KunstWie der Mensch zum Künstler wurde

Vor über 30.000 Jahren entstanden erste Höhlenzeichnungen. Seit 30 Jahren verwandelt James Turrell einen Vulkan in eine Skulptur – und führt uns zurück zu den Anfängen der Kunst von 

Am Straßenrand ein paar zerbeulte Briefkästen, dort biegen wir ab. Es geht hinein ins große Nichts, hinein in Staub und Weite, darüber ein Himmel voller Licht. Der dicke Jeep rüttelt und buckelt über den schmalen Weg, doch James Turrell geht nicht vom Gas. »Wir müssen uns ranhalten«, sagt er und kneift die Augen zusammen. »Nicht dass wir die Dämmerung verpassen.« Er hält drauf, den Bergen entgegen, die sich weit vor uns in den Horizont schieben. Sanfte Riesen, rötlich schimmernd und wie alles hier in der Wüste Arizonas von dürren Sträuchern überwuchert. Jetzt müsste nur noch John Wayne vorbeigaloppieren, im Schlepptau eine Rinderherde, dann wär´s wie im schönsten Western.

Turrell könnte auf der Stelle mitspielen, vielleicht in der Rolle des reichen Farmers. Einen Cowboyhut aus Leder trägt er eh, dazu den weißen, fein gekämmten Rauschebart, und Rinder züchtet er außerdem, ein paar Tausend sind es derzeit. Doch seine wahre Rolle ist eine andere, sie ist viel größer. »Dort, da ist er!«, ruft Turrell. »Mein Krater.« Mit mächtigem Schwung erhebt sich vor uns ein Riesenkegel, ein erloschener Vulkan – eines der imposantesten Kunstwerke der Gegenwart.

Lange musste er suchen, flog mit seinem kleinen Flugzeug kreuz und quer, tagelang, wochenlang, bis er ihn endlich fand, nördlich von Flagstaff, südlich des Grand Canyon, den Roden Crater. »Ein perfekter Krater musste es sein«, erzählt er. »Scharf die Ränder und ganz symmetrisch.« Nach langen Verhandlungen konnte er ihn kaufen, 30 Jahre ist das her. In diesen 30 Jahren hat er geplant, vermessen, gebaggert, gebohrt, ausgeschachtet, hat den Vulkan in ein Bergwerk verwandelt, in eine Skulptur, breit wie Manhattan, hoch wie das Chrysler Building.

20 Millionen Dollar hat das gekostet und ist noch immer nicht fertig. Nur selten empfängt er Besucher, wandert mit ihnen den Geröllhang hinauf und hinein in sein Kunstreich, in die Kavernen und Schächte, die schwarzen und die leuchtenden Räume. Dann steht er da, die Fäuste tief in die Jackentaschen gestopft, und freut sich. Genießt die staunenden Blicke, die verwunderten Fragen. Denn das soll sein Krater sein: ein Ort des Staunens, eine Forschungsstation in Sachen Kunst.

Was heißt eigentlich sehen ? Wie formen sich unsere Bilder der Welt? Und was hat das mit Kunst zu tun? Wer Turrells Labyrinth durchstreift, stößt unweigerlich auf diese Fragen. Und spätestens in einer der schrägen Röhren fühlt er sich wie im time tunnel , wie in einem Zeitschlund. Aus der Dunkelheit des Kraters bewegt er sich zurück in eine vergangene Dunkelheit, in die der Höhlen, in denen alles begann.

Vor gut 40.000 Jahren war es, da griff der Homo sapiens sapiens, der besonders kluge Mensch, nach einem Stück Kohle und malte eine Gazelle auf die Felswand. Griff nach einem Stück Elfenbein und schnitzte daraus ein Mammut. Er tat etwas, das kein Lebewesen vor ihm getan hatte: Er gab seinen inneren Bildern, seiner Fantasie, eine bleibende Form.

Auch Tiere schmücken sich, bauen kunstvolle Nester. Und wer Affen einen Pinsel gibt, dazu Farbe und Leinwand, kann sich bald über die wunderlichsten Formgewitter freuen. Doch nie wird ein Tier ein anderes Tier malen. Einzig den Menschen drängt es zum Symbol, einzig er kann sich Bilder ausdenken, kann sie mit Sinn und Bedeutung aufladen. Er kann der realen Welt seine Welt der Zeichen entgegenstellen, nachahmend, erinnernd, frei erfindend.

