Klassiker der Moderne (91) Welch Delikatesse!

Im Jahre 1985 kam eine Platte auf die Erde nieder, die seither still vor sich hinglüht: "Steve McQueen" von Prefab Sprout.

Es gibt Platten, die so exakt und rückstandsfrei Ausdruck ihrer Zeit sind, dass man sie danach sofort ins Museum stellen möchte. Andere lassen einen noch Jahrzehnte später rätseln, was hier eigentlich gespielt wurde. Steve McQueen von Prefab Sprout fällt in die zweite Kategorie. Die elf Titel laufen unter Pop, doch an Kaugummis und Teenagedramen erinnert wenig. Eighties-typische Synthesizer sind darauf zu hören, doch statt käsig oder nach Halbleiterstaub zu klingen, verwirren sie durch feinstofflichste britische Eleganz. Diese gebrochene Akkordrhetorik! Die testosteronarme Sexyness der Stimme Paddy McAloons! Die ganze seltene Delikatesse der Melodieführung! Man kann es drehen und analysieren, wie man will, stets bleibt ein Rest Geheimnis.

Einen Nenner gibt es also nicht, höchstens einen Rahmen: Steve McQueen ist ein später Ausläufer jener Reformbewegung, die neuerdings auf den Namen Postpunk hört und im Rückblick den gründlichsten und bislang letzten Versuch darstellt, die Verhältnisse im Staate Pop neu zu ordnen. Ideen aus Literatur, Film, Philosophie sickerten ein, Haltungen waren plötzlich wichtiger als Lagerzugehörigkeiten. Die Intelligenzija drängte an die Macht, es war eine Zeit, in der die Saat der Kulturrevolution aufging und es nicht breitbeinig, sondern cool wirkte, eine Platte nach einem früh verstorbenen Hollywood-Schauspieler zu benennen. Eine Zeit lang konnten so selbst schüchterne Menschen am Rand des Mainstreams Glamour entfalten.

Dazu passt, dass McAloon ursprünglich nicht Popstar, sondern Priester werden wollte. Noch zu Zeiten aufkeimenden Ruhms lebte er bei seinen Eltern in einem alten Vikariat in Witton Gilbert, Durham County, was für komplizierte libidinöse Verhältnisse spricht, Stubenhockertum und eine katholische Neigung zur Opulenz. Eine Zeile wie »Desire as a sylphe-figured creature who changes her mind« (etwa: Die Begierde gleicht einem Luftgeist, der ständig neue Launen an den Tag legt) jedenfalls hat es im Pop davor und danach eher selten gegeben. Schließlich finden sich in dieser Musik Spurenelemente von Bossanova und Musical – McAloon war großer Gershwin-Fan –, Mythologisches aus Western, der Bibel und dem Ulysses, und doch: Restlos aufklären lässt sich der Fall nicht. Dieses Album bleibt ein Brocken Kryptonit, der 1985 auf der Erde aufschlug und seither still vor sich hin glüht.

Wie haben Sie’s bloß gemacht, Herr McAloon? Er ist ein Solitär geblieben, der den Pop von seinen Rändern her bearbeitete, sich in den Neunzigern geniehafte Krankheiten – Gehörprobleme, zeitweiliges Erblinden – zuzog, in größenwahnsinnigen Momenten an einer Vertonung der Geschichte der Menschheit gearbeitet haben soll und bis heute irgendwo da draußen seine Bahnen zieht. So nah ans populäre Empfinden der Zeit aber ist er nie wieder herangekommen wie mit Steve McQueen, seinem zweiten und besten Album.

Prefab Sprout: Steve McQueen, Kitchenware/Sony BMG

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    • Quelle DIE ZEIT, 19.12.2007 Nr. 52
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