DIE ZEIT: Hätten bessere Hilfen die Fälle von Kindesmisshandlung oder Kindestötung in Darry und Plauen verhindert?

Ulrike Urban-Stahl: Dazu müsste man Einzelfallprüfungen vornehmen. Grundsätzlich aber befindet sich die Kinder- und Jugendhilfe in Deutschland in einem Dilemma: Zum einen wirft man ihr vor, zu teuer zu sein; es gibt sehr weitgehende Sparvorgaben. Die Mitarbeiter in den Jugendämtern stehen unter dem hohen Druck, weniger kostenintensive oder am besten gar keine Leistungen zu bewilligen. Zum anderen gibt es anlässlich dieser furchtbaren Fälle von Kindesvernachlässigung und Kindestötung einen großen Druck auf die Jugendämter, doch bitte hart durchzugreifen, viele Hilfen zu bewilligen.

ZEIT: Hat der Hilfebedarf zugenommen?

Urban-Stahl: Eltern müssen heute viele Anforderungen erfüllen; sie müssen zusehen, dass sie ihren Arbeitsplatz behalten; sie sollen ihre Kinder möglichst gut fördern. Wir haben rasante gesellschaftliche Entwicklungen. Kurzum, es gibt eine Vielzahl von Drucksituationen für Familien. Sie brauchen Unterstützung. Dabei hat Jugendhilfe nicht nur die Aufgabe, gefährdete Kinder zu unterstützen, sie möchte eigentlich Hilfen bieten für Menschen in Problemlagen, damit es zu solchen Eskalationen gar nicht erst kommt.

ZEIT: Sie sagen »eigentlich«. Heißt das, in der Praxis bleibt die Hilfe oft aus oder erfolgt zu spät?

Urban-Stahl: Man kann schon sagen, die Einsparungen führen dazu, dass Hilfen zu spät greifen oder dass Hilfen in zu geringem Umfang bewilligt werden oder dass zu wenig intensive Hilfen gewährt werden.

ZEIT: Statt teurer Heimunterbringung muss also beispielsweise eine einfachere ambulante Hilfe reichen?