Glaube

Gott ist gefährlich

So human Religion auch scheinen mag: Sie birgt stets einen totalitären Kern. Fünf Thesen des Soziologen und Buchautors Ulrich Beck

Weihnachten täuscht. Die ansonsten gespenstisch entleerten christlichen Kirchen in Westeuropa füllen sich mit Drei-Tage-Christen. Das sind solche Gelegenheitsgläubige, die an den hohen Feiertagen Weihnachten, Ostern und möglicherweise sogar noch Pfingsten die religiöse Wiederverzauberung des Alltags als Kirchentheaterdienstleistung konsumieren. Aber ist Weihnachten nicht das Fest der Liebe? Auch das täuscht. Religion könnte eine Erfindung des Teufels sein: Man predigt mit der einen Zunge Nächstenliebe und mit der anderen Zunge Hass und Todfeindschaft. Aller Humanität der Religion wohnt eine totalitäre Versuchung inne. Dazu fünf Thesen.

Erste These: Religion setzt ein Merkmal absolut – glauben. Alle anderen sozialen Unterschiede und Gegensätze sind daran gemessen unerheblich. Das Neue Testament sagt: »Vor Gott sind alle gleich.« Diese Gleichheit, diese Aufhebung der Grenzen, die Menschen, Gruppen, Gesellschaften, Kulturen trennen, ist die Gesellschaftsgrundlage der (christlichen) Religionen. Die Folge allerdings ist: Mit derselben Absolutheit, mit der Unterscheidungen des Sozialen und Politischen aufgehoben werden, wird eine neue Fundamentalunterscheidung und Hierarchie in die Welt gesetzt – die zwischen Gläubigen und Ungläubigen. Wobei den Ungläubigen (ebenfalls gemäß der Logik dieses Duals) der Status des Menschen überhaupt abgesprochen wird. Religionen können Brücken zwischen den Menschen bauen, wo Hierarchien und Grenzen existieren; zugleich reißen sie neue, religionsbestimmte Abgründe zwischen den Menschen auf, wo keine waren. Der humanitäre Universalismus der Glaubenden beruht auf der Identifikation mit Gott und auf der Dämonisierung der Opponenten Gottes, die, wie Paulus und Luther es ausdrückten, »Diener des Satans« sind. Das Samenkorn religiös motivierter Gewalt liegt im Universalismus der Gleichheit der Glaubenden begründet, die den Anders- oder Ungläubigen entzieht, was sie dem Glaubenden verheißt: Mitmenschenwürde, Gleichheit in einer Welt von Fremden. Das ist die Sorge, die um sich greift: dass als Kehrseite des Versagens der Säkularisierung ein neues Zeitalter der Verfinsterung droht. Die Gesundheitsminister warnen: Religion tötet. Religion darf an Jugendliche unter 18 Jahren nicht weitergegeben werden.

Die Dämonisierung des religiösen Anderen lässt sich auch an dem sogenannten Mischehenkrieg, der zwischen katholischen und evangelischen Christen im langen 19. und auch noch im 20. Jahrhundert tobte und tobt, eindrücklich veranschaulichen. Dieser Konfessionsfundamentalismus, der in den »Ungläubigen« gerade nicht den anderen Christen sehen und anerkennen will, stößt mehr und mehr, gerade bei den aktiven Gläubigen, auf entschiedene Ablehnung. Hier hat sich, wie der Soziologe Hans Joas berichtet, eine Umkehrung der Beweislast hinsichtlich der ökumenischen Zusammenarbeit vollzogen: »Begründungspflichtig wird immer mehr, wenn diese unterbleibt, nicht, wenn sie stattfindet.«

