Der Bösewicht im Todeszug nach Yuma hat ein Faible für grüne Augen. Grüne Augen sind in Amerika ungefähr das, was blaue Augen hierzulande sind, und nach einer gewissen Zeit beschleicht den Zuschauer das Gefühl, alle Gestalten besitzen hier ehrliche und unschuldige grüne Augen, was natürlich nicht wahr ist, aber irgendwie doch stimmt. Und wehe dem,der keine hat.

Solche Zeichen sind wichtig in diesem Film. Die Farmersfrau ist blond, der gute Held verlor seinen Fuß im Bürgerkrieg, was er als schweren Versager-Makel empfindet. James Mangolds Western – ein Remake von Zähl bis drei und bete von 1957 – kehrt mit einem gewissen, genauer gesagt: einem ziemlich hochpolierten Purismus zurück zum Genre. Keine schwulen Cowboys, keine esoterischen Anwandlungen, keine allzu subtilen Seelenlagen. Hier stehen Gut und Böse und rauchende Colts im Mittelpunkt. Bei Mangold sind die Männer wieder einsam und müssen in moralisch verzwickten Lagen Entscheidungen treffen. Die Frauen schenken den Whisky aus und sprechen das Abendgebet.

Zum Glück ist es nur scheinbar so simpel. Die Handlung entspricht im Wesentlichen Elmore Leonards 1953 erschienener Kurzgeschichte 3:10 to Yuma : Der Kriegsveteran Dan Evans (Christian Bale) lebt mit Frau und Söhnen auf einer Farm in Arizona. Sie leiden unter der Dürre, weil ihr Nachbar und Gläubiger ihnen den Fluss abgegraben hat. Zweimal in kürzester Zeit kreuzt Evans den Weg des legendären Raubmörders Ben Wade (Russell Crowe), einmal, als der gerade eine Lohnkutsche ausräumt, wenig später, als Wade nach einem Schäferstündchen gefasst wird. Für 200 Dollar erklärt Evans sich bereit, den Häftling ins drei Tage entfernte Städtchen Contention zu bringen, wo der 3.10-Uhr-Zug Wade ins Staatsgefängnis von Yuma bringen soll.

Eine bizarre Truppe schart sich als Bewachung um Wade, den Schrecken des Westens, insbesondere der Eisenbahngesellschaft. Darunter auch als fieser Kopfgeldjäger Peter Fonda, der in diesem Film, nun ja, einen Auftritt hat. Als er wenig später in eine Schlucht stürzt, ist es eigentlich auch gut so. Wades Bande ist den Vertretern des Rechts auf den Fersen. Der Shoot-out ist gewaltig.

Wie es sich für einen neoklassischen Western gehört, schildert er Geburt und Untergang eines Helden, er gewinnt seinen Grundkonflikt aus dem Wildwestzusammenprall von Rechtlosigkeit und Naturrecht. Und das Drama spielt vor dem Hintergrund der siegreichen Zivilisation, die sich als Eisenbahnepoche ins alte Wertesystem hineinfräst. Eine Szene spielt im Gebirge, wo Tausende von chinesischen Sklavenarbeitern die Trasse freisprengen. Das stimmt historisch. Vielleicht platzt dieser Film nicht gerade vor Ironie, aber diese Cowboys, die immer einen Grund finden, einander umzulegen, wirken angesichts dieses stoischen Fleißes völlig archaisch. Den Chinesen gehört die Zukunft, auch wenn sie noch als Ausgebeutete auftreten. Im Western hat die Eisenbahn immer schon gewonnen. Sobald sie fährt, sind alle Konflikte eingerahmt, und alle Dramen finden nur noch »als ob« statt.

Zu den »Echtheitssignalen« des Films gehört auch seine beinahe aufdringliche biblische Symbolik. Immerfort steht Evans am ethischen Scheideweg, immerfort will sich einer für jemand anderen opfern. Die Personen sind Archetypen, besonders Wade, der für den moralisch zweifelnden Evans den Versucher spielt. All das kennt man. Aber ausgerechnet hier wird Mangolds Film auch interessant. Russell Crowes Gesichtszüge sind zu weich, er selbst ist zu gut genährt, um nur ein Desperado zu sein. Er hat zu viel Humor, und er redet zu viel. Dieser Teufel argumentiert, er rechtfertigt das Böse, impft dem Zweifelnden den Virus des Relativismus ein. Dauernd bittet in diesem Film jemand um Ruhe. Es ist ein redseliger Männer-Film, der sein simples dramaturgisches Muster dazu nutzt, um die moralischen Maßstäbe seiner Ausgangssituation gehörig aufzuweichen.

Wades Bewacher sind verkommener als dieser. Es entsteht bald eine stillschweigende Komplizenschaft zwischen Wade und Evans. Auch der Chef wird von seiner Bande gehetzt. Das Ganze ist ein sinnloses Kommando: sinnloses Abschlachten und sinnloser Freiheitsdrang. Es gelingt Mangold, dem Historismus seiner Wildwestbilder eine wirksam zersetzende Dialektik entgegenzuhalten. Auch das allerletzte Duell stellt Gut und Böse nicht wieder her. Wades und Evans gemeinsamer Trip ist auch eine Reise ins Dunkel der Wahrhaftigkeit, ein Ablegen der Lebenslügen, eine Läuterung. Kurz vorm Ende gestehen sie einander die tiefsten Motive ihrer Getriebenheit. Und sie müssen über diese Psychologie lachen: Beider Lebensgeschichten sind einfach zu klein, um das Blutbad zu rechtfertigen.