Wer das erste Bild erfand, wann und wo das genau war, weiß niemand. Und wohl niemand kann sich vorstellen, wie unsere Gegenwart wäre, hätte es dieses erste Bild nie gegeben. Heute sind Bilder allgegenwärtig, jeder hat sie, macht sie, sieht sie. Sie sind so selbstverständlich, dass wir selten fragen, wie alles anfing – wie der Mensch zum Bilde kam.

Bei James Turrell, 1943 geboren, fing es damit an, dass er dem Bild entkommen wollte, dem klassischen Künstlerbild. Er wollte kein Maler, kein Bildhauer werden. Kunst hatte er zwar studiert, dazu Mathematik und Psychologie, doch irgendwann hielt es ihn nicht mehr in den Städten der Westküste. Auch anderen Künstlern ging es so, sie wollten ins Unbekannte, Unberührte, in die Weiten der amerikanischen Landschaft; ihre Kunst nannten sie Land-Art.

»Im Grunde ist hier alles so, wie es war, als noch nichts war«, sagt Turrell und schaut nach Westen, wo die Sonne schon über dem Horizont hängt. Wir stehen oben auf dem Rand seines Kraters, es ist ein stolzer Ort, die Welt ist flach, und wir sind hoch. Der Blick geht weit, immer weiter, fast könnte man meinen, über den Tag hinaus. »Vor 400000 Jahren hat die Erde hier mächtig gespuckt«, sagt Turrell. »Seither ist nicht mehr viel passiert.« Und es soll auch nicht mehr viel passieren, er hat das Land hier gekauft, eine Fläche, groß wie Hamburg. Er will das Erhabene bewahren, das Gefühl, hier, am Roden Crater, der Unendlichkeit ein wenig näher zu kommen.

Diese Hoffnung auf das Bleibende, darauf, dass etwas vom eigenen Ich, von der eigenen Kultur die Zeit überdauern möge, hat die Kunst schon immer geprägt. Turrell hat sich zurückgezogen in eine Landschaft ohne Bilder, eine Urlandschaft, und er handelt, wie der Urmensch handelte: Er schreibt sich ein, bohrt sich mit seiner Kunst ins Archaische.

Vermutlich war es anfangs nur Zufall. Ein Kind, das in die kalte Asche griff und sich mit seiner kleinen rußigen Hand an der Höhlenwand abstützte. Am nächsten Tag war die Hand noch immer da, am Tag darauf auch noch, sie blieb. Das sahen die anderen, waren verwundert und fingen ihrerseits damit an, Spuren zu hinterlassen, Zeichen des Wiedererkennens, die nicht verblassen sollten. Viele davon gibt es noch heute, 30000 Jahre danach.

Selten allerdings malte der Mensch den Menschen. Er malte Steinböcke, Pferde, Wollnashörner, Moschusochsen, lauter große Tiere. Vielleicht weil er sie gern erbeutet hätte und ihm das auf den Felswänden wunderbarerweise auch gelang, sogar ohne um Leib und Leben fürchten zu müssen. Was draußen so wild war und oft unbezwingbar schien, ließ sich hier, in der Kunst, zähmen und beherrschen.

Die eigenen Ängste bekamen eine Form, die greifbar schien, mit kräftigem Strich umrissen, kontrollierbar. Der Mensch hatte nicht das Eigentliche, aber er hatte das Bild – und das Bild war Macht. Mochte die Welt Chaos sein, ohne entzifferbare Ordnung, in der Kunst zeichneten sich Muster ab. Sie lehrte Beobachten, sie half, Unterschiede zu erkennen. Sie stellte still, was flüchtig war, Zeit wurde spürbar. Das war der Anfang der Ordnung.

Bei Turrell gibt es keine Tiere, auch keine Strichmännchen, keine Spur von Lagerfeuerruß und Hammelkeulen. Mit mathematischer Präzision hat er seine Pläne entworfen, die Schneisen und Blickachsen sind präzise kalkuliert. Die Wände sind glatt und weiß, die Kanten scharf, er legt größten Wert aufs Detail. Doch obwohl bei ihm alles von unserer Zeit kündet, ist Turrells Höhle wie die Höhle der Urväter: Sie erlaubt einen geschützten Blick hinaus auf die Welt. Wir können uns einer höheren Ordnung vergewissern. Sie macht das Flüchtige greifbar.