Zweite These: Allein die Frage: »Was ist Religion?« weist eine eurozentristische Schlagseite auf. Denn Religion wird als Substantiv gefasst, wodurch ein klar abgrenzbarer sozialer Satz von Symbolen und Praktiken unterstellt wird, die ein Entweder-oder konstituieren, man kann sie nur entweder glauben oder nicht glauben, und man kann, wenn man Mitglied einer Glaubensgemeinschaft ist, nicht zugleich einer anderen zugehören. Es ist in diesem Sinne sinnvoll und nötig, eine Unterscheidung zwischen »Religion« und »religiös«, zwischen Religion als Substantiv und als Adjektiv einzuführen. Das Substantiv »Religion« ordnet das religiöse Feld nach der Logik des Entweder-oder. Das Adjektiv »religiös« dagegen ordnet es nach der Logik des Sowohl- als-auch. Religiös sein beruht nicht auf der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe oder Organisation; es definiert vielmehr eine bestimmte Einstellung zu den existenziellen Fragen, die die Stellung und das Selbstverständnis des Menschen in der Welt betreffen. Damit stellt sich die Frage: Gilt die Janusköpfigkeit zwischen Nächstenliebe und Todfeindschaft primär für »Religion«, aber vielleicht nicht für »religiös«? Kann das gewaltträchtige, monotheistische Entweder-oder relativiert, unterlaufen, entschärft werden durch eine synkretistische Toleranz des Sowohl-als-auch?

In den westlichen Gesellschaften, die die Autonomie des Individuums als Prinzip verinnerlicht haben, schafft sich der einzelne Mensch in immer größerer Unabhängigkeit diejenigen kleinen Glaubenserzählungen, den »eigenen Gott« –, die zu dem »eigenen« Leben und »eigenen« Erfahrungshorizont passen. Dieser »eigene Gott« ist aber nicht mehr der Eine Gott, der das Heil diktiert, indem er die Geschichte an sich reißt und zu Intoleranz und Gewalt ermächtigt. Erleben wir eine Rückverwandlung des Monotheismus der Religion in einen Polytheismus des Religiösen unter dem Vorzeichen des »eigenen Gottes«?

Dass diese synkretistische Toleranz nicht nur verdeckt im Raum der frei schwebenden Religiosität sich ausbreitet, sondern auch in institutionellen Formen mit großer Selbstverständlichkeit praktiziert wird, kann man beispielsweise in Japan beobachten. Die Menschen sehen dort kein Problem darin, zu bestimmten Jahreszeiten einen Schinto-Schrein zu besuchen, die Heirat nach einer christlichen Zeremonie auszurichten und von einem buddhistischen Mönch beerdigt zu werden. Der Religionssoziologe Peter L. Berger berichtet von dem japanischen Philosophen Nakamura, der dies auf den Punkt bringt: »Der Westen ist für zwei fundamentale Fehler verantwortlich. Der eine ist Monotheismus – es gibt nur einen Gott –, und der andere ist das aristotelische Prinzip des Widerspruchs – etwas ist entweder A oder Nicht-A. Jeder intelligente Mensch in Asien weiß, dass es viele Götter gibt und dass Dinge sowohl A als auch Nicht-A sein können.«

Dritte These: Wenn Religionen immer schon scheinbar eherne territoriale und nationale Grenzen überwunden und neue Abgründe zwischen Glaubenden und Nichtglaubenden aufgerissen haben, was ist dann das Neue? Die kommunikationstechnologische Dichte und daraus resultierende universelle Nachbarschaft der Welt führt zur Berührung und Durchdringung der Weltreligionen und diese wiederum zu einem clash of universalisms, zu allgegenwärtigen Zusammenstößen der Offenbarungswahrheiten sowie Tendenzen der wechselseitigen Verteufelung der Fremdgläubigen, deren menschliche Würde zur Disposition steht. Jeder gläubige und nichtgläubige Mensch, welcher Glaubens- und Nichtglaubensrichtung auch immer, sieht sich zugleich in die Heimat der Gläubigen (oder Atheisten) und in den Zustand der potenziellen Vogelfreiheit der Ungläubigen (in den Augen der religiös Anderen) versetzt. Diese Zwangsversetzung weckt und nährt diffuse Ängste, die politische Gegensätze und Konflikte religiös aufladen und in Gewaltexplosionen zum Ausbruch kommen können.

