Wenn die Weihnachtschristen in die Kirche strömen und die oberste Empore bis auf den letzten Platz besetzen, wenn der Küster Klappstühle herbeischleppt und die Chorsänger zusammenrücken, wenn die Gemeinde nicht mit dünner Stimme, sondern kraftvoll die vertrauten Lieder schmettert und die Predigtworte endlich einmal nicht im leeren Kirchenschiff verhallen – dann werden strenge Pfarrer milde. Dann sprechen sie zu ihrem Festtagspublikum wie zu verlorenen Söhnen oder Töchtern, die eben erst glücklich heimgekehrt sind und die man keinesfalls verprellen darf. »Wie geht es Ihnen jetzt? Sind Sie auch so erschöpft?«, lautet der Anfang einer typischen profanen Heiligabend-Predigt. Oder alternativ: »Ich habe ein Schaf mitgebracht. Ein Schaf von den Hirten auf dem Feld.« Oder ganz lässig: »In der letzten Ausgabe der Kirchenzeitung habe ich etwas gelesen, das mich auf Anhieb angesprochen hat.«

Diese harmlosen, unverbindlichen, kindischen, fast schon blasphemischen Wohlfühlsätze wurden am 24. Dezember 2006, irgendwo zwischen Flensburg und Karlsruhe, tatsächlich gepredigt. Schlägt man die betreffenden Pfarreien im Atlas nach, erkennt man: Das Problem ist gleichmäßig und konfessionsunabhängig übers ganze Land verteilt. Im Norden wird seitenlang aus der Kirchenzeitung zitiert und über Fernsehpastor Fliege philosophiert. Im Osten werden Bibelschafe mit Versuchskaninchen verglichen. Im Südwesten wird die Schätzung Judäas in einem Atemzug mit der Erhöhung der Mehrwertsteuer genannt, wird die Weihnachtsfreude als eine Art Börsengewinn betrachtet und gemutmaßt, Maria und Joseph seien vor Heiligabend »auch sehr im Stress« gewesen.

Wer das nicht glaubt, kann es im Internet unter www.predigten.de nachprüfen: Moderne Pfarrer als Vermarkter ihrer selbst verbreiten beinah jeden pseudotheologischen Unsinn, um ihren gottesdienstentwöhnten Zuhörern zu imponieren.

Weihnachten tritt die Krise des Genres besonders klar zutage: seine schleichende Profanisierung, sein Niedergang als Kunstform, sein Abdriften in die Defensive. Vorbei die kämpferischen Zeiten, als Martin Luther den Wittenbergern mitten im Dezember wegen spärlicher Kirchenbesuche mit Predigtstreik drohte. Vorbei die Zeiten, als der Reformator seinen Unmut über lesefaule Laien laut herausposaunte. So wetterte er am ersten Adventssonntag anno 1530, es solle sich niemand einbilden, die Bibel verstanden zu haben, und niemand das Wort Gottes verachten, bloß weil es ständig kundgetan werde. Doch heute hat die Verachtung des Wortes längst auf die Predigt durchgeschlagen. Heute wird aus der Bibel möglichst wenig zitiert, sondern von der Kanzel herab Sozialtherapie betrieben. Heute gibt es nur noch wenige mutige Männer wie Pastor Senz in Oberdorla, der seiner unaufmerksamen, vernehmlich schwatzenden Gemeinde während des Weihnachtsgottesdienstes erklärte, er lasse sich diese Mischung aus Oktoberfest und Bauernhochzeit nicht mehr bieten. Sprach’s, klappte das Buch zu und verließ die Kirche – ohne Vaterunser, ohne Segen.

Die meisten seiner Amtsgeschwister sind viel duldsamer und tun so, als sei der Ansturm der Weihnachtschristen für sie die reine Freude. Tapfer stellen sie sich, wenn der Gottesdienst vorbei ist, an die Kirchenpforte und schütteln jedem Einzelnen die Hand. Fünfhundertmal »Danke!«, »Gesegnetes Fest!«, »Auf Wiedersehen!«. Fünfhundertmal lächeln. Vierhundertfünfzigmal nicht daran denken, dass diese Leute erst in einem Jahr wieder hier auftauchen. Warum aber bleiben sie so lange weg? Könnte es auch an der immer trivialeren Verkündigungspraxis liegen?

Das Enttäuschendste an Weihnachten ist ja alle Jahre wieder eine Weihnachtspredigt, die nicht der Glaubenskontroverse, sondern bloß der feierlichen Selbstvergewisserung und der kollektiven Seelenwellness dient. Sie beginnt gern mit einem Seufzer der Erleichterung, dass der Adventsstress nun vorbei und der Stern von Bethlehem aufgegangen sei, sie erzählt Marias Niederkunft im Stall wie ein uraltes Kindermärchen, das angeblich trotzdem aktuell sei, und endet irgendwie mit einer Friedensbotschaft. Für Katholiken mögen solche Predigten keine Tragödie sein, weil ihnen das Messopfer zentrales Element des Gottesdienstes bleibt. Doch für die Protestanten mit ihrer euphorischen Auffassung vom Predigen als erlösendes Geschehen ist jede verkorkste Kanzelrede deprimierend. Ein Ritual, das seinen wahren Zweck verfehlt: Vergegenwärtigung des Evangeliums. Übersetzung des Heilsgeschehens in die Sprache unserer Zeit. Problematisierung des Glaubens. Kritik an den politischen Verhältnissen aus religiöser Perspektive. Vision eines modernen Lebens nach christlichem Vorbild. Und nicht zuletzt Missionierung durch die Kraft des Intellekts.

Das klingt vielleicht prätentiös. Doch große Prediger des 20. Jahrhunderts wie Dietrich Bonhoeffer, Martin Niemöller, Karl Barth und in neuester Zeit Eberhard Jüngel, Manfred Josuttis, Friedrich Schorlemmer haben bewiesen, dass es geht. Ein paar junge Theologen draußen in den Kirchenprovinzen können es übrigens auch. Sie beginnen ihre Weihnachtspredigt etwa mit dem schönen Satz: »Auf drei Dingen beruht die Welt – auf einer Behauptung, auf einer Geschichte und auf einer Schrift.« Für Teja Begrich (Jahrgang 1971, aus einer alten Protestantenfamilie stammend, Prediger in der achten Generation, Pfarrer in Mühlhausen, Thüringen) steht die Behauptung von der Geburt des Heilands erst einmal im Widerspruch zur Realität des Tages. Diesen Widerspruch bewusst zu machen, statt ihn aufzulösen, sieht Begrich als sein Predigtziel. Er ermuntert die Leute, über einen Gott nachzudenken, der sich »lieb« nennt, aber ausgesprochen grausam sein kann; eine Bibel kritisch zu lesen, die von Antijudaismen strotzt; einen Glauben zu praktizieren, der ohne Zweifel nicht zu haben ist. Dafür genügt die alte pfarrherrliche Attitüde ebenso wenig wie die neue Lässigkeit. Dafür braucht man mehr als einen moralistischen Sündenbegriff und einen Gute-Werke-Katalog, nämlich Talent zur Exegese, breites Geschichtswissen und solide Altsprachenkenntnis.