»Nicht dass Sie mich für einen dieser Esoteriker halten«, sagt er brummelnd, als wir hinabsteigen in einen der Schächte, die Sonne ist gerade untergegangen. »Meine Kunst ist reine Physik, nichts weiter. Nur dass man bei mir Sachen sieht, die man sonst nicht so leicht sieht.« Einmal hat er in einem Museum eine Wand aus blauem Licht gebaut, die so echt aussah, dass eine Besucherin sich dagegenlehnen wollte, umfiel und sich das Handgelenk brach. »Sie hat mich verklagt«, erzählt Turrell lachend. »Für mich war es aber ein Kompliment. Meine Kunst soll ja nicht Licht darstellen, sie soll Licht sein. Licht ist ja nicht nichts, es ist eine Substanz – auch wenn man sich nicht unbedingt dagegenlehnen sollte.«

In seinem Krater hält er das genauso: Oft verwandelt er Licht in räumliche Erfahrung, er zieht das Ferne ins Nahe. Wie in einem Observatorium kann man sich hier fühlen, viele seiner Gänge und Röhren sind ausgerichtet am Universum, am Lauf der Sterne. Hier lässt sie sich am eigenen Leib erfahren: die ewige Wiederkehr des Immergleichen, eine kosmische Verlässlichkeit. An bestimmten Tagen jedenfalls, immer dann, wenn jene von Turrell vorausberechneten Konstellationen auftreten und zum Beispiel die untergehende Sonne in den einen Schacht, der aufgehende Mond in den anderen Schacht hineinleuchtet. Beider Licht lenkt er tief in den Berg hinein – und vereint sie auf einer mächtigen Marmorwand. Das kommt alle 18,61 Jahre vor, für jeweils zwei, drei Minuten.

Das Spiel mit dem Seltenen reizt Turrell; nur zu gern macht er sich das Unwahrscheinliche zu eigen – und es damit wahrscheinlich. »Wir leben ja viel zu eng«, sagt er und weist hinauf an die Decke einer runden Kammer, wo durch ein Dachauge der Himmel hereinschaut; erste Sterne zeigen sich gerade. »In den Städten sieht man das nicht mehr, da ist so viel Licht in der Atmosphäre.« Hier aber, in der Wüste, öffnet sich nachts das Weltall. »Das ist doch ein Raum, der zu uns gehört, den unsere Augen durchwandern können, visuelles Territorium.« Eines Tages will er einen Tunnel bauen, der das Licht der Venus einfängt. »Und dann werde ich an der Wand meinen Schatten sehen, einen bärtigen Venusschatten.«

Wir setzen uns auf die runde Bank in der runden Kammer und schauen noch ein wenig zum Dachauge hinaus. Das Abendblau ist jetzt ganz tief und klar und scheint immer tiefer und klarer zu werden. Man kann nicht davon lassen, sich in dieses Blau hineinzusehen, bis plötzlich etwas Seltsames geschieht. Das Blau springt herab, füllt mit einem Mal das Deckenauge, fast meint man, es sauge sich ein wenig hinein zu uns in die Kammer. Das Ferne rückt nah, der Himmel kehrt auf Erden ein. Und auch wenn das nur ein Bild ist, eine Täuschung – nur zu gerne mag man ihr glauben.

Turrells Krater ist eben nicht nur streng und technoid. Etwas Weihevolles liegt über vielen der Räume. Würden singende Glaubensbrüder die Gänge entlangwandeln, hielte man das Kunst- für ein Kultwerk. Und auch in dieser Zwittrigkeit, in der Nähe von Auf- und Verklärung, weist Turrells Vulkanskulptur weit zurück in die Urzeit. Die ersten Künstler, so erzählen es viele Anthropologen, waren als Schamanen begehrt, die Kunst galt als Mittel der Beschwörung, der Ekstase, des Zaubers. Eine höhere Wahrheit schien sich in den Bildern zu zeigen, manchmal wurden sie angebetet, als wären sie nicht menschen-, sondern gottgemacht.