Hier taucht eine neue, vielleicht in Zukunft außerordentlich wichtige Konfliktlinie auf, und zwar zwischen solchen Glaubensströmungen, die dem Zweifeln Raum geben, ja, darin ein Moment der Rettung der Religion sehen, und denjenigen, die, um den Zweifel abzuwehren, sich in der konstruierten »Reinheit« ihres Glaubens verbarrikadieren. »Harte Religionen bieten den Konsumenten sehr viel«, konstatiert der Theologe Friedrich Wilhelm Graf, »eine starke, stabile Identität, krisenresistente Welt- und Zeitdeutung, geordnete Familienstrukturen und dichte Netzwerke der Solidarität.«

Gegen die »Diktatur des Relativismus« kämpfend, verteidigt Papst Benedikt XVI. die katholische Hierarchie der Wahrheit, die einer Skatlogik folgt: Glaube sticht Verstand. Christlicher Glaube sticht alle anderen Glaubensarten (insbesondere den Islam). Römisch-katholischer Glaube ist der Kreuzbube, der alle anderen christlichen Skatbrüder des Glaubens sticht. Und der Papst ist der allerhöchste Trumpf im Wahrheitsskatblatt der katholischen Rechtgläubigkeit.

Vierte These: Die Nationalisierung Gottes führt zur Naturalisierung von Intoleranz und Gewalt. Die verbreitete Rede von der »Ersatzreligion« des Nationalismus verharmlost letztlich, was im 19. und 20. Jahrhundert in Deutschland geschah, nämlich die »Germanisierung des Christentums«. Wo nationale Feindbilder regieren, stirbt als Erstes die Toleranz zwischen den Religionen. So wird die Judenverfolgung bis hin zur Deportation für die protestantische Kirche zu einer »neuen Bestätigung eines bereits biblisch fixierten jüdischen Schicksals«, wie der Kirchenhistoriker Arnold Angenendt zusammenfassend berichtet. Der aggressive, antreibende Antisemitismus protestantischer Gemeinden gehorchte dem staatlich verordneten Antisemitismus. Entsprechend kam es sogar »in etlichen Gemeinden seit 1941 zu einem Verbot für christliche Judensternträger zu Gottesdiensten«. Was dabei bislang unterbelichtet blieb, ist der »methodologische Nationalismus« der historischen Wissenschaften und Theologien. Das heißt hier: Man akzeptiert die einheitliche Freund-Feind-Abgrenzungslogik für Nation wie für Religion und schließt infolgedessen die Alternativen transnationaler und interreligiöser Toleranz aus dem Horizont des Möglichen aus. In diesem Sinne hat der protestantische Theologennationalismus das Verständnis von Religion entstellt. Bis heute hat dies dazu geführt, dass die für das 21. Jahrhundert so entscheidende Frage nach den Toleranzpotenzialen von Religion oft negativ beantwortet wird, ohne dass sie überhaupt ernsthaft aufgeworfen wurde.

Fünfte These: Vorausgesetzt, die Hoffnung des Säkularismus, mehr Moderne bedeute weniger Religion, ist falsch, dann stellt sich die Frage nach einer zivilisierten Koexistenz der feindseligen Weltreligionen mit erneuter Dringlichkeit. Wie wird ein Typus von interreligiöser Toleranz möglich, wo Nächstenliebe nicht Todfeindschaft bedeutet? Also ein Typus von Toleranz, dessen Ziel nicht Wahrheit, aber Frieden ist?

