Kirche Schluss mit dem Geschwätz!
Früher war die Predigt eine Kunst. Heute liefern die meisten Pfarrer nur Seelenwellness
Wenn die Weihnachtschristen in die Kirche strömen und die oberste Empore bis auf den letzten Platz besetzen, wenn der Küster Klappstühle herbeischleppt und die Chorsänger zusammenrücken, wenn die Gemeinde nicht mit dünner Stimme, sondern kraftvoll die vertrauten Lieder schmettert und die Predigtworte endlich einmal nicht im leeren Kirchenschiff verhallen – dann werden strenge Pfarrer milde. Dann sprechen sie zu ihrem Festtagspublikum wie zu verlorenen Söhnen oder Töchtern, die eben erst glücklich heimgekehrt sind und die man keinesfalls verprellen darf. »Wie geht es Ihnen jetzt? Sind Sie auch so erschöpft?«, lautet der Anfang einer typischen profanen Heiligabend-Predigt. Oder alternativ: »Ich habe ein Schaf mitgebracht. Ein Schaf von den Hirten auf dem Feld.« Oder ganz lässig: »In der letzten Ausgabe der Kirchenzeitung habe ich etwas gelesen, das mich auf Anhieb angesprochen hat.«
Diese harmlosen, unverbindlichen, kindischen, fast schon blasphemischen Wohlfühlsätze wurden am 24. Dezember 2006, irgendwo zwischen Flensburg und Karlsruhe, tatsächlich gepredigt. Schlägt man die betreffenden Pfarreien im Atlas nach, erkennt man: Das Problem ist gleichmäßig und konfessionsunabhängig übers ganze Land verteilt. Im Norden wird seitenlang aus der Kirchenzeitung zitiert und über Fernsehpastor Fliege philosophiert. Im Osten werden Bibelschafe mit Versuchskaninchen verglichen. Im Südwesten wird die Schätzung Judäas in einem Atemzug mit der Erhöhung der Mehrwertsteuer genannt, wird die Weihnachtsfreude als eine Art Börsengewinn betrachtet und gemutmaßt, Maria und Joseph seien vor Heiligabend »auch sehr im Stress« gewesen.
Wer das nicht glaubt, kann es im Internet unter www.predigten.de nachprüfen: Moderne Pfarrer als Vermarkter ihrer selbst verbreiten beinah jeden pseudotheologischen Unsinn, um ihren gottesdienstentwöhnten Zuhörern zu imponieren.
Weihnachten tritt die Krise des Genres besonders klar zutage: seine schleichende Profanisierung, sein Niedergang als Kunstform, sein Abdriften in die Defensive. Vorbei die kämpferischen Zeiten, als Martin Luther den Wittenbergern mitten im Dezember wegen spärlicher Kirchenbesuche mit Predigtstreik drohte. Vorbei die Zeiten, als der Reformator seinen Unmut über lesefaule Laien laut herausposaunte. So wetterte er am ersten Adventssonntag anno 1530, es solle sich niemand einbilden, die Bibel verstanden zu haben, und niemand das Wort Gottes verachten, bloß weil es ständig kundgetan werde. Doch heute hat die Verachtung des Wortes längst auf die Predigt durchgeschlagen. Heute wird aus der Bibel möglichst wenig zitiert, sondern von der Kanzel herab Sozialtherapie betrieben. Heute gibt es nur noch wenige mutige Männer wie Pastor Senz in Oberdorla, der seiner unaufmerksamen, vernehmlich schwatzenden Gemeinde während des Weihnachtsgottesdienstes erklärte, er lasse sich diese Mischung aus Oktoberfest und Bauernhochzeit nicht mehr bieten. Sprach’s, klappte das Buch zu und verließ die Kirche – ohne Vaterunser, ohne Segen.
