Wolfram Putz blinzelt müde, der Jetlag ist schuld, der lange Flug. Von einem meterhohen Gerüst blickt der Architekt auf sein größtes Werk. Eine Landschaft voller Quader und Sechsecke, riesige Bauklötze, die allesamt rosa sind. Sie stehen kreuz und quer im Gras, im Gestrüpp, auf Flecken von verwittertem Beton. Seit dem Frühjahr hatte Putz dieses Bild vor Augen, als Grafik in seinem Berliner Büro. Ein Jahr lang hat er darüber nachgedacht. Ist um die Welt geflogen, hat verhandelt, gestritten. Hat sich mit Brad Pitt getroffen, dem reichen Schauspieler, der sein Auftraggeber ist. Jetzt sieht das Bild nicht halb so gut aus, wie er es sich vorgestellt hatte.

„Ein Pfadfinderlager“, schimpft sein Geschäftspartner Lars Krückeberg. „Wenn das ein Golfplatz wär, ein schöner Rasen…“, murmelt Putz. Krückeberg zückt sein Telefon. „Wir müssen unbedingt ein paar von den Dingern übereinanderlegen!“, ruft er hinein. „Dächer, schief obendrauf!“ Sie klettern hinunter. Putz gähnt. Es ist halb acht Uhr morgens.

Die ganze Welt soll am nächsten Tag auf die Hausattrappen schauen, sie sind drei Meter hoch, nachts sollen sie leuchten. Journalisten werden zu Hunderten hier einfallen, in dem Viertel Lower 9th Ward in New Orleans. Und Putz ist verantwortlich für dieses Bild, das ihm noch zu langweilig erscheint. Sie wollten Ordnung hierher bringen, aber jetzt sehnen sie sich nach Chaos. Es soll die Zerstörungen durch den Hurrikan Katrina vor zwei Jahren symbolisieren, aber auch das Versagen des amerikanischen Staats, der New Orleans weitgehend sich selbst überlassen hat.

Mit Putz’ rosa Klötzen will Brad Pitt für den Wiederaufbau werben. Seine Lebensgefährtin Angelina Jolie ist für ihr Engagement für Aids-Waisen bekannt, und er will der gute Mensch von New Orleans werden. Private Weltretter wie Al Gore, der sich fürs Klima engagiert, oder Bill Gates, der mit seiner Stiftung Krankheiten in der Dritten Welt bekämpft, suchen Lösungen, wo Politik nicht genug hilft. Aber kann Pitt hier Erfolg haben, mit einer Art Kunst-Happening im ärmsten Viertel von New Orleans?

Pitt ist Architekturfan, und er liebt die Stadt, spätestens seit er eine alte Villa im French Quarter gekauft hat, das nicht überflutet worden ist. Nächstes Jahr soll aus jedem der 150 Bauklötze ein echtes Haus werden, dafür sammelt Pitt Geld. Er gibt auch eigenes, fünf Millionen Dollar. Je mehr Spenden eintreffen, desto mehr Klötze sollen gerade gerückt werden, wird die Normalität symbolisch nach Lower 9 zurückgezwungen. Pitt will bestes Design, wegweisende Ökotechnik – das Haus der Zukunft. Es ist eine Riesenvision, und Pitt hat Putz und Krückeberg damit beauftragt, sie Wirklichkeit werden zu lassen. Jetzt warten sie darauf, dass er mal vorbeischaut.

Kein anderes junges deutsches Architektenteam hat derzeit so viel Erfolg wie Graft , die Firma von Putz, Krückeberg und ihrem dritten Partner Thomas Willemeit, der nicht mit nach New Orleans gekommen ist. Graft ist Englisch für Veredeln. Ohne Pitt wären sie nie so weit gekommen. Er arbeitet sogar an Entwürfen mit; gemeinsam planen sie Ökoapartments in Japan. Im Ausland baut Graft Großes, Hotels, Geschäftshäuser, in Deutschland vor allem Arztpraxen und Lofts. In Berlin werden die Architekten von Paparazzi verfolgt, wenn Pitt sie besucht. Sein Glanz strahlt auf sie ab. Er strahlt auch hier, aus den rosa Klötzen. Jetzt haben Putz und Krückeberg Angst, Fehler zu machen und diesen Glanz zu zerstören.

Sie steigen in ihr Auto und fahren über rissige Straßen zu einem Platz, an dem Bagger eine Schotterfläche aufschütten. Eine Bühne wird gebaut. Wolfram Putz ist ein hagerer Mann mit Nickelbrille, zerzausten Haaren, 39 Jahre alt. Als er vor einem Jahr zum ersten Mal hierher kam, war noch alles voller Schutt, „Häuser auf Autos auf Häusern“. Katrina hatte einen Damm bersten lassen, das Wasser spülte alles weg, tötete. In New Orleans und Umgebung starben 1600 Menschen. Eigentlich ist das hier ein Friedhof.