In Nathan der Weise entwirft Lessing hierfür ein Modell. Der Aufklärer misstraute zutiefst dem Traum von der Einen Wahrheit, den die Philosophen durch die Geschichte hindurch träumen. Denn bei der Wahrheit geht es nie nur um Wahrheit, sondern nach Lessing um viel mehr, nämlich um Menschlichkeit, oder wie wir heute sagen müssen: um Frieden. Lessing sah zwar bereits den Widerspruch zwischen der Einen Wahrheit und der kosmopolitischen Anerkennung der vielen Religionswahrheiten. Aber die »Weisheit« Nathans liegt in der List begründet, beide Prioritäten, nämlich die der absolutistischen Religionswahrheit und die des Friedens, gleichberechtigt nebeneinander zu verfolgen.

Die Idee wurde im 20. Jahrhundert von Mahatma Gandhi aufgegriffen und in weltverändernde Politik verwandelt: Es geht darum, fähig zu werden, die Welt, auch die Welt der eigenen Religion, durch die Augen der anderen zu sehen.

Als junger Mann ging Gandhi nach England, um Jura zu studieren. Dieser »Umweg« in ein Herzland des christlichen Westens entfremdete ihn nicht vom Hinduismus, sondern vertiefte sein Verständnis und sein Bekenntnis zu demselben. Denn es war in England, anlässlich einer Einladung eines Freundes, wo Gandhi die für ihn augenöffnende Lektüre der Bhagawadgita begann, und zwar in einer englischen Übersetzung. Erst danach begann er mit dem intensiven Studium des Hindu-Textes in Sanskrit. Also: Durch die Augen seiner westlichen Freunde wurde er dazu bewegt, den spirituellen Reichtum seiner eigenen Hindu-Tradition zu entdecken.

Die Saat seiner weltöffentlichen Rolle in der Befreiungsbewegung Indiens vom kolonialen Joch der Engländer wurde in England gesät, blühte auf während seiner vertieften Studien in seinen Jahren in Südafrika und trug Früchte nach seiner Rückkehr nach Indien im Jahre 1915.

Überall wird aufgeregt über das »Problem« des Islams im »säkularen« Europa debattiert und gestritten. Unterhalb der weltöffentlichen Abgrenzungsschlachten der Religionskrieger gewinnt verdeckt die List des kooperativen Mehrwerts an Realität und Bedeutung: Gruppen können intolerant in Hinblick auf die Theologie des Anderen sein, aber gleichwohl kreativ zusammenarbeiten, um geteilte, öffentliche Anliegen durchzusetzen. Die theologischen Dogmenhüter und Endlosstreiter könnten von dieser »Vernunft doppelter Religion« lernen. Heute entscheidet die Frage, inwieweit Wahrheit durch Frieden ersetzt werden kann, über die Fortexistenz der Menschheit. Aber ist die Hoffnung auf eine Nächstenliebe ohne Todfeindschaft nicht das Unwahrscheinlichste, Naivste, Törichtste, Absurdeste, das man erhoffen kann?

Ulrich Beck lehrt Soziologie an der Universität München und an der London School of Economics. Im März 2008 erscheint sein Buch »Der eigene Gott« im Verlag der Weltreligionen. Zuletzt erschien sein Buch »Weltrisikogesellschaft« bei Suhrkamp

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Leser-Kommentare

  1. Es gibt Polemiken, denen man schon dadurch zuviel Ehre erweist, dass man sie zu entkräften versucht; zumindest die ersten drei von Becks Thesen sind dieser Kategorie zuzuordnen. Dem leichtgläubigen Leser zuliebe, der Becks religionskritischer Polemik auf den Leim gehen könnte, soll dieser Versuch dennoch unternommen werden.

    Zur ersten und dritten These: Wenn Beck behauptet, der Glaube nivelliere zwar die soziale Ungleichheit, schaffe aber eine gefährliche Dichotomie zwischen „gläubig“ und „ungläubig“, übersieht er, dass der christliche Glaube die Ebenbildlichkeit Gottes und die damit einhergehende Würde jedem Menschen zuspricht. Genau in diesem Sinn führt Paulus in seiner Rede auf dem Areopag auch das Zitat an: „Denn wir sind auch sein Geschlecht.“ Beck führt „Nathan den Weisen“ an. Selbst Recha muss darin aber zugeben, dass sie das Bemühen Dajas, sie vor dem Verderben retten zu wollen, geschmeichelt habe. Jemand für ungläubig zu halten und ihn missionieren zu wollen bedeutet auch, ihn überhaupt der Mission für wert zu achten.

