Dritte These: Wenn Religionen immer schon scheinbar eherne territoriale und nationale Grenzen überwunden und neue Abgründe zwischen Glaubenden und Nichtglaubenden aufgerissen haben, was ist dann das Neue? Die kommunikationstechnologische Dichte und daraus resultierende universelle Nachbarschaft der Welt führt zur Berührung und Durchdringung der Weltreligionen und diese wiederum zu einem clash of universalisms, zu allgegenwärtigen Zusammenstößen der Offenbarungswahrheiten sowie Tendenzen der wechselseitigen Verteufelung der Fremdgläubigen, deren menschliche Würde zur Disposition steht. Jeder gläubige und nichtgläubige Mensch, welcher Glaubens- und Nichtglaubensrichtung auch immer, sieht sich zugleich in die Heimat der Gläubigen (oder Atheisten) und in den Zustand der potenziellen Vogelfreiheit der Ungläubigen (in den Augen der religiös Anderen) versetzt. Diese Zwangsversetzung weckt und nährt diffuse Ängste, die politische Gegensätze und Konflikte religiös aufladen und in Gewaltexplosionen zum Ausbruch kommen können.

Hier taucht eine neue, vielleicht in Zukunft außerordentlich wichtige Konfliktlinie auf, und zwar zwischen solchen Glaubensströmungen, die dem Zweifeln Raum geben, ja, darin ein Moment der Rettung der Religion sehen, und denjenigen, die, um den Zweifel abzuwehren, sich in der konstruierten »Reinheit« ihres Glaubens verbarrikadieren. »Harte Religionen bieten den Konsumenten sehr viel«, konstatiert der Theologe Friedrich Wilhelm Graf, »eine starke, stabile Identität, krisenresistente Welt- und Zeitdeutung, geordnete Familienstrukturen und dichte Netzwerke der Solidarität.«

Gegen die »Diktatur des Relativismus« kämpfend, verteidigt Papst Benedikt XVI. die katholische Hierarchie der Wahrheit, die einer Skatlogik folgt: Glaube sticht Verstand. Christlicher Glaube sticht alle anderen Glaubensarten (insbesondere den Islam). Römisch-katholischer Glaube ist der Kreuzbube, der alle anderen christlichen Skatbrüder des Glaubens sticht. Und der Papst ist der allerhöchste Trumpf im Wahrheitsskatblatt der katholischen Rechtgläubigkeit.

Vierte These: Die Nationalisierung Gottes führt zur Naturalisierung von Intoleranz und Gewalt. Die verbreitete Rede von der »Ersatzreligion« des Nationalismus verharmlost letztlich, was im 19. und 20. Jahrhundert in Deutschland geschah, nämlich die »Germanisierung des Christentums«. Wo nationale Feindbilder regieren, stirbt als Erstes die Toleranz zwischen den Religionen. So wird die Judenverfolgung bis hin zur Deportation für die protestantische Kirche zu einer »neuen Bestätigung eines bereits biblisch fixierten jüdischen Schicksals«, wie der Kirchenhistoriker Arnold Angenendt zusammenfassend berichtet. Der aggressive, antreibende Antisemitismus protestantischer Gemeinden gehorchte dem staatlich verordneten Antisemitismus. Entsprechend kam es sogar »in etlichen Gemeinden seit 1941 zu einem Verbot für christliche Judensternträger zu Gottesdiensten«. Was dabei bislang unterbelichtet blieb, ist der »methodologische Nationalismus« der historischen Wissenschaften und Theologien. Das heißt hier: Man akzeptiert die einheitliche Freund-Feind-Abgrenzungslogik für Nation wie für Religion und schließt infolgedessen die Alternativen transnationaler und interreligiöser Toleranz aus dem Horizont des Möglichen aus. In diesem Sinne hat der protestantische Theologennationalismus das Verständnis von Religion entstellt. Bis heute hat dies dazu geführt, dass die für das 21. Jahrhundert so entscheidende Frage nach den Toleranzpotenzialen von Religion oft negativ beantwortet wird, ohne dass sie überhaupt ernsthaft aufgeworfen wurde.

Fünfte These: Vorausgesetzt, die Hoffnung des Säkularismus, mehr Moderne bedeute weniger Religion, ist falsch, dann stellt sich die Frage nach einer zivilisierten Koexistenz der feindseligen Weltreligionen mit erneuter Dringlichkeit. Wie wird ein Typus von interreligiöser Toleranz möglich, wo Nächstenliebe nicht Todfeindschaft bedeutet? Also ein Typus von Toleranz, dessen Ziel nicht Wahrheit, aber Frieden ist?

In Nathan der Weise entwirft Lessing hierfür ein Modell. Der Aufklärer misstraute zutiefst dem Traum von der Einen Wahrheit, den die Philosophen durch die Geschichte hindurch träumen. Denn bei der Wahrheit geht es nie nur um Wahrheit, sondern nach Lessing um viel mehr, nämlich um Menschlichkeit, oder wie wir heute sagen müssen: um Frieden. Lessing sah zwar bereits den Widerspruch zwischen der Einen Wahrheit und der kosmopolitischen Anerkennung der vielen Religionswahrheiten. Aber die »Weisheit« Nathans liegt in der List begründet, beide Prioritäten, nämlich die der absolutistischen Religionswahrheit und die des Friedens, gleichberechtigt nebeneinander zu verfolgen.