hersteller. Seit Jahren sinkt die Anzahl österreichischer Männer, die ihr Leben in den Dienst des Herrn stellen wollen. Die zugewanderten Pfarrer aus den östlichen Nachbarländern fühlen sich oft mit Klöstern in ihrer Heimat verbunden und beziehen auch die Sakraments-Utensilien von dort. »Das sind zwar deshalb keine bösen Hostien«, sagt Sindelar. »Aber es tut ein bisschen weh. Denn die Priester feiern schließlich mit Leuten, die hier leben und nicht in Polen.«

Insgesamt werden in Österreich im Jahr etwa 50 Millionen Hostien verzehrt – eine grobe Schätzung, denn die Kirchen führen keine Aufzeichnungen. Auch die genaue Anzahl der Hostienbäckereien ist nicht bekannt. Es ist ein Geschäft, das nicht marktschreierisch beworben wird. »Wir wollen den anderen Klöstern nicht die Kunden wegnehmen«, sagt Schwester Agnes. Doch manchmal siege auch die Neugier: »Einmal haben wir Werkspionage gemacht«, erzählt die Schwester lachend. In einem weltlichen Kirchenshop habe sie – quasi anonym – nach Hostien gefragt. »Aber die waren sehr verschwiegen und haben uns nicht einmal den Preis gesagt.« Den künftigen Leib Christi zur Ansicht herzeigen? Ihn intensiv bewerben oder gar eine Probeverkostung zulassen? Ein Tabu.

Ganz anders in Deutschland, wo der Hostienmarkt nach einem Bericht von Spiegel Online von Billiganbietern regelrecht »überschwemmt« werde. Auf einschlägigen Websites wie www.hostie.de bewerben Newcomer ihre spottbilligen Produkte und verdrängen so die Klöster vom Markt. Viele produzieren vollautomatisch, expandieren mit der überschüssigen Produktion nach Sibirien und Indien und bieten zusammen mit dem künftigen Leib Christi gleich auch ein wenig Lifestyle an: Hostien-Knabbertüten für Erstkommunionskinder, CDs und DVDs als Merchandising und ausgiebige Führungen durch die Bäckereien, bei denen Interessierte ihre Hostien gleich selbst stanzen und mit nach Hause nehmen können.

Oblaten lösten das Weizenbrot ab: Der Leib Christi soll nicht bröseln

Im Vergleich dazu ist Österreich eine Insel der Seligen. Dennoch versucht die Kirche, das Qualitätsbewusstsein der Priester zu schärfen. Vor wenigen Jahren begannen die Schwestern in Sankt Josef einen kleinen Teil der Produktion auf Bio umzustellen. Die Idee zu den Bio-Hostien stammt vom Waldviertler Abt Joachim Angerer. »Man kann dem Herrn Jesus doch nicht zumuten, in ein Brot gezwungen zu werden, das durch synthetische Pflanzenschutzmittel verfälscht ist«, hatte Angerer sein Engagement begründet. Schwester Agnes lächelt darüber milde. »Wir wollen Abstand nehmen von dieser Aussage. Uns geht es vor allem um die Unterstützung der lokalen Bauern«, sagt sie diplomatisch. »Schließlich hat Jesus mit den Sündern gegessen.« Man könne ihm also sehr wohl zumuten, in ein Brot einzufahren, das nicht nach den strengen Biovorschriften hergestellt ist.

Unterstützung für das sanfte Hostiengeschäft ohne marktschreierische Werbung und vollautomatische Produktion kommt auch aus dem Vatikan. Zwar schreibt das kirchliche Gesetzbuch Codex Iuris Canonici von 1983 im Canon 924 Paragraf 2 lediglich die zulässigen Bestandteile von Hostien vor: Wasser und ungesäuertes Weizenmehl. Im Jahr 2005 folgte jedoch eine offizielle Instruktion über das wichtigste Sakramentszubehör des katholischen Glaubens. Demnach sollen sich die Hostienbäcker durch »Rechtschaffenheit« und »Erfahrung« auszeichnen: eine indirekte Aufforderung, bei traditionellen, kirchlichen Bäckereien einzukaufen.

Die Schwestern sehen die Konkurrenz daher gelassen. »Es ist verständlich, dass sich weltliche Betriebe hier eine Marktlücke suchen. Die wollen ja auch bloß leben.« Außerdem habe die Globalisierung ihres frommen Geschäftes auch positive Aspekte: So habe sich kürzlich eine Pfarre aus Sopron nach speziellen Brothostien erkundigt, die sich in Ungarn noch nicht durchgesetzt haben. Sie werden heißer gebacken und erhalten dadurch eine bräunliche Farbe, die näher am wirklichen Brot liegt als das strahlende Weiß der herkömmlichen Oblaten. Schließlich sollen Hostien das ungesäuerte Weizenbrot des jüdischen Pessach-Festes symbolisieren, das Jesus – nach christlicher Überlieferung – beim letzten Abendmahl brach. Danach sprach er zu seinen Jüngern die berühmten Worte: »Dies ist mein Leib.« Bis zum Mittelalter verwendeten die Kirchen noch echtes Weizenbrot. Der Nachteil: Es bröselt. Der Leib Christi soll aber nicht in winzigen Teilen auf den Boden krümeln.

Direkt nach dem Backen sind auch die modernen Hostienplatten noch hart und neigen zum Splittern. Sie kommen zunächst in einen Feuchtraum, wo sie einige Tage aufgeweicht werden. Dann beginnt das Ausstechen, bei den Karmelitinnen Bohren genannt. Dazu setzt sich Schwester Ancilla an eine große Werkbank. Sie stapelt 40 Hostienplatten übereinander, spannt sie in einen Holzrahmen und beginnt mit dem Ausstechen. Der »Bohrer«, den sie mit einem Fußpedal herabdrückt, erinnert an ein Gerät in einer Tischlerwerkstatt. Der Bruch, der beim Bohren übrig bleibt, wird »zum Üben« für den Erstkommunionsunterricht verwendet oder – ganz profan – an Nutztiere der umliegenden Bauernhöfe verfüttert.

»Selbst wenn die Maschine kracht und wenn wegen der Hitze der Ventilator läuft, ist es für uns eine meditative, betende Tätigkeit«, erklärt Schwester Agnes. Dadurch seien die Hostien von besonderem Wert. Beten auch die weltlichen Angestellten in Mödling während des Backens? »Das glaube ich nicht«, sagt Betriebsleiterin Vasak. »Aber ins Meditieren kommt man bei einer Sechsstundenschicht automatisch. Auch wir wissen genau, dass das, was wir hier backen, später einmal der Herr sein wird.«

Dieser Artikel wurde für die wöchentliche Österreich-Ausgabe der ZEIT geschrieben

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 13.12.2007 Nr. 51
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    • Schlagworte Religion
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