    Zur zweiten These: Wenn Beck den Monotheismus mit Intoleranz gleichsetzt, übersieht er, dass gerade der biblische Monotheismus und das Trinitätsdogma ein enormes herrschaftskritisches Potential in sich bergen und zu einer kritischen Haltung insbesondere gegenüber autoritären und intoleranten Staatsformen führen können; nicht zufällig war Thomas Hobbes, der „Cheftheoretiker“ aller autoritären Staatsformen, Arianer: 1. Der Gott der Bibel ist ein dreieiner Gott, wie kann den ein einzelner unumschränkter irdischer Souverän widerspiegeln wollen? 2. Weil Christus wesengleich Gott ist und sich Gott in Christus bereits vollkommen offenbart hat, bedarf er keiner Abbildung durch einen Alleinherrscher mehr: „Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen“ (Joh 14, 9). 3. Während die absolutistischen Souveräne unbegrenzte Macht beanspruchten und selbst an kein Gesetz gebunden waren, beschränkte sich Jesus, obwohl Gott, selbst und war dem Vater gehorsam.

    Zur vierten These: Die „Nationalisierung Gottes“ und „Germanisierung des Christentums“ hat unbestreitbar stattgefunden und ist für Christen beschämend. Dass sie dem Geist des Christentums diametral entgegen steht und fremd ist, hat Beck in These 1 selbst ausgeführt. Erinnert sei daran, dass Jesus selbst sich über alle damaligen nationalen Vorbehalte hinwegsetzte, wenn er sich z. B. der Samariterin am Jakobsbrunnen annahm (vgl. Joh 4) oder die Tochter der Syro-Phönizierin heilte (vgl. Mk 7).

    Zur fünften These: Hätte die biblische Botschaft nur die Horizontale im Sinn, wäre der Vorschlag Becks, die Wahrheit zugunsten des Friedens aufzugeben, akzeptabel. Es geht ihr aber um mehr, nämlich nicht zuletzt um die Vertikale, und sie erhebt den Anspruch, Heilsweg zu sein. Wahrheit und Frieden müssen daher austariert werden. Der moderne säkulare Staat löst den Konflikt elegant, indem er sich aus Glaubensfragen heraushält. Eine meiner Lieblingsfiguren des NT ist Gallion. Er lehnte es als römischer Prokonsul ab, über Glaubensfragen zu befinden (vgl. Apg 18, 14 f.). Wie überaus modern war er mit dieser Haltung! Christen begrüßen diese Indifferenz des Staates, weil sie der Auffassung sind, dass Glauben nicht erzwungen werden kann, sondern eine freiwillige Hinwendung zu Christus nötig ist.

    Marcel Haldenwang

  2. Selbst aus Diskussionen um Gott kann man hier zu Lande den Nationalsozialismus nicht heraushalten. Es ist wirklich grotesque... Bis zur vierten These hatte ich diesen Artikel mit einem kuriosen Interesse gelesen. Ich konnte nicht überall zustimmen, war aber immerhin bereit weiter zu lesen. Keineswegs selbstverständlich im Medium Internet. Aber wer soll diesen ewigen und universalen Rückgriff auf das Dritte Reich denn noch ernst nehmen können? Für mich eine argumentative Bankrotterklärung.