Die meisten seiner Amtsgeschwister sind viel duldsamer und tun so, als sei der Ansturm der Weihnachtschristen für sie die reine Freude. Tapfer stellen sie sich, wenn der Gottesdienst vorbei ist, an die Kirchenpforte und schütteln jedem Einzelnen die Hand. Fünfhundertmal »Danke!«, »Gesegnetes Fest!«, »Auf Wiedersehen!«. Fünfhundertmal lächeln. Vierhundertfünfzigmal nicht daran denken, dass diese Leute erst in einem Jahr wieder hier auftauchen. Warum aber bleiben sie so lange weg? Könnte es auch an der immer trivialeren Verkündigungspraxis liegen?
Das Enttäuschendste an Weihnachten ist ja alle Jahre wieder eine Weihnachtspredigt, die nicht der Glaubenskontroverse, sondern bloß der feierlichen Selbstvergewisserung und der kollektiven Seelenwellness dient. Sie beginnt gern mit einem Seufzer der Erleichterung, dass der Adventsstress nun vorbei und der Stern von Bethlehem aufgegangen sei, sie erzählt Marias Niederkunft im Stall wie ein uraltes Kindermärchen, das angeblich trotzdem aktuell sei, und endet irgendwie mit einer Friedensbotschaft. Für Katholiken mögen solche Predigten keine Tragödie sein, weil ihnen das Messopfer zentrales Element des Gottesdienstes bleibt. Doch für die Protestanten mit ihrer euphorischen Auffassung vom Predigen als erlösendes Geschehen ist jede verkorkste Kanzelrede deprimierend. Ein Ritual, das seinen wahren Zweck verfehlt: Vergegenwärtigung des Evangeliums. Übersetzung des Heilsgeschehens in die Sprache unserer Zeit. Problematisierung des Glaubens. Kritik an den politischen Verhältnissen aus religiöser Perspektive. Vision eines modernen Lebens nach christlichem Vorbild. Und nicht zuletzt Missionierung durch die Kraft des Intellekts.
Das klingt vielleicht prätentiös. Doch große Prediger des 20. Jahrhunderts wie Dietrich Bonhoeffer, Martin Niemöller, Karl Barth und in neuester Zeit Eberhard Jüngel, Manfred Josuttis, Friedrich Schorlemmer haben bewiesen, dass es geht. Ein paar junge Theologen draußen in den Kirchenprovinzen können es übrigens auch. Sie beginnen ihre Weihnachtspredigt etwa mit dem schönen Satz: »Auf drei Dingen beruht die Welt – auf einer Behauptung, auf einer Geschichte und auf einer Schrift.« Für Teja Begrich (Jahrgang 1971, aus einer alten Protestantenfamilie stammend, Prediger in der achten Generation, Pfarrer in Mühlhausen, Thüringen) steht die Behauptung von der Geburt des Heilands erst einmal im Widerspruch zur Realität des Tages. Diesen Widerspruch bewusst zu machen, statt ihn aufzulösen, sieht Begrich als sein Predigtziel. Er ermuntert die Leute, über einen Gott nachzudenken, der sich »lieb« nennt, aber ausgesprochen grausam sein kann; eine Bibel kritisch zu lesen, die von Antijudaismen strotzt; einen Glauben zu praktizieren, der ohne Zweifel nicht zu haben ist. Dafür genügt die alte pfarrherrliche Attitüde ebenso wenig wie die neue Lässigkeit. Dafür braucht man mehr als einen moralistischen Sündenbegriff und einen Gute-Werke-Katalog, nämlich Talent zur Exegese, breites Geschichtswissen und solide Altsprachenkenntnis.
