Seit sechs Jahren erkunden der Sozialwissenschaftler Wilhelm Heitmeyer und seine Mitstreiter »Deutsche Zustände«. Im Mittelpunkt stehen Fragen nach der Einstellung der Deutschen gegenüber schwachen Gruppen – Fremden, Obdachlosen oder Langzeitarbeitslosen. In der ZEIT präsentiert der Bielefelder Professor die Ergebnisse der Langzeitstudie

In den vergangenen Jahren war die Stimmung in der Gesellschaft von weitverbreiteter Angst und Unsicherheit geprägt. Dies hatte negative Folgen für schwache Gruppen. Sie wurden zum Teil zunehmender Feindseligkeit, Abwertung und Diskriminierung ausgesetzt, die auf einer Ideologie der Ungleichwertigkeit basieren. Geht nun mit der positiven Entwicklung einer Zunahme von Möglichkeiten auf dem Arbeitsmarkt eine Abnahme feindseliger Einstellungen in der Bevölkerung einher? Und welche Qualität hat dieser Aufschwung, welche Folgen erwachsen daraus für das Verhältnis von Menschen und Gruppen zueinander?

In der Tat lassen sich in diesem Jahr erstmals seit Beginn unserer Erhebungen 2002 positive Entwicklungen bei der Fremdenfeindlichkeit und den Etabliertenvorrechten, also der Bevorzugung Alteingesessener, feststellen (siehe Grafik 1). Von 2002 bis 2005 stiegen die negativen Einstellungen kontinuierlich an, 2006 stagnierten sie, 2007 haben sie signifikant abgenommen. Bei den anderen Elementen, die wir in dem Syndrom der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit zusammengefasst haben, ist dagegen keine so deutliche Veränderung zu erkennen. Klicken Sie auf das Bild, um die Grafiken zu vergrößern!© ZEIT Grafik / Quelle: IKG Universität Bielefeld BILD

Die Islamophobie war mit leicht zunehmender Tendenz bis 2006 stabil und verbleibt auf diesem Niveau. Sexismus weist einen leicht abnehmenden Trend auf, ebenso wie die Abwertung von Homosexuellen. Bei der Abwertung von Obdachlosen ist kein Rückgang erkennbar. Antisemitismus, Rassismus und die Abwertung von Behinderten sind auf ihrem jeweiligen Niveau stabil oder haben sich nur unauffällig verändert.

Diese repräsentativen Werte schließen allerdings Verfestigungen oder Verschärfungen in verschiedenen Sozialräumen von Gemeinden und Städten nicht aus. Zudem haben wir erstmals seit Beginn der Erhebung aufgrund unserer Beobachtungen der öffentlichen Debatte in Wirtschaft, Politik und Medien eine weitere Gruppe in die Erhebung einbezogen: die Gruppe der Langzeitarbeitslosen, die in der öffentlichen Diskussion häufig als Hartz-IV-Empfänger tituliert werden. Unsere Analysen zeigen, dass diese Gruppe als weiteres, neues Element des Syndroms der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit betrachtet werden muss.

Das Grundmuster unserer Langzeituntersuchung besteht aus drei zentralen Teilen: der Analyse von gesellschaftlichen Entwicklungen, den subjektiven Wahrnehmungen dieser Zustände in der Bevölkerung sowie den Zusammenhängen zwischen objektiven Trends und der Abwertung, Diskriminierung oder gar Gewalt gegenüber schwachen Gruppen. Welche gesellschaftlichen Perspektiven zeichnen sich nun ab? Welche individuellen Perspektiven ergeben sich daraus, und wie sehen die Perspektiven für das Verhältnis zu schwachen Gruppen aus? Deutet sich eine Trendumkehr an, oder führt der Weg nur in unübersichtliche Perspektiven?

Wir können zunächst feststellen, dass die statistische Arbeitslosigkeit abgenommen hat, während die soziale Spaltung weiter existiert und zum Teil sogar zugenommen hat. Die Konsolidierung der Wirtschaft läuft nicht parallel zur gesellschaftlichen Konsolidierung; Aufträge und Gewinnmargen mögen steigen, die soziale Spaltung bleibt. So hat die Zahl der Menschen, die von Hartz-IV-Leistungen abhängig sind, einen neuen Höchststand erreicht, im April 2007 waren es 7,4 Millionen. Arbeitslosigkeitsziffern sind also kein hinreichender Indikator für die Verbesserung der sozialen Lebenslage, denn der Lohn von Arbeit reicht immer seltener zur Sicherung der Existenz.