  3. "Dieser »eigene Gott« ist aber nicht mehr der Eine Gott, der das Heil
    diktiert, indem er die Geschichte an sich reißt und zu Intoleranz und
    Gewalt ermächtigt."
    Diesem Befund kann man, selbst bei Kritik an einigen anderen Einschätzungen, nur zustimmen! Religion in einer zukunftsfähigen Gestalt, kann nur aus der freien Individualität und deren ureigenstem Bezug zur Gottheit entstehen. Jede Form von Intoleranz und Gewalt ist der 100%ige Indikator dafür, dass man, in absoluter Umpolung der eigentlichen spirituellen Herausforderung, die Religion der Zukunft in der Wiederholung der Vergangenheit suchen will. Das widerspricht jedem Begriff der Evolution- auch, und insbesondere, dem der religiösen.Daher ist eigentlich auch nicht "Gott" gefährlich, sondern eine Begrifflichkeit, die ihn immer noch und immer wieder unter verschiedenen Namen, Zeichen und Fahnen für Wohl und Wehe eines Volkes, einer Ethnie, eines Landes etc dienstbar machen möchte.Jede Hoffnung auf einen Gott, der "die Geschichte an sich reißt" ist somit zutiefst unzeitgemäß und im modenen Sinne mit der Würde des Menschen nicht ( mehr ) vereinbar.

  4. Eines möchte ich Ihnen zugestehen - Sie sind offenkundig ein belesener Mensch ... aber natürlich entschuldigt das nicht das, was Sie so fälschlich schreiben. Zugegeben, ich habe Ihren Beitrag mit ebensoviel Interesse gelesen wie den von Ulrich Beck selbst, aber das würde ich auch mit anderen gut aufgesetzten Propagandatexten auch tun.

    Bemerkenswert, auch von Ihnen vermutlich niemals eingestanden werdend, ist, dass Sie mit ihrem Beitrag eigentlich genau das Belegen, was Ulrich Beck als Thesen aufstellt.

    Zum einen fordern Sie für Ihre Beweisführung den Glauben - totalitär und absolutistisch ein - indem Sie sich immer wieder auf bestimmte christliche Dogmen berufen. Nur lassen Sie dabei völlig ausser acht, dass die christliche Religion - ebenso wie alle anderen Religionen - auf Behauptungen, Manipulationen und Märchen beruht und nicht auf Fakten. Bei aller Diskussion über Religion sollen wir erstmal die Fakten klären: Es gibt keinen Gott oder sonstige transzendente oder übernatürliche Wesen. Religionen entstanden stets als Mittel der Kontrolle, der Manipulation und der Unterdrückung. Die grossen Weltreligionen enstanden keineswegs aus sich selbst heraus oder durch die Verkündung von Wahrheiten, sondern sind - wie alle Strukturen, ob biologisch, technisch oder sozial - das vorläufige Endprodukt einer Entwicklung, bei der unbrauchbares, schwaches und fehlerhaftes ausgesondert wurde. Entsprechend sind die heutigen Religionen schlichtweg das Ergebnis einer Evolution - also die roten Königinnen im Kampf um Anhängerschaft, Glaubwürdigkeit, Machtzuwachs, Einfluss und Manipulationspotential.
    Zum anderen bestätigen Sie den von Ulrich Beck geäusserten Vorwurf, Religion sei dogmatisch und feindlich gegenüber allen anderen Religionen. Entsprechend diffamieren Sie Thomas Hobbes als "Cheftheoretiker aller autoritären Staatsformen" und begründen dieses mit einem vermeintlich arianischen Glauben - einer 'Konkurrenzreligion' zum katholischen Christentum, deren Anhänger im übrigen von Christen verfolgt, ermordet, gefoltert und ausgelöscht wurden ... einer der vielen Völkermorde, die das Christentum im Laufe seiner Geschichte begangen hat.
    In diesem Zusammenhang sei daran erinnert, dass das heutige Christentum - zumindest in Europa - im Hinblick auf seine Geschichte eher eine Randerscheinung ist. In seiner Entwicklung dominieren Gewalt, Krieg, dem Streben nach totalitärer weltlicher Macht und Unterdrückung bei weitem gegenüber dem pseudohumanistischen Anstrich, den sich das Christentum seit wenigen Jahrzehnten zu gegen versucht. Doch schon wenn wir auf den Balkan oder in Richtung Amerika blicken, sehen wir, wie dünn dieser Anstrich ist.
    Bleiben Sie bei Fakten und nicht bei Märchen, Geschichtsfälschung und Selbstbeweihräucherung - wenn Sie können - und Sie werden sehen, dass der einzige Fehler in Ulrich Becks Beitrag ist, dass er nicht weit genug geht, die schädliche Wirkung von Religionen aufzuzeigen.