Später sollten auch die Griechen manche ihrer Kunstwerke wie lebendige Wesen verehren. Die Skulpturen hielt man nicht selten für die Götter selbst. Manchen war das unheimlich, dem Theologen Paulus zum Beispiel, einem Missionar des Urchristentums, der vor gut 2000 Jahren lauthals gegen derlei Götzendienste protestierte. Doch der Glaube daran, dass im Bild eines Heiligen auch etwas vom Heiligen selbst zugegen sei, hielt sich lange, in Teilen der katholischen Kirche bis heute.

Nicht zuletzt waren auch die Künstler oft glücklich, wenn man ihren Werken übersinnliche Kräfte beimaß. Noch in der Moderne wurde immer wieder die grundstürzende, weltverwandelnde Macht der Kunst angerufen. Der Mensch werde ein anderer, ein besserer, wenn er sich nur innig in die Werke der Künstler vertiefe, das war von Wassily Kandinsky ebenso zu hören wie von Marc Rothko. Und wer einen Joseph Beuys dabei erlebte, wie er sich selbst zum Schamanen stilisierte, dem konnte es vorkommen, als habe sich über all die vielen Jahrtausende nicht sonderlich viel verändert.

Auch Turrells Krater wurde von manchen zum neuen Zentrum der Erweckung erkoren. Wenn nur ein jeder Mensch die Erfahrung dieses Kunstwerks machen könnte, sagte der italienische Sammler Graf Panza di Buomo, »dann brauchte man keine Drogen mehr, niemand würde sich umbringen, und die Gewalt würde enden«. Turrell kann da nur in sich hineinlachen. »Ich bin als Quäker aufgewachsen«, sagt er. »Da ist man gegen so etwas gefeit.« Wenn er mächtige Steinblöcke mitten in seine Kraterschüssel stellt, dann nicht als Altäre. Sie sind ihm Mittel der Sinnenschulung, er möchte, dass wir uns rücklings auf die Blöcke legen, den Kopf weit in den Nacken gelegt, den Kraterrand fest im Blick – und abermals unseren Augen nicht trauen. Denn mit einem Mal wölbt sich der Himmel, wie er sich sonst nie wölbt, wie eine mächtige Domkuppel.

»Da sehen Sie es«, sagt Turrell stolz. »Wir Menschen sind es, die dem Himmel seine Farbe und seine Gestalt verleihen. Nicht die Formen schaffen uns, wir schaffen die Formen.« Immer wieder stößt uns sein Krater auf diese Wahrheit: dass wir oft nichts sehen, wenn wir sehen. Einen Gang laufen wir entlang, einer kreisrunden Himmelsöffnung entgegen; nur um ganz am Ende zu erkennen, dass der Kreis eine Ellipse ist, die allein in unserer Wahrnehmung als Kreis erschien, weil wir uns ihr schräg von unten näherten. So ist es oft bei Turrell: Er führt uns in die Höhle Platons.

In einer Erzählung schilderte der Philosoph vor fast 2400 Jahren, was heute immer noch das Thema vieler Künstler ist: Er beschrieb die Menschen als gefesselt in einer Höhle sitzend, mit dem Rücken zum Eingang, sie sehen nichts als die Schatten dessen, was sich außerhalb der Höhle ereignet. »Auf keine Weise also können diese irgendetwas anderes für das Wahre halten«

Doch nie würde sich Turrell mit der Erkenntnis begnügen, dass wir nichts erkennen. Das Begrenzte unserer Wahrnehmung interessiert ihn weniger als das Entgrenzen, für ihn ist sein Kunstkrater ein Ort, an dem sich der Blick weitet. »Wir sind nicht gemacht für das scharfe, harte Licht«, sagt er. »Der Mensch braucht die Höhle, das Zwielicht.« Deshalb führt er uns in Räume, die uns blind machen, so dunkel sind sie. Er macht uns Überbelichtete zu Unterbelichteten, und nur wer in Ruhe abwarten kann, erfährt, wie die Pupillen sich öffnen und das Undurchdringliche sich in uns aufhellt. Gern darf man das metaphorisch nehmen: als Hoffnung darauf, dass selbst in größter Dunkelheit noch Licht ist.

