Fliegerangriff, Geisterstunde, Pegelhöhen, Profilbreite… Eduardo Mendels Wortliste ist lang, sie umfasst 1.500 Begriffe. Etwa hundert Patienten haben sie bisher vorgelesen und auf einem Rechner speichern lassen. Heute spricht für die Hälfte dieser Menschen nur noch der Computer. Denn sie haben ihre Stimme verloren.

Der Physiker Eduardo Mendel von der Universität Oldenburg hat eine Software für Stimmgeschädigte entwickelt. Per Tastatur können sie beliebige Sätze in den Computer tippen, der spricht sie dann aus – mit ihrer eigenen Stimme. Mendel schätzt, dass für mehr als 4000 Patienten im Jahr vorhersehbar ist, dass sie irgendwann ihre Stimme verlieren werden. Dies droht hauptsächlich bei Operationen am Kehlkopf und bei der neurologischen Muskelerkrankung ALS (amyotrophe Lateralsklerose).

Wer die eigene Stimme verliert, büßt einen Teil seiner Persönlichkeit ein. "Das ist ein wahnsinniger Schock." Werner Kubitza spricht mit heiserer Stimme. Er ist Präsident des Bundesverbandes der Kehlkopflosen und Kehlkopfoperierten. Nach einer Operation hat er das Sprechen mit einem als "Stimmprothese" implantierten Shunt-Ventil langsam wieder erlernt. Für ihn hat das Sprechenlernen höchste Priorität. aber nicht nach jeder Kehlkopfoperation ist das möglich. Andere Betroffene haben Hemmungen, mit dem Halsventil und veränderter Stimme in der Öffentlichkeit frei zu sprechen.

Auch ein großer Teil der ALS-Patienten könne sich im Verlauf der Krankheit immer schwerer oder gar nicht mehr artikulieren, sagt Torsten Grehl, Leiter der ALS-Ambulanz der Neurologischen Universitätsklinik Bergmannsheil in Bochum. "Alle Patienten sollten die Information bekommen, dass es diese Stimmaufnahmen gibt", meint Grehl. "Über Symptome, die noch nicht da sind, wird manchmal ungern gesprochen", meint Grehl, "doch die Aufnahmen sollten am besten so früh wie möglich gemacht werden, damit die Stimme noch gut klingt."

Meist dauert es drei, vier Stunden, bis die Betroffenen alle 1.500 Begriffe – möglichst mit gleichbleibender Lautstärke und Schnelligkeit – mit Mendels Team aufgenommen haben. Diese präventive Speicherung der Sprachmuster kostet 600 Euro. Erst wenn die digitale Stimme benötigt wird, integriert Mendel die Worte in das Programm, und weitere 2600 Euro werden fällig. Die Software kann der Patient auf dem eigenen Computer installieren und über die Tastatur steuern – oder, bei stärkerer Behinderung, auch per Kopfzeiger oder Augenbewegung. Seit März dieses Jahres ist Mendels Software "Meine eigene Stimme" in das Hilfsmittelverzeichnis der Krankenkassen aufgenommen. Ob die Kasse die Kosten trägt, wird von Fall zu Fall entschieden. Es gibt nämlich auch eine günstigere Variante, die Standardstimme (männlich oder weiblich) für etwa 1000 Euro. Die besten Chancen auf Erstattung für die individuelle Software hat, wer noch mit klarer, deutlicher Stimme spricht – und sie in absehbarer Zeit verlieren wird.

Karl-Heinz Weisz hat die Tonbandaufnahmen mit Mendel schon gemacht. Er leidet unter Parkinson und ist manchmal schwer zu verstehen. Die Wortliste ist so konzipiert, dass sie alle wichtigen deutschen Silben enthält, und die befinden sich jetzt – mit seiner Stimme gesprochen – in der Datenbank. Das Programm zerlegt alle Worte und bewahrt die Silben getrennt auf. Wird das Wort "Buchstabe" eingetippt, sucht es sich die Silben "buch", "sta" und "be", klebt sie aneinander und lässt sie zusammen erklingen.

Fünf Jahre hat der Physiker Mendel gefeilt, bis er der Software beigebracht hatte, feine Unterschiede zu erkennen – wie zum Beispiel den zwischen "sucht" und "Sucht". Getippt werden beide Wörter gleich, aber gesprochen ganz verschieden. Inzwischen kann das Programm beinahe sämtliche deutschen Wörter sprechen. "Natürlich ist es ein bisschen monoton, und es hapert auch an der Satzmelodie", sagt Mendel. "Aber es klingt trotzdem sehr authentisch." Selbst ein bayerischer Akzent sei kein Problem.

Bald wird auch Karl-Heinz Weisz mit der Stimme aus dem Computer sprechen, und er ist zufrieden, dass es seine eigene ist. "Wer mich kennt und dann die fremde Stimme aus dem Computer hören würde…", sagt der Parkinson-Patient, sucht nach Worten und bringt dann sein Unbehagen an einer vorgefertigten Fremdstimme auf den Punkt: "Das bin nicht ich."