Weil Begrich die besitzt, kann er seiner Gemeinde aufzeigen, wie der Evangelist Matthäus das Wunder der Weihnacht durch Schönreden kleingeredet hat. Nebenher erzählt der Pfarrer, dass die Herkunft des Messias ausgerechnet aus »Brothausen« (Hebräisch lechem bedeutet Brot und beth bedeutet Haus) schon immer für Missfallen gesorgt habe sowie für klammheimliche Versuche, dieses komische Bethlehem bedeutender erscheinen zu lassen, als es wirklich war. Fragt man einen wie Begrich, ob sich die Predigt in der Krise befinde, verneint er erst einmal, räumt dann aber ein, viele Kollegen verließen sich beim Vorbereiten ihrer Predigten aus Faulheit zu sehr auf den Heiligen Geist. »Mein Superintendent sagt zwar, man müsse eine Predigt auch in zwei Stunden schreiben können. Ich sage: Das merkt man.«
Tatsächlich sind die Pfarrer ja der Beschleunigung des Alltags, dem Oberflächlichwerden zwischenmenschlicher Kontakte ebenso ausgesetzt wie der Rest der Welt. In einer normalen Adventswoche hat ein gewöhnlicher evangelischer Pastor beispielsweise Konfirmandenunterricht, Krippenspielprobe, Gemeindekirchenrat zu absolvieren, Weihnachtsfeier und Bibelgesprächskreis, Jugendgottesdienst, Geburtstagsbesuche, noch mal Weihnachtsfeier, Kircheschmücken, Vorbereitungstreffen für sechs Weihnachtsgottesdienste und so weiter. Da muss man schon sehr diszipliniert sein, um das Predigtschreiben nicht oberflächlich zu betreiben. Mangelnder Tiefgang zeigt sich aber stets auch als laxer Verkündigungsstil, und es ist kein Wunder, dass die meisten heutigen Vertreter des Genres sich von der großen deutschen Tradition der geistlichen Kunstrede verabschiedet haben.
Meister Eckhart hat in seinen empfindsamen, fein gesponnenen Predigten einst die deutsche Literatur mitbegründet, und Luther legte in seinen streitlustigen, von Neologismen funkelnden Sermonen das sprachliche Fundament der deutschen Philosophie. Auf katholischer Seite erweiterten Geiler von Kaysersberg und Abraham a Santa Clara die volkssprachlichen Predigtstile, auf evangelischer Seite vervollkommneten Herder, Schleiermacher, Spener sie. Um sich deren komplexer Sprechweise anzunähern, brauchte man nicht nur Zeit, sondern auch Muße, nicht nur Beredsamkeit, sondern einen triftigen Predigtgrund. Äußere Anlässe wie Weihnachten gelten hier nicht, politische Impulse genügen nicht, weltliche Kritik an Umweltverschmutzung, Kinderarmut, Krieg findet schon in der Zeitung statt, und Exegese ist ja nur Mittel zum Zweck. Aber zu welchem?
Die Frage bleibt meist unbeantwortet. Und das Ergebnis ist, wie der Münsteraner Religionswissenschaftler Wilfried Engemann in seiner kritischen Einführung in die Homiletik schreibt, die populäre Form der »inhumanen Predigt«. Sie nimmt den Zuhörer nicht ernst, sondern behandelt ihn wie einen Konfirmanden, sie ergeht sich in vagen Appellen an seine Mitmenschlichkeit, sie anempfiehlt ihm bestimmte Gefühle, langweilt ihn mit hohlen theologischen Spekulationen und entlastet ihn durch eine klischeehafte Didaxe der »kleinen Schritte«.
Sie wird auch nicht dadurch humaner, dass man sie rhetorisch aufmotzt. Momentan ergeht an die Pfarrer allenthalben der homiletische Ratschlag, sich stärker auf das Äußere der Predigt zu konzentrieren: Man müsse sie als Ereignis begreifen, sie aus dem Geist des »African American Preaching«, der darstellenden Künste, des Kinos und der Popmusik erneuern. Man müsse von den Journalisten und vom Fernsehen lernen, sich dem Unterhaltungsdogma unterwerfen und als Korrespondent Gottes in einer Mediengesellschaft agieren. Predigt als Event! Als Happening! Als gigantische Konsensmaschine!
Möchten wir das? Man stelle sich vor, wie der banale Satz »Sind Sie auch so erschöpft« aus rockkonzerttauglichen Lautsprechertürmen quillt. Oder wie die Verlesung der Kirchenzeitung von Videoclips untermalt wird. Oder wie »Ich habe ein Schaf mitgebracht« von ein paar attraktiven Vikaren in Boygroup-Manier gerappt wird. Gott bewahre! Mit einer Superpredigt ohne Inhalt und mit Religion ohne Utopie sind selbst Weihnachtschristen schlecht bedient.