»So richtig dunkel wird’s ja hier draußen nie«, sagt er, als wir zurück zum Ausgang gehen und schließlich wieder am Fuß des Kraters stehen. »Sehen Sie, wie hell die Sterne sind, ihr Licht ist immer da.« Auch als der Mensch die Kunst erfand, war es da, und oft hat er seither gen Himmel geschaut, sich fragend, woher das Licht nur kommt und wie es sein kann, dass etwas, das selbst nicht zu sehen ist, so vieles sichtbar macht.

Auch auf diese Weise kam der Mensch zur Kunst: Seine Angst wollte er bannen, eine bleibende Spur in der Zeit wollte er hinterlassen, wollte Schöpfer sein und nicht nur Geschöpf. Und er wollte wissen, wie das alles zusammenhängt: Er setzte auf den Schein der Kunst, um zu erkennen, was sich hinter dem Schein der Wirklichkeit verbirgt.

»Na ja«, sagt Turrell trocken und steigt in seinen Jeep. »Was sich hinter dem Licht verbirgt, das ist mir schon klar. Zerstörung, was sonst. Wo nichts verbrennt, da kann nichts leuchten.« Kurz hält er inne und setzt seinen Hut ab. »Das Seltsame ist nur, ohne Licht wäre auch alles Zerstörung, die Welt könnte nicht sein.« Er lässt die Scheinwerfer anspringen, und wir sind wie geblendet, alles ist fort, was wir eben noch sahen, der Himmel, die nachtdunkle Wüste. »Licht erhellt nicht, Licht verfinstert«, sagt Turrell und tritt aufs Gas. Ein letzter Blick zurück, doch da ist keine Kunst mehr. Nur Staub, so weit das Auge reicht.

Literatur zum Thema

Nigel Spivey: Wie Kunst die Welt erschuf
Philipp Reclam Verlag; 288 S., 29,90 €

Ulrike Gehring: Bilder aus Licht
James Turrell im Kontext der amerikanischen Kunst nach 1945; Kehrer Verlag; 351 S., 39,– €

Wolfgang Ullrich: Was war Kunst?
Biographien eines Begriffs; Fischer Taschenbuch Verlag; 288 S., 13,95 €

Hanno Rauterberg: Und das ist Kunst?!
Eine Qualitätsprüfung; S. Fischer Verlag; 304 S., 16,90 €

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Leserkommentare
    • MJuné
    • 15. Dezember 2007 18:21 Uhr