  5. Glauben schreibt man immer groß. Vor Gott sind alle gleich, ja, auch die Nichtchristen. Wenn die poetischen Texte in der Religion etwas predigen, dann harte Toleranz.

    • 27.12.2007 um 7:04 Uhr
    • kongjiang

    Vielen Dank fuer die klaren Worte Herr Beck. Jetzt muessten Sie es nur noch erreichen, dass dies auch in der Politik der BRD umgesetzt wird: der westliche Lebensentwurf ist nicht der allein seligmachende und andere Kulturen haben das Recht, ihren eigenen Weg zu gehen. Wohin religioes bestimmte ploitik fuehrt, demonstriert Herr Bush dramatisch.

    Es hat einen guten Grund, dass im Vielvoelkerstaat, in der Vielreligiongesellschaft Chinas eine streng laizistische Position vertreten wird. die Christen konnten hier unbehindert Weihnachten feiern, wie die Juden Hanukha im Dezember und die Buddhisten ihr Winterfest: nur, das ist Sache des Einzelnen

    Und welche Vorstellungen des Westens in China angenommen werden, bleibt alleine den Chinesen ueberlassen. Den Dialog ueber die verschiedenen Vorstellungen kann man fuehren, einen Alleinvetretungsanspruch fuer alle Menschen muss man ablehnen. Imperialismus und Missionierung haben der Menschheit genug schaden zugefuegt, und sie sind auf dem Boden der christlichen Religion gewachsen. und dies war kein "Unfall", sondern ist wesenskern aller monotheistischer Religionen, mit Ausnahme des Judentums.

    vielleicht sollten deutsche Politiker mal bei dem japanischen gelehrten Unterricht nehmen, bevor sie hier mehr Porzellan mit dem christlichen Dampfhammer zerschlagen. Besonders der protestantischen FDJlerin waere das anzuraten.