- Datum 13.12.2007 - 01:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 13.12.2007 Nr. 51
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Sie sprechen mir aus dem Herzen. Wenn sich die Sonntagspredigt nicht mehr von schlecht recherchierten Lebenstipps aus Gratiszeitungen unterscheidet, hat sie ihre Daseinsberechtigung verloren und mit ihr auch bald die Kirche selbst.Allerdings haben Sie einen wichtigen Punkt vergessen, welcher für mich vor einigen Jahren ausschlaggebend war, auf Kirchenbesuche (auch zu Weihnachten) ganz zu verzichten: die überbordende Verwendung von hermetischen, inhaltsleeren theologischen Floskeln, die zwar ein religiöses Feeling vermitteln, aber dem Auftrag des Predigers nicht gerecht werden, suchenden Menschen neue Denkanstöße zu geben und ihnen christliche Theologie zu erklären.Gut dazu passt, dass sich die Aktivitäten in meiner (evangelischen) Kirchengemeinde auf Jugendgruppen und Seniorenkreise zu beschränken scheinen. Gelegentlich wird ein Pop-Oratorium aufgeführt. Wenn ich nicht bald irgendwo auf ein Angebot stoße, das sich einmal um ein intellektuell anspruchsvolles, undogmatisches, aber dennoch an Glaubensdingen interessiertes erwachsenes Publikum wendet, DANN TRETE ICH AUS.
diese furchtbaren Pfadfinderlieder, die da gerne geklampft werden.Nix Vergleichbares zu Bach, Paul Gerhard etc.Das ist alles nichts für Zweifler, die mit Komplexität angeregt werden wollen und sich vielleicht in ein Gespräch ziehen ließen.Also gehe ich auch weiterhin nicht zu einem Gottesdienst.
hat ja nicht nur „längst auf die Predigt durchgeschlagen.“Es wird ja überall die Axt an die Wurzel gelegt. Denken wir nur an die unselige feministische Bibel. Die zutreffende Wertung hat die ZEIT dankenswerterweise am 06.04.2006, Kein Wort sie wollen lassen stahn (http://www.zeit.de/2006/1...) publiziert.Wobei es vielleicht ungerecht ist, den Predigern allein die Schuld zu geben. Es ist der ganze Zeitgeist mit all seinen Absurditäten und Verlogenheiten an allen Ecken und Enden. Persönlich ekelt mich am meisten die feministische Eschatologie an (in der ZEIT von den femifaschistischen Hetzerinnen Gaschke, Radisch, Faller & Co. verbreitet) am meisten an, die Verkündigung des weiblich-sanften Nirwana als Endziel, für das zu kämpfen jetzt alle Reserven mobilisiert werden müssen und wo zum Zweck natürlich alles reaktionäre (dessen Bestandteil zweifellos die christliche Religion ist) auf den Müllhaufen der Geschichte gekehrt werden muss. Wundert´s, dass mancher Prediger da im Büßergewand mit schuldig gesenktem Kopf daherkommt? Wo „die Kirche“ „den Frauen“ so viel Böses getan hat? Und dass mit dieser Bußfertigkeit nur die Persiflage einer Predigt rauskommt ist dann nicht überraschend sondern folgerichtig.."Gottlos ist nicht der, der die Götter leugnet, sondern der, der die Meinung der Menge Gott anheftet" (Epikur)
Wie bei den meisten in der Diskussion heutiger Tage stehender
Begriffe, muß man zunächst einmal hergehen und eine Begriffsbestimmung
vornehmen, um sicherzustellen, daß über ein und die selbe Sache diskutiert
wird; denn es ist in Mode gekommen Begriffen nur die Inhalte zuzustellen, die
einem persönlich in den Kram passen oder die der Zeitgeistauffassung
entsprechen.
Re|li|gi|on, die; -, -en [lat. religio = Gottesfurcht, H. u.; in der christlichen
Theologie häufig gedeutet als "(Zurück)bindung an Gott", zu lat.
religare = zurückbinden]: (meist von
einer größeren Gemeinschaft angenommener) bestimmter, durch Lehre u. Satzungen
festgelegter Glaube u. sein Bekenntnis.
