Draußen wütet der Konsumterror, drinnen sitzt der Rezensent und blättert in einem neuen Büchlein. Plötzlich geschieht Wunderliches. Er greift zu Mutters verstaubter Lutherbibel aus dem Jahr 1935, betrachtet die Fotografien im Anhang (»Jerusalem von Nordost, Deutsches Fliegerbild vom 10. Okt. 1916«) und liest den ersten Brief des Apostels Paulus an die Korinther: »Wenn ich mit Menschen- und mit Engelszungen redete, und hätte der Liebe nicht, so wäre ich ein tönend Erz oder eine klingende Schelle.«

Es ist ein Kreuz! Da hat man sich mit seiner protestantischen Frühgeschichte halbwegs arrangiert und den lieben Gott einen guten Mann sein lassen. Und schon stellt einem Alois Prinz mit Paulus (vormals Saulus) einen Apostel vor, der ganz anders gelebt zu haben scheint als jene ersten Nachfolger Jesu, die man in seiner Vorstellung als »Superapostel« in die Schublade gesteckt hat. Paulus’ (mögliche) Geschichte geht einem nahe, obwohl der Wanderprediger (etwa 8 bis 62 nach Christus) unter Umständen gelebt haben dürfte, bei denen einem saturierten Zeitgenossen des Jahres 2007 nach Christus nur die Haare zu Berge stehen. Ein eigenartiges Phänomen: Man wird von dieser Lebensgeschichte gefesselt, trotz der Tatsache, dass auf fast jeder Seite der Biografie ein »vielleicht« steht und ein Konjunktiv noch dazu – ganz anders als in Alois Prinz’ Büchern über Ulrike Meinhof, Hannah Arendt oder Franz Kafka. Man wird gefesselt, weil der Autor die unterschiedlichsten Schattierungen eines Menschen beleuchtet, von dem man so gut wie keine Informationen besitzt.

Die Vielzahl von ungesicherten Lebensdaten und Ereignissen, die unübersehbare Menge auftretender Zeitgenossen, die zurechtgebogene Apostelgeschichte des Chronisten Lukas – das alles wird zweitrangig vor dem Hintergrund, dass wir es mit Paulus »wahrscheinlich« (Prinz) mit einem Apostel in der unmittelbaren Nachfolge Christi zu tun haben, der ein Außenseiter, ein Ausgestoßener war, ein Unangepasster, ein Aussteiger. Kein Wunder: Er könnte ein ewiger Zweifler gewesen sein – auch ein Selbstzweifler –, einer, der mit jeder Art selbstgerechter Institution des Glaubens aneinandergeraten musste, zuallererst mit dem traditionellen Judentum seiner Zeit, für das ein geschundenes, der Lächerlichkeit preisgegebenes, zum Tode verurteiltes Menschenkind wie Jesus von Nazareth niemals der erwartete Messias hätte sein können.

Paulus wird von Alois Prinz als ein zwiespältiger Mensch gezeichnet, aufbrausend auf der einen, sanftmütig auf der anderen Seite. Daran änderte auch sein »Damaskus-Erlebnis« nichts, das Paulus in jungen Jahren vom fanatischen Pharisäer und Christenverfolger zum konsequenten Vordenker des »Neuen Weges« machte. Sein radikal konsequentes Leben als Wanderprediger zwischen Palästina, Kleinasien und Griechenland bescherte ihm Ablehnung, Schmähungen, Folter, Gefängnis und Krankheiten. Aber gleichzeitig war er auch Begründer und Förderer von christlichen Gemeinschaften, die sich immer wieder aufs Neue zum Ziele setzten, einen Glauben aus der Liebe zum Menschen zu leben, aus freier Entscheidung und ohne äußeren Zwang – »Kirche von unten« würde man heute sagen. Und damit wird Paulus, wie ihn Chronist Alois Prinz einfühlsam beschreibt, zum Vorbild für alle Suchenden werden, »die im Lauf der Zeiten mit ihren Fragen nie an eine Ende gelangt, aber trotzdem wach geblieben sind.« (ab 14 Jahren) Siggi Seuß