Springer Springers falscher Pin-Code

Der Ausflug ins umkämpfte Postgeschäft kommt das Verlagshaus teuer zu stehen.

Ein Plan mit unternehmerischem Risiko: Überall in Deutschland sollten Briefboten in grünen Overalls den Menschen Reklame und Privatpost bringen und mit der Deutschen Post konkurrieren. Anfang kommenden Jahres sollte es richtig losgehen, wenn das Monopol der Post auf Briefe unter 50 Gramm fällt. Und der Springer-Verlag wäre dann ganz vorne mit dabei. Das etwa dürfte die Idee gewesen sein, als Springer im Juni 2007 die Mehrheit am Briefdienst Pin übernahm.

Sechs Monate später sieht die Welt anders aus, und Springer-Chef Mathias Döpfner schickt bittere Worte in Richtung Bundesregierung. »Die Politik hat sich für dieses durchsichtige Spiel instrumentalisieren lassen.« Gemeint ist der Mindestlohn von bis zu 9,80 Euro für reguläre Briefzusteller, den die Große Koalition beschlossen hat. Der ruiniere das Geschäftsmodell von Pin. Die Firma kündigte an, mindestens 1.000 Mitarbeiter zu entlassen. Der Briefdienst sei in Gefahr, weil die Bundesregierung vor der Lobby der Post eingeknickt sei.

Das aber ist wohl nur die halbe Wahrheit. Zwar trifft der geplante Mindestlohn die Konkurrenten viel härter als die Post: Pin zahlt derzeit Schätzungen zufolge zwischen 7 Euro und 7,50 Euro pro Stunde. Aber viele Experten in der Branche halten den Verweis auf die Lohnfrage für eine zu einfache Erklärung der Probleme. »Döpfner versucht, den Schaden von sich fernzuhalten«, sagt ein Insider. Die Klage über den Mindestlohn sei vorgeschoben. »Die eigentliche Verantwortung liegt bei den Managern, die ohne Augenmaß in das Investment gegangen sind«, so ein Branchenkenner. In dem Geschäft sei schon vorher »der Wurm drin« gewesen.

Tatsächlich sprechen Indizien dafür, dass sich Springer kräftig verspekuliert hat. Anfang November führte der Springer-Chef schon konkrete Verhandlungen mit dem niederländischen Konkurrenten TNT. Der soll angesichts der operativen Probleme bei Pin allerdings nur einen symbolischen Kaufpreis von einem Euro angeboten haben. Im laufenden Jahr wird Pin wohl einen Verlust von bis zu 55 Millionen Euro einfahren – bei 350 Millionen Euro Umsatz.

Nun muss ein solcher Anfangsverlust kein Desaster sein. Doch der Ausflug ins Briefgeschäft lastet seit Wochen auf Springer. Viel spricht dafür, dass Springer sein Investment in die Insolvenz schicken oder zerschlagen wird, auch wenn der Betrieb Anfang der Woche zunächst einmal weiter finanziert wurde. Die Formel »Lieber kurzfristig schmerzhaft als langes Leiden« steht im Raum. Die Zukunft von 9.000 Pin-Mitarbeitern stünde dann auf dem Spiel.

Das Ganze wäre eine Niederlage für Springer. Und es wäre der zweite große Dämpfer für Döpfner in seiner rund sechsjährigen Amtszeit. Bereits vor knapp zwei Jahren war er mit dem Versuch gescheitert, den Fernsehsender ProSiebenSat.1 zu übernehmen. Damals durchkreuzte das Kartellamt die Pläne.

Mathias Döpfner war freilich nicht allein mit seiner ursprünglichen Einschätzung: Als Springer im Juni verkündete, seinen Pin-Anteil von 23,5 Prozent auf gut 72 Prozent aufzustocken und dafür Anteile der Mitgesellschafter WAZ-Mediengruppe, Rosalia AG und Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck (in der die ZEIT erscheint) übernahm, galt der Deal noch als strategischer Coup. Lob gab es aus der Verlagsbranche. Springer wäre über Tausende Pin-Postboten näher dran an den Haushalten, hieß es. Das Abonnementgeschäft der hauseigenen Zeitungen würde davon profitieren. Döpfner wiederum versprach, das Briefgeschäft zu einer »starken Säule des Konzerns zu entwickeln«. Doch der Preis war hoch: 510 Millionen Euro zahlte Springer für die Führungsrolle unter Deutschlands Verlagen, von denen zahlreiche mit kleinen Anteilen an Pin beteiligt sind. Das hieß, man bewertete Pin im Juni fast zehnmal so hoch wie noch im Jahr 2005, als Springer eingestiegen war. Ein »deutlich zu hoher« Kaufpreis, meinte der Analyst Axel Funhoff von der ING-Bank. Mittlerweile hat Springer seinen Anteil auf 63,7 Prozent reduziert.