Das
gleiche gilt für den Begriff Kirche: Ki.r|che, die; -, -n [mhd. kirche, ahd.
kiricha < spätgriech. kyrikón = Gotteshaus, zu älter: kyriakón,
eigtl. = das zum Herrn gehörende (Haus), zu: kýrios = Herr].
Wenn wir von der christlichen Kirche
sprechen, so muß man sich zudem ins Gedächtnis rufen, wie sie entstanden ist: Christentum
ist ja nun zunächst etwas, was in seiner Ausprägung genau die Formen angenommen
hat, die in der staatlichen Organisation des römischen Reiches im Zeitraum seiner
Verbreitung gegeben waren, nämlich unter dem römischen Kaiser Konstantin der Große, der das Christentum
durch Anerkennung des Mailänder Edikts 313 zur Staatsreligion machte.
Das Christentum hat sich bis auf
die heutigen Tage von dieser Vereinnahmung als und zur Staatsreligion nicht
erholt. Es ist zu dem degradiert worden, was allfällig im Staat zu wirken hatte
und staatlicher Usus war.
Seit dieser Zeit steht der
eigentlich spirituelle Impuls des Christentums mit seiner zentralen Verkündigung
der Überwindung des Todes, im Mysterium von Golgatha, stets unter Kuratel von
Verwaltung durch Disziplinierung von Staat und Kirche. Es ist zu einer
Glaubenssatzung geworden, über die Theokraten wachen, die die Seinsfragen zu
ihrem Ding gemacht haben.
Die Kirche, als „Kirchenstaat“,
eine eigentliche Kopie des weltlichen Staates, hat die ursprünglich
spirituellen Impulse des Christentums okkupiert und sich zueigen gemacht als
Objekt für Machtausübungsansprüche, mit Dogmen als Verfassung, mit von
staatlichen Bedingungen abgekupfertem eigenen Kirchenrecht; mit
Bestrafungswerkzeugen und absolutistischer Deutungshoheit über das jedem
Menschen in Freiheit zustehende Recht auf individuelle Spiritualität.
Freier spiritueller Betätigung ist
über Jahrhunderte Zwanghaftigkeit des Glauben-Sollens übergestülpt worden, bis
heute tatsächlich eine solch gewaltige spirituelle Desorientierung als Ergebnis
dieser Bevormundung vorliegt, die wie eine Koabhängigkeit im sozialen Leben den
eigenen spirituellen Willen lähmt. Zu kulturellen Taten gehören eben auch
solche Untaten leider dazu!
Sehr wenig bekannt ist auch die
Tatsache (sie wird heutzutage sogar mit immenser Verblüffung quittiert), daß
die römisch-katholische Kirche auf dem achten ökumenischen Konzil zu
Konstantinopel (869) der Geist abgeschafft hat, in dem Streit um das
„filioque“. Galten bis dahin noch die Dreiheit Heiliger Geist, Vater und Sohn,
so wurde hier bestimmt, daß der Mensch in der Dualität aus Leib und Seele
bestehend anzusehen sei, und das die Seele „einige geistigen Eigenschaften
habe“. Man möchte vielleicht diesem Umstand nicht weitere Bedeutung zumessen,
wenn nicht gerade dadurch eine unglaublich grundlegende Weichenstellung für die
gesamte geisteswissenschaftliche und sozikulturelle Entwicklung bis in die
heutigen Tage gegeben wäre, die zur Folge hat, daß die Trinität von Leib, Seele
und Geist nicht klar in Denkerscheinung tritt. Es ist mit dem lediglichen
Konglomerat von Seele mit geistigen Einsprenkelungen innerhalb der
Geisteswissenschaften und gerade der Theologie die unselige Verwurstung von
geistiger Erkenntnismöglichkeit ins persönlich Emotionale getrieben worden. Man
stelle sich nur vor, es würden die rein geistigen Gesetzmäßigkeiten, die einem
Dreieck zugrunde liegen, und die geistig bestehen, egal ob man diese
Gesetzmäßigkeiten nun persönlich kennt, erkennt oder anerkennt, einem
