Roman Lichter in der Nacht
Der dänische Schriftsteller, Psychoanalytiker und Hubert-Fichte-Preisträger Peer Hultberg hat einen erstaunlichen, bewegenden Roman geschrieben.
Seltsam, der Sog dieses Romans, er zieht den Leser hinein in eine Geschichte, von der er vielleicht gar nichts wissen will, zumal sie am Anfang unerfreulich trübe wirkt, nach und nach dann ihre ganze Traurigkeit (was nicht dasselbe ist wie trübe) entfaltet und erst am Ende Hoffnungslichter der Liebe und Zuwendung entzündet, aber davon kann man nichts wissen, wenn man zu lesen beginnt und in diesen Sog gerät, der einen nicht loslässt und damit zu tun hat, dass es kein Außerhalb gibt, nur den Innenraum vier verschiedener Personen, eines Vaters und seiner drei erwachsenen Kinder, die man Familie kaum nennen kann, denn sie haben wenig mehr miteinander zu tun, haben ihr eigenes äußerlich gut situiertes, in Wahrheit sorgenvolles oder zerrissenes oder kaputtes Leben, gehen einander aus dem Weg, und erst auf der letzten Seite, nach dieser langen Sommernacht, in der das alles passiert, begegnen sich zufällig Bruder und Schwester, beide an einem Tiefpunkt angekommen: »Und Kit ergreift seine Hände, sie nimmt sie in ihre, und er zieht sie an sich, und sie stehen lange fest umarmt.«
Der Vater versucht zu begreifen, was das heißt: »Tot, tot, tot«
Mit dem Bruder beginnt es. Er verlässt an die- sem frühen Sommerabend seine Wohnung und schleicht wie ein Dieb durch die Straßen. Was hat er zu verbergen? Da wir nur das sehen, was er selber sieht, nur empfinden, was er selber empfindet, glauben wir einen alten, verwirrten Mann vor uns und begreifen erst nach ein paar Seiten, dass er ein Trinker ist, der dringend Nachschub braucht. Als er ihn endlich hat, setzt er sich auf eine Parkbank, öffnet die Flasche, »riecht den Duft, so antiseptisch diskret, empfindet das herrliche Kribbeln, als ein großer Schluck hinuntergleitet und direkt den Freudenpunkt im leeren Magensack trifft«.
Und mittendrin spricht jemand anderer, die jüngste Schwester, sie ist Klavierlehrerin, die ihren Schüler erwartet, eigentlich aber nervös dem Besuch entgegenlauert, den sie von ihrem Verflossenen und seiner neuen Freundin am Abend erhalten wird, und sie findet, dass sie einen neuen Rock braucht, um vor den Gästen zu bestehen, weshalb sie die Bemühungen des Schülers um Opus 111 besonders unerträglich findet und ihn anschreit: »Ihr Talent ist mittelmäßig, und das ist dasselbe wie kein Talent«, und sie weiß, dass das ihr eigenes Problem ist, wofür sie dann Rache an allen nehmen wird, die ihr nahekommen.
Und plötzlich wieder eine andere Stimme, die des Vaters, der seine todkranke Frau versorgt und sie zu Bett bringen will wie immer, aber etwas ist anders, denn sie sagt zu ihm: »Paul, heute Abend sollst du nicht reinkommen und mir Gute Nacht sagen.« Und dann heißt es: »Er nickte nur ein paarmal mechanisch; starrte leer vor sich hin. Auf den toten Fernsehapparat. Dann legte er sich neben sie, mit dem Mund an ihren Hals, er streckte sich, so lang er war, im Bett aus; und er konnte nichts dagegen tun, dass er schluchzte.« Denn er weiß, was wir noch nicht wissen: Sie wird sich in dieser Nacht die Spritze geben, sie versteht was davon, sie ist Ärztin. Und es ist eine unausgesprochene Verabredung, dass er sie nicht daran hindern wird. Also geht er in den Garten seiner schönen Villa, während die Dämmerung herabsinkt, und blickt auf das Haus, blickt auf sein Leben, versucht zu verstehen, was das heißt »tot, tot, tot«, und als er spät doch noch hinaufgeht, findet er die Tür verschlossen.