    • 27.12.2007 um 7:08 Uhr
    • yato

    In dem Moment wo Sie beginnen, Paulus wörtlich zu zitieren, haben Sie meiner Meinung nach schon jede Vernunft verspielt und es ist für mich so als würde ein 3-jähriges Kind mit irgendeiner Phantasiegeschichte argumentieren. Diese Sache liegt 2000 Jahre zurück und wurde logischerweise weder durch Video noch durch Audioaufzeichnungen dokumentiert. Alles was wir haben sind schriftliche Aufzeichnungen, die ca. zwischen 30 und 60 Jahren nach Jesus entstanden sind . Auch dies ist schon umstritten. Die ganze Geschichte ging also vor der Schriftsetzung jahrzehntelang von Mund zu Mund und jeder weiss, wie zuverlässig so etwas ist und ganz besonders in einer Zeit, wo der Aberglaube viel ausgeprägter war als wir das heute kennen. Wir haben bei der Entstehung der Bibel eine ganz grosse Ungenauigkeit. Wobei ich noch nicht einmal davon reden will, durch wieviele Hände diese Schriften danach noch gegangen sind und wer hier hinzugedichtet und etwas weggelassen hat. Etwa 300 nach Christus hat dann der römische Kaiser Konstantin aus einer losen Schriftensammlung erst die Urform der Bibel zusammengestellt. Wieso hat Jesus eigentlich nicht schreiben gekonnt. Wieso hat Gott seinen Sohn nicht schreiben gelernt, hat sich das schon mal jemand gefragt? Dann wüssten wir nämlich besser was Jesus gesagt und was er gemeint hat und man würde ihn nicht so instrumentalisieren. Nicht einmal einer der Apostel hat selbst geschrieben. Damals wurde die Wahrheit mit dem Kilometermaß gemessen und dieselbe Wahrheit wird heute mit dem Milimetermaß verkauft! Das ist eine absolut lächerliche, unkogische und unwissenschaftliche Argumentationskette. NIEMAND KANN HEUTE PAULUS WÖRTLICH ZITIEREN UND DIE RICHTIGKEIT DIESER BEHAUPTUNG BEWEISSEN!Das ist Phantasie und wir sind hier bei der Kommunikation von Kleinkindern angelangt. Wenn man irgendetwas glaubt, dann ist das wahr, egal ob beweissbar oder nicht? Ist das so?Ausserdem geht es nicht um Jesus und nicht um die Bibel. Es geht um den Frieden auf Erden und um kollektive Liebe bei der ganzen Geschichte mit Jesus. Sinn und Zweck des Ganzen war, das alle Menschen sich lieben sollten. Aber - lesen Sie doch mal die Zeitung. Jede News Sendung zeigt, dass alle bisherigen Versuche des Menschen (und meinetwegen der bisherigen Götter wenn es denn sein muss) an dieser Aufgabe bisher völlig gescheitert sind. DAS SIND DIE TATSACHEN! Es gibt etwa 26 000 Atomwaffen in dieser Welt und täglich sterben 30 000 Kinder an Hunger und vermeidbaren Krankheiten und schon 1961 hat nur ein Haar gefehlt und die Welt wäre in der atomaren Apokalypse versunken und momentan breiten sich Atomwaffen immer weiter aus usw. Es wäre höchste Zeit die Aufgabe, die die Religion seit 2000 Jahren nicht zum Erfolg gebracht hat, in die Hände der Wissenschaft zu legen, denn wir brauchen heute absolut dringend Erfolge was den Frieden auf Erden anbelangt und zwar so dringend, dass wir hier nicht nochmal Jahrhunderte weiterwurschteln dürfen, denn sonst ist unsere Spezies samt Planet am Ende! Alleine Umweltverschmutzung und Bevölkerungsexplosion deuten darauf hin, das wir evtl nur noch ein paar Jahrzehnte haben.Sorry ich kann diese absurden Streitereien über Glaubensweisheiten und sture Standpunkte/Dogmen nicht mehr hören, das ist völlig irrelevant. Fakten Fakten Fakten und Erfolge ist das einzige was zählt. Wir wollen zum Mars fliegen, aber wir packen es nicht ernsthaft an unsere Spezies zu befrieden und es geht nur um Rechthaberei, anstatt um gemeinsame undogmatische Lösungen. Wir brauchen keinen Glauben. Wir brauchen Wissen! (Wie wärs denn mit Liebeforschung - das gibts wirklich, seit ein paar Jahren, wir brauchen Brainstorming, interdisziplinäre Forschung, einen globalen Ideenwettbewerb X-Price Frieden, Modellprojekte für strukturellen Frieden usw.) Wir brauchen Frieden in der Realität und nicht im Jenseits, in 2000 Jahren oder im Wolkenkuckucksheim. Und wir müssen es selbst tun, denn die Götter glänzen mit Abwesenheit (einmal abgeblich kurz vorbeischaun, dann tausende Jahre nichts von sich hören lassen und dann noch nen Tsunami zu Weihnachten, unhöflicher gehts wohl nicht) und auf UFOs können wir lang warten.Wir brauchen ausserdem Controlling oder eine Stiftung Warentest für Religionen und Benedikt wäre gut beraten, wenn Gott ihn per Handy anrufen würde und sagt: "Du arbeitest mit denen zusammen!"

    • 27.12.2007 um 9:23 Uhr
    • Crusader

    waren Atheisten.Lenin, Hitler, Stalin, Mao, Pol Pot.

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  • Von Ulrich Beck
  • Datum 29.12.2007 - 11:35 Uhr
  • Quelle DIE ZEIT, 19.12.2007 Nr. 52
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