persönlichen emotionalen Gefallen anheim gestellt. Nur genau das ist seit dem
achten ökumenischen Konzil zu Konstantinopel geschehen und in Theologie und
religiösem sich widmen gang und gäbe: „geistige Erkenntnis“ ist zu einer
vollkommen persönlichen Emotionslage erklärt worden. „Jeder soll nach seiner
eigenen Facon selig werden“, „jeder nach seinem Gustos“ usw. – eben gerade so,
als wolle man die geistigen Gesetzmäßigkeiten eines Dreiecks den wankelmütigen
Stimmungslagen eines jeden einzelnen überlassen. Sicherlich kann man sich
Erkenntnissen gegenüber versperren oder nicht in der persönlichen Lage
überhaupt sein, sie zu erkennen, daß aber Erkenntnisunfähig- oder Unwilligkeit
in den Rang einer Wahrheit erhoben werden, weil der darüber gegebene Gehalt
abhängig sei von persönlicher Auffassung, das ist damit, daß der Geist
abgeschafft worden ist und der Seele lediglich als eine Art Zutat beigemengt
worden ist, zu einem folgenschweren theologischen Irrtum für die gesamte
geisteswissenschaftliche und soziokulturelle Entwicklung geworden. Bis in die
Denkgewohnheiten heutiger Tage, bis in die Geburtsstunde mit ihren
Geburtsfehlern der Empirie seit John Locke, bis in die Intentionen der äußeren
technischen Wissenschaften; bis in die Intentionen der Jurisprudenz und vor
allem bis in die Definition der Begriffe von menschlicher Freiheit und
persönlicher Souveränität hat diese Weichenstellung der satzungsgemäßen
Abschaffung des Geistes durch die Kirche ihre unheilvollen und katastrophalen
Auswirkungen.
Nicht das irgendetwas gegen
persönliche Erkenntniswege spräche; nur wird es den Menschen heutiger Tage
immer schwieriger und fast unmöglich gemacht, wenn sie darauf zurückverwiesen
werden, ihr Bedürfnis nach Sinnsuche, nach Spiritualität, sei jeweils
Einzelfallbezogen anzusehen und eine darüber stehende geistige Erkenntnis sei
unmöglich – es helfe nur der Glaube an diese oder jene ausgegebene kirchliche
Satzung der Lehre über das Sein und die Ewigkeit. Hier hat man es in der Tat
mit einer quasi ungeistigen jahrhundertealten soziologischen „Vererbung“ durch
Indoktrination zu tun, die es inzwischen dazu gebracht hat, nach Sinn suchenden
Menschen Mutlosigkeit in das Vertrauen des eigenen Geistes eingeimpft zu haben
und die Unmöglichkeit geistiger Erkenntnis als Absolutes hinzustellen. Dies
auch noch mit der zum Selbstläufer gewordenen vermeintlich demographischen Belegbarkeit
als quasi Amtshilfe für die Ausschließlichkeit des nur Glauben-Könnens.
Wenn aber nun das Phänomen des Widererstarkens
nach Spiritualität konstatiert wird, so hat es ja nichts mit Nostalgie zu tun.
Es zeigt lediglich auf, daß Aufklärung – sprich: Säkularisierung, mit all den
Verheißungen nach emanzipatorischem Glücklichwerden durch die Segnungen der
äußeren, exoterischen Welt, agnostischer Wissenschaften als Säkularisate und
Glaubensersatz, keinerlei Lebenssicherheiten und Antworten auf Seinsfragen in
ausreichendem Maße gebracht haben, wie sie es vorgeben erbringen zu können.
Für geisteswissenschaftliche
Erkenntnisse besaß Kirche zu keinem Zeitpunkt überhaupt eine Potenz, denn sie
hat ja nicht einmal die Erkenntnis der von ihr selbst verheißenen ganzen
Ewigkeit zustande gebracht. Die traditionelle Theologie hat lange schon abgehalftert
und den Kampf um Erringung von Geisterkenntnis an profane Erklärmodelle
verloren.
