Sie planschen in der Badewanne, kreischen laut, wenn sie mit Plastikautos spielen, und decken im bunten Pyjama den Tisch fürs Abendessen. Auf den ersten Blick wirkt der muntere Trubel zwischen dem wild am Boden verstreuten Spielzeug wie der Alltag in einer großer Familie. Aber es ist nicht eine Mutter, die ihre Kinder aus der Wanne hebt und abtrocknet. Nicht ein Vater, der sagt, es sei Zeit, um schlafen zu gehen. Die Kinderschar hat ein Zufall zusammengewürfelt. Nachdem die eigenen Eltern für sie zur Gefahr geworden sind, versuchen zwei Sozialpädagogen Ruhe und Geborgenheit in das Leben der insgesamt acht Kinder zu bringen, die im Krisenzentrum Längenfeldgasse in Wien-Meidling wohnen. An die hundert Kinder zwischen 2 und 15 Jahren finden hier pro Jahr in einem der vier Maisonettenzimmer für ein paar Wochen Zuflucht. Manchmal erst in letzter Minute.

Seit Monaten tauchen in den Medien immer neue Berichte und Bilder misshandelter Kinder auf. Sie sind grün und blau geprügelt worden, ihre kleinen Körper weisen Dutzende Knochenbrüche auf, sie wurden mit glühenden Zigaretten gequält oder sogar mit Bügeleisen verbrannt. Es sind Geschichten von Kindern, die auf Holzscheiten oder Eisenrohren knien mussten, von Kindern, die von ihren Eltern erschlagen, erstickt oder aus dem Fenster geworfen wurden. Viele Erziehungsberechtigte scheinen überfordert, und Krisenzentren verzeichnen einen verstärkten Zugang von »Klienten«. So heißen bedrohte Kinder im Fachjargon der psychologischen Betreuer. Doch steigt die Zahl der Misshandlungen tatsächlich in jenem signifikanten Ausmaß, das die Berichterstattung der vergangenen Wochen suggeriert?

Max Friedrich und Ernst Berger sagen: Nein. Friedrich, prominent geworden durch die Betreuung von Natascha Kampusch, leitet die Universitätsklinik für Psychiatrie des Kindes- und Jugendalters am Allgemeinen Krankenhaus in Wien und ein Ambulatorium für Kinder in Krisensituationen. Berger arbeitet als Facharzt für Kinderpsychiatrie am Neurologischen Zentrum Rosenhügel. Doch wie viele Kinder in Österreich misshandelt werden, weiß im Unterschied zu Deutschland (dort erfasste 2005 die Statistik des Bundeskriminalamtes 2905 Fälle) niemand: Es gibt weder konkrete Zahlen noch eine Dunkelziffer. Fest steht lediglich, dass im Jahr 2005 254 Personen wegen zum Teil schwerer Körperverletzung und zwei wegen Mord an Kindern verurteilt wurden.

Die Eltern sind überfordert, die Misshandlungen werden brutaler

Auch die Krankenhäuser, wie etwa das Wiener St. Anna Kinderspital, wo jene Kinder untersucht werden, die in den Krisenzentren der Magistratsabteilung 11 landen, wollen Misshandlungsfälle nicht beziffern. »Selbst ich weiß nicht, wie viele misshandelte Kinder meine Kollegen oder das St. Anna Kinderspital behandeln«, sagt Friedrich und bestätigt, dass auch unter Experten keine Daten ausgetauscht werden. Den Widerspruch zwischen der öffentlichen Wahrnehmung und der Erfahrung der Ärzte und Sozialarbeiter erklären Friedrich und Berger durch die zunehmende Sensibilisierung der Gesellschaft: Misshandlungen werden immer öfter entdeckt und angezeigt. Gleichzeitig würden sie aber immer brutaler, lieferten schockierende Bilder und blieben dadurch im Gedächtnis haften.

Die Motive, warum Eltern ihre Kinder misshandeln, klingen zunächst vor allem: banal. »Eltern schlagen entweder aus Sadismus oder aus Überforderung. Wobei letzteres Motiv eindeutig überwiegt«, sagt Max Friedrich. Sadistische Gewaltanwendung, meint Christine Tichy, die seit zehn Jahren das Krisenzentrum in der Längenfeldgasse leitet, sei ein überwiegend männliches Phänomen. Frauen würden eher aus Ohnmacht zuschlagen. »Väter argumentieren oft mit der Liebe zu ihren Kindern. Nach dem biblischen Motto: Wer seinen Sohn liebt, der züchtigt ihn.« Oft bekommen die Sozialpädagogen haarsträubende Rechtfertigungen gewalttätiger Eltern vorgesetzt. »Manche Väter sagen, sie wollten verhindern, dass ihr Kind drogensüchtig wird«, erzählt Tichy. »Aber welcher Sechsjährige nimmt denn schon Drogen?«

Gewalt gegen Kinder ist kein Unterschichtsphänomen, sondern sie zieht sich quer durch die Gesellschaft. Trotzdem kämen etwa 60 Prozent der misshandelten Kinder aus Unterschichtsfamilien oder aus der unteren Mittelschicht, sagt Tichy. Besonders problematisch seien Mittelschichtler, die mit massiven finanziellen Problemen zu kämpfen haben und krampfhaft versuchen, an ihrem Status festzuhalten: »Die sind sich oft zu gut, um Hilfe anzunehmen.«