Sucht man nach Erklärungen für den hohen Kaufpreis, hört man, Springer und sein Chef hätten unter Druck gestanden. »Aus meiner Sicht suchte der Vorstand nach dem gescheiterten ProSiebenSat.1-Kauf nach einer Alternative, um das stagnierende Zeitungsgeschäft durch eine Wachstumsstory zu ergänzen«, sagt Gepa Tiemann, Analystin bei der WestLB. Das Zeitungsgeschäft bietet solide Renditen, aber nur noch wenige Wachstumschancen. Nachdem die ProSieben-Übernahme gescheitert war, schwamm der Verlag im Geld. Pin schien da eine willkommene Alternative zu sein. »Man hegte Erwartungen wie zuletzt zu Zeiten der New Economy«, meint der Logistik-Experte Horst Manner-Romberg. Rund 1,5 Milliarden Euro werde Pin bis zum Jahr 2015 umsetzen, versprach Pin-Chef Günter Thiel, den man in der Branche als »begnadeten Verkäufer« schätzt. Bereits im kommenden Jahr werde der Briefdienst Gewinne machen.

Klar ist: Das Pin-Geschäft hätte auch ohne Mindestlohn einen langen Atem erfordert. Während die Post über ein engmaschiges Zustellnetz verfügt, das über Jahrzehnte gewachsen ist, musste der grüne Briefdienst ein eigenes Netz erst aufbauen. Thiel kaufte Dutzende Zulieferdienste, darunter die arriva GmbH in Baden-Württemberg und Briefnetz Süd, eine Firma, die nach Angaben von Pin Siemens zu ihren Kunden zählt. Dennoch gelang es nur langsam, hieraus ein bundesweites Netz mit einheitlichen Standards zu knüpfen.

Ein weiteres Manko des Briefdienstes ist seine geringe Größe. Jeder Zusteller trägt wesentlich weniger Briefe aus als bei der Post, was die Kosten pro Zustellung nach oben treibt. Weil das Aufkommen noch gering ist, rechneten sich auch Großinvestitionen in Sortiermaschinen nicht. Stattdessen werden die Briefe oft aufwendig per Hand sortiert. Noch teurer wird jeder Brief, weil Pin im Gegensatz zur Post Mehrwertsteuer erheben muss. Der Exmonopolist genießt dieses Steuerprivileg, weil er derzeit noch eine bundesweite Grundversorgung gewährleistet. Das alles zwingt Pin dazu, bei den Löhnen scharf zu kalkulieren. »Im Grunde basiert das Geschäft primär auf Niedrigstlöhnen«, sagt der Analyst Markus Hesse von der Privatbank Sal. Oppenheim.

Springer bleiben nicht viele Optionen. Man prüft zwar auch die Möglichkeit einer Sanierung und damit wohl Verkleinerung von Pin. Daneben fahndet die Investmentbank JP Morgan aber bereits nach Käufern. Eine Entscheidung könnte bereits an diesem Freitag fallen, wenn der Bundestag den Mindestlohn für die Branche absegnet. Welchen Weg Springer auch geht – es kann teuer werden. Bislang plant das Verlagshaus für das laufende Jahr einen Nettogewinn von 300 Millionen Euro.

Gut möglich, dass bald die Fragen an den Vorstandschef lauter werden – Fragen zu Pin wie auch zu seiner Strategie insgesamt. Da hilft es dann nur bedingt, dass Springer Anfang der Woche seine Anteile an ProSieben verkaufte und damit die zu erwartende finanzielle Belastung abfedert.

 
Leser-Kommentare
  1. So ist das mit den Renommierprojekten. Verspekuliert hat er sich, der Super-Manager. Und die Hartz-IV-Empfänger sollten's ausbaden. Wie schön, daß Herrn Döpfners Suppe versalzen wurde. Halten Sie durch, Frau Merkel.

  2. Der Springer Verlag ist das Allerletzte! Ein Geschäftskonzept, daß auf Niedrigstlöhnen basiert, darf einfach keinen Erfolg haben. Ich werde in Zukunft alle Produkte des Springer Verlages meiden.

  3. Die Springer Familie sollte sich schämen! Die sollten selbst mal für 5 Euro die Stunde die Post rausfahren oder sich ans Fließband stellen. Überall werden Anzeigen geschaltet von Springer in bezug auf Mindestlöhne, wie schlecht die doch sind für die Wirtschaft. Die sollen sich ihre Zeitschriften sonstwohin stecken.

  4. Tja so sind sie halt die Mafiosis vom Springer Verlag. Ich würde mir mit deren Zeitung noch nicht mal den Kamin anzünden. Gut das es diesen Dämpfer gab!!!
    Und ja...es sind Rauptiere...die nur auf die Peitsche des Dompteuers hören.
    Also last die Peitsche knallen!!!