Jedoch zeigt sich auch gerade in
dem Phänomen der Widererstarkung nach Spiritualität und Religiosität, das auch
das Säkularisat ‚Moderne Wissenschaft’ keine letzte innere Befriedigung in
Seinsfragen zu geben in der Lage ist. Warum auch, wenn man an sie ebenso nur
glauben soll, wie an die Glaubenssatzungen der Religionen und Kirchen!
Theologie setzt willkürliche
Zäsuren an Anfang und Ende des Lebens zwischen Geburt und Tod. Davor und danach
- heute bietet sie (dank der Aufklärung!) für die ganze Ewigkeit ebenfalls nur
noch Erklärmodelle an; in früheren Zeiten hat sie unter Androhung von Strafen
und physischem Tod befohlen, diese Erklärmodelle als absolut zu übernehmen. Wie
gesagt: die ganze Ewigkeit zu einem kleinen Teil aus dem augenscheinlichen
Leben bestehend, der Rest der ganzen Ewigkeit aus indoktrinärer Willkür
gezimmert. Den Zugang zum Christentum hat die Kirche auch schon lange deswegen
verloren, da sie ja nicht mal mehr den Unterschied zwischen Christus und Jesus,
also zwischen dem Impuls des Christentums aus der spirituellen Opfertat im
Mysterium von Golgatha einem Jesuitismus zu leisten imstande ist.
Die „moderne Wissenschaft“ – fußend
auf dem Empirismus, wie Sir Francis Bacon oder John Locke ihn in die Welt
gestellt haben – unterliegt in gleicher Weise durch die Eliminierung des
Geistes, insbesondere mit dem Lockeschen „Tabula Rasa“, als quasi empiristische
Erbschaft dem lediglichen Glauben an das Nichts vor und nach dem Leben zwischen
Geburt und Tod.
Was einmal wähnende Domäne der
Kirche gewesen ist, nämlich die Hybris eigener Unfehlbarkeit, ist zum größten
Teil schon an die moderne „Wissenschaft“ abgetreten und übergegangen, mittels
eines vermeintlich aufklärerischen Aktes vererbt worden.
Denn auch hier sind menschliche
Freiheit und Souveränität des Geistes nicht selbständige Kategorien, sondern
nur Produkte einer glaubensartigen äußeren Evolution.
Jede These muß sich zumindest gefallen
lassen, daß man sie wenigstens so ernst nimmt, wie sie von sich selbst
behauptet, daß sie Bedeutung für die Welt und für die Erkenntnis habe. Daß das
Leben aus einem Urknall entstanden sei, also aus dem Nichts und ohne Plan und
Sinn, durch zufälliges dann Zusammenfinden von Elementarbausteinen oder durch
Zusammenkommen dieser Bausteine aufgrund ihrer physischen Affinitäten, ist ja
solch eine in der Tat vollkommen geistfrei aufgestellte These. Nur geht die
diese „wissenschaftliche“ These aber noch einen Schritt weiter als das achte
ökumenische Konzil zu Konstantinopel. Es wird mit der „wissenschaftlichen“
Behauptung der Entstehung des Lebens – und somit des Menschen – ja auch noch
die Seele abgeschafft.
Der so „wissenschaftlich“
betrachtete, als evolutionär entstanden definierte Mensch, besteht hier nur
noch aus Materie, dem Leib. Und je nachdem die Moleküle in diesem nur
materiellen Leib rasen, wird erklärt, daß die entsprechenden biochemischen
Prozesse so etwas wie Emotionen zur Folge hätten, also etwas Seelenartiges
seien. Kurz um: Das Wahrnehmen solcher biochemischer Prozesse ist also die
Erkenntnis schlechthin. Jede solche eigene Erkenntnis eines Wissenschaftlers,
der diese These vertritt (und oft wird sie ja sogar vehement und mit starkem
emotionalen Engagement vertreten), ist in ihrem Gehalt also lediglich in
biochemischen Prozesse seiner selbst gegeben. Wahrnehmung eines außer ihm
Existierenden sind Wahrnehmungen über die in ihm ablaufenden biochemischen
Prozesse selbst! - wie sie, wie gesagt, nimmt man diese These als solche ernst,
auch in seinem Frühstücksei stattfinden.