    "Selten allerdings malte der Mensch den Menschen. Er malte Steinböcke, Pferde, Wollnashörner, Moschusochsen, lauter große Tiere. Vielleicht weil er sie gern erbeutet hätte und ihm das auf den Felswänden wunderbarerweise auch gelang, sogar ohne um Leib und Leben fürchten zu müssen. Was draußen so wild war und oft unbezwingbar schien, ließ sich hier, in der Kunst, zähmen und beherrschen.", schreibt Redakteur Hanno Rauterberg. Meines Erachtens ist diese Deutung wissenschaftlich ungenau und schlecht recherchiert. Seine Quelle scheint offenbar noch immer - der längst überholten - Jagdtheorie anzuhängen. “Schamanen – Trance und Magie in der Höhlenkunst der
    Steinzeit”. Die beiden Wissenschaftler Jean Clottes und David Lewis-Williams
    hatten 1996 mit ihrem Buch der Fachwelt zu einem neuen Denkanstoß verholfen.
    “Der Schamanismus ist die älteste und ursprünglichste Form religiöser
    Betätigung”, apostrophierten Clottes und Lewis-Williams kühn und setzten ihn
    damit in Bezug zu der untergegangenen Welt prähistorischer Bilderhöhlen: ”Hier
    trat der Schamane seine spirituelle Reise in die finsteren Tiefen an und bannte
    die Tiergeister in Zeremonien an die Höhlenwände.”Das Bild oder besser der gesamte Kosmos des
    CroMagnonMenschen in der Zeitspanne von zirka 33.000 bis 10.000 Jahre vor
    unserer Zeit öffnet sich buchstäblich vor unserem inneren Auge, wenn die
    Untersuchungen französischer und amerikanischer Musikarchäologen hinzugezogen
    werden. Hierbei ist vor allem Michel Dauvois zu nennen, der auf das
    Resonanzverhalten einiger Galerien in bestimmten französischen Kulthöhlen
    aufmerksam gemacht hat: eine sehr tiefe Männerstimme kann den Höhlenraum an
    bestimmten Stellen zum Klingen bringen; Dauvois entdeckte Dreiklangs- oder auch
    atonale Tonstrukturen. Der frappierende Zusammenhang
    der drei beschriebenen wissenschaftlichen Erkenntnise zu Schamanismus,
    Trancehaltung und Musikarchäologie erschließt sich im Verweis von Michel
    Dauvois auf den analogen Bezug von dem Resonanzpunkt zu den Bildern und
    Zeichen.Der Höhlenkünstler und Schamanensänger hat die Höhle
    offenbar immer ganzheitlich erlebt. Dies findet
    seinen Ausdruck in dem performativen Charakter der schamanistischen Rituale,
    die im Angesicht der Bilder und Zeichen in der Kulthöhle vollzogen wurden.
    Noch dazu bleibt sein Handeln eingebettet in den
    Aspekt einer ‚sozialen Dienstleistung‘, wenn etwa die Darstellung des
    Raubtieres, vor allem des Bären, in die Performance mit einbezogen wird: der
    Schamane kennt die Haltung für die Anrufung des ‚großen Bärengeistes‘, der
    Heilenergie freizusetzen imstande scheint. Wie vielschichtig man sich heute
    dieses Bewegen in der Klang- und Geisterwelt vorzustellen hat, wird offenkundig,
    wenn Dauvois Abnutzungsspuren bei Stalaktiten diagnostiziert. Und perkussiv
    genutzt tritt plötzlich ein ‚Gestimmtsein‘ der Steinzapfen zu Tage: wobei Töne
    im hohen Frequenzbereich zwischen 1.000 und 4.000 Hertz nachgewiesen werden.
    Diese Vielschichtigkeit wird schließlich noch durch einen weiteren Baustein
    ergänzt, den der amerikanische Biochemiker Steven J. Waller hinzugefügt hat:
    die Echowirkung von Steinschlägen in diesen Höhlenräumen. Steinschläge, die wie
    donnerndes Hufgeklapper klingen, meistens da, wo auch die Abbildungen von
    Huftieren zu finden sind..MJuné

    • hagego
    • 16. Dezember 2007 23:01 Uhr

    "Wer aus Honig Kunst macht, macht Kunsthonig."                                                              I. M. Ker

    • hagego
    • 18. Dezember 2007 15:52 Uhr

    k k ka ka kaka
    u oo uh!
    n en
    s ss sss
    t te tee
    kunst ist
    wenn kaka
    tee trinkt
    und tore
    schiesst 

    • wilto
    • 09. Februar 2008 11:55 Uhr

    Natürlich lässt sich Kunst definieren. Es kann nicht einen so wichtigen Begriff in einer Sprache geben, der sich nicht definieren lässt. Nur ist Kunst sicher einer der am schwersten zu definierenden Begriffe. Zu dieser Schwierigkeit trägt bei, dass sich die Wertschätzung für Kunstwerke ständig ändert. Außerdem benötigt man, wenn man die zeitgenössische Kunst mit einschließen will einen sehr großen Rahmen. Und vielleicht ist der Begriff Kunst, angewendet auf die zeitgenössische Kunst, derart schillernd, dass man wirklich nach dem Sinn einer Definition für diesen Kunstbereich fragen kann. Vielleicht sollten wir für die Bewertung und für die Definition eines Teiles dessen, was heute als "Kunst" geschaffen wird, ein oder zwei Jahrzehnte warten.

    • wergi
    • 25. Juli 2008 17:21 Uhr
    5. ???

    was nützt eine definition?wem nützt eine definition?was ist ein bild und was ist kunst?ist jedes bild kunst?brauchen wir kunst?fragen über fragen...wer will, hat kunst in füllewer nicht will, hat sie auch nichtwarum wird überhaupt gefragt, was kunst sei? fragen wir auch, was natur ist? fragen wir, was technik ist? und so weiter.es ist ein endloses themaschön, dass es solche themen noch gibtdas ist auch kunst, diese themen endlos zu haltenund dies auszuhalten

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  • Schlagworte Kunst
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