  5. Wenn man noch Argumente für Mindestlöhne brauchte hat man hier ein weiteres gefuden. 

  6. Erstaunlich, dass die Post AG mit diesen Mindestlöhnen arbeiten kann, Pin aber nicht! Wenn eine Firma nur durch die Ausbeutung ihrer Mitarbeiter wettbewerbsfähig ist, sollte die Volkswirtschaft auf sie verzichten. Der nächste Schritt der Raubtier-Kapitalisten wird sein, dass sie gar keine Löhne mehr bezahlen wollen und das die Aufgabe des Staat`s wird - selbstverständlich ohne selber Steuern zu zahlen.Die Entwicklung der letzten 15 Jahre zeigt, dass die vor 1990 gemachten Beschwörungen von Sozialpartnerschaft und sozialer Marktwirtschaft nichts als hohle Sprüche waren, mit denen man die Westdeutschen während der Konfrontation mit dem Ostblock ruhig stellen und die Ostdeutschen einlullen konnte. 

  7. Der politische Skandal an der Springer-Affäre ist, dass Unternehmer offenbar dem diskreten Charme des Sozialismus verfallen sind. Da schlägt Döpfner seine Schlachten nicht beim Kunden und im Markt, er besticht nicht durch höchste Qualität zu niedrigstem Preis von innovativen Produkten. Er besticht anders. Da lässt man die Freundin der Verlagseigentümerin als Springer-Beauftragte den gesetzlichen Mindestlohn hintertreiben und die Kanzlerin will mutig in die Staatskasse greifen, um PIN-Mitarbeiter mit ALGII, Wohgeld und anderen Segnungen des Sozialismus vergüten statt normalen Lohn zu zaheln. Zynischer Weise sollen diese Steuern dann durch MWSt und Lohnsteuer durch Unternehmen aufgebracht werden , die ein seriöses, kapitalistisches Geschäftsmodell haben.
    Dieser hintertürige Sozialismus, wo die Lohnverhandlungen auf dem Schoss des Wirtschaftsministers stattfinden von Verbandsvertretern, die nicht mal die Politik gebrauchen konnte, ist ein süßes Gift für Unternehmer ohne Fortune, aber er ist halt Sozialismus wie in Angela Merkes Heimat. Und wenn Frau Merkel dann den Schäuble noch wegen der inneren Sicherheit nach Pnazern im Inneren gegen die eigene Bevölkerung (oder Kampfflugzeuge wie in Heiligenhaus) rufen lässt, dann werden die Älteren an den 17. Juni 1953 erinnert, als die Maurer am Straussberger Platz vernünftige Löhne haben wollten, der Staat aber die Löhne vorgab und sie mit Panzern durchsetzte.
    Das ist nicht die Republik, die wir haben wollten. Der Sozialismus ist tot weil ineffizient. Die Union sollte sich überlegen, ob sie wirklich diesen ganzen Aufwand von staatlicher Lohnmitbestimmung systemwidrig haben will oder ob nicht ein schlanker gesetzlicher Mindestlohn wie in USA, UK, DK und allen anderen führenden Marktwirtschaften der bessere Weg ist als der soziallistische, staatsinterventionistische der Springerbeauftragten Merkel. Für Herrn Döpfner dagegen mit seinen 500 Mio €, die er in den Teich gesetzt hat und dem missratenen Sozialismusexperiment mit dem Hungerlohn auf Kosten ordentlicher Unternehmen wird es langsam eng.  Eine Weiterbeschäftigung aus unternehmerischer Sicht ist nicht rational.

  8. Tja, so ist es eben mit dem Markt! Der hat seine eigenen Gesetze. Ein Monopol wie die "Deutsche Post AG" kann nicht einfach so "angegriffen" werden. Da dachten die Springer-Manager wohl, dass sie sich in einem Markt für monopolistische Konkurrenz bewegen. Pustekuchen! Weg sind die Millionen Euros. Investitionspotential, das in der Internetindustrie zwar auch einer "Wette" gleich gekommen wäre, nur mit besseren Quoten... (die Kohle hätte vielleicht gereicht, um 0,05% an Facebook zu erwerben? Geld verdient man damit aber auch nicht - noch nicht.)----------------------------------------------------------------Der griechischen Sage nach war EUROPA der Name einer phönizischen Königstochter, die Zeus in Stiergestalt schwimmend nach Kreta entführte und dort verführte. Auf Grund einer Verheißung der Aphrodite wurde der fremde Erdteil nach Europa benannt.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Quelle DIE ZEIT, 13.12.2007 Nr. 51
  • Kommentare 8
  • Versenden E-Mail verschicken
  • Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
  • Autoren abonnieren RSS-Feed
  • Artikel Drucken Druckversion | PDF
  • Schlagworte Mindestlohn
  • Artikel-Tools präsentiert von:

Service