Und dann die ältere Schwester Kit, die von allen das glücklichste Leben zu führen scheint, verheiratet mit einem netten Mann, Mutter zweier Kinder, hingebungsvolle Gärtnerin, die sich aber etwas vorgenommen hat, was man nicht erklären kann, ein Projekt der Selbsterniedrigung, der Grenzüberschreitung. »Warum musste sie es tun? Was drängte sie dazu? Sie hatte keine Ahnung, wo es herkam. Es hatte auf einmal existiert, wie jahrelang von innen vorbereitet und ihr zugleich wie ein hypnotischer Befehl von außen aufgezwungen – etwas, das sich ihrer bemächtigt hatte und das trotzdem zu ihr gehörte.« Sie verkleidet sich als Nutte und geht auf den Strich. Das Abenteuer endet mit einem Exzess des Ekels und der rohesten Gier, es bleibt auf unheimliche Weise ebenso selbstevident wie unbegreiflich.
Ein Choral über das beklagenswerte Schicksal der Menschen
Peer Hultberg, Jahrgang 1935, ist Däne und schreibt auf Dänisch, aber die meiste Zeit seines Lebens hat er im Ausland verbracht, in Warschau, in Skopje, in London. Er lebt seit 1984 in Hamburg und ist Psychoanalytiker. Obwohl also ein Kenner der Seele, ist er alles andere als ein Bescheidwisser. Der Erzähler dieser Geschichte scheint von einem stillen Entsetzen erfüllt. Er verschwindet in seinen Figuren, aber zugleich macht sich in diesem vielstimmigen Gesang der Selbstgespräche, Aggressionen, Zerknirschungen immer stärker ein Ton des Mitgefühls vernehmbar, es ist, als hörten wir einen großen Choral über das beklagenswerte Schicksal von Menschen, die ihr Leben nicht so leben können, wie es gut wäre oder wie sie es gerne hätten. Der Choral ist kontrapunktisch komponiert, sodass der infantile Zerstörungsrausch des Sohnes, der seine Wohnung zu einem Schlachtfeld imaginärer Kriege macht, unmittelbar neben dem anrührenden Klagelied des Vaters um seine sterbende Frau steht und neben der verzweifelten Bosheit, mit der die gescheiterte Pianistin an jenem Abend ihre siegreiche Nebenbuhlerin, die junge Sängerin mit der schönen Stimme, zu demütigen versucht.
Als die Gäste endlich gegangen sind, setzt sie sich an den Flügel. »Sie greift nach dem ersten Band des Wohltemperierten, schlägt die erste Seite auf, und sie konzentriert sich, nun wird es sich entscheiden, jetzt und für immer, jetzt, jetzt ist die Stunde gekommen, kann sie es, oder kann sie es nicht, wird sie es oder wird sie es nie können.« Und sie spielt sich in eine schnelle Begeisterung hinein, ja es geht, sie kann es, aber dann fehlt doch etwas zum letzten Gelingen, sie spielt es noch einmal und noch einmal, es wird immer kälter und leerer in ihr, und sie will nur noch weinen, aber sie kann nicht.
Der Leser versinkt in diesen langen, oft über Seiten sich ergießenden Satzkaskaden wie in einem Strom, von dem er sich willenlos tragen lässt, immer mehr berührt vom Elend dieser Menschen, das er tragisch nicht nennen will, eher erbärmlich und banal, also dem eigenen Elend, das ihn ab und zu überkommt, recht ähnlich, und deshalb ist er froh, dass am Ende ein immer helleres Dur hörbar wird, denn der Sohn, offenbar Schriftsteller, der sich im Suff die Hand schwer verbrannt hat, verliebt sich in die Ärztin der Ambulanz, die ihn versorgt, er ist getroffen wie von einer Offenbarung, er wird ihr Blumen schicken, er wird ein Gedicht auf sie schreiben, er hat es schon im Kopf, und der Vater, befreit von der Qual, das Sterben seiner Gefährtin ertragen zu müssen, kann nun ein neues Leben beginnen, und die Tochter wird nach dieser beschämenden, befreienden Nacht zurückkehren zu ihren Rosen und ihren Kindern.
So verbindet sich das Gespenstische mit dem Hellen, das völlig Rätselhafte mit dem völlig Verständlichen. Peer Hultberg ist ein Sprachvirtuose und ein Menschenkenner. Er hat das in seinem Roman Requiem (1991) gezeigt, wo er in 537 Szenen ein Blatt im Leben ebenso vieler Menschen aufschlägt, ein blitzartiges Licht auf sie wirft, aber vielleicht ist es nur ein einziges Leben, das von uns allen. Der Roman Eines Nachts wurde früher geschrieben, er spielt, man merkt es an manchen Stellen, in den siebziger Jahren und ist im Anspruch weniger gewaltig als das Requiem, dafür weit zugänglicher, ein erstaunliches, großes, bewegendes Buch, glänzend übersetzt von Angelika Gundlach.
- Datum 13.12.2007 - 01:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 13.12.2007 Nr. 51
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Peer Hultberg ist 72-jährig in Hamburg gestorben.
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