Der Verlag hatte eine Unwetterwarnung ausgegeben. »Heftig wie ein Wintergewitter kommt Havemann über Berlin, über Deutschland«, so donnerte der Suhrkamp-Katalog. Jetzt krachte das Werk hernieder, elfhundert Seiten stark – nein: dick, »ein egoistisches, ein vollkommen egozentrisches Buch«, wie der Autor verspricht. Bereits dem Startkapitel genügen im Wesentlichen die Wörter »ich« und »Havemann«. »Alle kennen Havemann, keiner kennt Havemann. Ich schreibe auf, was ich weiß. Ich schreibe nur auf, was ich weiß. Ich schreibe aber auch meine Zweifel an dem auf, was ich weiß. Und ich weiß…« Und so weiter.

O Schicksal, wie bist du so hart! Nach hundert Seiten erwägt der Rezensent Republikflucht, entschließt sich aber durchzuhalten wie einst Robert Havemann, der Held von Grünheide, der Oberdissident der DDR. Havemann starb 1982. Sohn Florian, geboren 1952, vermutet: «Meine Zeit, sie kommt erst noch. Die Zeit, in der ich als Künstler, als Autor irgendeine Wirkung haben werde, sie bricht vielleicht grad erst an.«

Havemann ist ein unmögliches Buch. Es strotzt von Narzissmus, Hybris, Selbstgerechtigkeit. Stilistisch produziert dieser Autor Aquaplaning-Prosa. Was ihm durchs Hirn strömt, flutet ins Buch und schwemmt den Leser mit. Falls es je einen Lektor gab, so ist er beizeiten ertrunken. Die Gattung zu bestimmen, tut Havemann junior sich schwer. Autobiografie? Väter-und-Söhne-Geschichte? Letztlich nennt er’s »Familienroman«, auch wegen möglicher Klagen. Auf Faktenrecherche hat er weitgehend verzichtet und seine Wahrheitserfahrungen aufgeschrieben. Die enthalten auch Legenden und Hörensagen. Und doch und gerade wegen seiner Mängel ist Havemann ein außerordentliches Buch. Je länger man in der enthemmten Suada badet, desto stärker spürt man ihren Sog. Anhand der exponierten Familie H. lässt sich viel vom deutschen 20. Jahrhundert erzählen. Hans Havemann, Florians Großvater, war Gymnasiallehrer in Bielefeld, später Chefredakteur einer hannöverschen Zeitung. Er schrieb einige Dramen und veröffentlichte 1937 Das Bild des Menschen, eine pathetisch orgelnde Schrift über Mensch und All im Lichte einer Philosophie des Raumes. Hans H. zählte zu den »Märzgefallenen« von 1933, die sich nach Hitlers Machtantritt eilfertig den Nazis zugesellten. Genauso flink trat er nach dem Kriege der SED bei. Der Enkel ist bald fertig mit dem Opportunisten. Wie anders war Robert H. Der promovierte Chemiker wurde Kommunist. Er gründete die Widerstandsgruppe Europäische Union, die Juden versteckte und Zwangsarbeitern half. Die kleine Gruppierung flog auf. Im Dezember 1943 wurden Havemann und Genossen zum Tode verurteilt. Nur Havemann erlebte 1945 die Befreiung aus dem Zuchthaus Brandenburg, weil seine Hinrichtung wegen seiner kriegswichtigen Giftgasforschungen aufgeschoben worden war. In den Anfangsjahren der DDR diente der Professor Havemann als treuer Exekutor der SED-Macht und als Stasi-Informant. Später rückte er vom Stalinismus ab. Er propagierte ideologiefreie Wissenschaft und individuelle Menschenrechte. Die Partei schloss ihn aus und entzog ihm das Lehramt an der Berliner Humboldt-Universität. Fortan privatisierte er und publizierte im Westen, schikaniert vom Regime. Allmählich entstand der Ahnvater der DDR-Opposition, wie er in heutigen Geschichtsbüchern wohnt. Man lese etwa Robert Havemann oder Wie die DDR sich erledigte von Joachim Widmann und Katja Havemann, der Witwe: eine Chronik des Grünheider Hausarrests mit hagiografischen Zügen. Die Rollen sind gebührlich verteilt: drinnen Held H., umringt von seinen Jüngern Wolf Biermann, Jürgen Fuchs, Rainer Eppelmann et cetera, draußen vor der Tür die Welt der SED mit ihren Bütteln, die Havemann entnerven, brechen, zersetzen sollten. Havemann aber blieb getreu bis in den Tod – sich und seinen Idealen vom freiheitlichen Sozialismus.

So war’s ja, genauso dumm und repressiv. Bloß weniger heilig. Florian Havemann pinkelt nicht nur ans väterliche Denkmal, sondern erlegt den Vater mit der Mistforke. Er zeichnet ihn als verbummelten Bock und Kognakschwenker, der »nach seiner Entlassung aus der Humboldt-Universität in keinster Weise mehr wissenschaftlich gearbeitet hat«. Im Kopf des Lesers wird ein Charaktertausch provoziert. Wo eben noch der Denk-Märtyrer Robert H. Dialektik ohne Dogma und ähnliche Freiheitsprosa erschuf, hockt nun ein entspannter Süffler und dilettiert vor sich hin.

Wer Havemann liest, muss zweierlei für höchstes Glück erachten: kleinbürgerliche Herkunft und liebende Eltern. Beides blieb Florian versagt. Mutter Karin sei preußisch kalt und verlogen gewesen, überdies regimetreu, und habe nach der Scheidung selbst Familienangelegenheiten der Stasi zugetragen. Der Vater weiberte und setzte alle Hoffnungen auf Frank, Florians älteren Bruder. Frank musste ins Krankenhaus, der Vater besuchte ihn sofort. Florian lag dort wochenlang, der Vater kam nie.

Als Weihnachten kam, spielten sie das Selbstmordspiel