Eine Welt also, aus zum äußersten
Autismus gesteigerten, sich nur selbst wahrnehmenden biochemischen Prozessen.
Aber es soll ja bekanntlich Menschen geben, die daran glauben!
Wie läßt sich das aber nur (juristisch,
moralisch, überhaupt) vereinbaren mit einer Verantwortlichkeit gegenüber
irgendeiner Tat?! (Wobei dabei ja Biochemisch
schon etwas wäre, was über rein Physischem, aus dem heraus diese These ja ihren
Richtigkeitsanspruch erhebt, als Leben nämlich schon extraphysisch existent
wäre.)
Es gilt also eigentlich nur noch
abzuwarten - bis in nicht allzu ferner Zukunft wohl, der Leib auch noch per
irgendeiner neunmalklugen Satzung für abgeschafft erklärt wird und man sich
dann verdutzt die Frage stellen wird: aber wieso kann es denn dann sein, daß
ich trotzdem bin?! Liegt es dann vielleicht doch an der tatsächlich gegebenen
geistigen Existenz?
Eine geniale Rückbesinnung –
apropos religare -, wäre das dann!
Ich wünsche ein besinnliches
Weihnachtsfest – vielleicht ja doch mit eigenen Gedanken, oder anstatt dessen
doch eher Seelenwellness in der Kirche, oder gar bei fulminanten Erkenntnissen
unterm Weihnachtsbaum mit dem neuen Bastelkasten: „Unser kleiner Biochemiker“!
Es möge nützen!
Herzlichst IhrGEBE
Das ist wie bei einem Menschen, der sich "Pilot" nennt, obwohl er nie in der Luft war und obwohl seine Welt immer nur zweidimensional gewesen ist. Nur vom Hörensagen weiß er von einer möglichen dritten Dimension, vom Raum.
Auf der Suche nach dieser vergessenen oder nicht mehr verstandenen Dimension bin ich nach meinem Studium der Kath. Theologie (Staatsexamen) nicht dem Theologen Ratzinger, sondern einem indischen Weisen gefolgt. Ich habe das nie bereut.
Ein kleiner Hinweis: die Dimension jenseits der Raumzeit ist Sein - ganz innen oder ganz außen: die vedischen Texte sprechen von dem, was kleiner ist als das kleinste und größer als das Größte. Mein Meister benutzt oft das Bild vom "Saft" und der "Pflanze". Über diese abstrakte Erfahrung kann und darf man aber nicht predigen ohne die Erfahrung zu vermitteln. Und ohne die Erfahrung selber auszustrahlen. (Es ist aber ein große Freude, etwa die Gleichnisse des Neuen Testaments im Lichte dieser Erfahrung neu zu hören.)
nach 4 absätzen habe ich aufgehört zu lesen,ihr zeilenumbruch ist ja unmöglich lesbar.wäre das eine predigt, sie könnten sie wohl auch nicht gescheit vortragen können.
Für den Zeilenumbruch bin ich leider nicht zuständig!Es ist das eine hier oftmals beklagte Sache.Sollten Sie den text aber als Artikel lesen wollen, der einen angenehmen Zeilenumbruch hat, so schauen Sie unter "neueste Leserartikel" nach und dort unter "Hirnjogging und Seelenwellness"Herlichst IhrGEBE
Der Artikel von Evelyn Finger war ausgezeichnet
Leider kann ich das von Ihrem Kommentar nicht sagen und muß "Torninese" - nicht nur wegen des Zeilenumbruchs - zustimmen. Früher gab es in jeder öffentlichen Telefonzelle den Hinweis: "Fasse Dich kurz". Das möchte ich oft manchem anderen Kommentator auch zurufen. "In der Kürze liegt die Würze" ist doch ein bekannter Satz. Andernfalls besteht die Gefahr, daß der Leser "Schluß mit dem Geschwätz" analog anwendet.
PS.: Übrigens habe ich beim Schreiben keine Probleme mit dem Zeilenumbruch.
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